Johann Albrecht und sein Stil - Terrakottaarchitektur des 19. Jahrhunderts in Schwerin

Denkmal des Monats November 2013

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Abb. 1: Landeshauptstadt Schwerin, Schloss, Seeseite

Landeshauptstadt Schwerin, Schloss, Seeseite

Abb. 1: Landeshauptstadt Schwerin, Schloss, Seeseite

Mit dem groß angelegten Um- und Neubau des Schweriner Schlosses in der Mitte des 19. Jahrhunderts (Abb. 1) rückte auch der sogenannte Johann-Albrecht-Stil wieder in das Bewusstsein von Bauherren und Architekten. Initiator war Großherzog Friedrich Franz II. Mit seiner Forderung, jene Schlossbauten aus der Zeit dieses mecklenburgischen Herzogs, der von 1556–1576 regierte, zu erhalten und zu restaurieren, legte er gewissermaßen den Grundstein für die Auseinandersetzung mit dieser Sonderform der Renaissancearchitektur.

Nach den Napoleonischen Befreiungskriegen und mit dem Erstarken des Selbstbewusstseins in Deutschland kam es zu einer Hinwendung zu ideellen Werten, vor allem zu den nationalen "vaterländischen" Denkmälern. Schon 1815 erkannte Karl Friedrich Schinkel die Kulturdenkmäler als öffentliches Gut, dessen Erhaltung deshalb auch im öffentlichen Interesse liegen müsse. Er prägte eine der Zeit vorauseilende Formulierung des Denkmalbegriffs. Kriterium der Schutzwürdigkeit war ihm nicht allein der künstlerische Wert, sondern auch die Bedeutung für Geschichte, Wissenschaft und Technik.

In Mecklenburg trug der Historiker Georg Christian Friedrich Lisch eine Menge zum Verständnis historischer Architektur und ihrer Geschichte bei. Er hatte das Zeitalter Herzog Johann Albrechts I. als eine Blütezeit in der mecklenburgischen Geschichte begriffen und seine Erkenntnisse in Aufsätzen und Niederschriften veröffentlicht. Jenes Zeitalter schien also bestens geeignet zu sein, um auf eine eigene Geschichte zu verweisen und seine Besonderheit, wenigstens auf dem Gebiet der Baukunst, zu unterstreichen.

In den Jahren 1868–1870 entstand an der Ostseite des Schweriner Pfaffenteiches das Gymnasium Fridericianum nach Plänen von Hermann Willebrand (Abb. 2). Der Backsteinbau mit dreiachsigem Mittel- und einachsigen Seitenrisaliten besitzt Terrakotta-Medaillons mit Bildnissen der Herzöge Johann Albrechts I. und Ulrichs als Gründer der Fürsten- und Domschule. In der Mitte haben die Darstellungen der Großherzöge Friedrich Franz' I., dem Begründer des Gymnasiums, und Friedrich Franz' II., als Auftraggeber des Schulneubaus, ihren Platz. Am Mittelrisalit trifft man zusätzlich auf die Skulpturen Martin Luthers und Philipp Melanchthons. Ein kräftiger Lünettengiebel mit dem mecklenburgischen Wappen bekrönt dieses Bauteil.

Hermann Willebrands Vorbild für diesen Bau findet sich in der Schlossarchitektur. Für den außerordentlich prägenden Mittelrisalit des Gymnasiums griff er auf eine vereinfachte Disposition der Obotritentreppe des Schlosses zurück (Abb. 3–4). Dieser im 19. Jahrhundert neu errichtete Treppenhausbau nahm zur Zeit Johann Albrechts I. die zu den Staats- und Festräumen führende Treppe auf und war somit von eminenter Bedeutung. Hinter der Fassade des Gymnasiums, so drückt es die Architektursprache aus, befinden sich ebenfalls Räume mit staatstragender Funktion. Die Vermittlung von Bildung war für die Entwicklung des Landes in einer Zeit großartiger wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Umwälzungen offenbar besonders wichtig.

In den Jahren 1898–1900 entstand unter Leitung von Oscar Wutsdorff, Baurat im Preußischen Kriegsministerium, ein Offizierscasino (Offizier-Speiseanstalt) (Abb. 5). Es wurde auf der höchsten Stelle des Ostorfer Bergs in der Verlängerung der Hauptachse des Schlossgartens als Neorenaissancevilla errichtet und bildet das südwestliche Pendant zum Schloss sowie ein wichtiges Bindeglied zwischen den an der heutigen Johannes-Stelling-Straße befindlichen Gebäudekomplexen der Alten und der Neuen Artilleriekaserne. Das Gebäude wird maßgeblich von einem reich dekorierten, gestaffelten, dreibahnigen Lünettenhalsgiebel über einer monumentalen, rundbogig schließenden Dreifenstergruppe mit Hoheitssymbolen in den Bogenfeldern an seiner Hauptschauseite und dem seitlichen Turm geprägt. Obgleich es sich beim Bau des Offizierscasinos um eine Bauaufgabe der preußisch-deutschen Militärverwaltung handelte, gelang es Herzogregent Johann Albrecht gestalterische Bedingungen an den Bau zu knüpfen. So sollte das Gebäude in der Achse des Schweriner Schlosses liegen und dem Schlossgarten angemessen sein; die Zeichnungen dafür waren von ihm zu genehmigen. Oscar Wutsdorff erachtete es als gestalterisch wichtig, an dieser exponierten Stelle ein malerisches Anwesen zu schaffen, was ihm auch gelang.

Nur wenige Schritte vom Offizierscasino entfernt erhebt sich die Neue Artilleriekaserne. Der Baukomplex mit dem an der Straße liegenden langgestreckten Quartiershaus und dem Unteroffizier-Wohnhaus war in der Zeit von 1897–1899 entstanden (Abb. 6–7). Oscar Wutsdorff trat auch hier als planender Architekt in Erscheinung. Die drei- und dreieinhalbgeschossigen Gebäude sind verputzt und zeichnen sich durch Backsteingliederung, rund- und stichbogige Fenster sowie abgestufte Lünettengiebel mit charakteristischem Terrakottaschmuck aus. Sie verweisen eindeutig auf die Schlossbauten des 16. Jahrhunderts. Besonders der Mittelrisalit des Quartierhauses mit seiner reichen Gestaltung und nicht zuletzt der Reiterdarstellung aus dem Schweriner Stadtwappen vermittelt hoheitliche Erhabenheit. Die eingestellten kleinen Rundpfeiler mit Würfelkapitellen hingegen, die die gekuppelten Rundbogenfenster akzentuieren, verweisen auf die Hochromanik und erinnern an die Zwerggalerien der Kaiserdome. Es wird damit eine Verbindung zum Deutschen Kaisertum des Mittelalters hergestellt. Für den Kasernenbau, der in der Hand des Deutschen Reiches lag, war außer den regionalen Bezügen die Legitimitätsherleitung aus der Reichsgeschichte wichtig, was, um diesen Umstand zum Ausdruck zu bringen, zur stilistischen Mischung führte.

Dem offiziellen Staatsbau standen Teile des Bürgertums nicht nach, wie nachfolgende Beispiele zeigen. Eines der prägnantesten ist das 1893/94 errichtete Verwaltungsgebäude der Kuetemeyer-Schencke-Steineckeschen Stiftung (Abb. 8). Gustav Hamann lieferte den Entwurf für das am Ostufer des Pfaffenteiches gelegene Gebäude. Das zweieinhalbgeschossige Bauwerk orientiert sich in seiner Fassadengestaltung wiederum an den Schlossbauten des 16. Jahrhunderts, greift aber gleichzeitig auf jüngst erfolgte Neubauten des Großherzoglichen Hauses im Johann-Albrecht-Stil, wie etwa das Hauptgebäude der Universität in Rostock, zurück. Das Hauptgeschoss prägen die fünf dreibahnigen Fenster mit wechselnden Verdachungen, die von einer reichen Gestaltung der Wand in Sgraffitotechnik umgeben wurden, die leider verloren war und bei der jüngsten Sanierung des Hauses nicht wiederhergestellt werden konnte. Über dem vorkragenden Konsolgesims mit floralem Zierfries bildet eine Attika mit Aufsätzen – links und rechts je ein Obelisk – den oberen Gebäudeabschluss. Der Verzicht auf den gestuften Lünettengiebel zugunsten einer Attika verleiht dem Bauwerk jedoch mehr das Aussehen eines Palazzos, womit Bürgerlichkeit herausgestellt, mittels der Architekturzitate jedoch gleichfalls die Nähe zum Fürstenhaus dokumentiert werden konnte. Dieses Gebäude kann als Beispiel für die vom Bildungsbürgertum und der zeitgenössischen Kunstgeschichtsschreibung so hoch geschätzte italienische Baukunst gelten.

Von den wenigen Wohnhäusern interpretiert das Wohnhaus August-Bebel-Straße 7 den Johann-Albrecht-Stil (Abb. 9). Auf subtile Art wird hier auf die großen Vorbilder verwiesen, ohne Terrakottamedaillons, Sgraffiti oder Ähnliches zu nutzen. Das zweigeschossige Gebäude wurde 1870 errichtet. Kennzeichnend sind der hohe Sockel des Gebäudes und die glatt geputzte Wandfläche der beiden Wohngeschosse. Ein terrakottaverziertes Traufgesims bildet den oberen Abschluss der Fassade. Der mittige Eingang erfährt durch die portalartige Rahmung mit Terrakottaplatten eine besondere Betonung. Es reichen bei diesem Gebäude bescheidene Anspielungen auf die Vorbilder, um eine Verbindung zu diesen herzustellen – eine gelungene Abstraktion und schöpferische Vereinfachung dieses Stils.

Elemente des Johann-Albrecht-Stils sind auch beim Bau des Doppelwohnhauses Platz der Jugend 5/7 verarbeitet worden, das der Rentier Radloff als privates Renditeobjekt in den Jahren 1880/81 errichten ließ (Abb. 10). Die spiegelbildlich angeordneten Hausteile werden durch zwei risalitartig aufgefasste Bauteile seitlich begrenzt. Sie schließen mit Lünetten, in die porträthafte Medaillons eingefügt wurden und stellen hauptsächlich über diese Elemente die Verbindung zum Johann-Albrecht-Stil her. Ferner weisen die gerahmten gekuppelten Fenster auf den Glattputzflächen in diese Richtung.

Besonders aufwendig ist das Wohnhaus Knaudtstraße 26 gestaltet (Abb. 11). Es entstand 1895. Bauherr war der Sparkassen-Kassierer Otto Schnelle, der in diesem Haus selbst wohnte und eine weitere Wohnung vermietete. Das Gebäude ist äußerst repräsentativ. Die Vielfalt von Terrakottaelementen im Verbund mit den heute leider nur rudimentär erhaltenen vertikal verlaufenden Flächen mit in Sgraffitotechnik ausgeführten Grotesken zeigt deutlich die herausgehobene Stellung des Bauherrn.

Zwei Häuser in der westlichen Paulsstadt bilden den Abschluss dieser kleinen Reihe. Das Wohnhaus in der Bäckerstraße 22 ließen die Gebrüder Reinhold 1896 erbauen (Abb. 12). Über einem geböschten Sockelgeschoss erhebt sich der zweigeschossige dreiachsige Bau, dessen Fassade sich gestalterisch sehr eng an die vermeintlichen Vorbilder des 16. Jahrhunderts anlehnt. Ein breiter Terrakottafries trennt die beiden Wohngeschosse optisch voneinander, deren Fenster von reich verzierten Rahmungen eingefasst werden und einen spannungsvollen Kontrast zu den hellen Glattputzflächen der Fassade bilden. An den Seiten bilden übereinandergestellte Terrakottapilaster mit üppiger vegetabiler Ornamentik in den Schäften (Abb. 13) einen Rahmen für die Fassade. Ein Drempelgeschoss mit segmentbogiger Blendarkatur, die abwechselnd kleine Fenster und Terrakottamedaillons aufnimmt, schließt das Wohnhaus nach oben hin ab.

Das wiederum auf ein Sockelgeschoss aufbauende zweigeschossige Wohnhaus Mozartstraße 14 errichtete Gustav Hamann für sich und seine Familie 1902 nach eigenem Entwurf (Abb. 14). Markantestes Teil der Fassade ist das mittig gelegene kräftige Portal aus Backstein mit reicher Terrakottazier. Seit 1902 war Gustav Hamann Baudirektor und Vorstand des Stadtbaudistrikts Schwerin. Seine gesellschaftliche Stellung erforderte ein entsprechend repräsentatives Wohnhaus. Durch seine Mitarbeit an der Restaurierung des Fürstenhofes in Wismar sowie die selbst verantwortete Restaurierung der Fassaden des Schlosses in Gadebusch und den Bau des Verwaltungsgebäudes der Kuetemeyer-Schenke-Steineckeschen Stiftung am Pfaffenteich in Schwerin war er mit diesen Stilmodi bestens vertraut. Für sein Wohnhaus wählte er eine reduzierte Form der Fassadengestaltung und setzte mit dem massigen Portal einen kräftigen Akzent dagegen.

Die Terrakottaarchitektur blieb in Schwerin eine Ausnahme und – abgesehen vom Schlossbau – auf einen kurzen Zeitraum, nämlich das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts, beschränkt. Dennoch lassen sich erstaunliche Möglichkeiten und Innovationen im Umgang mit diesen speziellen Formen beobachten, die zu qualitativ hochrangigen Ergebnissen führen. Der Johann-Albrecht-Stil in seiner Ausprägung des 19. Jahrhunderts ist eine Besonderheit und ein eigenständiger Beitrag des Landes und der Stadt Schwerin zur vielfältigen Architekturgeschichte in Deutschland.

Dirk Handorf

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