Denkmal des Monats Februar 2019

Die Jahn-Kapelle in Klein Vielen und die Ästhetik des rückwärtsgewandten Bauens im 19. Jahrhundert

Abb. 1. Klein Vielen, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Grabkapelle, Winterruhe auf der Baustelle, 2019. Details anzeigen
Abb. 1. Klein Vielen, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Grabkapelle, Winterruhe auf der Baustelle, 2019.

Abb. 1. Klein Vielen, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Grabkapelle, Winterruhe auf der Baustelle, 2019.

Abb. 1. Klein Vielen, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Grabkapelle, Winterruhe auf der Baustelle, 2019.

Umhüllt von einem Korsett aus Stahl thront auf dem Gipfel des Kapellenbergs (ehemals Klingenberg) in Klein Vielen eine Kapelle, die formal betrachtet gar keine ist (Abb. 1).

1850/51 ließ der damalige Gutsbesitzer von Klein Vielen, Eduard Rudolph Jahn (1816-1890), zu Ehren seiner Ehefrau Johanna Theodora Friederike Kortüm (1817-1850) sowie seiner Tochter, Sophia Theodore Albertine (1850), welche beide bei der Geburt starben, eine monumentale Gedenkstätte errichten.1

Die Bauzeit der Kapelle fällt in eine Epoche der Architekturgeschichte, welche angesichts der Folgen und Errungenschaften der industriellen Revolution vor der Frage stand "In welchem Style sollen wir bauen?"2. In den Folgejahren ging es dabei weniger um die Entwicklung eines neuen Architekturstils als vielmehr um die Frage nach der sinnvollen Adaption und Kombination älterer Stilrichtungen.3

Zu den frühsten stilistischen Unterarten des sogenannten Historismus zählt die Neogotik. Ausgehend von der Literatur der Romantik entstand die Sehnsucht nach einem fiktiven Mittelalter,4 dessen idealisierte Formensprache sich ebenfalls in der Gestaltung der Jahn-Kapelle wiederfindet (Abb. 2). Der Architekt des anspruchsvoll ausgeführten Memorialbaus ist nicht überliefert. Angesichts der Komplexität des fein ausgearbeiteten Dekors, der klaren architektonischen Gliederung sowie der Verwendung des Turms als elementares Gestaltungsmotiv, steht die Kapelle einer Reihe von Kirchenbauten aus Neustrelitz und Fürstenberg sehr nahe, die dem damaligen Hofbaumeister im Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz Friedrich Wilhelm Buttel (1816-1890) zugeschrieben werden.5 Buttel war an der Berliner Bauakademie Schüler Karl Friedrich Schinkels (1781-1841). Mit seinen Bauten wie u.a. der Schlosskirche in Neustrelitz (1855-1859) und dem Umbau der Neustrelitzer Orangerie (1840) nahm Buttel entscheidenden Einfluss auf den Formenkanon der neogotischen und klassizistischen Architektur im Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz. Zudem lieferte er zahlreiche Entwürfe sowohl für Formsteine als auch für Terrakotten und perfektionierte deren Verwendung.6 Ein weiteres Indiz für Buttels Autorenschaft könnten daher die flamboyantartig ausgebildeten Zierelemente im Zwickel des Wimpergs über dem Eingangsportal sein (Abb. 3).

Die außergewöhnliche Gestaltung der Kapelle als monumentaler Zentralbau mit oktogonalem Grundriss ist auf dem Gebiet der Memorialbauten in Mecklenburg-Vorpommern selten. Vermutlich dürfte die barocke Kirche in Weisdin (1747-1749) dem Architekten als Vorbild gedient haben.7 Mit einer großzügig angelegten Gruft, mittig unter dem Kirchenraum, erfüllte sie neben der Funktion als Predigtkirche für die Gemeinde vor allem die einer Gruftkapelle für die Stifterfamilie Peccatel.

Die Verwendung des Achtecks als Grundriss reicht hingegen bis in die Antike zurück und wird früh von der christlichen Sakralarchitektur adaptiert. Die Zahl Acht steht in diesem Zusammenhang für die Neugeburt bzw. für die Auferstehung Christi.8 Die Funktion der Kapelle als ursprünglich geplante Grablege und der damit verbundenen Hoffnung der Auferstehung tritt somit unmittelbar in der Architektur der Kapelle zutage.

Im Innenbereich werden die acht Kreuzgewölbe des äußeren Oktogons über innenliegende oktogonale Pfeiler abgefangen (Abb. 4). Der Hauptraum schließt durch ein ebenfalls achtteiliges Rippengewölbe ab (Abb. 5). Der gesamte Innenraum war ursprünglich verputzt. Reste von Wandbemalungen konnten bislang nicht nachgewiesen werden. Der schlichten Wandgestaltung stehen die verlorengegangenen farbigen Maßwerkfenster gegenüber, deren axiale Anordnung in der Arkadenzone und Obergarden die "dramaturgische Lichtführung der Gotik" aufgreifen bzw. neu interpretieren.

Der Außenbau orientiert sich in seiner klaren, statuaren Gestaltung und dem Wechselspiel von roten und gelben Ziegeln an den Gestaltungsprinzipien der Hannoverschen Schule (Abb. 2).

Die Fassadengliederung folgt einem regelmäßigen Rhythmus aus mit Fialen bekrönten Strebepfeilern, axialliegenden Maßwerkfenstern, Zierbändern aus Nonnenköpfen und einem Kranzgesims aus Sechspässen. An der Nordseite befindet sich das reich verzierte Eingangsportal, das mit einem Wimperg abschließt. Das zweite Geschoss ist leicht eingezogen und folgt weitestgehend dem Gestaltungsprinzip des unteren Bereichs der Kapelle. Auf dem oktogonalen Zeltdach des Geschosses ruht eine hölzerne Laterne, die mit einer Kreuzblume bekrönt wird (Abb. 6-8).

Trotz der abgeschiedenen Lage steht die Jahn-Kapelle, ähnlich wie die Gutskapelle in Weisdin, in unmittelbarer Korrespondenz zum einstigen Gutshaus, das 1947 durch einen Brand zerstört wurde. Der heute noch in Resten erhaltene Gutspark ist mit einer 200 m langen Allee aus Kastanien und Linden mit dem Kapellenberg verbunden (Abb. 9). Der Fuß des Hügels ist von einer Feldsteinmauer umgeben. Den Gestaltungsprinzipien eines Kalvarienbergs folgend, führt ein schmaler, spiralförmig angelegter Weg um den Hügel zur Kapelle hinauf. Womit erneut symbolisch Bezug genommen wird zur Auferstehung Christi. Gleichzeitig zeugt die durchdachte metaphorische Einheit von Architektur und Außenanlage von der Detailgenauigkeit mit der der Architekt vorging und das Bauwerk für die Kulturlandschaft Mecklenburg-Vorpommerns u.a. so bedeutend macht.

Neben der Ehefrau und der Tochter sind der Vater und die Mutter Eduard Jahns auf dem Kapellenberg bestattet worden. In der Kapelle befinden sich jedoch keine Anzeichen für eine Familiengruft.9 Es wird daher vermutet, dass sich die Grablege der Familie außerhalb der Kapelle befunden hat. Diese geriet mit dem Verkauf des Gutes (1880) in Vergessenheit und wurde vermutlich mit Ende des zweiten Weltkrieges zugeschüttet.10

Die Kapelle wurde nie geweiht und ist formal betrachtet somit keine Kapelle im eigentlichen Sinn.11 Auf der Suche nach dem Grund gibt es verschiedene Theorien. Am plausibelsten erscheint die These, dass durch den Verkauf des Gutes keine weiteren Angehörigen der Jahns auf dem Kapellenberg beigesetzt wurden und somit der Auflage des Großherzogs, welche die Weihung zur Grabkapelle im Zuge der "Beisetzung einer Leiche" vorsah, nicht mehr nachgekommen wurde.12

Mit der Bodenreform 1945 wurde das Objekt zunehmend dem Verfall preisgegeben. Auf dem Areal des ehemaligen Gutshauses siedelten sich Neubauern an und im vorderen Bereich des Parks wurde ein Hühnerstall errichtet. Nach und nach verschwand die Kapelle hinter dichtem Grün.13

Nach der Wende rückte die Kapelle wieder ins Bewusstsein der Einwohner. 1996 bis 1997 erfolgte über die Gemeinde eine erste Notsicherung des Daches mit Blechplatten. Dabei wurde auch die bereits schiefliegende Laterne notdürftig gesichert und abgedeckt (Abb. 10-11). Zwei Jahre später gab es Überlegungen, das Bauwerk als Wohn- und Wochenendhaus zu nutzen, welche jedoch nicht umgesetzt wurden.

Um den weiteren Verfall des Bauwerks zu stoppen gründete sich 2008 unter dem Namen "Klein Vielen e.V. – Leben zwischen Lieps und Havelquelle" ein örtlicher Kulturverein, der sich die Rettung des Objektes zur Aufgabe machte. Dies war zwingend notwendig, denn die Kapelle war akut gefährdet und der Verlust des für die Kulturlandschaft Mecklenburgs bedeutenden Baudenkmals schien beinahe unvermeidlich. An den Fenstern, im Eingangsbereich, an den Gesimsen und Friesen war bereits eine große Menge der gelben Formsteine herausgebrochen. Die Fialen der Strebepfeiler lagen auf dem Boden bzw. waren nicht mehr vorhanden. Der obere Bereich des Mauerwerks wies erhebliche Schäden in Form von Abplatzungen und Auswaschungen auf. Die ursprüngliche Dacheindeckung aus Zink und Schiefer war fast vollständig verloren (Abb. 12). Das Fensterglas war ebenso wie die Holztür des Portals nicht mehr vorhanden.

Gefördert durch das EU-Programm LEADER und mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sowie privater Spenden konnte im Sommer 2016 mit der Sanierung und Restaurierung der Kapelle begonnen werden. Hilfreiche Erkenntnisse zum ursprünglichen Erscheinungsbild der Kapelle lieferte ein Gemälde des Malers Ludwig Streitenfeld, das den Zustand des Objektes um 1921 zeigt.

Ein Großteil der Arbeiten am Außenbau ist bereits abgeschlossen (Abb. 13-15). Aktuelle Informationen zum Baufortschritt zeigt der Verein auf der eigens dafür geschaffenen Internetseite. Zukünftig ist geplant, die Kapelle zu einem attraktiven Ausflugsziel für Radwanderer zu gestalten und so das touristische Angebotspotential der Gemeinde zu stärken.

Christin Sobeck


1 Behrens 2016, S. 20 ff.

2 Heinrich Hübsch (1795-1863), Architekturtheoretiker und großherzoglicher badischer Baubeamter in Karlsruhe, warf erstmals die Frage in seiner 1828 gleichnamigen publizierten Schrift auf.

3 Pevsner 1994, S. 314.

4 Panofsky 1978, S. 236.

5 Peters 2016, S. 31.

6 Roloff 1870, S. 12 ff.

7 Peters 2016, S. 33 f.

8 Dölger 1934, S. 153 ff.

9 Behrens 2016, S. 46.

10 Ebd., S. 24, 46f.

11 Koch 2005, S. 457.

12 Behrens 2016, S. 46ff.

13 Vaupel 2016, S. 45.


Literatur

Behrens, Hermann: Die Jahn-Kapelle in Klein Vielen. Geschichten um ein Kleinod in der mecklenburgischen Kulturlandschaft, Friedland 2016.

Dölger, Franz J.: Das Oktogon und die Symbolik der Achtzahl, in: Antike und Christentum Bd. 4,hg. v. Franz J. Dölger. , Münster 1934, S. 153-187.

Koch, Wilfried: Baustilkunde. Das Standardwerk zur europäischen Baukunst von der Antike bis zur Gegenwart, Gütersloh/München 2005, S. 272-273.

Peters, Christian: Architektonische Betrachtung zur Jahn-Kapelle, in: Die Jahn-Kapelle in Klein Vielen. Geschichten um ein Kleinod in der mecklenburgischen Kulturlandschaft, hg. v. Hermann Behrens, Friedland 2016, S. 26-32.

Pevsner, Nikolaus: Europäische Architektur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1994, S. 309-360.

Panofsky, Erwin: Sinn und Deutung in der bildenden Kunst, Köln 1978, S. 236.

Roloff, Jacob Friedrich: Erinnerungen an Friedrich Wilhelm Buttel, Berlin 1870.

Vaupel, Bettina: Überwucherte Erinnerungen. Helfen Sie, eine Kapelle dem Vergessen zu entreißen, in: Monumente 4 (2016), S. 44-48.

Von Busch, Jan: Die religiöse Symbolik des achteckigen Grundrisses in der Jahn-Kapelle, in: Die Jahn-Kapelle in Klein Vielen. Geschichten um ein Kleinod in der mecklenburgischen Kulturlandschaft, hg. v. Hermann Behrens, Friedland 2016, S. 32-36.

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