Fund des Monats Oktober 2020

Profis am Werk: Bronzezeitliche Gießereigerätschaften aus Bad Doberan, Lkr. Rostock

Abb. 1. Bad Doberan, Lkr. Rostock. Zwei Fragmente einer gebogenen Blasebalgdüse, digital zusammengefügt. Der Blasebalg war links angeschlossen. Foto: LAKD MV/ LA, S. SuhrDetails anzeigen
Abb. 1. Bad Doberan, Lkr. Rostock. Zwei Fragmente einer gebogenen Blasebalgdüse, digital zusammengefügt. Der Blasebalg war links angeschlossen. Foto: LAKD MV/ LA, S. Suhr

Abb. 1. Bad Doberan, Lkr. Rostock. Zwei Fragmente einer gebogenen Blasebalgdüse, digital zusammengefügt. Der Blasebalg war links angeschlossen.

Abb. 1. Bad Doberan, Lkr. Rostock. Zwei Fragmente einer gebogenen Blasebalgdüse, digital zusammengefügt. Der Blasebalg war links angeschlossen.

Sprache, Musikalität, kognitive Fähigkeiten – der vermeintlich große Abstand zwischen Mensch und Tierreich ist in den letzten Jahren beängstigend geschrumpft. Die wissenschaftliche Forschung hat eine sicher geglaubte Bastion menschlicher Überlegenheit nach der anderen abgeräumt. Auf einem Feld scheint der Vorsprung aber zu halten: Die Metallverarbeitung wird einstweilen noch als exklusiv menschliche Fähigkeit angesehen.

Erstaunlicherweise gibt es diesen Vorsprung noch gar nicht so lange. Erst vor etwa 10.000 Jahren erlernten Menschen im Vorderen Orient, wie man Metall gewinnt und dieses durch Schmelzen und Hämmern so formt, dass daraus brauchbare Gegenstände entstehen. Von dort breitete sich die neue Fähigkeit langsam aber stetig aus, erreichte vor etwa 6.000 Jahren den Alpenraum und vor etwa 4.000 Jahren allmählich auch die südlichen Gestade der Ostsee.

Die technischen Gerätschaften, die zum Schmelzen und Gießen des Metalls verwendet wurden, ähneln sich dabei über große Entfernungen so sehr, dass es den Anschein hat, als ginge die Technik auf eine gemeinsame Wurzel zurück. Vielleicht ist der Grund aber auch viel profaner darin zu suchen, dass mit den damaligen, aus heutiger Sicht natürlich äußerst primitiven Materialien einfach keine andere technische Lösung möglich war.

Der Schmelzpunkt von Kupfer, dem Ausgangsmaterial für alle Legierungen der Bronzezeit, liegt bei 1087 Grad Celsius. Die Legierungen (Arsenbronze, Zinnbronze) schmelzen zwar bei etwas niedrigeren Temperaturen, für einen erfolgreichen Guss wird aber immer ein Wärmeüberschuss benötigt. Wenn das Metall in einem Tiegel geschmolzen werden soll, um es in eine Form zu gießen, werden also mindestens 1100 Grad Celsius benötigt. Die meisten natürlich zugänglichen Lehmvorkommen liefern aber kein Material, das diesen Temperaturen standhält. Um trotzdem brauchbare Schmelztiegel herzustellen, musste man sich also etwas einfallen lassen.

Die Lösung war ganz einfach: Der Tiegel musste so beschaffen sein, dass seine Außenseite beim Schmelzen des Metalls möglichst kühl blieb. Das ließ sich nur erreichen, wenn der Tiegel beim Schmelzen auf einer kühlen Unterlage stand. Er brauchte also eine möglichst große Standfläche für den Bodenkontakt. Nun war nur noch das Problem zu lösen, die Hitze von oben in den Tiegel zu bekommen. Auch das war ganz einfach, wenn man erst mal darauf gekommen war: Man musste das Feuer über dem Tiegel entzünden und die heißen Flammen von oben in das Innere des Tiegels blasen.

So weit, so gut. In den ersten Jahrhunderten der Bronzeverarbeitung, als menschliche Arbeitskraft anscheinend noch keine Rolle spielte, wurde eine Gruppe Auserwählter ans Schmelzfeuer beordert und hatte nun die nächste Zeit nichts anderes zu tun, als durch ein Blasrohr möglichst gleichmäßig einen kräftigen Luftstrahl von oben in die Flammen zu blasen. Damit die Blasrohre nicht abbrannten, war ihre Spitze mit Lehm ummantelt. Ob es der arbeitsmedizinische Fortschritt oder einsetzender Arbeitskräftemangel war, der dieses Verfahren allmählich aussterben ließ, lässt sich nicht mehr feststellen. In der jüngeren Bronzezeit kamen jedenfalls in ganz Europa Blasebälge in Gebrauch, deren Luftstrom durch eine gebogene Düse von oben in das Schmelzfeuer geleitet wurde.

Erst in diesem Jahr kamen auch in Mecklenburg-Vorpommern Teile einer solchen gebogenen Düse zutage (Abb. 1). Ihr rückwärtiges Ende ist mit einem umlaufenden Wulst versehen, an dem der Blasebalg festgebunden werden konnte. Auf ihrer Oberseite verläuft ein Wulst in Längsrichtung, der die Röhre aus dünnwandiger Keramik stabilisierte und verzierte. Die Spitze der Düse fehlt leider, die Form ist insgesamt aber so typisch, dass sie eindeutig als gebogene Düse angesprochen werden kann. Das beste Vergleichsstück stammt aus Thyregod in Dänemark (Abb. 2). Nicht nur die Form, sondern auch die Abmessungen stimmen sehr gut überein. Der Durchmesser am rückwärtigen Ende beträgt etwa 10 cm, die Länge einschließlich der verlorenen Spitze dürfte bei etwas über 20 cm gelegen haben. Eine Nachbildung, die für die experimentelle Erprobung angefertigt wurde (Abb. 3), zeigt, wie die vollständige Düse aussah.

Passend zur Düse wurden bei der Ausgrabung in Bad Doberan auch die Fragmente mehrerer Schmelztiegel geborgen. Sie bestehen aus sehr stark gemagerter Keramik und zeigen die charakteristische Schalenform mit dem nach oben völlig offenen Innenraum (Abb. 4). An den Rändern hat sich die typische rötliche Schlacke abgelagert, die beim Schmelzen zurückbleibt. Sie zeigt zugleich den „Flüssigkeitsstand“ im Inneren des Tiegels an, der selten mehr als 800 g Bronze enthielt. Eine solche Menge reichte für den Guss der meisten bronzezeitlichen Gegenstände aus.

Wie Düse und Tiegel zusammen funktionieren, zeigt Abb. 5. Der Tiegel steht unterhalb der Düse auf dem relativ kühlen Boden, das Feuer brennt über dem Tiegel und mit dem Luftstrom aus der Düse wird die Hitze nach unten in den Tiegel geblasen. Ist die Bronze im Tiegel nach etwa einer Viertelstunde geschmolzen, wird der Tiegel zwischen zwei frischen Weidenruten eingeklemmt und aus dem Feuer gehoben (Abb. 6). So kann er gut und sicher hantiert werden. Innerhalb kurzer Zeit muss die geschmolzene Bronze nun in die bereitstehende, vorgewärmte Gießform gegossen werden (Abb. 7).

In Bad Doberan wurden, wie die mit den Düsen- und Tiegelfragmenten gefundenen Gießformen zeigen, vor allem Ringe und Langwaffen gegossen. Unter den letzteren dürfte mindestens ein Schwert gewesen sein, wie das Bruchstück einer zweischaligen Gießform aus stark gemagerter Keramik zeigt, an dessen Formnegativ noch die charakteristischen Längsrillen der bronzezeitlichen Schwertklingen zu erkennen sind (Abb. 8). Die Breite der Klinge lag bei etwa 3 cm. Wie bei bronzezeitlichen Gießformen üblich, bestand die Innenseite der Form mit dem Formnegativ aus sehr feinem, aus schluffigen Sedimenten gewonnenem Keramikmaterial („Feinlehm“). Für die äußeren Teile der Form wurde dagegen anderes Material mit scharfkantiger, grobkörniger Magerung verwendet, das der Form Stabilität gab („Formlehm“). Die Außenseite war mit dem Fingerkniff-Muster verziert, das auch für viele der bronzezeitlichen Gießformen aus Südskandinavien typisch ist (Abb. 9; Jantzen 2008, 101).

Mehrere der langen keramischen Formschalen, die in Bad Doberan gefunden wurden, waren durch einen Stab aus organischem Material verstärkt, der beim Vorwärmen der Form ausbrannte und einen Hohlraum hinterließ (Abb. 10). Auch diese Technik findet ihre Entsprechung an bronzezeitlichen Gießformen Südskandinaviens (Jantzen 2008, 101).

Insgesamt lassen die in Bad Doberan gefundenen Gießereigerätschaften auf eine verhältnismäßig umfangreiche Produktion schließen. Die hergestellten Gegenstände waren gießtechnisch anspruchsvoll und setzten ein hohes Maß an Wissen und Erfahrung voraus. Die verwendeten Gerätschaften – Düse, Schmelztiegel, Gießformen – entsprachen dem Stand der Technik und zeigen darüber hinaus auch, dass ihre Hersteller mit den nicht unmittelbar technisch bedingten Traditionen der Gießereikunst, wie sie in der Verzierung der Gießformen mit Fingerkniffleisten und der Düse mit einer Rückenleiste zum Ausdruck kommen, vertraut waren. Kurz: Hier waren echte Profis am Werk, die sich in der Szene auskannten.

Warum sie gerade in der Siedlung arbeiteten, die jetzt für ein Bauvorhaben teilweise ausgegraben werden musste, entzieht sich noch unserer Kenntnis. Möglich erscheint, dass es sich um eine besonders wichtige Siedlung handelte, einen Zentralort. Klar ist, dass sich die Tätigkeit von so hochqualifizierten Bronzegießern nur in wenigen bronzezeitlichen Siedlungen nachweisen lässt.

Dr. Detlef Jantzen

Literatur

Jantzen 2008: Detlef Jantzen, Quellen zur Metallverarbeitung im Nordischen Kreis der Bronzezeit. Prähistorische Bronzefunde, Abteilung XIX, Band 2. Stuttgart 2008.

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