Denkmal des Monats November 2017

Ein Dach über dem Kopf - Behelfsheime für Evakuierte und Ausgebombte im Zweiten Weltkrieg

Abb. 1. Broschüre des DHW, 1943, Titelblatt. Details anzeigen

Abb. 1. Broschüre des DHW, 1943, Titelblatt.

Abb. 1. Broschüre des DHW, 1943, Titelblatt.

Abb. 1. Broschüre des DHW, 1943, Titelblatt.

In Anbetracht des Weltgeschehens sind Bombardierungen und Flüchtlingsunterkünfte leider wieder ein Thema geworden. Auch während des Zweiten Weltkrieges standen die örtlichen Verwaltungen der durch Fliegerbomben zerstörten Städte vor der Aufgabe, für die obdachlosen Bürger ein Dach über dem Kopf zu schaffen. Aus eigener Kraft war das für die betroffenen Städte nicht zu schaffen. Deshalb wurde von staatlicher Seite die Organisation "Deutsches Wohnungshilfswerk" (DWH) gegründet. Das DWH bestand von 1943 bis 1945, für die Organisation waren die Gauleiter als Gauwohnungskommissare, in Mecklenburg der Gauleiter Friedrich Hildebrandt, zuständig. Die Durchführung lag in den Händen der örtlichen Baubeauftragten.

In den letzten Kriegsjahren war auch die Bauwirtschaft dem Krieg untergeordnet. Das bedeutete, dass Bauen nur in Ausnahmefällen möglich war. Zu diesen Ausnahmefällen gehörten die Behelfsheime. Jeder Landkreis, vor allem die stadtnahen, wurden aufgefordert, eine bestimmte Anzahl Behelfsheime zu errichten. Dieses geschah in Bad Doberan, Güstrow, Hagenow, Krakow am See, Rostock und Schwerin, um nur einige Orte zu nennen. Die Kreise und Gemeinden, aber auch Privatleute, die dafür eine Pacht von der Kommune erhielten, stellten Land zur Verfügung. Langwierige Baugenehmigungen entfielen. Für das Inventar wurden Handwerksbetriebe angewiesen, Material und Arbeitskräfte bereitzustellen. Zusätzlich wurden Sammlungen in der Bevölkerung durchgeführt.

Gemäß der Anforderungen des DHW wurden barackenartige Häuschen über einer Betonplatte mit der Grundfläche 5,1 x 4,1 m errichtet. Die Umfassungswände bestanden aus vorgefertigten Holztafeln oder Ziegeln. Die beiden Räume (Wohnküche und Kammer) hatten eine lichte Höhe von ca. 2,5 m. In der einfachsten Ausführung hatten diese Behelfsheime nur ein Pultdach (Abb. 1-2). Dieser einfache Typ konnte auch in Eigenleistung bzw. in Nachbarschaftshilfe errichtet werden. Dafür lieferte das DHW Baufibeln mit Montage-Anleitungen. Bei der Ausführung sollten aber auch immer vorhandenes bzw. auch landschaftstypisches Baumaterial berücksichtigt werden, wie es beispielsweise die Anordnung Nr. 4 des Gauleiters des Gaues Mecklenburg vom 19. Februar 1944 verlangte. So finden sich in Mecklenburg noch Behelfsheime mit einer Rohrdeckung.

Zu den Behelfsheimen gehörte auch immer ein Stück Gartenland für die Selbstversorgung, deshalb erfolgte ihre Erschließung von der Rückseite (Gartenseite) aus, da in diesem Fall nur ein Wohnungseingang nötig war.

Theorie und Praxis waren jedoch zweierlei: Schon in der Ausführung wurde von den Vorgaben des DWH in Größe und Ausführung abgewichen. So entstanden beispielsweise in Güstrow Behelfsheime mit Satteldächern statt mit Pultdächern. Der Gauwohnungskommissar Hildebrandt forderte Architekten dazu auf, eigene Entwürfe einzureichen. Im Stadtarchiv Schwerin ist ein Entwurf für ein Behelfsheim des Deutschen Wohnungshilfswerks Typ A von Max Krüger überliefert, wobei jedoch der vorgegebene Grundriss mit Wohnküche und Schlafkammer beibehalten wurde (Abb. 3). Wie auch der Entwurf von Max Krüger zeigt, wurden Doppelhäuser bevorzugt, um so Baumaterial zu sparen.
Bei der Zuweisung der Häuser wurden zunächst Arbeiter kriegswichtiger Betriebe bevorzugt, dies galt vor allem für Beschäftigte der Heinkel- und Arado-Flugzeugwerke, die durch die Bombardierung Rostocks 1942 betroffen waren.

Drei Doppelhäuser, die in massiver Ziegelbauweise mit einem traufständigen, rohrgedeckten Satteldach errichtet wurden, stehen noch heute im Buchenweg in Krakow am See (Abb. 4-5).

Auch wenn in diesen Häusern enge Wohnverhältnisse herrschten, stand mit dem ausgebauten Dach ein weiteres Zimmer zur Verfügung. Zudem besaßen diese Behelfsheime einen Keller. Die Behelfsheime waren – wie schon der Name sagt – ein Behelf und nicht für ständiges Wohnen gedacht. Bei zumindest einem Bautyp war jedoch von vornherein an eine Weiternutzung nach dem Krieg gedacht worden. Zu dieser Kategorie gehörten die massiven Doppelhäuser in Krakow am See. Für die ständige Wohnnutzung als Einfamilienhaus stand sogar eine größere Nutzfläche als bei Kleinwohnhäusern gemäß dem Reichsheimstättengesetz wie in der 1934-36 von den Mecklenburgischen Heimstätten errichtetet Siedlung Ziegelbruch, südlich des Buchenwegs, zur Verfügung (Abb. 6).

Als Hamburg im Juli/August 1943 durch die Operation "Gomorrha" zu über 50% durch Bomben zerstört wurde, musste für rund 750.000 obdachlose Hamburger eine Unterkunft gefunden werden. Diese wurden vor allem auf Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg, Ostpreußen und das Warthegau verteilt, aber natürlich wollten die Betroffenen möglichst nah an ihrem Zuhause, ihrer Familie und ihrer Arbeit bleiben. Daher kehrten die Fliegeropfer schnell aus den entfernten Gebieten wie Ostpreußen zurück und fanden Aufnahme im Landkreis Malchin.1

Allein in Mecklenburg wurden zeitweilig über 100.000 Ausgebombte und Evakuierte aus Hamburg aufgenommen. 1943 entstand in Krakow am See eine Barackensiedlung an der Dobbiner Chaussee, im Volksmund auch als "Klein Hamburg" bezeichnet. Die Deutschen Holzwerke in Krakow am See fertigten schon seit den 1920er Jahren zerlegbare Baracken und Holzhäuser. 1944 veranlasste der Besitzer der Holzwerke, Fritz Dettmann, die Aufstellung von weiteren zehn Behelfsheimen auf dem Gelände des Sägewerks.2

Aber nichts hält so lange wie ein Provisorium, wie ein Sprichwort sagt. Nach der Rückkehr der ausgebombten Städter, wurden die Behelfsheime vielfach von Flüchtlingen aus den Ostgebieten bewohnt. Im Laufe der Zeit wurden die Behelfsheime abgerissen oder als Schuppen genutzt. Aber genauso häufig blieben sie als Wohnhäuser erhalten, selbstverständlich wurde der Platzmangel durch Aus- und Anbauten behoben, so wie es bei den Häusern im Althöfer Weg in Bad Doberan der Fall ist (Abb. 7). Diese Häuser wurden ursprünglich für die Beschäftigten der Heinkel- und Arado-Flugzeugwerke errichtet.

Ähnlich wie die Siedlungshäuser der 1930er und 1950er Jahre sind die Behelfsheime erst spät ein Thema für die Denkmalpflege geworden, da es sich augenscheinlich um "unscheinbare Massenware" handelt. Diese Baugattung ist jedoch in ihrem Bestand extrem gefährdet.

Eine dringend notwendige Erfassung der überlieferten Behelsheime in Mecklenburg-Vorpommern steht noch aus.

Elke Onnen


1 Buddrus, Michael: Mecklenburg im Zweiten Weltkrieg. Die Tagungen des Gauleiters Friedrich Hildebrandt mit den NS-Führungsgremien des Gaues Mecklenburg 1939-45. Eine Edition der Sitzungsprotokolle. Bremen 2009, S. 858, Anm. 26.

2 Arbeitsgruppe Stadtchronik: Chronik der Stadt Krakow am See, Erfurt 2012, S. 113.

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