Fund des Monats Juni 2020

Enten zahlen sich aus… oder: Onkel Dagobert zu Besuch

Abb. 1: Tutow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Drei islamische, z. T. zerhackte Silbermünzen des frühen 9. Jh. Als Prüfmarken sind teilweise Schnitte auf der Münzoberfläche erkennbar.Details anzeigen
Abb. 1: Tutow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Drei islamische, z. T. zerhackte Silbermünzen des frühen 9. Jh. Als Prüfmarken sind teilweise Schnitte auf der Münzoberfläche erkennbar.

Abb. 1: Tutow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Drei islamische, z. T. zerhackte Silbermünzen des frühen 9. Jh. Als Prüfmarken sind teilweise Schnitte auf der Münzoberfläche erkennbar.

Abb. 1: Tutow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Drei islamische, z. T. zerhackte Silbermünzen des frühen 9. Jh. Als Prüfmarken sind teilweise Schnitte auf der Münzoberfläche erkennbar.

Bekanntlich sind Friseursalons traditionell wichtige Orte der Kommunikation, hier ist Zeit zum Austausch von Neuigkeiten und kleinen Schwätzchen1. So ist es auch in dem kleinen Ort Tutow bei Jarmen, der südlich des Flusses Peene liegt. Hier im Westen des Landkreis Vorpommern-Greifswald ist Monique Wüstenberg im "Salon Romy" mit dem Waschen, Schneiden und Legen beschäftigt. Dem ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger Mike Mähl aus Kartlow, der auch zu ihren zufriedenen Kunden gehört, erzählte sie beim Haareschneiden jüngst eine fast unglaubliche Geschichte.2

Wie viele Landbewohner haben auch die Wüstenbergs bei sich zu Hause Nutztiere, darunter Enten. Die werden übers Jahr gefüttert und auf einer Wiese hinterm Haus gemästet, um schließlich die Familie als knusprig-leckerer Festtagsbraten zu erfreuen. Zur Ausstattung einer Entenaufzucht gehört neben viel Auslauf, grünem Gras und kräftiger Körnernahrung natürlich auch Wasser. In einer regelmäßig gefüllten Schüssel baden sich die Tiere, trinken und seihen mit ihren Schnäbeln aufsammelte Erde nach Futterresten durch. Und in eben dieser Schüssel fand Frau Wüstenberg beim Wasserwechseln eines Tages eine blanke, fast vollständige silberne Münze in Größe eines 2 Euro-Stücks. Die Enten mussten das Stück aufgesammelt, im Wasser gewaschen und dann als ungenießbar verworfen haben. Allerdings konnte Frau Wüstenberg mit der merkwürdigen Schrift auf der Münze wenig anfangen. Da sie aber von Mike Mähls Engagement als ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger wusste, präsentierte sie ihm das bemerkenswerte Fundobjekt. Dieser wiederum erkannte sofort einen im frühmittelalterlichen, islamischen Raum geprägten Silberdirham und übergab ihn zur weiteren wissenschaftlichen Bearbeitung zeitnah dem zuständigen Dezernenten beim Landesamt für Kultur und Denkmalpflege3.

Umgehend wurden dann Fotos der Münze an Dr. Lutz Ilisch (Tübingen), den Experten für islamische Numismatik in Deutschland und langjährigen wissenschaftlichen Partner der Landesarchäologie in Mecklenburg-Vorpommern, weitergeleitet. Zwar war just die Zahl des Prägejahres ausgebrochen, doch gaben die erhaltenen Inschriften genaue Anhaltspunkte für die Bestimmung von Herkunft und Alter. Es handelt sich um einen silbernen Dirham aus der Zeit der Dynastie der Abbasiden unter der Herrschaft des Kalifen al-Ma'mûn. Nach dem islamischen Kalender herrschte dieser Kalif in der Zeit 195-218 der Hedschra (abgekürzt: H), die sich auf den Auszug des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina im Jahr 622 n. Chr. bezieht. Nach christlicher Zeitrechnung entspricht das Prägedatum der Münze der Zeit zwischen 810 und 833 n. Chr. Der Dirham ist eine Typenvariante von Prägungen mit Titel des Wesirs al-Fadl, welche genau in das Jahr 205 H./820-821 n. Chr. datiert werden kann. Als Münzstätte ist Samarqand im Nordosten des heutigen Usbekistan genannt. Somit hat diese Münze einen Weg von mindestens 4200 Kilometern Luftlinie hinter sich, der in Anbetracht der damaligen Handelswege über die Wolga in den Ostseeraum aber realistisch bei rund 5000 Kilometern anzusetzen sein dürfte. Auf der Münze selbst sind feine Einschnitte erkennbar, wie von einem scharfen Messer verursacht. Sie sind wohl als Prüfmarken skeptischer Zwischenhändler, z.B. im Wolgagebiet bzw. bei den Khazaren, anzusehen, die auf diese Weise die Echtheit der Münzen prüfen wollten. Denn es war wohl auch üblich, Silbermünzen mit einem Kupferkern (und damit de facto als Falschgeld) auf den Markt zu bringen.

Geprägtes Münzsilber aus dem islamischen Raum tritt im wikingerzeitlichen Skandinavien und bei ihren südlichen Nachbarn, den Slawen, seit dem späten 8. Jh. n. Chr. vermehrt und in großen Mengen auf. Es zeugt von den weit reichenden Handelsverbindungen zwischen Europa und dem Orient. Verwendet wurden Münzen und Schmuck als sogenanntes Hacksilber. Dieses Silber wurde nicht nach Münzen abgezählt, sondern unter Einschluss von zerschnittenen und zerbrochenem Edelmetall gewogen, so wie das auch in den Herkunftsgebieten der arabischen Münzen seit etwa 800 gehandhabt wurde. In Nord- und Nordosteuropa dauerte diese Handhabung von wahlweise gezähltem oder gewogenem Geld fast bis in die Zeit um 1200. Erst im Verlauf des späten 12. Jh. wird sie bei den Westslawen allmählich von einer Münzgeldwährung abgelöst. Bis dahin gehörten Feinwaagen und Gewichtssätze zur Standardausstattung von Gewerbetreibenden. Islamische Münzen des späten 8. bis in das fortgeschrittene 10. Jh. sind auch im Peeneraum als Streufunde auf Siedlungen und in einigen Schatzfunden keine Seltenheit. Besondere Bekanntheit erlangte 2010 der von der Landesarchäologie geborgene Schatzfund von Anklam aus dem frühen 9. Jhd.4, der hauptsächlich aus Dirhams bestand. Andere in den letzten Jahren geborgene Hacksilberschätze stammen unter anderem aus Drewelow5 und Görke6, Lkr. Vorpommern-Greifswald.

Abb. 2: Tutow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Die Flugenten an der Fundstelle der Silbermünzen mit dem Wassertopf (oben links) , in dem die erste Münze entdeckt wurde. Details anzeigen
Abb. 2: Tutow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Die Flugenten an der Fundstelle der Silbermünzen mit dem Wassertopf (oben links) , in dem die erste Münze entdeckt wurde.

Abb. 2: Tutow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Die Flugenten an der Fundstelle der Silbermünzen mit dem Wassertopf (oben links), in dem die erste Münze entdeckt wurde.

Abb. 2: Tutow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Die Flugenten an der Fundstelle der Silbermünzen mit dem Wassertopf (oben links), in dem die erste Münze entdeckt wurde.

Doch warum kommt ein Dirham in eine Entenschüssel in Tutow? Der berühmte Entenonkel und Millionär Dagobert, der bekannter Maßen mit Geld um sich wirft, wurde hier bisher nicht gesichtet. Mike Mähl ging der Sache im November 2019 also auf den Grund und führte eine systematische Begehung der Umgebung der Fundstelle durch. Überraschend dicht neben der Schüssel entdeckte er ein weiteres Dirhamfragment und auch auf dem Nachbargrundstück wurde er fündig. Die Bestimmungen durch Dr. Ilisch ergaben für diese beiden Stücke Folgendes: Ein Dirhamfragment wurde zur Zeit der Abbasiden geprägt, mit typischen Prägeschwächen der nordafrikanischen Dirhams (vermutlich vom Typ der Dirhams des Muhallabidengouverneurs Yazîd ibn Hâtim oder zu deren Nachahmungen gehörend), eventuell im westlichen Maghrib außerhalb des Abbasidenkalifats entstanden, jedenfalls in den letzten Jahrzehnten des 8. Jhd. Und das zweite Dirhamfragment stammt aus der Zeit des Abbassidenkalifats, geprägt unter dem Kalifat des Hârûn ar-Rashîd durch al-Ma'mûn als 2. nachfolgender Kronprinz und des Gouverneurs von Khorasan 'Alî ibn 'Isâ ibn Mâhân. Es kann auf 189 H. = 805 n. Chr. Geb. datiert werden und die Münzstätte ist Madînat Balkh beim heutigen Mazar-i Sharif in Nordafghanistan. Während also zwei Münzen aus dem Osten des riesigen Kalifats nach Tutow kamen, wurde ein später fragmentierter Dirham am Westrand des Kalifats, und zwar auf dem Gebiet des heutigen Marokko oder Algerien, geprägt. Wenn diese Münze zusammen mit den beiden Stücken aus Sa marqand und Balkh über die Ostsee den Peeneraum erreichte, dann hat allein dieses unscheinbare Bruchstück Silber rund 11.000 Kilometer Wegstrecke hinter sich. Es ist damit ein anschauliches Beispiel des Münzumlaufs und Handels im Kalifat bis in das frühmittelalterliche Nord- und Nordosteuropa!

Die Fundlage der Münzfragmente insgesamt ist wohl weniger zufällig als zunächst angenommen. Denn in nur 160 m Entfernung liegt der alt- und mittelslawische Burgwall von Tutow, eine mit Wällen gesicherte Anlage von rund 1,5 Hektar Innenfläche. Die Streuung der Dirhamfunde auf einer breiten Geländezunge im heute mit Eigenheimen bebauten Vorfeld der Burg spricht für eine ehemalige Siedlung an dieser Stelle. Hier dürfte das Silber als Zahlungsmittel bei Kauf- und Verkauf von Waren aller Art im Umlauf gewesen sein, bevor es dann verloren ging und 1200 Jahre später von den Enten der Familie Wüstenberg wiedergefunden wurden. Die Entenaufzucht in Tutow zahlt sich also nicht nur wegen der leckeren Braten, sondern auch wegen des archäologischen Erkenntnisgewinns aus.

Dr. C. Michael Schirren


1 Die Schilderung bezieht sich auf die Zeit vor Ausbruch der Corona-Pandemie.

2 Dieser Titel geht auf die spontane Bemerkung von Dr. Lutz Ilisch (Tübingen) zurück, als er von der Fundgeschichte erfuhr. Ihm sei an dieser Stelle für die Erlaubnis zur Veröffentlichung sowie für die ausführliche und zeitnahe Bestimmung herzlich gedankt.

3 Tutow Fpl. 15, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Inv.-Nr. ALM 2019/277,1-3

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