Thälmann ohne Mauer? Die künstlerische Idee des Ernst-Thälmann-Denkmals in der Hansestadt Stralsund

Denkmal des Monats Februar 2013

Hansestadt Stralsund, Sundpromenade, Thälmann-Denkmal, Blick von OstenDetails anzeigen
Hansestadt Stralsund, Sundpromenade, Thälmann-Denkmal, Blick von Osten

Abb.1: Hansestadt Stralsund, Sundpromenade, Thälmann-Denkmal, Blick von Osten

Abb.1: Hansestadt Stralsund, Sundpromenade, Thälmann-Denkmal, Blick von Osten

In der Schweriner Volkszeitung vom 5. Dezember 2012 ließ eine Nachricht aufmerken. Begleitet von einem großen Bild der Thälmann-Skulptur in Stralsund wurde unter der Überschrift "Thälmanns Mauer fällt" mitgeteilt, dass die Sandsteinmauer hinter dem Thälmann-Denkmal abgerissen – "zurückgebaut" werden solle, weil Geld für die Unterhaltung fehle. Das Standbild solle aber stehen bleiben (Abb. 1).

Diese Nachricht gab Anlass, sich mit dem Denkmal etwas näher zu befassen.

Das Denkmal zur Erinnerung an Ernst Thälmann steht an der Sundpromenade in Stralsund. Der ehemalige Vorsitzende der KPD und Leiter des Frontkämpferbundes wurde am 16. April 1886 in Hamburg geboren. Der Kampf gegen den Nationalsozialismus brachte ihn bereits im März 1933 ins Gefängnis. Die elf Jahre bis zur Vollstreckung des Todesurteils verlebte er in mehreren Haftanstalten. In Buchenwald endete am 18. August 1944 sein Leben durch Erschießung.

Die DDR-Führung propagierte schnell nach Staatsgründung die Verehrung Ernst Thälmanns als großen Kämpfer gegen den Faschismus und Märtyrer für den Sozialismus. An über 30 Orten wurden Gedenkstätten mit Gedenktafeln, Büsten und Standbildern errichtet.[1] In Stralsund sollte eines der größten Denkmäler entstehen. Bereits 1954/55 bestand in der Bevölkerung der Wunsch, das Ernst-Thälmann-Ufer, die heutige Sundpromenade, mit einer würdigen Gestaltung zu bereichern. Die Stralsunder sammelten bis zum Sommer 1956 fast 70.000 Mark an Spenden. Die Hoffnung auf eine schnelle Errichtung des Denkmals wurde aber nicht erfüllt. Die für die technische und künstlerische Umsetzung gebildete städtische Kommission konnte die "Staatliche Auftragskommission" beim Kulturbund der DDR nicht von dem bevorzugten Entwurf des Bildhauers Maximilian Schenk überzeugen. Berlin schlug einen Wettbewerb vor.[2]

Ein Versuch, diesen Wettbewerb zu umgehen, indem man den Dresdner Künstler Rost mit einem Entwurfsauftrag betraute, wurde in Berlin nicht akzeptiert. Es lag nun an den Berliner Instanzen, einen Künstler zu finden. Im August 1958 fragte der Oberbürgermeister in Berlin nach. Dort wurde die Sache nun nicht mehr als dringlich angesehen und vorgeschlagen, die Spendengelder für den Bau eines Fahrgastschiffes zu verwenden. Die Einnahmen könnten später für die Denkmalerrichtung verwendet werden.

Tatsächlich wurde ein Schiff gebaut. Der Stralsunder Oberbürgermeister erreichte trotzdem in Berlin, dass der Leipziger Künstler Professor Walter Arnold (1909–1979) ohne Ausschreibung einen Entwurf erarbeiten konnte. Die zwischenzeitlich von den Stralsunder Bürgern überlegte Anfertigung eines zweiten Abgusses des Weimarer Thälmann-Denkmals, die Geld und Zeit gespart hätte, wurde aber von Weimar entschieden abgelehnt.

Der Entwurf von Walter Arnold wurde Ende 1960 angenommen. Der Grundsteinlegung am 16. April 1961 anlässlich des 75. Geburtstages von Ernst Thälmann unter großer Beteiligung der Stralsunder Bevölkerung stand nichts mehr im Wege. Im März 1962 waren die Außenanlagen fertig gestellt und am 18. August 1962 konnte das Denkmal von der Tochter Ernst Thälmanns eingeweiht werden. Die Kosten von 80.000 Mark stellt der Rat des Bezirkes aus dem Zahlenlotto zur Verfügung.[3]

Das Denkmal besteht bis heute aus mehreren Teilen, die die künstlerische Gesamtkonzeption von Walter Arnold darstellen (Abb. 2).

  1. Der Platz. Eine rechtwinklige Trapezform, eingefasst von niedrigen Mauern an den Seiten, zum Sund eine breite Treppe bilden den leicht erhöhten Standort der Bronzeplastik und der Mauer. Er symbolisiert eine Fahne.
  2. Die Mauer. Die gestufte Werksteinmauer aus Sandstein ist in unregelmäßigem Verband mit unterschiedlich großen Steinen gemauert. Die nach Süden gerichtete Mauerscheibe ist höher und bildet durch eine Rundung eine Nische für das Standbild. Die Kante läuft leicht konisch nach oben. Die Mauer hat von oben gesehen eine Sichelform. Die nördliche Mauer, der Stiel der Sichel ist weniger als halb so hoch und rechtwinklig gekantet. In diese Mauerscheibe ist eine Gedenktafel für Ernst Thälmann eingelassen.
  3. Das Standbild (Abb. 3). Die Skulptur mit der Darstellung von Ernst Thälmann steht auf einem Sandsteinsockel, der aus einer schmalen Plinthe und drei gleich großen Steinen besteht. Die überlebensgroße Figur ist aus Bronze. Thälmann ist im Anzug dargestellt. Durch das linke Standbein ist der Körper leicht gebogen. Der Kopf ist nach rechts gedreht, der rechte Arm angewinkelt und die rechte Hand zur Faust geballt. Der linke Arm hängt auch hier mit einer Faust nach unten.

Die Ausführungen zeigen, dass das Denkmal nicht allein das Standbild ist. Die künstlerische Konzeption war anders gedacht und ausgeführt worden. Platz – Mauer – Standbild bilden die gestalterische Einheit: Versammlungsort als stilisierte Fahne – stilisierte Sichel – und der die Faust ballende Thälmann als Erinnerungsbild entsprechen der kämpferischen sozialistischen Ikonographie.[4] Der Denkmalwert des Thälmann-Denkmals ist nur in dieser Verbindung zu sehen.

Das Thälmann-Denkmal wird im Zusammenhang mit der Sundpromenade als Denkmal in der Denkmalliste der Hansestadt Stralsund aufgeführt. Die Stadt möchte die Sundpromenade umgestalten und hinsichtlich der Planung für den Ostseeküstenradweg verbessern. Eine Gestaltung soll in Anlehnung an die Planung der 1920er Jahre erfolgen. Zu dieser Zeit war das Denkmal nicht vorhanden, Schmuckplätze säumten die Promenade.

Historische, städtebauliche und künstlerische Gründe bestimmen den Denkmalwert des Thälmann-Denkmals. An der Erhaltung besteht somit ein öffentliches Interesse, wie es in § 2 Abs. 1 Denkmalschutzgesetz Mecklenburg-Vorpommern definiert wird. Betrachtet man den Zustand der Werksteinmauer, so ist kein großer Sanierungsbedarf festzustellen. Augenscheinlich besteht aus baulicher Sicht kein Grund zum Abbruch, wie es der eingangs erwähnte Zeitungsartikel suggeriert.

Die Umsetzung oder alleinige Aufstellung der Thälmann-Skulptur würde die Figur zur Spolie des Denkmals degradieren. Die Veränderung wäre beliebig, denn die raumbildende Mauer und der Platz als elementare Bestandteile des Denkmals fehlten.

Eine Neugestaltung der Sundpromenade ohne Rücksicht auf das Denkmal würde in Stralsund wie andernorts auch die Geschichtskultur der DDR-Zeit negieren. Denkmäler, die vor 25 Jahren einen festen Platz in den jährlichen Ritualen der Gedenkfeiern in der DDR hatten, sind – wenn sie noch stehen – oft bedeutungslos und ihre Erhaltung wird in Frage gestellt. Der Zusammenhang zu der vergangenen Ideologie ist vielen Bürgern nicht mehr bekannt und dadurch scheinbar sinnlos. Manche sprechen sich nun aus sogenannten neuen ideologischen Gründen für die Zerstörung aus, ohne zu bedenken, dass die Geschichtsspuren der Vergangenheit in die Gegenwart führen und ein Vergessen durch Denkmalzerstörung nicht möglich ist.

Die Hansestadt Stralsund sollte aus denkmalfachlicher Sicht bei den weiteren Planungen zu dem Entschluss kommen, sich für die Erhaltung des Thälmann-Denkmals in der überkommenen künstlerischen Gestaltung zu entscheiden, auch wenn in der Vergangenheit bereits andere Überlegungen mit der Landesdenkmalpflege diskutiert worden sind. Denn Denkmäler sollten "als Träger von Botschaften an Gegenwart und Zukunft gesehen werden." [5] Der bereits im Institut für Denkmalpflege der DDR tätig gewesene Denkmalpfleger und spätere Landeskonservator von Brandenburg Detlef Karg hat sich bereits 1995 für mehr Mut zum Umgang mit der DDR-Überlieferung ausgesprochen:

Wir sollten den Mut haben, mit den Geschichtsbrüchen, ob sie uns im Augenblick angenehm sind oder nicht, zu leben, auch mit den Brüchen, die in der DDR passiert sind. [6]

Dazu gehören auch die Denkmäler.

Dr. Klaus Winands


Anmerkungen

[1] http://www.sozialistische-gedenkstaetten.de/Themen_Thaelmann.shtml

[2] Regina Nehmzow, Thälmann-Denkmal war von Geburtswehen geplagt. In: Ostsee-Zeitung, 25. April 2002, S. 14.

[3] Regina Nehmzow, Denkmal mit Geldern aus Zahlenlotto finanziert. In: Ostsee-Zeitung, 2. Mai 2002, S. 14. – Regina Nehmzow, Stralsund Odyssee mit einem Denkmal. In: HeimatKurier, 19. August 2002, S. 24.

[4] Uwe Fleckner/Martin Warnke/Hendrik Ziegler (Hrsg.), Handbuch der politischen Ikonographie. Band 2. 2. durchgesehene Auflage, S. 369–371. München 2011.

[5] Detlef Hoffmann, Authentische Erinnerungsorte. In: Hans-Rudolf Meier/Marion Wohlleben (Hrsg.), Bauten und Orte als Träger von Erinnerung. Die Erinnerungsdebatte und die Denkmalpflege, S. 31–45; hier S. 38. Zürich 2000.

[6] Detlef Karg, zitiert nach: Ingrid Scheurmann/Hans-Rudolf Meier (Hrsg.), Echt – alt – schön – wahr. Zeitschichten in der Denkmalpflege, S. 175. München, Berlin 2006.

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