Denkmal des Monats Mai 2021

Lehrerbildung und Blindenfürsorge in Neukloster. Ein neugotisches Baudenkmal

Abb. 1. Neukloster, Lkr. Nordwestmecklenburg, ehem. Lehrerseminar, Haus B (Hauptgebäude), 2019.Details anzeigen
Abb. 1. Neukloster, Lkr. Nordwestmecklenburg, ehem. Lehrerseminar, Haus B (Hauptgebäude), 2019.

Abb. 1. Neukloster, Lkr. Nordwestmecklenburg, ehem. Lehrerseminar, Haus B (Hauptgebäude), 2019.

Abb. 1. Neukloster, Lkr. Nordwestmecklenburg, ehem. Lehrerseminar, Haus B (Hauptgebäude), 2019.

In Neukloster im Landkreis Nordwestmecklenburg findet sich ein großzügiges neugotisches Gebäudeensemble des Architekten Theodor Krügers, der vor allem für seine Schweriner Paulskirche bekannt ist. Seit knapp 160 Jahren prägen die Gebäude Neukloster als ein Zentrum der Behindertenfürsorge, vor allem für Menschen mit Sehbehinderungen. Der oft allgemein als Blindenanstalt bezeichnete Gebäudekomplex setzt sich ursprünglich aus zwei eigenständig entstandenen Anlagen des 19. Jahrhunderts zusammen: Der Großherzoglichen Blindenanstalt nördlich der heutigen August-Bebel-Allee und dem Großherzoglichen Lehrerseminar am Ende der Allee gelegen, direkt am Ufer des Neuklostersees.

Das Großherzogliche Lehrerseminar wurde als Ausbildungsstätte von Volksschullehrern für das Landschulwesen 1782 in Schwerin gegründet und kurz darauf nach Ludwigslust verlegt. Ab 1851 wurden immer wieder Stimmen laut, das Seminar aus der Stadt heraus auf das Land zu verlegen, da die Seminaristen in der Stadt zu viel Ablenkung fänden. Die neue Standortwahl ist vermutlich von der Familie Kliefoth beeinflusst worden: Johann Kliefoth besetzte seit 1844 die Pfarre in Neukloster und sein ältester Sohn, Theodor Kliefoth, Oberkirchenratspräsidenten und Superintendent von Schwerin, stellte den Kontakt zum Landbaumeister Theodor Krüger (1818-1885) für die Bauentwürfe her. Der jüngere Sohn, Helmuth Kliefoth wurde 1862 erster Direktor des Lehrerseminars in Neukloster.

1860 wurde mit den Bauarbeiten für die großzügige Anlage am Ende der Allee begonnen, die bereits zwei Jahre später feierlich eingeweiht werden konnte. Die ursprünglichen fünf Gebäude waren ausgelegt für bis zu 260 Seminaristen, die hier eine sechsjährige Ausbildung erhalten sollten, um danach als Dorfschullehrer im Land eingesetzt zu werden. Die Anlage wurde in den nächsten Jahrzehnten um ein Krankenhaus, eine Turnhalle, eine Remise, das Saalgebäude und das Neue Schulhaus ergänzt. 1926 stellte man die Ausbildung von Lehrern in Seminaren ein. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit dem Institut für Lehrerbildung die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern wieder aufgenommen, die allerdings ein jähes Ende fand, als das Institut 1975 nach Rostock verlegt wurde.

Am Ende der Lindenallee liegt das von Symmetrie geprägte u-förmig angelegte Gebäudeensemble des Lehrerseminars mit dem repräsentativen Hauptgebäude als Kopfbau (Abb. 1) und vorgelagerten giebelständigen Gebäuden, dazwischen eine gestaltete Freifläche und Grünanlage. Diese städtebauliche Figur ist aus der Schlossarchitektur übernommen worden und ermöglicht eine besonders repräsentative Ansicht der Gebäude von dem Zugfahrtsweg aus. Ursprünglich befand sich in dieser Sichtachse eine kleine Grünanlage mit einer Büste Friedrich Franz II. Das Seminar bestand aus fünf Gebäuden, die von einer Backsteinmauer (Abb. 2) eingefasst waren: das Hauptgebäude als Unterrichtsgebäude, das Nebengebäude als Wohnheim für die Seminaristen (Abb. 3), das Alte Schulhaus als Unterrichtsgebäude (Abb. 4), das Kleine Schulhaus mit den Lehrerwohnungen (Abb. 5) und das Speisehaus (Abb. 6).

Bereits im späten 18. Jahrhundert etablierte sich die Blindenfürsorge in Frankreich. Ziel war es, in Blindenanstalten den Menschen mit Sehbehinderung eine schulische Grundbildung zu vermitteln und sie in einen handwerklichen Beruf einzugliedern. Die Großherzogliche Blindenanstalt in Neukloster wurde 1860-1864 nach den Plänen von Theodor Krüger gegenüber des Lehrerseminars errichtet und war die erste dieser Art in Mecklenburg. Von der Nähe zum Lehrerseminar erhoffte man sich eine Kooperation bei der Lehrerausbildung, was jedoch nicht zustande kam. Das Gebäude der Blindenanstalt war anfangs für die schulische Ausbildung von bis zu 30 Kindern aus ganz Mecklenburg ab dem 12. Lebensjahr konzipiert. Zur Eröffnung 1864 zogen jedoch nur fünf Kinder in die Anstalt ein. Über die Jahre erlangte auch die handwerkliche Ausbildung der Menschen mehr Gewicht und es wurden Werkstätten zur Herstellung von Bürsten und Körben sowie eine Seilerei eingerichtet. Dies ging einher mit der Aufnahme von älteren Kindern. Nachdem 1872 die Anstalt und die Produkte auf der Allgemeinen Mecklenburgischen Landesgewerbeausstellung vorgestellt wurden, verbesserte sich die wirtschaftliche Auftragslage in der Anstalt. Mit dem Bau von Haus 2 (1884-85) begann die Einrichtung einer Vorschule und die Aufnahme von Kindern ab 6-8 Jahren und 1893 auch die Aufnahme von Späterblindeten. In diesen ersten 30 Jahren zeigte sich, dass die gewünschte Rückführung der blinden Menschen in ihre Heimatdörfer nach der schulischen und handwerklichen Ausbildung meist nicht umsetzbar war. Daher schuf man dauerhafte Wohnheime in den Bauten von Haus 3 (1900-1901) und Haus 4 als Verwaltungsgebäude (1909-1910). Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Gebäude weiter für die Blindenfürsorge genutzt und zum Rehabilitationszentrum Neukloster seit 1964 ausgebaut.

Das Hauptgebäude der Blindenanstalt liegt oberhalb des Lehrerseminars und ist mit der Traufseite parallel zur Allee ausgerichtet (Abb. 7). Die drei späteren Erweiterungsbauten liegen in der Flucht des Haupthauses, sodass sich der Baukörper an der Allee entlangstreckt. Das Haupthaus mit der Hauptfassade beherbergte die Schlafsäle für Jungen und Mädchen, die Lehrerwohnungen, die Wirtschaftsräume, die Unterrichtsräume und später auch die Werkstätten. Die Nutzung der Erweiterungsbauten war über die Jahrzehnte geprägt von Umnutzungen und innere Umbauten. Den einzelnen Gebäuden kam keine kontinuierliche, ausschließliche Nutzung zu (Abb. 8).

Der mit den Entwürfen für beide Anlagen beauftragte Architekt Theodor Krüger zählt zu den produktivsten Architekten in Mecklenburg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Vor allem seine Kirchen(neu-)bauten prägten sein Schaffen. Kurz nach den Bauten in Neukloster wird eines seiner Hauptwerke, die Paulskirche in Schwerin (1863), begonnen. Die Schulbauten in Neukloster sind Ausnahmen in seinem Schaffen, zeugen aber von derselben künstlerischen Qualität, wie Krügers Hauptwerke. Die Gebäude in Neukloster weisen eine neugotische Baugestaltung auf. Mitte des 19. Jahrhunderts war dieser Baustil als „vaterländischer“ Stil eine architektonische Verkörperung der nationalen Einheitsbestrebungen. Es finden sich sowohl private Wohnbauten, als auch öffentliche Repräsentationsbauten in neugotischer Gestaltung. Der Baustil symbolisierte christliche Frömmigkeit in Anlehnung an das gotische Mittelalter und wurde im Sinne der Wahrhaftigkeit des Materials backsteinsichtig ausgeführt. Vor allem Schulbauten erhielten mit der neugotischen Baugestaltung einen repräsentativen Charakter und je höher die Schulform war, desto prachtvoller war auch die Architektur. Krügers Architektursprache zeigt sich von der frühen Hannoverschen Schule unter Conrad Wilhelm Hase (1818-1902) beeinflusst. In Neukloster sind die zumeist dreigeschossigen Backsteinbauten mit Satteldach und Schieferdeckung von einer Vertikalisierung der Fassade geprägt, die sich zwar vom Klassizismus abwendet, teilweise jedoch noch seine Grundstruktur aufgreift. Die Traufseiten sind geprägt von regelmäßigen Fensterachsen und flachen Mittel-/Seitenrisaliten, die von Ziergiebeln als Fial- oder Staffelgiebel überhöht werden. Die Vertikalisierung der Fassade wird vor allem von hohen über zwei Geschosse reichenden Blendbögen und mittels Lisenen erwirkt, die im Erdgeschoss in Anlehnung an gotische Strebepfeiler verstärkt sind (Abb. 9). Dieses Motiv der verstärkten Lisenen gliedert die Traufseite in der Vertikalen und verstärkt auch die Ecken der Baukörper zusammen mit Fialaufbauten auf der Traufe, die die Fassade optisch in die Höhe streben lassen. Ein weiteres Gestaltungsmerkmal ist eine akzentuierende Backsteinpolychromie, die mit gelben Ziegeln, vor allem in Form von Bänderungen, oder mit hellen Schlämmungen in Blendbögen umgesetzt wird (Abb. 10).

Ein wesentlicher Aspekt der neugotischen Hannoverschen Schule ist die Orientierung an herausstechenden Werken der Region. In Neukloster lässt sich eine architektonische Orientierung am Kloster Sonnenkamp erkennen. Der langgestreckte Baukörper der Propstei (Abb. 11) zeigt mit seinen zwei Geschossen, dem hohen Satteldach, den rhythmisierenden Fensterachsen an den Traufseiten und den Schmuckgiebeln Vorbilder für die neugotische Interpretation bei Krügers Entwurf der Schulbauten auf.

Der Ausbau der Anstalt über die letzten 160 Jahre orientierte sich an den Ursprungsbauten. Die Ergänzungsbauten fügen sich ein, sodass die historische städtebauliche Situation erhalten blieb und weiterhin erfahrbar ist. Heute dient das gesamte Gebäudeensemble von Krüger der Förderung und Pflege von Menschen mit Behinderung. Seit dem Ende der Lehrerausbildung in Neukloster werden die Gebäude des ehemaligen Lehrerseminars als Förderschule, Internat und Kindergarten genutzt; heute als Überregionales Förderzentrum SEHEN Mecklenburg-Vorpommern. In den beiden neueren Schulbauten des Lehrerseminars an der Allee, dem ehemaligen Saalgebäude (um 1900) und dem Neuen Schulhaus (1876) sind weiterführende Schulen untergebracht (Abb. 12-13). Die ehemalige Landesblindenanstalt beherbergt ein Pflege- und Altenheim sowie Behindertenwerkstätten des Rehabilitationszentrums Neukloster.

Lene Nell

Kartendarstellung Lehrerbildung und Blindenfürsorge in Neukloster. Ein neugotisches Baudenkmal

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Lehrerbildung und Blindenfürsorge in Neukloster. Ein neugotisches Baudenkmal

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