Denkmal des Monats September 2020

Die Villa der Gräfin von Schwicheldt - ein Frühwerk von Paul Ludwig Troost in Schwerin

Abb. 1. Landeshauptstadt Schwerin, Weinbergstraße 1, Villa von Südwesten, 2019.Details anzeigen
Abb. 1. Landeshauptstadt Schwerin, Weinbergstraße 1, Villa von Südwesten, 2019.

Abb. 1. Landeshauptstadt Schwerin, Weinbergstraße 1, Villa von Südwesten, 2019.

Abb. 1. Landeshauptstadt Schwerin, Weinbergstraße 1, Villa von Südwesten, 2019.

1906/07 entstand für Gräfin Marie von Schwicheldt, Oberhofmeisterin der Großherzogin Alexandra von Mecklenburg-Schwerin, auf dem Areal des ehemaligen oberen großherzoglichen Küchengartens in Schwerin auf großzügig geschnittenem Grundstück ein repräsentativer Villenbau nach Plänen des Architekten Paul Ludwig Troost.
Das aus Villa, Remise, Garten und Einfriedung bestehende Ensemble befindet sich auf einer Geländeanhöhe im Kreuzungspunkt der heutigen Schloßgartenallee sowie Lennéstraße und bildete den Auftakt für die städtebauliche Entwicklung entlang der Schloßgartenallee.

Die Putzfassaden der in neobarocken Formen errichteten zweigeschossigen Villa mit Mansarddach werden durch Kolossalpilaster rhythmisiert und durch die kleinteilig gegliederten Fenster von drei bzw. fünf Achsen bestimmt (Abb. 1-2). Ehemals kleinteilige Schlepp- und Rundgauben gestalteten das naturrote Mansardwalmdach (Abb. 3). Der Bau öffnet sich zum benachbarten Greenhousegarten über eine breite Terrasse mit repräsentativer Treppenanlage (Abb. 2).

Auf der Ostseite liegt der Hauptzugang, der ursprünglich mit einem von Säulen getragenen neobarocken Vordach versehen war und wie die ehemals mit Fensterläden versehenen Fensteröffnungen nachfolgend verändert wurde (Abb. 4). Nord- und Südseite verfügen über konvex vortretende Balkonanlagen (Abb. 5).

Das Innere zeigt die gleiche elegante Strenge in der Formensprache wie der Außenbau: Eine repräsentative, quadratische, hausmittige Halle mit schlichten Wandpaneelen und der für das Werk von Paul Ludwig Troost markanten Kassettendecke, eine breitgelagerte Treppe, die über die Südseite belichtet wird (Abb. 6-7).

Auch die eingeschossige, mit dreiachsigem Risalit und Walmdach ausgeführte Remise und Bedienstetenwohnung auf der Südostseite bekennt sich bereits zur Formensprache der zu der Zeit modernen Reformarchitektur (Abb. 8).

Die Gartengestaltung nimmt auf der Nordseite und der Westseite Bezug auf die Topografie, sie wurde 1924 im Zuge einer Umnutzung des Hauses zu einem Sanatorium verändert (Abb. 9), so dass hier vor allem auf das Foto eines Modells von Troost zum Verständnis der ursprünglichen Gesamtanlage zurückgegriffen werden muss. Einzig zwei Stieleichen vor dem Eingang der Ostseite haben sich aus der Erbauungszeit erhalten (Abb. 10 und Abb. 4).

Paul Ludwig Troost, der an der Technischen Hochschule Darmstadt Architektur studierte, arbeitete zunächst im Büro von Heinrich Metzendorf. Ab 1904/1906 ist er als selbständiger Architekt in München tätig. Er war zudem Mitglied im 1907 gegründeten Deutschen Werkbund. So mag die stilistische Nähe der Villa Schwicheldt im Vergleich zum Œuvre Heinrich Metzendorfs, etwa der Villa Guggenheim in Worms von 1906, nicht verwundern.
Das 1905 für den Komponisten von Rath entworfene Haus Georgenstraße 3 in München besitzt nicht nur in der Verwendung der Kolossalpilaster, sondern auch hinsichtlich des Treppenhausfensters Vorbildcharakter für die Schweriner Villa. Troost variiert, so scheint es, lediglich Dachform und Eingangsvorbau.

Kurz darauf und etwa zeitgleich zur Schweriner Villa entwirft er 1906 das Haus Chillingworth in Nürnberg, scheinbar als Zwilling mit zugehöriger Gartenanlage. Vergleichbar sind die Putzgliederung und Dachform, darüber hinaus auch noch die konvexen Vorbauten mit ihren Balkonen und die hausmittige Eingangshalle mit der schlichten Kassettendecke. Weitere Details der Ausstattung sind anders als in Schwerin durch Fotos überliefert. Der Eingangsvorbau variiert wieder.

Die baukünstlerische Qualität der Gesamtanlage der Villa Schwicheldt zeigt sich in ihrer repräsentativen Wirkung auf erhöhtem Standort und der Ausnutzung der Geländetopographie mit ihrem Bezug zum Greenhousegarten. Die räumliche Wirkung der freistehenden Villa, die ihre neobarocke überdachte Vorfahrt auf der östlichen Eingangseite in den 1940er Jahren verlor, erschließt sich dem Betrachter noch immer durch den Freiraum an der Nordseite des Grundstücks mit den beiden originalen Stieleichen.

Nur wenige Villen des frühen 20. Jahrhunderts besitzen in Mecklenburg eine vergleichbare schlicht-elegante Qualität des Reformstils. Unter ihnen wäre etwa die 1907 von Paul Ehmig entworfene Villa an der Niendorfer Chaussee in Schwaan, die Villa Godenwege von August Gaster von 1908 in Bad Doberan oder die 1909 errichtete und jüngst sanierte Villa Zeeck in Rostock von Paul Korff zu nennen.

Die Schweriner Villa wird nun nach jahrelangem Leerstand sukzessive instandgesetzt und soll als Mehrfamilienhaus genutzt werden. Dabei steht insbesondere die laufende behutsame Ergänzung verlorener Putzflächen, die über ihre reduzierten scharfkantigen Formen eine unglaubliche architektonische Tiefe erreichen, im Vordergrund. Die Umnutzung der ehemaligen Remise als Bürogebäude sowie die Wiederherstellung des Villengartens mit seiner Einfriedung sollen im kommenden Jahr folgen.

Dr. Jan Schirmer

Literatur

Timo Nüßlein, Paul Ludwig Troost, das architektonische Frühwerk 1902-1913 ; Wohnhäuser, Projekte und Wettbewerbsentwürfe, Freiburg 2005

Timo Nüßlein, Paul Ludwig Troost (1878-1934), Wien/Köln/Weimar 2012.

Karte: Villa der Gräfin von Schwicheldt in Schwerin

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