Fledermaus-Mumie im Landeshauptarchiv

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Fledermaus-Mumie, Foto: Landeshauptarchiv Schwerin
Fledermaus-Mumie, Foto:  Landeshauptarchiv Schwerin
Fledermaus-Mumie, Foto: Landeshauptarchiv Schwerin
02.07.2009  | LA  | LAKD - Landesarchiv

Dass der Archivar bei einem Hauptteil seiner Arbeit, dem Bewerten, Erschließen und Verzeichnen von Akten, mitunter auf Insekten, Bakterien und Pilze, zumindest aber ihre Spuren trifft, ist nichts Ungewöhnliches. Denn Papier als organischer Beschreibstoff verändert sich nicht nur chemisch und physikalisch, sondern dient auch Lebewesen als Nahrungsquelle. Diese Beeinträchtigungen der Erkenntnisquellen für die historische Forschung kann man erschweren, ganz verhindern aber kann man sie nicht.
In einer Akte des Bestandes 2.23-3 Justizkanzleien tauchte jüngst eine merkwürdige Papierliebhaberin auf, die allerdings nicht auf der Schädlingsliste der Restauratoren steht. Der Archivar mochte seinen Augen kaum trauen, als sich nach dem Öffnen des Aktendeckels am Rücken der übereinander liegenden Blätter ein pelziges Wesen abzeichnete, das sich bei genauerem Hinsehen mit Spitzohren und bekrallten Flügeln als Fledermaus zu erkennen gab.

In Gerichtsakten lassen sich zwar häufiger kuriose Funde machen, vor allem wenn sie kriminalistische Beweismittel enthalten; Messer, Kugeln, Giftpülverchen oder Dietriche. Aus dem Hauptstaatsarchiv Hannover ist sogar eine mumifizierte Blaumeise bekannt geworden, mit der die Schuldigen in einem Wildererprozess des 17. Jahrhunderts überführt werden sollten.

Von einer Fledermaus ist jedoch bisher nichts die Rede gewesen. Man könnte der Phantasie sogleich die Zügel schießen lassen: Zeugnis schwarzer Magie oder Beweisstück in einem Hexenprozess … Dazu gibt die Akte aber keine Anhaltspunkte. Sie ist aus einem unspektakulären Schuldprozess bei der Güstrower Justizkanzlei in den 1830er Jahren entstanden. An Hexenprozesse war damals schon lange nicht mehr zu denken. Die Fledermaus muss demnach auf "natürlichem Wege" in die Akte geraten sein. Hier versagt die aufs Verstehen menschlicher Lebensäußerungen ausgelegte Methodik des Historikers, und er ist gut beraten, das Feld dem Zoologen zu überlassen.

So reiste die in ein gepolstertes Kästchen gepackte Fledermaus-Mumie von Schwerin nach Rostock zum mecklenburg-vorpommerschen Ländervertreter des NABU-Fledermausschutzes. Der Experte brachte heraus, dass es sich um eine erwachsene männliche Breitflügelfledermaus (Eptesicus serotinus) handelt. Die in der Regel einzeln lebenden Männchen haben eine Spannweite bis zu 38 cm und zählen damit zu den großen Fledermäusen. Die Art ist vorwiegend im Flachland verbreitet und wohnt in Gebäuden. Die Tiere finden in Balkenkehlen, hinter Fensterläden und sonstigen Gebäudespalten Unterschlupf. Auch ihre Winterquartiere befinden sich in oder an Gebäuden, die auch als Sommerquartiere dienen können.

Hier kommt nun doch wieder der Historiker ins Spiel. Die Güstrower Justizbeamten gingen ihren Geschäften im 1823 erbauten klassizistischen Kanzleigebäude am Schlossplatz und einigen noch älteren Häusern wie dem Wallensteinschen Hofgericht aus der Renaissance nach. Die Akten lagerten zumeist auf dem Dachboden oder im Keller; hier wie dort wird einer Fledermaus gutes Unterkriechen geboten worden sein. So mag sich das Fledermausmännchen auf der Suche nach einer Winterquartierspalte in die Akte verirrt haben, eines natürlichen Todes gestorben oder beim Umpacken Opfer eines Unfalls geworden sein. Trockenheit und Sauerstoffarmut haben in der Folge nicht nur das Aktenpapier gut erhalten, sondern auch die Verwesung der Fledermaus verhindert und ihre Mumifizierung gefördert. Akte und Tier wurden so gemeinsam der Nachwelt überliefert. Offen wird nur bleiben müssen, wann es verendet ist. Die Akten sind Ende des 19. Jahrhunderts nach der Auflösung der alten Justizverwaltung an das großherzogliche Geheime- und Hauptarchiv nach Schwerin abgegeben und in relativ unzugänglichen Depots aufbewahrt worden. Eine Fledermaus wurde dort jedenfalls noch nicht gesichtet. Vermutlich also ist das Breitflügelfledermausmännchen ein Zeitgenosse des 19. Jahrhunderts, das über den Köpfen der Güstrower Kanzleiräte, Registratoren und Pedellen sein Zuhause hatte.

Dr. René Wiese