Denkmal des Monats Juni 2024

Das „Haus der Erholung“ in Ahlbeck – Ein etwas anderes Kulturhaus

Haus der Erholung Ahlbeck, Ansicht von der DünenstraßeDetails anzeigen
Haus der Erholung Ahlbeck, Ansicht von der Dünenstraße

Abb. 1. Ahlbeck, Gemeinde Ostseebad Heringsdorf, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Dünenstr. 37, Haus der Erholung, Ansicht von der Dünenstraße, 2015.

Abb. 1. Ahlbeck, Gemeinde Ostseebad Heringsdorf, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Dünenstr. 37, Haus der Erholung, Ansicht von der Dünenstraße, 2015.

In Ahlbeck auf Usedom, heute ein Ortsteil der Gemeinde Ostseebad Heringsdorf, liegt unmittelbar an der örtlichen Strandpromenade (Dünenstraße), auf Höhe des historischen Ortzentrums mit Kirche, ehemaligem Warmbad (heute Rathaus der Gemeinde) und Kurpark, das „Haus der Erholung“ (Abb. 1). Es ist eines der vielen Kulturhäuser der DDR und wurde im Mai 1957 eröffnet.1

Über die Kulturhäuser der DDR wurde schon einiges publiziert. Sie stehen in einer Tradition von Bauten der kulturellen Freizeitgestaltung und Bildung für die Arbeiterklasse, die mit den Volks- und Gewerkschaftshäusern des 19. Jahrhunderts begann.2 Als Teil der ideologisch geprägten sozialistischen Kulturpolitik sollten sie der Steigerung des allgemeinen und insbesondere kulturellen Bildungsniveaus der Arbeiter und Bauern dienen und hierzu einen dem propagierten hohen Gesellschaftsideal angemessenen architektonischen Rahmen bieten. Angestrebt und meist auch realisiert war eine kulturvolle, repräsentativ-festliche, an klassischen Architekturidealen orientierte Gestaltung der Gebäude und ihrer Räumlichkeiten, insbesondere der Säle und Foyers. Funktionelles Hauptaugenmerk lag auf dem Saal, der für kulturelle und politische Veranstaltungen wie Theateraufführungen, Kinovorführungen, Konzerte, Festveranstaltung und Parteikonferenzen genutzt wurde. Ergänzt wurde das Raumprogramm um Clubräume, Bibliotheken und Leseräume, Vortragsräume und weitere für Bildungs- und Unterhaltungszwecke nutzbare Räumlichkeiten, die je nach Objekt in unterschiedlichem Umfang vorhanden waren.3

Das „Haus der Erholung“ in Ahlbeck ist ein schlichter, längsrechteckiger Saalbau von 51 m x 18,40 m Ausdehnung mit einem ziegelgedeckten Satteldach, das im östlichen Teil mit einem Dachreiter bekrönt ist. Er steht traufseitig zur Dünenstraße und ist von dieser und der östlich am Gebäude vorbeilaufenden Schulzenstraße einige Meter abgerückt. Die Freiflächen zu den öffentlichen Straßen sind landschaftsarchitektonisch gestaltet, sie wurden mit auf die einzelnen Gebäudeeingänge zuführenden Freitreppen, Terrassenanlagen und gärtnerisch gestalteten Flächen gegliedert und betonen das Gebäude als öffentlichen Solitärbau.

An der rückwärtigen Längsseite schloss ehemals ein langgestreckter eineinhalbgeschossiger Wirtschaftsflügel an, der ursprünglich Lager- und Küchenräume im Erdgeschoss und Unterkunfts- und Sozialräume für das Personal im Dachgeschoss aufnahm (Abb. 2). Dieser wies jedoch nach langem Leerstand erhebliche bauliche Schäden auf und wurde im Jahr 2021 abgerissen.

Haus der Erholung Ahlbeck, Ostgiebel mit Nebeneingang an der SchulzenstraßeDetails anzeigen
Haus der Erholung Ahlbeck, Ostgiebel mit Nebeneingang an der Schulzenstraße

Abb. 4. Ahlbeck, Gemeinde Ostseebad Heringsdorf, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Dünenstr. 37, Haus der Erholung, Ostgiebel mit Nebeneingang an der Schulzenstraße, 2016.

Abb. 4. Ahlbeck, Gemeinde Ostseebad Heringsdorf, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Dünenstr. 37, Haus der Erholung, Ostgiebel mit Nebeneingang an der Schulzenstraße, 2016.

Das „Haus der Erholung“ gliedert sich funktional und architektonisch in den westlich gelegenen Saalteil und den östlich gelegenen Funktionsteil mit Eingangsbereich. Die innere Struktur ist an der zur Seeseite (Dünenstraße) ausgerichteten Hauptfassade gut ablesbar. Der westliche Teil der seeseitigen Fassade wird von den sechs nahezu fassadenhohen, eng nebeneinander stehenden Saalfenstern dominiert, von denen zwei auf eine vorgelagerte, fast die gesamte Gebäudebreite einnehmende Terrasse führen (Abb. 1). Dahinter liegt der über die gesamte Gebäudetiefe und -höhe reichende Saal mit westlich anschließendem Bühnenbereich mit Nebenräumen. Das östliche Drittel der seeseitigen Fassade springt leicht vor, eine breite Treppe führt von der Dünenstraße auf den dort gelegenen, mit einem schlichten Betonwerksteingewände eingefassten und in eine Haupt- und zwei Seitentüren gegliederten Haupteingang zu, hinter dem sich die große Eingangshalle erstreckt. Der Haupteingang wird beidseits von einer Dreiergruppe kleiner Fenster gerahmt, die zur Belichtung der in den Ecken der Eingangshalle angeordneten Nebenräume dienen und vor denen sich jeweils ein individuell gestaltetes Ziergitter mit maritimem Tiermotiv befindet. Über dem Haupteingang erstrecken sich im Obergeschoss sechs aneinandergereihte, bodentiefe Fenster, die die dahinterliegenden Aufenthaltsräume (ursprünglich Bibliothek, Leseraum, Clubraum) anzeigen (Abb. 3). Ähnlich gegliedert zeigt sich der Ostgiebel mit den hier zu fünf Zweiergruppen zusammengefassten bodentiefen Fenstern zur Belichtung der obergeschossigen Aufenthaltsräume und drei doppelflügeligen Türen im Erdgeschoss als Nebenzugang zur Eingangshalle, denen eine große Freitreppe vorgelagert ist (Abb. 4). Die rückseitige Fassade des östlichen Gebäudeteils dominiert der großflächig verglaste, nur leicht vor die Fassade vortretende Treppenhausrisalit, während der westliche Teil der Fassade, wo sich der Saal befindet und ehemals der Wirtschaftsflügel anschloss, weitgehend ohne Fenster auskommt (Abb. 5).

Die im Vergleich zu vielen anderen Kulturhäusern der 1950er Jahre eher zurückhaltende äußere Gestaltung setzt sich im Inneren weitgehend fort. Abgesehen von der räumlichen Großzügigkeit des Foyers mit Kunststeinboden und daran offen anschließender Treppe mit dunklem Werksteinbelag war das Innere wenig auf Repräsentation ausgelegt. Wie auf alten Postkarten erkennbar, waren die Innenräume einschließlich des Saals zwar durchaus zeittypisch elegant, aber eher funktionell gestaltet.4

Diese Abweichung von der Kulturhaustradition der 1950er Jahre lässt sich mit der spezifischen Funktion dieses Gebäudes erklären. Zwar diente es von Beginn an, und insbesondere in den späteren Jahrzehnten seines Bestehens, auch kulturellen Zwecken – weshalb es gemeinhin als Kulturhaus aufgefasst wird – die ursprüngliche Hauptfunktion war jedoch eine andere. Das „Haus der Erholung“ wurde als FDGB-Verpflegungsstelle geplant und errichtet und bot neben dem großen Speisesaal, der von vornherein multifunktional mit Bühne und Filmvorführraum angelegt war, im Obergeschoss Aufenthalts- und Gesellschaftsräume mit Beschäftigungsmöglichkeit für die FDGB-Urlauber, deren Unterkünfte nicht über solche Räumlichkeiten verfügten.

Zum besseren Verständnis sei dieser Aspekt des Ferienwesens der DDR kurz erläutert. Viele Ferienreisen in der DDR wurden über den Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) abgewickelt. Dieser wurde 1947 mit dem Ziel gegründet, subventionierte Ferienreisen anzubieten, deren Preisniveau so niedrig lag, dass sich jeder Arbeiter eine Urlaubsreise leisten konnte. Hierzu betrieb der FDGB-Feriendienst eigene Erholungsheime mit integrierten Verpflegungs- und Gesellschaftsräumen, die jedoch die Nachfrage nicht ansatzweise deckten, sodass die Bettenkapazität auch mit einfachen Zimmern in Privatquartieren aufgestockt wurde.5 FDGB-Urlauber, die in einfachen Zimmern in Privatquartieren untergebracht waren, erhielten Verpflegungsgutscheine und wurden Speiseräumen zugewiesen (HO-Gaststätten, Speisesäle der FDGB-Erholungsheime oder eben FDGB-Verpflegungsstellen), wo sie nach Abgabe der Gutscheine ihre gebuchten Mahlzeiten erhielten. Die Zimmer in den Privatquartieren waren oft sehr spartanisch eingerichtet und dadurch nur bedingt für den Tagesaufenthalt, z. B. bei Schlechtwetter, geeignet, sodass vom FDGB zu diesem Zweck auch zentrale Einrichtungen mit Clubräumen vorgehalten wurden.6

Im Laufe der Jahrzehnte trat die kulturelle Nutzung im „Haus der Erholung“ immer mehr in den Vordergrund. In diesem Sinne wurde es auch noch nach der Wende als Kino, Diskothek und für Veranstaltungen des örtlichen Karnevalvereins weitergenutzt, bis es 2010 seine Türen schloss und seitdem leer steht.

Seit einiger Zeit arbeitet nun die Gemeinde Ostseebad Heringsdorf an der Entwicklung eines tragfähigen Konzeptes zur Wiedernutzbarmachung für das „Haus der Erholung“. Nach einem am 10.11.2022 gefassten Beschluss des Gemeinderates soll das Gebäude modernisiert und zu einem qualitativ hochwertigen Veranstaltungsort mit Einbindung in das für den Ortsteil Ahlbeck zentrale, städtebauliche Umfeld aus Kurpark, Rathaus und Kirche auf der einen und der Strandpromenade auf der anderen Seite ausgebaut werden7. Hierzu läuft aktuell ein Vergabeverfahren als Wettbewerblicher Dialog, bei dem mit den teilnehmenden Planungsbüros ein Projektentwurf erarbeitet werden soll. Das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern begleitet das Verfahren als denkmalfachlicher Berater.

Franziska Kloß


1 Ullrich Hartung: Arbeiter- und Bauerntempel. Kulturhäuser in der DDR der fünfziger Jahre – ein architektonisches Kompendium, Berlin 1997, S. 121

2 Hain, Schroedter, Stroux: Die Salons der Sozialisten. Kulturhäuser in der DDR, Berlin 1996, S. 89ff.

3 Hartung, S. 45ff.

6 Zeitzeugin Sabine Kloß in Gesprächen mit der Verfasserin im April 2024

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