„Den deutschen Frauen danket!“

Zwei Hölderlin-Oden für Auguste

Widmungsexemplar des „Hyperion“ (Bd. 2) mit Schriftzug Hölderlins für Prinzessin Auguste Details anzeigen
Widmungsexemplar des „Hyperion“ (Bd. 2) mit Schriftzug Hölderlins für Prinzessin Auguste
Widmungsexemplar des „Hyperion“ (Bd. 2) mit Schriftzug Hölderlins für Prinzessin Auguste
Widmungsexemplar des „Hyperion“ (Bd. 2) mit Schriftzug Hölderlins für Prinzessin Auguste
12.09.2022  | LB  | LAKD - Landesbibliothek

Assoziationen zu Versen Friedrich Hölderlins (1770-1843) vermittelt eine Ausstellung mit Zeichnungen von Udo Rathke. Bis 9. Oktober 2022 zeigt das Schweriner Kulturforum Schleswig-Holstein-Haus 28 zumeist großformatige Werke mit eingeschriebenen Dichterversen, gearbeitet aus weichem Graphit, kräftigen Ölkreiden und Acryl. Vier Originalhandschriften Hölderlins aus dem Bestand der Landesbibliothek begleiten die Ausstellung.

Der in Mecklenburg lebende Künstler Udo Rathke (geb. 1955 in Grevesmühlen) nutzte die durch Corona auferlegte Isolation zu schöpferischer Einkehr mit Versen Hölderlins. Aus seinen Notaten auf Zeichenpapier erwuchsen Linienspiele. In mehreren Arbeitsgängen überformte Rathke die Texte aus dem Roman "Hyperion" (1797/99) und anderen Quellen mit wogendem Schwarz und oft schreiendem Rot.

Die im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus vorgestellten Arbeiten umschließen zwei Vitrinen mit originalen Schriftstücken Hölderlins aus dem Bestand der Landesbibliothek. Über Zeiten und Kunstgenres hinweg vermitteln die teils erstmalig gezeigten Schriften einen authentischen Blick in die Zeit um 1800. Bei den ausgestellten Dichter-Handschriften handelt es sich um Aufzeichnungen aus dem Nachlass der Prinzessin Auguste zu Hessen-Homburg, der Hölderlin 1799 am Landgrafenhof in Homburg v. d. Höhe begegnete. Zwei Jahre zuvor war Band 1 des "Hyperion" erschienen und zu Augustes Begleiter geworden, aus dem sie zitierte. Hölderlin widmete der jungen Frau nach ihrer Begegnung eine Geburtstagsode, sah in ihrer jugendlichen Erscheinung und anspruchsvollen Lebenshaltung einen göttlichen Geist.

Jene Auguste zu Hessen-Homburg (1776-1871) war die spätere Erbgroßherzogin zu Mecklenburg-Schwerin. Ihre Lebenseinstellung prägten Pietismus und Kunstsinn. Bestärkt von den Versen Hölderlins lag es ihr anfangs fern, sich einem vorbestimmten Leben nach Stand und Geschlecht bei Hofe zu fügen. Sie sann nach Alternativen als Malerin oder Erzieherin. Für Hölderlin entsprach dies dem Bezug von Dichtung und tätigem Leben, eingebunden in den Lauf der 'Weltperioden'. "Die Kunst ist der Übergang aus der Natur zur Bildung, und der Bildung zur Natur", heißt es in einem Aphorismus, welcher der Ausstellung beiliegt.

Doch Augustes Biographie nahm andere Wege. Die Verehelichung mit Herzog Friedrich Ludwig zu Mecklenburg führte sie 1818 nach Ludwigslust. Nur anderthalb Jahre später wurde sie Witwe. Überliefert ist ihre Fürsorge um vier Stiefkinder. Doch insgeheim überdauerte auch ihre jugendliche Schwärmerei für das Werk Hölderlins. Das Umzugsgut aus Homburg v. d. Höhe barg einen Schatz: Konvolute mit Texten Hölderlins, zumeist Abschriften seiner Gedichte, aber auch zwei gefühlvolle Oden, von Hölderlin selbst notiert, und Band 2 des „Hyperion“, vom Dichter der Prinzessin mit hymnischen Worten aus dem "Gesang des Deutschen" gewidmet. "Den deutschen Frauen danket! Sie haben uns der Götterbilder Geist bewahrt."

Diese Zeilen standen für das Lebensgefühl, mit dem Auguste nach Mecklenburg aufgebrochen war, für sie "versinnlicht im Hyperion" und in Hölderlin selbst als "idealische Person". Ihre Hölderlin-Aufzeichnungen lassen sich aber auch als ein Beispiel der Literaturrezeption um 1800 lesen. Schwester Marianne (eigentlich Maria Anna Amalie), seit 1804 vermählt mit Prinz Wilhelm von Preußen, wusste um die platonische Liebe zu Hölderlin. "Ich sah auf einmal das Buch Hyperion, wie es grün eingebunden lag auf dem Fenster der Schwester Auguste, [...] die ganze Vergangenheit ging mir auf", schrieb sie 1830. Dank ihrer Vermittlung enthielt der Erstdruck von Hölderlins Gedichten (Stuttgart 1826) verschiedene Texte auch aus der Sammlung Augustes.

Die kostbarsten Stücke aber, Hölderlins vollständige "Geburtstagsode" und der "Gesang des Deutschen" in korrekter Fassung, waren nicht darunter. Sie blieben bis über den Tod hinaus ihr persönliches Geheimnis. Erst 1898 öffnete Carl Schröder, Direktor der damaligen Regierungsbibliothek, ein Päckchen mit der Aufschrift "Gedichte von Magister Hölderlin" aus dem Nachlass der 1871 verstorbenen Erbgroßherzogin Auguste. Dieses enthielt neben 34 Gedichtabschriften die z.T. noch unbekannten Oden, notiert von Hölderlins Hand, und das Auguste zugeeignete Exemplar des Briefromans "Hyperion oder der Eremit in Griechenland", Bd. 2 von 1799. Auch Hölderlins unbekannter Aphorismus über "Dichter und Kunst" wurde als Entdeckung gefeiert. Alle vier Schriftstücke werden jetzt in der Ausstellung "Zu Hölderlin. Zeichnungen von Udo Rathke" bis 9. Oktober 2022 gezeigt.

Begleitbuch zur Ausstellung