Fund des Monats Januar 2026

Ein mittelalterlicher Bärenzahn aus Rostock

Seit Jahrtausenden gilt der Bär wegen seiner Stärke und der im aufgerichteten Stand menschenähnlichen Statur als eindrucksvoller und gefährlicher, aber auch kultisch zu verehrender Widerpart (u.a. Pacher 1997) jagender und Höhlen aufsuchender Menschen. Heute leben Braunbären (Ursus arctos) in Mecklenburg-Vorpommern im Bärenwald Müritz in Stuer und Eisbären (Ursus maritimus) im Rostocker Zoo. In freier Wildbahn sind Braunbären nicht anzutreffen, sie sind schon seit Jahrhunderten aus freier Wildbahn verschwunden. Ihre vormalige Anwesenheit in unseren Breiten ist durch Knochenfunde beim Torfabbau (Boll 1868) und archäologische Grabungsfunde belegt. So fanden sich u.a. elf durchlochte Bärenkrallen in einem als Urne genutzten Bronzekessel auf dem kaiserzeitlichen Bestattungsplatz von Parum (Lkr. Ludwigslust-Parchim) und Knochenreste bis in slawische Zeit (Zusammenstellung weiterer Funde: Lehmkuhl 1987). Zuletzt berichtete Norbert Benecke über entsprechende Knochenfunde in spätslawischen Siedlungen in Vorpommern (Benecke 2005, Benecke & Klammt 2007). Eine Übersicht zur Verbreitung des Braunbären im norddeutschen Flachland während der letzten 15.000 Jahre gab kürzlich Ulrich Schmölcke (2023).

Abbildung 1: Hansestadt Rostock, Flurbezirk 1, Fpl. 541, Befund 220: Rechter oberer Eckzahn eines Braunbären (Ursus arctos), Mitte 13. Jahrhundert.Details anzeigen
Abbildung 1: Hansestadt Rostock, Flurbezirk 1, Fpl. 541, Befund 220: Rechter oberer Eckzahn eines Braunbären (Ursus arctos), Mitte 13. Jahrhundert.

Abbildung 1: Hansestadt Rostock, Flurbezirk 1, Fpl. 541, Befund 220: Rechter oberer Eckzahn eines Braunbären (Ursus arctos), Mitte 13. Jahrhundert.

Abbildung 1: Hansestadt Rostock, Flurbezirk 1, Fpl. 541, Befund 220: Rechter oberer Eckzahn eines Braunbären (Ursus arctos), Mitte 13. Jahrhundert.

Es wird angenommen, dass die Braunbären noch lange in den dichten Wäldern gelebt haben, bevor sie durch den Menschen als Nahrungs- und Siedlungskonkurrenten ausgerottet wurden. Der Zeitraum ihres Verschwindens aus Mecklenburg und Pommern ist indes ungewiss. Zwar gibt es aus dem 18. Jahrhundert Meldungen von erlegten Bären, diese sollen aber aus Polen in das nach den Kriegen des 17. und 18. Jahrhunderts verwüstete Norddeutschland eingewandert sein (Schmidt 1856, Boll 1868, von Maack 1869). Die fehlende Erwähnung von Bären in den alten Landesbeschreibungen lässt Ernst Boll vermuten, dass sie „schon sehr frühzeitig“ ausgerottet wurden, verweist aber auf slawische Ortsnamen wie Medewege = Medewede (medwed slaw. Bär), die die Anwesenheit von Braunbären zu dieser Zeit nahelegen.

Bei den durch die Grabungsfirma AIM-V (Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern GmbH) im Auftrag des Eigenbetriebes Kommunale Objektverwaltung (KOE) durchgeführten archäologischen Untersuchungen für den Rathausanbau der Hansestadt Rostock ist ein Eckzahn eines Braunbären geborgen worden (Abb. 1), der Licht auf die letzten Tage der Braunbären in Mecklenburg-Vorpommern wirft. Der Zahn stammt aus einer Grube (Befund 220) mit Fundmaterial aus der Mitte bis zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts (u.a. größere Mengen Keramikscherben der Grauen Irdenware, wenigen Scherben außenglasierter Roter Irdenware, Kannen mit Wellenfuß, Wetzsteine aus norwegischem Glimmerquarzit). Eine zeitliche Einstufung in den Übergang vom Keramikhorizont C1 zu C2 (um 1260/70) ist wahrscheinlich.

Der 8 cm lange Zahn, vermutlich ein rechter oberer Eckzahn, liegt in zwei entlang des etwa 3 mm durchmessenden Nervkanals zerbrochenen Hälften vor, Zahnbein und Dentin sind korrodiert und Teile der Zahnspitze wohl schon alt weggebrochen.

Der Zahn kann als authentischer Beleg eines Jagdtieres angesehen werden, das um die Mitte des 13. Jahrhunderts in den noch dichten Wäldern um Rostock lebte. Mit der fortschreitenden Stadtentwicklung und dem damit verbundenen immensen Holzbedarf (Westphal 2002, Heußner 2005) sowie den Rodungen für die Gewinnung von landwirtschaftlichen Flächen verschwanden bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts die dichten Urwälder Mecklenburgs und von Teilen Pommerns und damit der Lebensraum der Braunbären. Der Flächenverbrauch und die intensive Nutzung der Landschaft ließen nur noch eine sporadische Zuwanderung der Tiere aus dem Osten ohne beständige Wiederansiedelung zu.

Ein weiterer, bisher wenig beachteter Eckzahn eines Braunbären wurde bei einer Ausgrabung des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern in Greifswald an der Löfflerstraße (Fpl. 197) entdeckt. Dieser kam zu einem wenig späteren Zeitpunkt als der Rostocker Bärenzahn, nämlich im Keramikhorizont D (um 1300), in einer Gerberloheschicht zur Ablagerung (Schäfer 2014) und unterstreicht das oben Gesagte.

Dr. Jörg Ansorge

Literatur

Benecke, N. (2005): Die Tierreste. In: G. Mangelsdorf, N. Benecke & F. Biermann, Untersuchungen zum frühgeschichtlichen Wirtschafts- und Herrschaftszentrum Usedom II: Die spätslawische Siedlung am Priesterkamp. Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 52, für 2004, 493-508.

Benecke, N. & A. Klammt (2007): Eisen und Knochen - Funde zur spätslawischen Wirtschaft in offenen Siedlungen Vorpommerns. In: G. H. Jeute, J. Schneeweiß, & C. Theune (Hg.), aedificatio terrae. Beiträge zur Umwelt- und Siedlungsarchäologie Mitteleuropas. Festschrift für Eike Gringmuth-Dallmer zum 65. Geburtstag (Internationale Archäologie, Studia honoraria 26), Rahden/Westf., 55-62. Bonn.

Boll, E. (1868): Beiträge zur Geognosie Mecklenburgs mit besonderer Berücksichtigung der Nachbarländer. Archiv des Vereins der Freunde der Naturgeschichte in Mecklenburg, 21, 15-120.

Heußner, K. U. (2005): Dendrochronologie und Stadtgeschichte In: H. Jöns, F. Lüth & H. Schäfer (Hg.), Archäologie unter dem Straßenpflaster. 15 Jahre Stadtkernarchäologie in Mecklenburg-Vorpommern. Schwerin. S. 33-36

Lehmkuhl, U. (1987): Bärenkrallen aus einem Bronzekessel von Parum, Kr. Hagenow. Ausgrabungen und Funde 32 (3), 106-110.

von Maack, P. H. K. (1869): Urgeschichte des Schleswigholsteinischen Landes. Theil 1. Das urgeschichtliche Schleswigholsteinische Land. 2. stark vermehrte Auflage, 167 S. Kiel.

Pacher, M. (1997): Der Höhlenbärenkult aus ethnologischer Sicht. Wissenschaftliche Mitteilungen des Niederösterreichischen Landesmuseums, 10, 251-357.

Schäfer, C. (2014): Bericht über die Ergebnisse der archäologischen Ausgrabung in Greifswald Fundplatz 197 Friedrich-Loeffler-Straße 23, Unicampus, Neubau des Hörsaales 2013/2014. Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern.

Schmidt, Th. (1856): Zur naturgeschichtlichen Statistik der in Pommern ausgerotteten Säugethiere. (Jubelschrift zur vierhundertjährigen Stiftungsfeier der Universität Greifswald). 100 S. Stettin.

Schmölcke, U. (2023): The history of the brown bear (Ursus arctos L.) in the northern German lowlands. In: Oliver Grimm (Hg.), Bear and Human: Facets of a Multi-Layered Relationship from Past to Recent Times, with Emphasis on Northern Europe. Turnhout: Brepols, 265–290.

Westphal, Th., (2002): Frühe Stadtentwicklung zwischen mittlerer Elbe und unterer Oder zwischen ca. 1150 und 1300 aufgrund der dendrochronologischen Daten. Mit einem Beitrag zur dendrochronologischen Untersuchung frühmittelalterlicher Burgwälle der Niederlausitz. Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie (UPA), Bd. 86, 194 S. Bonn.

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