Denkmal des Monats September 2017

Gleviner Straße 1 in Güstrow - ein Beispiel der gehobenen Bürgerhausausstattungen der ehem. Residenzstadt

Abb. 1. Güstrow, Lkr. Rostock, Gleviner Straße 1, Wohnhaus, Westgiebel, 2008. Details anzeigen

Abb. 1. Güstrow, Lkr. Rostock, Gleviner Straße 1, Wohnhaus, Westgiebel, 2008.

Abb. 1. Güstrow, Lkr. Rostock, Gleviner Straße 1, Wohnhaus, Westgiebel, 2008.

Abb. 1. Güstrow, Lkr. Rostock, Gleviner Straße 1, Wohnhaus, Westgiebel, 2008.

Infolge der Reformation erhielt die mittelalterliche Stadt Güstrow 1556 eine neue Bedeutung als künftige Residenzstadt der Herzöge von Mecklenburg-Güstrow. Herzog Ulrich ließ seit 1558 anstelle der Burg das Schloss errichten und wirkte auf die Ansiedlung von Hofbeamten in der durch Brände in den Jahren 1503-12 in Mitleidenschaft gezogenen Stadt hin. In der Folge entstanden zahlreiche reich ausgestattete Wohnhäuser.

Das die Nordostecke des Marktes bestimmende, heute ziegelsichtige dreigeschossige Giebelhaus Gleviner Straße 1 zählt zu den herausragenden Wohnbauten des späten 17. Jahrhunderts in Güstrow (Abb. 1). Dendrochronologische Baualtersbestimmungen ergaben Fälldaten der in zwei Gebäudeteilen errichteten Konstruktion für die Jahre 1618 und 1634. Der in gleicher Gebäudebreite errichtete rückwärtige Baukörper folgt dem Straßenverlauf der Hollstraße und knickt dabei leicht ab, folgt somit einer wohl älteren, nicht rechtwinkligen Parzellenstruktur (Abb. 2). Von einem spätmittelalterlichen Vorgängerbau wurden mehrere Hölzer, unter anderem ein geschnitzter Fachwerkbalken im heutigen Dachstuhl, wiederverwendet (Abb. 3).

Die originale Innenstruktur des Giebelhauses mit einer Diele und angrenzenden Räumen im Erdgeschoss, Wohnräumen im ersten Obergschoss und Speicherboden im zweiten Obergeschoss lässt sich trotz nachfolgender Veränderungen im 18. und 19. Jahrhundert nachvollziehen (Abb. 4-5). Die Hausgeschichte und die Geschichte seiner Nutzer sind teilweise archivalisch aufgearbeitet, teilweise an der überlieferten Ausstattung abzulesen. 1616 wird der fürstliche Küchenmeister Schmehlingk als Eigentümer genannt, er ist demnach offenbar für den Kernbau verantwortlich. 1623 erwarb die Güstrower Familie Ne(e)se, aus der nachfolgend ein Kanzleirat (1656-61) und ein Bürgermeister (1709-14) hervorgingen, das Gebäude. Bekannt ist das Giebelhaus auch durch seine Nutzung als Quartier von August dem Starken während der Waffenstillstandsverhandlungen im Großen Nordischen Krieg im Jahre 1712. 1764 erwarb der Hofrat und spätere Bürgermeister Wick das Anwesen, dem eine größere Umbaumaßnahme zugeschrieben werden muss. Mehrere Generationen von Bäckermeistern nutzen das Gebäude im 19. Jahrhundert und passten es ihren Bedürfnissen und den Erfordernissen ihres Gewerbes an (Gisbert Wolf, Denkmalpflegerische Zielstellung, unveröffentlicht 2002).

Wie bereits durch erste bauhistorische und restauratorische Sondagen in der Vorbereitung eines Bauantrages im Jahre 2012 belegt werden konnte, handelt es sich bei der im frühen 17. Jahrhundert für Giebelhäuser hierzulande ungewöhnlichen Obergeschossstruktur um die originale, mit Begleitstrichmalerei an den Wänden versehene Wohnraumsituation. Der Fund einer teilweise noch erhaltenen mit Ranken und Medaillons bemalten Bohlendecke über dem Erdgeschoss belegt die historische Dielenstruktur des 17. Jahrhunderts (Abb. 6). Der Hofrat Wick ist offenbar für eine Neuausstattung der angrenzenden Erdgeschosssäle mit einer Wandbespannung im 18. Jahrhundert verantwortlich. Die in Öl auf grobes Leinen gemalten Stücke zeigen, meist in entsprechendem Rahmen, mit Rocaillen verzierte Phantasiedarstellungen mit Putten und Landschaftsmotiven (Abb. 7-9). Einzelne Rocaillen sind ohne Rahmungen und dürften als Binnengliederung gedient haben. Die einzelnen Bahnen wurden bei ihrer Wiederverwendung im 19. Jahrhundert miteinander verbunden. Der Befund hat sich, da die Bespannungen überdeckt wurden, in der überlieferten Weise verhältnismäßig gut erhalten (Abb. 10).

Wie früher mit hochwertigen Gemälden umgegangen wurde, zeigt auch ein grob übermaltes gefundenes Stück Leinwand, das die wohl ehemals ganzfigürliche Darstellung eines Mannes mit Degen erkennen lässt, der aufgrund des Spitzenbesatzes am Ärmel als Persönlichkeit des frühen 17. Jahrhundert zu bezeichnen ist. Die originale Provenienz im Haus ist noch zu klären lässt aber auf die Aufhängung entsprechender Gemälde schließen. Der Treppenaufgang war zur Zeit des Hofrats Wick mit einer blaugrundigen Rankenmalerei auf einer Holzbekleidung verziert, von der sich ebenfalls Befundbereiche erhalten haben.

Wie wichtig restauratorische Untersuchungen für die Wahrnehmung der Baudenkmale mit ihrem durch Instandhaltungsstaus überlieferten heutigen Erscheinungsbild in unseren Altstädten sind, zeigt auch die Gebäudehülle des Hauses Gleviner Straße 1. Wie zu erwarten, sind verschiedene Nutzer- und Umbauphasen in der fast vierhundertjährigen Geschichte des Hauses abzulesen. Nicht nur die Fenstergrößen und –formen wurden verändert, nein, ein Großteil des Giebels wurde offenbar aufgrund von Bauschäden im 18. Jahrhundert neu errichtet. Die gliedernden originalen Sandsteinprofile der Fassade wurden dabei wiederverwendet, der Stufengiebel erhielt die gemauerten Voluten und wurde ursprünglich wohl von Kugeln bekrönt. Die erhaltenen Dorne auf den einzelnen Giebelstufen verweisen auf weitere, heute verlorene Aufsätze (Hauke, Karl; Das Bürgerhaus in Mecklenburg-Vorpommern, Tübingen 1975, S. 49ff.).

Die Fassade war keinesfalls immer ziegelsichtig oder rot getüncht, wie man annehmen könnte, sondern erhielt in der Mitte des 18. Jahrhundert eine Blaufassung, die zumindest partiell sogar mit ockerfarbenen Ranken dekoriert war (Abb. 11). Es folgten Grau- und Sandtonfassungen.

Die laufende Instandsetzung zu einem Wohn- und Geschäftshaus sieht den Erhalt und die Präsentation der für die Veranschaulichung der wechselvollen Nutzungsgeschichte wichtigen Befunde vor. Als lebendiges Zeugnis der historischen Entwicklung der ehemaligen Residenzstadt Güstrow ist es durch seine Gestaltung und herausragende Lage am Markt besonders hervorgehoben. Die vorgestellten Befunde der bürgerlichen Wohnkultur Güstrows, die sich an adeligen Wohnraumausstattungen orientieren, veranschaulichen beispielhaft den hohen kulturellen Anspruch des in Aufbruch befindlichen Bürgertums im 18. Jahrhundert.

Jan Schirmer

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