Denkmal des Monats August 2020

Noch ein vergessener Engel kehrt zurück. Der Taufengel der Kirche in Zahrensdorf

Taufengel nach Beendigung der Arbeiten mit rekonstruierter TaufschaleDetails anzeigen
Taufengel nach Beendigung der Arbeiten mit rekonstruierter Taufschale

Abb. 9. Zahrensdorf, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Kirche, Taufengel nach Beendigung der Arbeiten mit rekonstruierter Taufschale, Mai 2017.

Abb. 9. Zahrensdorf, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Kirche, Taufengel nach Beendigung der Arbeiten mit rekonstruierter Taufschale, Mai 2017.

Eine Spende machte die Restaurierung des Taufengels der Kirche in Zahrensdorf bei Boizenburg möglich. Auf dem Dachboden des Pfarrhauses gelagert, zeigte sich das Stück bei der Erstbesichtigung in einem bedauernswerten Zustand (Abb. 1). Es handelt es sich um eine ca. 130cm große Arbeit aus Lindenholz, die das barocke Ensemble aus Schnitzaltar, Kanzel und Taufbecken wieder vervollständigen soll. Die ursprüngliche Aufhängung mit Kette und Haken ist vollständig vorhanden (Abb. 2). Der linke Unterarm, die Taufschale und beide Flügel fehlen. Der rechte Arm ist lose und in der Schulter befindet sich ein größerer Ausbruch. Nase, Kinn, ein Knie und Zehen zeigen Abbrüche und Splitterungen. Anobienschäden waren trotz des Weichholzes gering und es lag kein aktiver Befall vor. Auch waren umfangreiche Fassungsreste vorhanden, die zum Zeitpunkt der Erstbesichtigung allerdings durch die starke Verschmutzung in Quantität und Qualität noch nicht richtig beurteilt werden konnten (Abb. 3).

Gerade hiermit sollte sich dieser Taufengel von vielen, in den letzten Jahren restaurierten Engeln unterscheiden, da, wie sich im weiteren Verlauf der Konservierung zeigen sollte, noch sehr viel von dieser schönen Fassmalerei mit Ranken- und Blumenmotiven erhalten geblieben ist. Sie folgte als sichtbare Zweitfassung der in Resten vorhandenen Erstfassung weitestgehend in Form und Farbe. So konnte man auf eine in weiten Teilen rekonstruierte Neufassung, wie sie so oft bei zurückliegenden Restaurierungen von Taufengeln nötig war, verzichten (Abb. 4-5).

Der Taufengel zeigt zwei Ölfarbenfassungen, partiell mit Metallauflagen, wobei es sich bei der älteren Fassmalerei vermutlich um die originale barocke Gestaltung mit Rankenmalerei auf dem Gewand, versilberter Borte und vergoldetem Kopfhaar handelt. Bei der umfangreichen ersten Restaurierung wurde die originale Malerei weitestgehend übernommen und erst bei späteren Eingriffen an den Ärmeln und am Gürteltuch sind Veränderungen vorgenommen worden. Dazu kamen Reste eines zementartigen Überzugs auf dem Gewand, der zeitlich und funktional nicht zugeordnet werden konnte. Nach der Oberflächenreinigung, welche trocken, feucht und mechanisch mit dem Skalpell und Feuchtekompressen erfolgte, konnten die Fassungsschichten mit Hausenblasenleim verfestigt werden. Durchgehende offene Leimfugen wurden mit Wollfäden geschlossen und kleinere Ausbrüche im hölzernen Träger mit einem dick angesetzten Leimkreidegrund verfüllt und entsprechend geschliffen. Als Zielstellung für die Fassung galt es, den überkommenen Bestand zu erhalten und die Sichtfassung zu ergänzen. Die Retusche der Fehlstellen erfolgte mit mattierter Harzölfarbe, wobei auf den geblümten Gewandpartien lediglich die rote und weiße Grundfarbigkeit ergänzt werden musste. Bildhauerische Ergänzungen erhielten einen klassischen Fassungsaufbau mit geschliffener Grundierung und entsprechend farbiger Neufassung.

Neben den notwendigen konservatorischen und restauratorischen Arbeiten an der Fassmalerei waren vor allem bildhauerische Rekonstruktionen erforderlich, um den Engel wieder präsentieren zu können und ihn eventuell wieder in die Tauflithurgie einzubinden. Während die körpereigenen Fehlstellen relativ eindeutig durch vorhandene Bruchstellen und Vergleiche (Arm) rekonstruierbar waren, konnten die fehlenden Flügel nur über den Weg einer Recherche und Modellbildung nach Größe und Form langsam herausgearbeitet und abgestimmt werden. Beginnend mit einfachen Pappmodellen konnte sich so den Größenverhältnissen und dem äußeren Formenverlauf angenähert werden (Abb. 6). Nach einer gemeinsamen Abstimmung wurden Tonmodelle der beiden Flügel angefertigt, um sich über die Details der Federn klar zu werden. Dabei wurde ein mehr naturalistischer Vorschlag (Abb. 7) zu Gunsten einer reduzierten Formensprache verworfen. Aus Lindenleimholzrohlingen konnten die Flügel dann anschließend entsprechend der Modellvorgabe geschnitten und mit einer für die vorhandenen Schlitze passenden Steckverbindung geschnitzt werden (Abb. 8). Ebenso wurde mit dem fehlenden linken Unterarm sowie diversen Kleinteilen wie Nase, Lippe, Zehen, Fingerspitzen und Teilen der Gewandfalten verfahren. Diese Teile konnten dann mittels Holzstiften und Fischleim mit dem originalen Träger verbunden werden. Die Anschlussfugen wurden mit Holzkitt passgenau verfugt. Auch die fehlende Taufschale konnte durch Vergleichsbeispiele und entsprechenden Vorversuchen aus Ahornholz gedrechselt werden und blieb ungefasst. Alle kleineren und direkt mit dem Korpus verbundenen, bildhauerisch ergänzten Stücke erhielten eine der Umgebungsfarbigkeit angepasste Farbfassung. Auf eine Neufassung der Flügel wurde ganz bewusst verzichtet. Zum einen, weil keine Anhaltspunkte über die Art der Fassung vorlagen und zum anderen, um das optische Gleichgewicht durch eine so großflächige Neufassung nicht empfindlich zu stören. Die Holzsichtigkeit integriert sich so ganz zurückhaltend in die Gesamtfarbigkeit der zwar sehr gut erhalten gebliebenen aber eben auch gealterten matten Fassmalerei am Korpus und Gewand.

Mit dem Abschluss der Arbeiten konnte der Gemeinde wieder einer dieser „vergessenen“ Engel zur Nutzung und zur Freude zurückgegeben werden (Abb. 9-10). Ausgeführt wurden die Arbeiten durch die Dipl.-Rest. M.A. Bettina Strauß aus Mirow und dem Bildhauer Thomas Klemm aus Berlin.

Frank Hösel

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