Fund des Monats Juli 2019

Versteinertes Eis – Eine Bergkristallfibel aus Vipperow, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, und ein Schmuckstein aus Gramzow, Lkr. Vorpommern-Greifswald

Abb. 1: Vipperow, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Fpl. 1. Die sehr gut erhaltene Bergkristallfibel (Länge 3,9 cm, Breite 2,9 cm) stellt ein außergewöhnliches Schmuckstück dar, das von einer sozial hoch gestellten Persönlichkeit getragen wurde.Details anzeigen
Abb. 1: Vipperow, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Fpl. 1. Die sehr gut erhaltene Bergkristallfibel (Länge 3,9 cm, Breite 2,9 cm) stellt ein außergewöhnliches Schmuckstück dar, das von einer sozial hoch gestellten Persönlichkeit getragen wurde.

Abb. 1: Vipperow, Lkr. Meck­len­bur­gische Seen­plat­te, Fpl. 1. Die sehr gut er­hal­ten­e Berg­kris­tall­fi­bel (Länge 3,9 cm, Breite 2,9 cm) stellt ein auß­er­ge­wöhn­liches Schmuck­stück dar, das von einer so­zial hoch ge­stel­lten Per­sön­lich­keit ge­tra­gen wur­de.

Abb. 1: Vipperow, Lkr. Meck­len­bur­gische Seen­plat­te, Fpl. 1. Die sehr gut er­hal­ten­e Berg­kris­tall­fi­bel (Länge 3,9 cm, Breite 2,9 cm) stellt ein auß­er­ge­wöhn­liches Schmuck­stück dar, das von einer so­zial hoch ge­stel­lten Per­sön­lich­keit ge­tra­gen wur­de.

Durch den trockenen Sommer des Jahres 2018 lag der Wasserspiegel der Müritz auch im Januar 2019 noch deutlich niedriger als in den Vorjahren. Die ehrenamtliche Bodendenkmalpflegerin Ina Grosser nutzte die Gelegenheit, um Teile der Burgwallinsel Vipperow, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, zu begehen, die sonst unter Wasser liegen.

Dabei entdeckte sie mit dem Metalldetektor eine vollständige Bergkristallfibel (Abb. 1). Der Stein hat einen hohen Mittelgrat mit leicht nach außen gewölbten Seiten. Die ovale Fassung aus Silber ist am Rande geperlt und hat an den Längsseiten je zwei dreieckige Zangen, deren Oberflächen mit imitierter (gegossener oder getriebener) Granulation verziert sind und dem Stein mit dem schwachen Mittelgrat auf der Schauseite zusätzlich Halt in der Fassung geben. Auf der Rückseite ist die einfache, quer zur Längsrichtung der Fibel aufgelötete U-förmige Halterung mit Nadel und Rast aus Blech erhalten. Außerdem ist an einer Schmalseite eine Öse aufgesetzt, die aus der Fibel einen Anhänger machte oder als Halterung für einen angehängten Kettenschmuck bzw. einen Anhänger dienen konnte. Der Fundort, die Inselburg von Vipperow, ist in den schriftlichen Quellen von 1178 namentlich als „Vepro“ genannt und war vermutlich Mittelpunkt der „terra Viprowe“. Das bisher bekannte Fundmaterial spricht für ein am Handel und politischen Geschehen des 12. Jahrhunderts beteiligtes Zentrum, vielleicht sogar einen Adelssitz.

Gefasste Bergkristalle des westslawischen Kulturraumes sind zuletzt durch M. Müller-Wille unter dem Thema „Prachtfibeln“ behandelt worden1. Aus Mecklenburg kannten wir bisher nur zwei solcher Schmuckstücke (Abb. 2), die aus einem in silberner Fassung eingefügten Bergkristall bestehen. Sie stammen aus der Burg Dobin (Flessenow, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Fpl. 1) und aus einem Körpergrab (Werle, Lkr. Rostock, Fpl. 14) in der Nähe der Burg Werle; beide werden in das 11.-12. Jahrhundert datiert. Die Verbreitung der Bergkristallfibeln reicht vom nördlichen Mitteleuropa über das nordwestliche Europa bis nach Finnland2. Die wohl einzeln getragenen und in einer Gesamtzahl von 20 Exemplaren bekannten Fibeln scheinen in einem Zusammenhang mit den Eliten ihrer Zeit zu stehen. Zumindest deuten die Fundorte wie Burgen, frühstädtische Siedlungen oder Adelshöfe und der Fundkontext (u.a. als Teil reicher Grabausstattungen) in vielen Fällen darauf hin. Von der Insel Gotland sind runde, aber auch bikonvex linsenförmig geschliffene Bergkristalle überliefert, denen optische Funktionen, z.B. als Vergrößerungsgläser, unterstellt werden3. Die Technik der Fassung des Kristalls von Vipperow repräsentiert eine vergleichsweise kleine Gruppe, wie sie ansonsten nur bei gefassten Bergkristallen (Anhängern und Linsen) Gotlands auftreten und dort in das 11. Jahrhundert datiert werden. Die dreieckigen, zangenförmigen Halterungen sind mit echtem oder imitiertem Granulat verziert. Es spricht also einiges dafür, dass die Vipperower Fibel sogar aus einer gotländischen Werkstatt stammt.

Bergkristall hat seinen Namensursprung in der Antike: in Griechenland trug er den Namen κρύσταλλος (sprich: krýstallos), wobei κρύος (sprich. krýos), soviel wie Eiseskälte, Frost oder Eis bedeutete. Die Entstehung der Steine führte man auf sehr starke Kälte im Erdinneren zurück und glaubte, später habe der Stein deswegen nicht mehr auftauen können. Als Schmuckstein ist Bergkristall schon in römischer Zeit beliebt gewesen, doch finden sich durchlochte Perlen unterschiedlicher Form und Anhänger mit geschliffenen Kristallen besonders seit der Merowingerzeit im mittel- und nordeuropäischen Frühmittelalter. Zudem fanden geschliffene Bergkristalle als Schmucksteine in der christlichen Kunst vielfältige Verwendung. Hoch- und spätmittelalterliche Schriftquellen zeigen außerdem, welche Spannbreite der Bedeutungen Bergkristall als Symbol, Metapher und als angewandtes Mittel mit seinen ihm zugebilligten Kräften auch in der medizinischen Praxis hatte. Man wird davon ausgehen dürfen, dass auch den Träger(inne)n der vorgestellten Fibeln wenigstens einige der genannten Eigenschaften des Bergkristalls geläufig waren.

Die Herkunftsgebiete dieses Halbedelsteins lagen damals in den Alpen, wahrscheinlich im Kaukasus und in Persien. Über seinen materiellen Wert im früh- und hochmittelalterlichen, nördlichen Mitteleuropa können wir nur spekulieren. Immerhin ist für die als Kettenschmuck getragenen Glasperlen in wenigen schriftlichen Quellen der Gegenwert in islamischen Silberdirhams überliefert: er lag für eine grüne Perle beim Gegenwert eines silbernen Dirham, also knapp 2-3 g Silber4. Deutlich höher muss also der Wert der Schmucksteine anzunehmen sein, da sie naturgemäß viel seltener und größer waren als die in großer Zahl variantenreich fabrizierten Glasperlen.

Die Fibel von Vipperow ist nicht der einzige Neufund eines geschliffenen Bergkristalls in Mecklenburg-Vorpommern. Im Rahmen systematischer Feldbegehungen hat der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Karl Rausch südlich der Peene im Raum Gützkow in mehreren Gemarkungen spätslawische Siedlungsplätze entdeckt. Zu diesen Plätzen gehört auch Gramzow Fpl. 9, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Hier entdeckte er im Sommer 2018 einen ovalen, vollständig geschliffenen, glasklaren Bergkristall (Abb. 3), dessen Oberseite deutlich halbrund gewölbt ist, während die Unterseite nur eine sehr dezente Wölbung erkennen lässt. Umlaufend ist eine randliche Facette vorhanden, die wohl die Befestigung in einer Fassung erleichtern sollte. Der vorliegende Schmuckstein stellt in seiner Form die Veredelung eines Naturstücks mittels Cabochon-Schliff dar. Dieser einfache Schliff wird insbesondere für Steine angewandt, die später in eine Fassung eingesetzt werden sollen. Bei so unregelmäßigem Schliff von Hand, wie er beim Gramzower Stück vorliegt, spricht man auch von gemugelten Steinen.

Warum ist nun der Gramzower Stein quasi „nackt“, also ohne Fassung, überliefert? Möglich wäre natürlich, dass er irgendwann unbemerkt aus der Fassung einer Fibel oder Anhängers fiel oder einfach nur weiterverarbeitet werden sollte. Eine weitere, spekulative Erklärung für sein unerwartetes Auftreten in einer ländlichen Siedlung, abseits der damaligen Zentren, mag aber erlaubt sein. Bergkristalle sind in geschliffener, vor allem ovaler Form, als Schmucksteine in großer Zahl an kirchlichen Ausstattungsstücken des früh- und hochmittelalterlichen Europas überliefert. Besonders zahlreich sind sie als Schmucksteine in der ottonischen und salischen Kunst an Prachtkruzifixen, Reliquiaren sowie auf den Prachteinbänden von Evangeliaren, Psalmbüchern u.ä. verarbeitet worden. Die slawischen Stämme des Lutizenbundes und ihrer Verbündeten, ein dem Christentum mehr als nur ablehnend gegenüberstehenden Stammesverbund der Westslawen, hielten lange an ihren traditionellen, religiösen Grundanschauungen fest. Am Beginn dieses Bundes stand im Jahr 983 sogar die direkte kriegerische Konfrontation mit den im 10. Jahrhundert bereits in den Nachbargebieten erstarkten christlichen Bistümern. War zunächst im Jahr 983 das Bistum Havelberg Ziel der Aufständischen, gelangten die slawischen Krieger schließlich bis weit in die Hamburger Diözese (u.a. im Jahr 1066) hinein. Diese Kriegszüge waren nicht allein auf die Zerstörung der kirchlichen Strukturen ausgerichtet, sondern auch auf materielle Beute und Menschenraub für Lösegeldzahlungen und Sklavenhandel. In den letzten Jahren mehren sich im Fundmaterial slawischer Siedlungen in Mecklenburg und Vorpommern Anzeichen dafür, dass kirchliches Sachgut auf diesem Weg aus seinem ursprünglichen Nutzungskontext heraus in den slawischen Kulturraum gelangte.

Dr. Michael Schirren


1 M. Müller-Wille: Zur Fundüberlieferung mittelalterlicher Prachtfibeln. In: F. Biermann, U. Müller und Th. Terberger (Hrsg.), „Die Dinge beobachten…“ Archäologische und historische Forschungen zur frühen Geschichte Mittel-und Nordeuropas. Festschrift für Günter Mangelsdorf zum 60. Geburtstag. Archäologie und Geschichte im Ostseeraum 2 / Archaeology and History of the Baltic 2 (Rahden/Westfalen 2008) 457–471.

M. Müller-Wille: Zwei Bergkristallfibeln aus Mecklenburg-Vorpommern. Germania 83, 2005, 373-385.

2 Anne Birgitte Sørensen: Ein Prachtfund aus der mittelalterlichen Siedlung Østergård bei Hyrup in Sønderjylland, Dänemark. Germania 2005, 337-371 (Insbesondere Karte 9 und Fundliste 1).

3 Olaf Schmidt, Karl-Heinz Wilms, Bernd Lingelbach: The Visby Lenses. In: Optometry and Vision Science. Band 76, Nr. 9, September 1999, 624–639.

4 Joachim Herrmann u.a., Wikinger und Slawen. Zur Frühgeschichte der Ostseevölker (Berlin 1982), 106.

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