Moby Book - Wal und Buch
Aus aktuellem Anlass des „Welttag des Buches“
„Books are like a window onto another world – with each new page, they introduce us to new people, new cultures and new ideas“, so schreibt es die UNESCO anlässlich des Welttages des Buches, der jährlich am 23. April weltweit stattfindet. Das Datum ist symbolisch: an diesem Tag, vor genau 410 Tagen, starben, so will es die Überlieferung, Miguel de Cervantes und William Shakespeare, wobei es der britische Dramatiker schaffte, zehn Tage später das Zeitliche zu segnen, in England galt noch der alte julianische Kalender. Shakespeare wiederum wurde am 26. April 1564 getauft, so dass man nach der 3-Tages-Regel zwischen Geburt und Taufe vermutet, dass die Geburt am 23. April gewesen sein könnte. Und der katalanischen Tradition zufolge schenkt man sich am Tag des heiligen Georgs Rosen und Bücher. Gewiss ist, dass Halldór Laxness, Literaturnobelpreisträger von 1955, an diesem Tage 1902 geboren wurde, ebenso wie der Dichter Friedrich von Hagedorn (1708). Der Welttag des Buches stellt, wie die UNESCO schreibt, die „power of books as a bridge between generations and across cultures“ in den Mittelpunkt – ein weltweiter Feiertag für das Buch und das Lesen und die Rechte der Autor*innen.
Um den aktuellen Anlass aktuell zu nutzen, haben wir uns auf die Spurensuche in den Bücherregalen der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern Günther Uecker gemacht und haben gesucht, geblättert, im Discovery-Suchportal recherchiert, in den großen historischen Sammlungen und der aktuellen Literatur, in der Landesbibliographie und Datenbanken: nach Walen. Denn nicht erst seit wenigen Tagen ist der Wal ein Tier, das an den Küsten Mecklenburg-Vorpommerns auflief. Die Regale der Landesbibliothek sind randvoll mit Mecklenburg-Vorpommern – und damit auch mit Berichten und Büchern über den Wal. Denn die Landesbibliothek ist nicht nur eine der größten wissenschaftlichen Bibliotheken und zentralen Informationsinfrastrukturen des Landes, sondern auch eine der ältesten Einrichtungen in Schwerin und hat umfangreiche historische Bücherbestände gesammelt und übernommen. 1779 als Herzogliche Regierungsbibliothek gegründet ist die Landesbibliothek heute als eine Abteilung des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege damit betraut, das gedruckte schriftliche Erbe Mecklenburg-Vorpommerns zu sichern. In den Regalen dieser Bibliothek werden die aktuellen Druckwerke aus Mecklenburg-Vorpommern gesammelt, erschlossen und für die Zukunft archiviert. Laut Landesgesetz und Verordnung über die Ablieferung von Druckwerken sind alle Druckerzeugnisse, die in Mecklenburg-Vorpommern verlegt werden, binnen eines Monats nach Erscheinen kostenfrei an die Landesbibliothek abzuliefern. Titel über Mecklenburg-Vorpommern, die außerhalb des Bundeslandes erscheinen, erwirbt die Landesbibliothek. Und so tummeln sich neben historischen Karten und Musikwerken, alten Drucken, Inkunabeln und Handschriften auch moderne Zeitschriften, Sammelbände, Monographien und Bildbände, und einige davon geben uns darüber Auskunft, dass auch die Sichtung des Wales und seine Strandung eine lange Geschichte an den Küsten des heutigen Landes Mecklenburg-Vorpommern hat.
Finnwal, Zahnwal, Sowerbys-Zweizahnwahl, Schweinswal, Weißwal, Schwertwal, Delphin, Zwergwal, Buckelwal, Grönlandwal oder Orca – insgesamt 33 Sichtungen und Funde verschiedenster Wale (ausgenommen Schweinswale) konnte Gerhard Schulze 1991 für die Jahre 1365 bis 1990 für die Küsten Mecklenburg-Vorpommerns ausmachen. Eines der bekanntesten Geschehen ist die Sichtung zweier Schwertwale im Jahr 1545 im Greifswalder Bodden, von denen eines der Tiere am 30. März 1545 in Greifswald-Wiek angespült wurde. Der schwarz-weiße Wal, der zeitweilig fälschlicherweise für einen Finnwal gehalten wurde, muss fast neun Meter lang gewesen sein und war schon damals eine Sensation. In Greifswald wurde in St. Nikolai ein fast lebensgroßes Abbild des Tieres gemalt, 2009 bei Restaurierungsarbeiten wiederentdeckt, und aus der Marienkirche ist eine weitere Abbildung überliefert, wo auch Knochenreste des Tieres verwahrt wurden. Auch der Jacobikirche wird nachgesagt, eine Abbildung des Tieres aufgewiesen zu haben, das freilich theologisch als Wunder- und Schreckenszeichen gedeutet wurde. Keinem geringeren als dem Schweizer Arzt und Naturforscher Conrad Gessner dienten die Berichte über dieses Tier als Grundlage seiner naturkundlichen Beschreibung im Jahr 1558. Weniger wissenschaftlich gingen die Fischer und Finder mit dem Wal um. Das gestrandete, noch lebende Tier wurde kurzerhand erschlagen und filetiert, ganz so, wie man es üblicherweise mit einem Wal in Mangelzeiten machte: das Tier war, pragmatisch gesehen, eine Ressource für Nahrung, Fette und begehrte Materialien. Das, was übrigblieb, brachte man nach Wolgast. Ganz ähnlich erging es dem 1851 bei Neu Mukran auf Rügen gefundenen Schwertwal, wie Schulze zu berichten weiß: „Das Tier war 24 Fuß, also etwa 7,50 Meter lang. (…) Die größten Teile des Skelettes besaß zunächst der Gastwirt von Sagard. Nur Schulterblätter, Rippen und ein Zahn waren in das Greifswalder Zoologische Museum gekommen.“
Dass ein Wal zur Sensation wurde, belegt auch ein am 23. Januar 1863 in Rosenhagen gefundener Entenwal. Das Tier war durch einen heftigen Nordweststurm aufgelaufen und wurde schnell kommerzialisiert. Wie A. Japha 1908 berichtete, habe ein Arbeiter das Tier gewerbsmäßig ausgestellt: „Dieser Mann ist mit dem Tiere durchs Land gezogen und hat sich schließlich, da er mit der Polizei wegen der starken Verwesung des Kadavers in Konflikt geriet, allen Nachforschungen entzogen, die Reste dieses Wals sind wohl irgendwo vergraben.“ Logistisch dürfte das sowohl im Transport wie im Verschwindenlassen bei einer Länge von 6,28 Metern eine Herausforderung gewesen sein.
Ähnlich aufsehenerregend war der Finnwal, der im Sommer 1899 mehrfach „im Greifswalder Bodden, später im Strelasund bei Devon und Wieck gesichtet worden war“, wie André Farin in seinem Buch „Schaurig-schönes Rügen“ 2007 schrieb. Dieses „Meerungeheuer von Rügen“ beschäftigte, so Farin, „die besten Tageszeitungen im Sommer 1899 bis hin ins ferne Berlin“: „So begannen Fischer und Journalisten eine ungebändigte Jagd auf das Tier, verfolgten es tagtäglich und wagten sogar einige Schüsse auf das vermeintliche Monster“, das als „Seeschlange“ Auflage brachte. Das 14 Meter lange Tier – ein Finnwal – trieb am 14. August 1899 „tot bei Dievenow (heute Dziwnow) am östlichen Mündungsarm der Oder an (…), das zu diesem Zeitpunkt bereits stark verwest war“, so Farin weiter. Der größte „Finnwal in Rügens Nähe“ – 20 Meter Länge, verirrt vor der Binzer Bucht – strandete zwei Wochen später auf einer Sandbank in der Nähe Flensburgs, so Farin: „Die Insulaner blieben vom Spektakel diesmal verschont.“
In den Regalen der Bibliothek finden sich noch viele weitere Wale, seien es Berichte und Kontexte zur Geschichte des 1825 vor Rügen gestrandeten Finnwals, dessen Skelett heute im Kreuzgewölbe des Chores der ehemaligen Katharinenkirche im Meeresmuseum Stralsund hängt und als Artefakt den Beginn der Walforschung in Deutschland eingeläutet hat. Oder seien es Texte zur ökonomischen, künstlerischen und theologischen Verwertung der Tiere durch die Bevölkerung an der Küste und die gelehrte Welt. Selbstredend sind diese Wale in der Begleitung ihrer literarischen Artgenossen, immer im Gewand des Landes – Moby Dick tummelt sich da im Regalmeer ebenso wie das Faltblatt zu den 1991 im Kulturhistorischen Museum gezeigten „Graphischen Blättern zu Moby Dick“ des Rostocker Künstlers Armin Münch. Aber auch der Wal im Wahljahr in der Wismarer Bucht hat es schon in die Landesbibliothek geschafft. Er ist mit den Zeitungen hineingeschwappt. Bekanntlich sammelt die Landesbibliothek die Druckwerke aus Mecklenburg-Vorpommern und damit auch jede Tageszeitung des Landes. Tagtäglich. In der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern als Gedächtniseinrichtung und als moderne Informationsinfrastruktur.
Und somit wünscht die Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern einen schönen Welttag des Buches!
Der überaus lesenswerte Beitrag von Gerhard Schulze unter dem Titel „Wale an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern“ erschien 1991 im Band 7 „Meer und Museum“ in der Schriftenreihe des Meeresmuseums Stralsund und kann in der Landesbibliothek unter Signatur 17 B 107,7 a ausgeliehen werden. André Farins Beitrag zum „Meerungeheuer von Rügen“ findet sich in André Farins „Schaurig-schönes Rügen. Von Steinzangern, Schatzsuchern und schießenden Jungfrauen“, Putbus 2007. Er kann unter der Signatur 43 A 699 a ausgeliehen werden und steht im Präsenzbestand der Sammlung Landeskunde unter der Signatur 15.47 O Rüge = 43 A 699.
Noch einfacher geht es, wenn man diesem Link auf das Discovery-System der Landesbibliothek folgt und den Suchbegriff seiner Wahl eingibt – am Welttag des Buches lohnt sich immer ein Blick zwischen zwei Seiten, sei es physisch oder digital.
Text: Matthias Wehry