20. Landesarchivtag Mecklenburg-Vorpommern am 8./9. Juni 2010 in Bad Doberan

09.06.2010  | LA  | LAKD - Landesarchiv

Vom 8. bis 9. Juni 2010 fand in der ehemaligen herzoglichen Sommerresidenz Bad Doberan im Festsaal der Kreisverwaltung der 20. Landesarchivtag Mecklenburg-Vorpommern statt.

Nach den Grußworten im Namen des VdA Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern, des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern sowie des Landkreises Bad Doberan folgte der erste landesgeschichtliche Vortragskomplex, der vor allem im Zeichen der Entwicklung des Tourismus an der westlichen Ostseeküste stand. Die ersten beiden Referate lieferten unter Einbeziehung zahlreicher Bildbeispiele einen Überblick über die Geschichte Bad Doberans seit der Auflösung des Klosters im Jahre 1552 (Dr. Helge Rehwaldt) und über die verschiedenen Facetten der Bäderarchitektur des Ostseebads Kühlungsborn im Lichte der historischen Quellen (Alexander Schacht, Denkmalschutzbehörde Landkreis Bad Doberan). Prof. Dr. Kyra T. Inachin (Universität Greifswald) ordnete anschließend in einem kulturhistorischen Beitrag die Entwicklung des Bädertourismus an der historischen deutschen Ostseeküste in die allgemeine Tourismusgeschichte von der mittelalterlichen Pilgerreise über die Bäderreise seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bis hin zum beginnenden Massentourismus und dem Aufkommen der Freibadekultur nach dem Ersten Weltkrieg ein.

Am 9. Juni würdigte zunächst der Vorsitzende des VdA-Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern Dr. Dirk Alvermann (Universitätsarchiv Greifswald) anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums der Fachtagung die Bedeutung des Landesarchivtags als Kontaktbörse für die spartenübergreifende archivfachliche Diskussion und das Engagement des Landesverbands für die Vernetzung der einzelnen Archive Mecklenburg-Vorpommerns. Dr. Sabine Happ (Universitätsarchiv Münster) übermittelte anschließend die Gratulation des Gesamtvorstands des VdA Deutschlands.

Im Zentrum des Vortragsprogramms des zweiten Teils der Veranstaltung, der traditionell der archivfachlichen Diskussion gewidmet war, stand die archivische Überlieferung des DDR-Schriftguts. Schon allein die Menge der schriftlichen Überlieferung der ehemaligen DDR, die in den staatlichen Archiven der neuen Bundesländer ein Viertel bis ein Drittel der Gesamtbestände ausmacht, stellt die Archivare seit der Wende im Blick auf die Sicherung, Erschließung und Auswertung der überkommenen Unterlagen vor eine große Herausforderung. Aufgaben, die im Zusammenhang mit den gesetzlichen Regelungen zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit anfallen, wie Recherchen für Rehabilitierungsverfahren oder zur Klärung offener Vermögensfragen, erfordern ebenfalls einen zusätzlichen Zeit- und Personalaufwand für die Archive.

Der 20. Landesarchivtag, der thematisch an eine Tagung im Landeshauptarchiv Schwerin zu Wert und Last des DDR-Schriftguts in den Archiven vom April 2008 anknüpfen konnte, stellte insofern ein zentrales und für den täglichen Arbeitsalltag der Archivmitarbeiter in Mecklenburg-Vorpommern relevantes Problem zur Diskussion.

Für die ersten beiden archivgeschichtlich-zeithistorisch ausgerichteten Vorträge war es den Veranstaltern gelungen, zwei Zeitzeugen als Referenten zu gewinnen, welche die Epoche der Wende im aktiven Archivdienst miterlebt hatten. Peter Uerckvitz berichtete von seinen Erfahrungen als Leiter der Sektion Archivwesen im Rat des Bezirks Rostock, das als Bindeglied zwischen der staatlichen Archivverwaltung und den einzelnen Bezirksarchiven fungierte, und erläuterte, wie nach der Wende die Akten des ehemaligen Bezirks Rostock gesichert und dem heutigen Landesarchiv Greifswald übergeben wurden. Dieser Arbeit, so Uerckvitz, sei es zu verdanken, dass die Geschichte des Rats des Bezirks Rostocks heute relativ gut dokumentiert sei. Dr. Johannes Kornow, ehemaliger Direktor des damaligen Staatsarchivs Greifswald, konnte hier anknüpfen und referierte über die Sicherung archivwürdiger Informationsträger im Zuständigkeitsbereich des Staatsarchivs Greifswald seit den siebziger Jahren. Dr. Fred Mrotzek (Universität Rostock) richtete anschließend den Blick auf die Auswertung der DDR-Überlieferung durch die Forschung vor und nach der Wende und auf die "DDR-Archive". In diesem Zusammenhang kritisierte er ausdrücklich die von den Medien geförderte einseitige Focussierung der Öffentlichkeit auf die STASI-Akten als Quelle zur DDR-Geschichte. Nur unter Berücksichtigung der Unterlagen möglichst vieler Registraturbildner, insbesondere auch der Partei und der staatlichen Verwaltung, könne der Historiker seiner Aufgabe, ein annährend objektives Gesamtbild der DDR-Geschichte zu zeichnen, gerecht werden.

Nach der Mittagspause unternahm Alexander Rehwaldt (Stadtarchiv Grevesmühlen) den Versuch einer Überlieferungsbilanz und präsentierte die Ergebnisse einer Umfrage zur Überlieferungssituation und zum Erschließungsgrad der DDR-Unterlagen, an der sich 32 Archive in Mecklenburg-Vorpommern beteiligt hatten. Bei der Auswertung der Befragung, so Rehwaldt, falle vor allem ins Auge, dass nach 1975 der Anteil der erweiterten Verzeichnung der DDR-Unterlagen in fast allen Archiven, die sich an der Studie beteiligt hatten, deutlich zurückgegangen sei. Dies wertete der Referent als eindeutiges Warnsignal und Zeichen der prekären Personalsituation besonders in den kommunalen Archiven.

Die letzten beiden Vorträge waren der archivischen Bewertungstheorie und Überlieferungsbildung gewidmet. Bodo Keipke (Stadtarchiv Rostock) befasste sich mit Wertkategorien und ihrer Anwendung und ihrem Nutzen in der Überlieferungsbildung. Sigrid Fritzlar (Landeshauptarchiv Schwerin) nahm zur aktuellen Diskussion über die Anwendung von Dokumentationsprofilen Stellung. Den Hintergrund dieser Diskussion bildet ein Paradigmenwechsel, der sich in den letzten Jahren in der Bewertungstheorie vollzogen hat. Die Erstellung eines Dokumentationsprofils im Vorfeld der eigentlichen Bewertung entspricht dabei der unlängst etwa von der Bundeskonferenz der Kommunalarchive (BKK) erhobenen Forderung nach einem ganzheitlichen Ansatz der Überlieferungsbildung, durch den gewährleistet werden soll, dass die lokale Gesellschaft und Lebenswirklichkeit in den Archiven systematisch und nicht nur zufällig abgebildet wird. Den propagierten Nutzen des Dokumentationsprofils als zukunftsfähiges Instrument der Überlieferungsbildung relativierte Sigrid Fritzlar allerdings und gab aus ihrer langjährigen Berufserfahrung heraus zu bedenken, daß die Zeit für die Erstellung und nötige ständige Aktualisierung eines solchen Profils die personellen und zeitlichen Möglichkeiten vor allem kommunaler Archive weitgehend überfordere. Als Alternative schlug sie vor, nach dem Beispiel der Nomenklaturen und Archivgutverzeichnisse, wie sie bis 1990 in den ostdeutschen Kreis- und Stadtarchiven gebräuchlich waren, ein Verzeichnis der Registraturbildner im Zuständigkeitsbereich des jeweiligen Archivs zu erstellen, da sich auf diese Weise der gleiche Zweck mit einem wesentlich geringeren Zeit- und Arbeitsaufwand erreichen lasse.

Dörte Kaufmann, Landeshauptarchiv