Termin: 19. Februar 2008
Ort: Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommern, Berlin
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
die Ausstellung, die wir heute eröffnen, widmet sich dem schriftlichen Kulturerbe Mecklenburg-Vorpommerns.
Die älteste Urkunde des Landeshauptarchivs, das Papstprivileg von 1158, dokumentiert den Einzug des Schriftprinzips im Lande. Wichtige Rechtsakte suchten und fanden künftig die Schriftform. Das ist im Prinzip bis heute so geblieben.
Die vorgeschichtliche Zeit ist eine Domäne der Museen, während die verschriftlichte Geschichte in den Archiven verwahrt wird. Der Beginn der Schriftkultur im Land ist deshalb gleichzeitig Beginn der Archivgeschichte – das hat das Landeshauptarchiv bewogen, eine Auswahl seiner Dokumente aus diesen langen 850 Jahren auszustellen, die seitdem ins Land gezogen sind, Dokumente, die Streiflichter auf die wechselvolle mecklenburgische Geschichte werfen. Sie sind herzlich zu einem Spaziergang durch die Jahrhunderte eingeladen.
Die Ausstellung bietet auch Anlass, über unseren Umgang mit dem Schreiben, mit dem Geschriebenen und mit der Geschichte nachzudenken.
Damals wie heute bedeutete Schriftlichkeit Rechtssicherheit. Besitztümer und Rechtstitel wurden schriftlich fixiert, das manchmal aufwändige Siegel stärkte die Glaubwürdigkeit des Schriftstücks, wie Behördenstempel es heute noch tun. Später kam die Nachvollziehbarkeit und damit Transparenz des Regierungshandelns als Motiv für Schriftlichkeit hinzu.
Es ist unverkennbar, dass der mit dem Vordringen der telefonischen–elektronischen Kommunikation einhergehende Rückgang an Schriftlichkeit auch einen Verlust an Transparenz mit sich bringt, wenn man nicht durch sorgfältige Aktenführung gegensteuert. Dieses Problem wird sich mit der Einführung elektronischer Akten noch verschärfen und ist eine große Herausforderung für die Archivare der jungen Generation, die sich für die Dokumentation der Zukunft rüsten.
Aber nicht nur Recht und Besitz sollten durch Schriftstücke gesichert werden, es gab auch die religiös motivierte Erinnerung an Verstorbene, um deren Seelen Gutes zu tun, und es gab die Memoria, die Erinnerung an die lange Tradition der fürstlichen Familie, die zu ihrem Ruhm beitrug. Im 16. Jh. ließ man es keineswegs bei dem Stammvater Niklot bewenden, sondern verlängerte den Stammbaum der Fürstenfamilie bis in die Zeit Alexanders des Großen, suchte die Ursprünge gar in der Zeit Noahs.
Das in den Archiven des Landes gesammelte schriftliche Vermächtnis dient nun dem kollektiven Gedächtnis, der historischen Selbstvergewisserung der Mecklenburger, wie es denn um sie und ihr Land einmal bestellt war. Archive sind Teil unserer Erinnerungskultur.
"Gedächtnis für die Zukunft" heißt der Dokumentarfilm, den wir heute sehen werden. Der Titel sucht die Ambivalenz archivarischer Wertschöpfung in Worte zu fassen:
Das Gedächtnis ist kein Selbstzweck, es ist notwendige Voraussetzung künftiger Entwicklung oder mit Leopold Rauke anders gesagt: "Die Kenntnis der Vergangenheit ist unvollkommen ohne Bekanntschaft mit der Gegenwart; ein Verständnis der Gegenwart gibt es nicht ohne Kenntnis der früheren Zeiten." ("Über die Verwandtschaft und den Unterschied der Historie und der Politik" – eine Rede zum Antritt der ordentlichen Professur an der Universität zu Berlin im Jahr 1836)
Urkunden wie das Jubiläumsstück gibt es im Landeshauptarchiv etwa 18.000, im ganzen Land unter Einschluss der Stadtarchive über 50.000. Papier löste Pergament im 16. Jahrhundert ab. Jetzt wurden Aufschreibungen zu Papier gebracht. Barocke Floskelhaftigkeit ließ die Menge, nicht die Qualität des Geschriebenen anschwellen. Mit dem Zugriff von Staat und Verwaltung auf fast alle Lebensbereiche im 19. und 20. Jahrhundert nahm auch die Menge des Verwaltungsschriftguts sprunghaft zu.
Die allseits verfügbare Kopiertechnik ließ in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts den Umfang der Behördenakten nochmals mächtig anschwellen. Archivare mussten Verfahren entwickeln, die das Überflüssige und Entbehrliche von dem Wertvollen und Wichtigen trennen. Die archivarische Bewertung, die Wertermittlung der Überlieferung, ist heute eine zentrale Aufgabe der Archive. Es liegt eine große Verantwortung darin, der Vernichtung des größten Teils der entstandenen Überlieferung zuzustimmen, um mit dem ausgewählten Rest dennoch möglichst viel für die Zukunft zu dokumentieren.
"Hartnäckig weiter fließt die Zeit, die Zukunft wird Vergangenheit" reimt Wilhelm Busch am Schluss von "Maler Klecksel". Was wir heute tun, ist morgen Geschichte.
Eine besondere Aufgabe für die Archive der neuen Bundesländer ergibt sich aus der jüngsten Vergangenheit. Das Vermächtnis der DDR hat in den Jahren nach der Wende die Archive im Osten Deutschlands vor eine gewaltige Aufgabe gestellt, die - von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt und unbeachtet - gemeistert werden musste, und trotz aller Schwierigkeiten im Ergebnis erfolgreich bewältigt werden konnte. Die großen und wichtigen Leistungen der Archive bei zig Tausenden von Rentenbescheiden, Rehabilitationsverfahren und bei der Klärung offener Vermögensfragen verdienen, hier hervorgehoben zu werden.
Kein Abschnitt der deutschen Geschichte ist so gut dokumentiert wie die DDR-Zeit, vielleicht kein Abschnitt der Geschichte überhaupt. Der Wert dieser einzigartigen Überlieferung wird in Zukunft deutlicher werden – Goethe sagt einmal:
"Doch hat das Geschriebene den Vorteil, dass es dauert und die Zeit abwarten kann, wo ihm zu wirken gegönnt ist" (Maximen und Reflexionen). Politik und Gesellschaft müssen sich einfach dieser Aufgabe stellen. Auch schlechte Erfahrungen sind Teil der eigenen Geschichte und genießen denselben Anspruch auf archivarischen Schutz wie Ruhmestaten.
Mecklenburg-Vorpommern kann stolz sein auf sein schriftliches Kulturerbe.
Das seit Jahrhunderten gewachsene Landeshauptarchiv Schwerin zählt zu den größten und reichsten Archiven Norddeutschlands, ja, des gesamten Ostseeraumes – reich an wertvollen Beständen. Nicht unerwähnt lassen möchte ich aber auch das Pommersche Landesarchiv Greifswald. Dort stehen der interessierten Öffentlichkeit ebenso herausragende Quellen zur Geschichte Pommerns zur Nutzung bereit.
Die vorhandenen Bestände des Landeshauptarchivs Schwerin können in einer dreibändigen Beständeübersicht nachgeschlagen und im Internet recherchiert werden, einzelne Findbücher ebenfalls.
Dennoch gibt es Nachholbedarf im Zeitalter der elektronischen Information. Wir hoffen, dass ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Großprojekt uns bei der Digitalisierung der Findhilfsmittel voranbringt. Aus eigener Kraft ist diese Aufgabe nicht zu bewältigen.
Die Landesregierung hat die bauliche Sanierung des historischen Archivgebäudes in Schwerin in Angriff genommen. Ein moderner Archivbau muss noch folgen, um das neu formierte Landesarchiv zukunftstauglich zu machen. Daran arbeiten wir. Ihnen, sehr verehrter Herr Dr. Röpcke, und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Landeshauptarchivs Schwerin danke ich für diese gelungene historische Archivausstellung. Wir erkennen durch die Ausstellung "Was bleibt", dass ein Archiv kein Luxus ist. Es wird in seiner vielfältigen, gesellschaftlich bedeutsamen Funktion gebraucht. Heute, morgen und in 850 Jahren. Die Ausstellung erkläre ich für eröffnet.