Ein Bild von Heimat und Nation. Die Lange Straße in Rostock (1953-1958)

Denkmal des Monats März 2015

Hansestadt Rostock, Lange Straße, Blick vom Turm der Marienkirche nach Westen, kolorierte Aufnahme, um 1960 Details anzeigen

Abb. 2. Hansestadt Rostock, Lange Straße, Blick vom Turm der Marienkirche nach Westen, kolorierte Aufnahme, um 1960

Hansestadt Rostock, Lange Straße, Blick vom Turm der Marienkirche nach Westen, kolorierte Aufnahme, um 1960

Abb. 2. Hansestadt Rostock, Lange Straße, Blick vom Turm der Marienkirche nach Westen, kolorierte Aufnahme, um 1960

Die Hansestadt Rostock wurde nach Gründung der DDR als wirtschaftliches und administratives Zentrum für den Norden des neuen Staates ausgewählt und entsprechend ausgebaut. Der Schiffbau, die Hochseefischerei und der Hafen waren die Schwerpunkte.

Entsprechend dem der Stadt zugewiesenen politischen Rang sollte in der Innenstadt eine Prachtstraße nach sowjetischem Vorbild entstehen. Im stark kriegsgeschädigten Kernbereich der Altstadt wurde in den Jahren 1953 bis 1958 eine repräsentative und breite Anlage errichtet. Sie gehörte wie auch Berlin, Dresden und Leipzig zu den großen staatlichen Bauvorhaben der DDR und hatte unter dem Oberbegriff "Nationales Aufbauwerk" den Anspruch, eine "Architektur nationaler Tradition" zu verwirklichen. (Abb. 1-11)

Der regionale und nationale Bezug auf die Vergangenheit

Nach der Teilung in einen westdeutschen und in einen ostdeutschen Staat stand die im Aufbau befindliche DDR vor der Aufgabe, zu zeigen, dass sie der wahre deutsche Staat war. Der regionale und nationale Bezug auf die Vergangenheit war dabei eines der Mittel der Legitimation – zumal eine Legitimation durch freie Wahlen fehlte. Der Architektur als Form künstlerischer Repräsentation des Staates kam dabei ein besonderer Stellenwert zu. So wurde durch die Architektur der Langen Straße in Rostock der Versuch unternommen, ein Geschichtsbild zu entwerfen, das die Vielfalt und Widersprüchlichkeit geschichtlicher Überlieferung zugunsten eines gleichlautenden, beruhigenden Bildes von Herkunft und Identität etablierte.

Sich als der eigentliche deutsche Staat zu repräsentieren, war nicht einfach und gleichzeitig eine wichtige Aufgabe. In der DDR lebte lediglich ein Viertel der gesamten deutschen Bevölkerung. Zudem war die Bevölkerung nicht homogen. 1950 stellten die durch Folgen des Krieges Vertriebenen 25 Prozent der Bevölkerung der DDR, während sie in der Bundesrepublik lediglich 16 Prozent ausmachten. Zudem verursachte die Einrichtung neuer Industriestandorte wie eben in Rostock größere Binnenwanderung. Die DDR sah sich in den Jahren nach ihrer Gründung mit der Tatsache konfrontiert, dass ein großer Anteil der Staatsbürger in einer Region lebte, in der er weder geboren worden noch aufgewachsen war.

Die neue Magistrale

Den historischen Stadtgrundriss im Bereich der Prachtstraße – auch Magistrale genannt – kennzeichnete bis zum Baubeginn des Vorhabens ein mehr oder weniger regelmäßiges, längliches Gitternetz, wie es für mittelalterliche Stadtgründungen dieser Region typisch gewesen ist. Zwei parallel zum Ufer der Warnow verlaufende Straßen, darunter die Lange Straße, markierten die längliche Ausdehnung von Westen nach Osten. Eine Vielzahl von schmaleren Straßen schnitten diese im rechten Winkel und führten mit einem leichten Gefälle hinunter zum Hafen. Auch nach den teilweise umfangreichen Kriegszerstörungen war diese Struktur weiterhin erkennbar.

Die neue Magistrale nahm auf diese seit dem Mittelalter bestehende Grundstruktur keine Rücksicht und zerstörte wesentliche Merkmale der überlieferten Struktur. Die ursprüngliche Straßenbreite wurde um mehr als das Doppelte auf 60 Meter ausgeweitet und die Zwei- und Dreigeschossigkeit der Häuser, die bis zu diesem Zeitpunkt das Stadtbild prägte, durch Gebäude mit fünf Geschossen und einzelne hervorgehobene Turmbauten ersetzt. Nicht nur diese Eingriffe veränderten den überlieferten Grund- und Aufriss der Stadt nachhaltig.

Auch die Wege aus der Innenstadt hin zum Hafen waren von nun an für den Verkehr versperrt. Wie eine Mauer legt sich die Lange Straße vor den Bereich des Hafens. Die Öffnungen hin zum Hafen oder vom Hafen zur Innenstadt sind lediglich für Fußgänger konzipiert und als Durchblicke angelegt. Die seit Jahrhunderten bestehende Orientierung der Stadt hin zum Hafen wurde weitgehend aufgehoben.

Backsteingotik

Ziel der Gestaltung der Langen Straße war es, eine Architektur nationaler Tradition zu errichten – wie immer eine solche auch aussehen sollte. Während in Berlin der Klassizismus und in Dresden der Barock herangezogen wurde, sollte im Norden der DDR mittels der Backsteingotik eine Architektur entstehen, die an Heimat und Nation anknüpfte.

Um den regionalen Bezug heraufzubeschwören, wurde eine Art Idylle in der Großstadt gestaltet. Daher wurde die Lange Straße ursprünglich als ein Bereich mit nur sehr wenig Verkehr konzipiert. Es gab in der Mitte einen breiten Grünstreifen, der erst einige Jahre später – gegen den Protest der Architekten und der Deutschen Bauakademie in Berlin – in eine Straßenbahntrasse umgewandelt wurde. Die innerstädtischen Verkehrsprobleme waren einfach zu groß geworden und zwangen zu diesem Schritt.

Die gestalterischen Mittel, die zum Einsatz kamen, um ein Bild von Heimat und Nation zu entwerfen, waren nur zu einem Teil aus der Backsteingotik entlehnt. Die geschichtlich nachweisbaren Elemente wie Blendgiebel und Friese tragen wesentlich zum Gesamteindruck bei. Sie sind jeweils detailliert ausgearbeitet und verweisen auf die genaue Kenntnis der Ornamentformen, die die großen Stadtkirchen der Ostseeküste oder die Ziergiebel der Rathäuser von Lübeck, Rostock und Stralsund prägen.

Eine nachvollziehbare Herleitung durch historische Formen und ein darauf fußender, nachvollziehbarer Entwurfsprozess sind für die Hauptgesimse und die schildartigen Blendgiebel zu erkennen. Die einzelnen Ornamente sind aus für die Backsteingotik typischen, glasierten Formsteinen zu geometrischen Mustern zusammengefügt und heben sich teilweise von einem hell verputzten Untergrund ab. Die als oberer Abschluss des Erdgeschosses dienenden Terrakottafriese zeigen deutlich, dass sie aus dem hochgotischen Vierpass entwickelt wurden. Als wiederkehrendes Element tritt das Vierpass-Motiv, zumeist aus schwarz glasierten Formsteinen auf hellem Kalkputz, an der Mehrzahl der Baublöcke deutlich in Erscheinung, ebenso wie die vielfach durchbrochenen Maßwerkrosetten mit begleitenden Fialen.

Heimatschutzarchitektur

Der andere wichtige Teil der Gestaltung der Langen Straße stammt hingegen aus dem Repertoire der Heimatschutzarchitektur, entstanden in den 1920er und 1930er Jahren. Es sind architektonische und städtebauliche Elemente, die eben nicht aus der Backsteingotik stammen und keinen historischen Bezug zur Region aufweisen. Nichtsdestotrotz sind es auch diese Elemente, die den Gesamtcharakter des Ensembles prägen und es als heimatlich erscheinen lassen.

Die hellen Säulen mit Blockkapitellen, die die Anmutung eines vom Steinmetz bearbeiteten Sandstein hervorrufen und die backsteinernen Fassaden akzentuieren, gehen ebenso wenig auf die Backsteingotik zurück wie die Arkaden und Loggien, die hier als städtebauliches Motiv wesentlich den Gesamteindruck der Magistrale prägen. Blockkapitelle gehören der Romanik an und sind typisch für Regionen, die über Vorkommen an Haustein verfügen. An der Ostsee rund um Rostock gibt es aufgrund der späten Christianisierung und Kolonisierung nur sehr selten Zeugnisse der Romanik. Vorkommen an Haustein sind nicht vorhanden, weshalb Backstein zum bestimmenden Baumaterial wurde. Hinsichtlich der Arkaden und Loggien ist gleiches festzustellen. Sie gehören nicht zu den historischen städtebaulichen Merkmalen der Straßen und Plätze in der Region. Sie gehören vielmehr zum Repertoire einer vom Ort und der Region unabhängigen Heimatschutzarchitektur, wie sie in Deutschland durch den Architekten Paul Schmitthenner verbreitet wurden. Durch seine Siedlung Staken, heute zu Berlin gehörend, wurde er zum Vorbild.

Ähnliches gilt für die flach aus der Fassade hervortretenden Erker. Erker, die hier so überzeugend als ein historisches Bauteil gestaltet wurden, gehören nicht zur regionalen Architektur. Gleiches trifft für die als Rundstäbe ausgeformten Fensterpfosten zu.

Alle diese Bauteile gehören nicht zur regionalen norddeutschen Architektur. Was sie vereint, ist, dass sie nach der "guten alten Zeit“ aussehen. Sie gehören zu denjenigen Elemente, die das Erfolgsrezept der traditionalistischen oder Heimatschutzarchitektur bildeten. Altehrwürdiges Material und aufwändige Handwerksarbeit werden zu Zeugen alter Baugeschichte, ungeachtet dessen, ob sie für diesen Zusammenhang nachweisbar oder erfunden sind. Das so entstehende Konglomerat wird zu einem scheinbar überzeugenden, imaginierten Bild von Heimat und Nation. Es entsteht der Eindruck einer übergeschichtlichen Vergangenheit. Heimat und Nation verschmelzen miteinander.

Im Detail sind es nicht die bildlichen Darstellungen des wirtschaftlichen Aufbaus, der aufstrebenden Industriebetriebe der Schiffbau- oder Fischindustrie, die zum Einsatz kommen. Nicht Industrie und Technik prägen die figürlichen Darstellungen auf den Kapitellen der Arkaden, sondern die Symbole und Allegorien der traditionalistischen Großstadtkritik und Agrarromantik: Mit Scharriereisen bearbeitete blockhafte Kuben, fächerartig angeordnete Getreidebündel, Greifvögel mit erbeutetem Fisch und vielfach verschlungenes Meeresgetier, jeweils in naiv anmutenden Reliefszenen ausgebildet.

Resümee

Wenn man diese Gestaltungen sowohl in ihren Grundzügen als auch im Detail betrachtet, ist es nur folgerichtig, dass die führende Ausbildungsstätte für Architekten in der DDR 1955 den wichtigsten Protagonisten der konservativen Heimatschutzarchitektur der 1920er und 1930er Jahre akademisch ehrte. Paul Schmitthenner, der Kopf der so genannten Stuttgarter Schule, erhielt im Alter von 70 Jahren die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Dresden.

Festzuhalten ist, dass die repräsentativen Bauaufgaben in der frühen DDR in eigenartiger Weise künstlerisch umgesetzt worden sind. Für die Verheißungen des Staatssozialismus kommen die gleichen gestalterischen Mittel und Geschichtsvorstellungen zum Einsatz, wie sie Jahrzehnte vorher für die rückwärtsgewandte Utopie des Konservativismus entwickelt und umgesetzt worden waren. In beiden Fällen ist es der Rückgriff auf die Darstellung einer vorindustriellen, scheinbar heilen Welt, um ein Bild von Heimat und Nation zu erschaffen.

Dr. Jörg Kirchner


Literatur:

Jörg Kirchner, Architektur nationaler Tradition in der frühen DDR (1950-1955). Zwischen ideologischen Vorgaben und künstlerischer Eigenständigkeit, Hamburg 2010, online-Ressource.

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