Fund des Monats April 2026

Aus Avignon nach Usedom. Ein Bleisiegel des Papstes Johannes XXII. aus Krummin, Lkr. Vorpommern-Greifswald

Abb. 1: Krummin, Lkr. Vorpommern Greifswald, Fpl. 26 (oberer Reihe) und Hansestadt Greifswald, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 212 (untere Reihe), päpstliche Siegel Johannes XXII. Details anzeigen
Abb. 1: Krummin, Lkr. Vorpommern Greifswald, Fpl. 26 (oberer Reihe) und Hansestadt Greifswald, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 212 (untere Reihe), päpstliche Siegel Johannes XXII.

Abb. 1: Krummin, Lkr. Vorpommern Greifswald, Fpl. 26 (oberer Reihe) und Hansestadt Greifswald, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 212 (untere Reihe), päpstliche Siegel Johannes XXII.

Abb. 1: Krummin, Lkr. Vorpommern Greifswald, Fpl. 26 (oberer Reihe) und Hansestadt Greifswald, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 212 (untere Reihe), päpstliche Siegel Johannes XXII.

Am 19. Oktober 2025 sind die beiden ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger Martin Laue und Christian Blumenthal auf einem Acker westlich des Dorfes Krummin auf Usedom unterwegs. Sie finden ein scheibenförmiges Bleiobjekt (Abb. 1 oben). Schemenhaft ist auf beiden Seiten Schrift erkennbar, dazu auf einer Seite zwei Männerköpfe. Nach vorsichtiger Reinigung zu Hause wird mehr erkennbar: Die Vorderseite zeigt eine dreizeilige Inschrift im Perlkreis „JOHA NNES PP XXII“ und rückseitig im Perlkreis sind zwei bärtige Köpfe mit Überschrift S PA S PE zu sehen. Quer durch die Bleischeibe verläuft eine Durchlochung.

Sofortige Recherchen im Internet führen dann zur Gewissheit: es handelt sich um ein päpstliches Siegel beziehungsweise eine sogenannte „Bulla“ (lateinisch Bleisiegel) unter dem Episkopat Papst Johannes XXII. (geboren 1234 oder 1239 unter dem bürgerlichen Namen Jakob von Cahors), also aus dem Zeitraum zwischen 1316-1334. Er war bei seiner Wahl zum Papst bereits 72 Jahre alt, sollte aber noch weitere 18 Jahre als geistliches Oberhaupt der Kirche walten. Die beiden Köpfe auf dem Siegel stehen für die zwei im Neuen Testament der Bibel belegten Apostel (Simon) Petrus und Paulus (von Tarsus). Beide Persönlichkeiten stehen in der Nachfolge Christi, der eine als Gründer der Urgemeinde und erster Bischof Roms, der andere als Missionar, theologischer Lehrer des Christentums und Märtyrer. Das römische Papsttum verehrt bis heute beide als Säulen und Fundamente des Christentums. Die Darstellung auf päpstlichen Siegeln versinnbildlicht also die theologisch legimitierte Nachfolge, in der sich die jeweiligen Päpste zu den Aposteln sahen.

Etwa 15 päpstliche Siegel des Mittelalters sind aus Mecklenburg-Vorpommern als Bodenfunde überliefert, wobei allen gemeinsam die sehr ähnliche Gestaltung ist. Diese blieb über das gesamte Mittelalter – ganz im Sinne katholischer Tradition – und bis in das 20. Jahrhundert quasi unverändert. Lediglich zwei Päpste des 15. Jahrhunderts wichen von dieser Form durch figürliche Szenen ab. Anschaulich haben Felix Biermann und Dirk Meyer (2021, 47-48) die päpstliche Allgegenwart und vielfältige Zuständigkeit des Kirchenoberhauptes beschrieben: „Bis in den letzten Winkel … Europas … wurde der Papst in religiöse, politische und ökonomische Angelegenheiten miteinbezogen – er bestätigte Ämter, Schenkungen, Besitzrechte, sandte Einladungen zu Konzilien, religiöse Mitteilungen und Entscheidungen, nahm zu Ordensangelegenheiten Stellung, zog Abgaben – etwa die Servitien der Bistümer – ein, wurde zur Schlichtung von Streitigkeiten oft nur lokaler Bedeutung herangezogen, wozu er selbst dann Vertrauensleute – etwa Äbte örtlicher Klöster – mit der Fallprüfung und Berichterstattung betraute …“. Allein im Pontifikat Johannes´ XXII. ist eine Zahl von 60.000 Schriften (nach Zanke 2013) überliefert, davon sicher viele gesiegelt.

Abb. 2: Rekonstruktionszeichnung zur Anfertigung eines zweiseitigen Bleisiegels mit Hilfe eines Boulloterions.Details anzeigen
Abb. 2: Rekonstruktionszeichnung zur Anfertigung eines zweiseitigen Bleisiegels mit Hilfe eines Boulloterions.

Abb. 2: Rekonstruktionszeichnung zur Anfertigung eines zweiseitigen Bleisiegels mit Hilfe eines Boulloterions.

Abb. 2: Rekonstruktionszeichnung zur Anfertigung eines zweiseitigen Bleisiegels mit Hilfe eines Boulloterions.

Die große Zahl gesiegelter Dokumente machte die Nutzung eines standardisierten, mechanischen Verfahrens zur Anbringung der Metallsiegel erforderlich. Mittels eines sogenannten Boulloterions1 (Abb. 2) prägte und befestigte man sie als Beglaubigungsmittel an einem Faden, der wiederum an dem Schriftstück hing. Päpstliche Siegel als Beglaubigungsmittel blieben zunächst bis zum Erreichen des Adressaten angeschnürt bei den Schriftstücken, doch zeigen archäologische Funde in Latrinen und Abfallschichten, dass man sie nicht selten später abschnitt und entsorgte (Ansorge 2005). Denn viele Urkunden waren zeitlich befristet oder zum Beispiel auf bestimmte Personen bezogen. Spätestens mit dem Ableben der Person, für welche die Urkunde ausgestellt worden war, erlosch in der Regel die Rechtskraft des Dokumentes und es bestand keine Notwendigkeit, derartige Urkunden mit ihren Bullen weiter aufzubewahren. Und vielleicht fürchtete man auch den Missbrauch als Fälschung.

Schon im Jahr 2015 wurde in der Salinenstraße am Museumshafen in Greifswald ein Siegel Papst Johannes XXII. (Fpl. 212; Inv.-Nr. 2015/379) entdeckt und vorgestellt (siehe auch Abb. 1 unten). Dieser Papst war nicht, wie man zunächst vielleicht vermuten könnte, in Rom ansässig, sondern er führte die Kirche aus dem südfranzösischen Avignon. Sein Vorgänger, Clemens V. als erster französischer Papst, stand unter dem starken Einfluss der französischen Krone und wählte das südfranzösische Avignon statt Rom zu seiner Residenz. Zeitgenössisch begründeten die päpstlichen Gelehrten diesen Standortwechsel mit dem lateinischen Schlagwort „Ubi Papa, ibi Roma“, entsprechend „Wo der Papst ist, ist Rom“. Es war also plötzlich egal, ob der Papst in dem als „ewige Stadt“ bezeichneten Rom Residenz nahm oder an anderem Ort: denn wo er war, war auch Rom gegenwärtig. Gleichzeitig blieben aber die Päpste in Avignon Bischöfe von Rom, was wiederum zu Spannungen mit den „nicht-französischen“ Gruppen der Kirche führte. Seinen Spitznamen "Fuchs von Cahors" verdiente sich Johannes XXII. als Jurist und Verwaltungsexperte, der insbesondere auch die finanziellen Aspekte seines Amtes (und die seiner Familie und Günstlinge) nicht aus dem Blick verlor. Ablass- und Pfründenhandel füllten die päpstlichen Truhen und machten Johannes XXII. in kurzer Zeit zu einem der reichsten Männer Europas. Nachvollziehbar wird in diesem Zusammenhang auch seine Gegenposition zu dem vom Franziskaner-Orden vertretenen Armutsideal („Wenn Jesus keinen privaten Besitz hatte, muss dann nicht auch die Kirche arm sein?“).

Die turbulente Zeit des avignonesischen Papsttums, von Kritikern und Gegnern auch „avignonesisches Exil“ oder „babylonische Gefangenschaft der Kirche“ benannt, lag zwischen den Jahren 1309 und 1376/77. Danach wurde Rom – von kurzen Unterbrechungen abgesehen – wieder zur Residenzstadt der Päpste. Die Zeit in Avignon aber steht bis heute für ein besonders korrumpiertes und agiles, oft auf Eigeninteresse ausgerichtetes, gleichzeitig aber von königlicher Macht abhängiges Papsttum. Der Humanist Francesco Petrarca, zeitweise in Avignon ansässig, der Dichter und Philosoph Dante Aligheri oder auch Giovanni Boccacio in seinen Erzählungen des „Decamerone“ haben literarisch die „babylonischen“ Zustände am päpstlichen Hof angeprangert und verewigt.

Abb. 3: Krummin, Lkr. Vorpommern-Greifswald; Kirche St. Michael (von Süden) mit baulichen Spuren des Kreuzganges und der Klausurgebäude des Zisterzienserinnenklosters.Details anzeigen
Abb. 3: Krummin, Lkr. Vorpommern-Greifswald; Kirche St. Michael (von Süden) mit baulichen Spuren des Kreuzganges und der Klausurgebäude des Zisterzienserinnenklosters.

Abb. 3: Krummin, Lkr. Vorpommern-Greifswald; Kirche St. Michael (von Süden) mit baulichen Spuren des Kreuzganges und der Klausurgebäude des Zisterzienserinnenklosters.

Abb. 3: Krummin, Lkr. Vorpommern-Greifswald; Kirche St. Michael (von Süden) mit baulichen Spuren des Kreuzganges und der Klausurgebäude des Zisterzienserinnenklosters.

Doch wie kam das päpstliche Siegel (ALM Inv.-Nr. 2025/666) aus dem lauten, umtriebigen Avignon in der Provence ins beschauliche Krummin auf der pommerschen Insel Usedom? Der Fundplatz liegt nur etwa 350 m südsüdwestlich der heutigen Dorfkirche St. Michael (Abb. 3). Diese Kirche hat eine bewegte Geschichte, war sie doch durch Stiftung des pommerschen Herzogs Boguslaw IV. im Jahr 1302/1303 zur Filiale des Zisterzienserklosters in Wollin geworden. Diese sollte der Versorgung unverheirateter, adliger Töchter des Landes dienen und so wird im Jahr 1323 Jutta, eine Tochter des Herzogs, als Äbtissin genannt. Leider weist keine der von Hermann Hoogeweg (1924) genannten 57 erhaltenen Urkunden des Klosterarchives auf Korrespondenz mit der Apostolischen Kanzlei in Avignon hin. Aber ohnehin dürfen wir davon ausgehen, dass die Archive des Klosters ursprünglich deutlich mehr enthielten als das, was als Folge der Reformationszeit übrigblieb. Das neu entdeckte Siegel wird also mit großer Wahrscheinlichkeit ursprünglich im Krumminer Klosterarchiv verwahrt worden sein, wenngleich ein anderer ehemaliger Besitzer (weltlicher oder geistlicher Würdenträger) nicht auszuschließen ist. Irgendwann ist das Siegel dann wohl zusammen mit Abfällen auf die benachbarten Felder gelangt. Die meisten Baulichkeiten und das Inventar des Klosters, das noch Zeugnis von den ZisterzienserInnen abgelegen könnte, sind verloren. Bauhistorische Analysen machen aber noch die Anbauten des Klosters auf der Südseite der Kirche nachvollziehbar (Holst 2005). Trotz seiner Kleinheit ist das nun entdeckte Siegel des Papstes Johannes XXII. also ein weiterer Mosaikstein zur Krumminer Klostergeschichte, wie sie aktuell, neben vielen anderen Klöstern, im seit 2021 laufenden Projekt „Klosterregister und Klosterbuch für Pommern“2 geschrieben wird.

Dr. C. Michael Schirren


Fußnoten

1 Dr. Michiel H. Bartels, Archeologie West-Friesland, Hoorn VVH-Department of Cultural Heritage, AR Horn, Netherlands, sei herzlich für die Abbildung gedankt

Literatur

Jörg Ansorge, Vier Bleisiegel von Papst Bonifatius IX. (1389–1404) aus der Hansestadt Greifswald. Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern 53, 2005, 289–314.

Michiel H. Bartels, Papal Bullae; a message from above? Interpretations of the papal lead seal (11th-16th c.) in archaeological contexts in and around the Netherlands. In: Christoph Rinne/Jochen Reinhard/Eva Roth Heege/Stefan Teuber (Hrsg.) Vom Bodenfund zum Buch. Archäologie durch die Zeiten. Festschrift für Andreas Heege. Historische Archäologie Sonderband 27, Bonn 2017, 315-334.

Felix Biermann und Dirk Meyer, Aus Avignon in die Uckermark – ein mittelalterliches Papstsiegel aus dem Zisterzienserinnenkloster Seehausen. Heimatkalender Prenzlau. 64. Jahrgang, 2021, 44-55.

Jens Christian Holst, Zur Baugeschichte der Dorfkirche in Krummin auf Usedom. In: Dirk Zache (Hrsg.), 700 Jahre Kloster Krummin – eine Spurensuche. Crominino 1305–2005. Karlshagen 2005, 18-28.

Hermann Hoogeweg, Die Stifter und Klöster der Provinz Pommern Bd. 1, Stettin 1924, hier: 436-451.

Sebastian Zanke, Johannes XXII., Avignon und Europa. Das politische Papsttum im Spiegel der kurialen Register (1316-1334). Studies in Medieval and Reformation Traditions 175, Leiden 2013.

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