Denkmal des Monats Januar 2023

Die Stadthalle in Neubrandenburg

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Abb. 1. Neubrandenburg, Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, Parkstraße 2, Stadthalle

Abb. 1. Neubrandenburg, Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, Parkstraße 2, Stadthalle

Foto: LAKD M-V/LD, J. Schirmer

Abb. 1. Neubrandenburg, Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, Parkstraße 2, Stadthalle

Foto: LAKD M-V/LD, J. Schirmer

1968 entwarf Karl Kraus basierend auf der Verwendung von vier Hyparschalen, die Ulrich Müther im gleichen Jahr bereits für das Restaurant Ostseeperle in Glowe auf Rügen entwickelt hatte, eine Stadthalle für die Bezirksstadt Neubrandenburg. Auf einer quadratischen Fläche von 42 x 42 Metern überspannen vier selbstragende Spannbetonelemente mit Oberlichtbändern den Multifunktionsraum. Die Lasten der Dachschalen werden als Schrägstützen zum Erdboden hingeführt. Als Funktionsräume dienen vier quadratische Pavillons, die dem Bau an den Ecken eingefügt wurden (Abb. 1-3). Der Eingang erfolgte über die beiden der Werkstraße am nächsten gelegenen Pavillons. Der im Kulturpark, südwestlich der Altstadt, unweit des Tollensesees errichtete Bau wurde am 7. Oktober 1969 feierlich eröffnet.

Die charakteristische Konstruktion einer Mehrzweckhalle mit mehreren Hyparschalen findet sich auch in eng vergleichbaren Bauten, etwa in Magdeburg, Potsdam und Dresden und zeugt damit von der hohen baugeschichtlichen Bedeutung für den öffentlichen Bau in der DDR. Die Bewahrung der stadtgeschichtlichen, architekturgeschichtlichen und künstlerischen Qualität des Entwurfs geht einher mit dem wissenschaftlichen Interesse an diesem bedeutenden Vertreter der sog. Ostmoderne.

Die Stadt Neubrandenburg plante ab 2015 die Instandsetzung, um die Mehrzweckhalle dann vorrangig für den Schulsport zu nutzen. Eine Erweiterung dieses Zentralbaus mit neuem Eingangsbau auf der Südwestseite sowie der Schaffung neuer Umkleide-, Sanitär- und Lagerräume und der Erneuerung der Gebäudetechnik waren eine herausfordernde Planungsaufgabe. Auch hier konnte auf die Zusammenarbeit mit dem Müther-Archiv in Wismar und den Bestand der Planungszeichnungen des Architekten zurückgegriffen werden. Eine vorbildliche restauratorische Befundaufnahme und Auswertung historischer Fotos waren ebenso wesentliche Planungsgrundlagen wie materialtechnische Untersuchungen. Bereits in einem frühen Planungsstadium erfolgte die Einbindung der Kollegin der Landesdenkmalpflege, um den Denkmalwert dezidiert zu beschreiben und die Schwerpunkte der Sanierung festlegen zu können. Grundlegend für die Sanierung waren auch hier die Charta von Venedig und die Richtlinie zur Bewahrung des architektonischen Erbes des 20. Jahrhunderts, das sog. Dokument von Madrid.

Die grundsätzliche Herangehensweise wurde 2019 zur Bauantragstellung nochmals besprochen, denn das Ziel sollte es sein, die den Denkmalwert begründenden und wichtigen konstruktiven Elemente mit ihrem hohen gestalterischen Anspruch zu tradieren und bei Ersatz zumindest exemplarisch im Bestand zu erhalten (Abb. 4-11). Das Schadensbild zeigte sich vor allem an den Dachüberständen und im Sockelbereich sowie den Fensterbahnen durch Wärmebrücken. Zwei der Eckpavillons waren bereits in der Vergangenheit durchgreifend saniert worden.

Seit 2020 wird die Stadthalle nun saniert und steht nach der Errichtung des Anbaus kurz vor der Wiedereröffnung (Abb. 12-15). Der Vergleich mit anderen Sanierungen von Bauten Ulrich Müthers in Mecklenburg-Vorpommern zeigt Parallelen der Gestaltung aber auch kleine Unterschiede in den Konstruktionsdetails bei gleicher Qualität der Hyparschalentechnik. Der 2021/22 sanierte Pavillon Erdöl und Bauwesen in Rostock, der mit zwei Schalen als Messebau mit Einfachverglasung errichtet wurde, weist die ebenfalls blauen Hohlprofilstützen im Sockelmauerwerk auf, während sie in Neubrandenburg vorgestellt sind. Die in der Stadthalle zu findenden Oberlichtbänder wurden in der erst jüngst in die Denkmalliste aufgenommenen Mensa in Wismar nicht ausgeführt, sollen nun aber angesichts der Umnutzung der Mensa eine Holzverkleidung ersetzen. Wie in Wismar sind die Fensterfronten mit Thermopenfenstern ausgestattet worden. Die Lüftungselemente in den Fensterfronten der Stadthalle, einerseits als Kippelemente, andererseits als Lamellendreiecke im Übergang zum Dach, sind wichtige handwerkliche Konstruktionsdetails für Metallfenster der Nachkriegsmoderne, so dass ein Teil von ihnen auch erhalten wurde. Die Pavillons besitzen u-förmige Lamellenverglasungen, die in ein U-Profil eingeschoben zwar das Erscheinungsbild maßgeblich mitprägen, aber bautechnisch einer Prüfung bedurften. Die Stadthalle hatte eine Fußbodenheizung und zusätzlich Nachtspeicheröfen in den Hallenecken, die den Raum temperieren sollten, gleichzeitig aber hallenseitig ein zusätzliches Gestaltungselement boten. Die Verschattung und die Akustik des Raumes wurden durch Velourvorhänge geregelt. Der aus 56 1000-Watt-Scheinwerfern bestehende eindrucksvolle zentrale Beleuchtungskörper in der Hallenspitze war zu Sanierungsbeginn bereits nicht mehr vorhanden und wurde nicht ersetzt. Der Hallenboden wurde gegen einen modernen Sporthallenboden ausgetauscht, der für die Nutzung als Sportstätte notwendige Aufprallschutz erforderte kleinteilige Änderungen etwa an den Sockelkanten der Fensterfronten. Die Betoninstandsetzung erfolgte in Abstimmung mit einer Berliner Fachgutachterin. Die Außenanlagen konnten im Zusammenhang mit der Sanierung bereits fertiggestellt werden.

Aus denkmalpflegerischer Sicht ist der Planungsprozess, die Detailplanung und die Umsetzung dieses über die Landesgrenzen hinaus bedeutenden Bauwerks als vorbildlich zu betrachten.

Dr. Jan Schirmer

Weiterführende Literatur:

  • R. Lämmler/M. Wagner, Ulrich Müther Schalenbauten in Mecklenburg-Vorpommern, Sulgen 2008
  • T. Seeböck, Schwünge in Beton, Schwerin 2016
  • T. Scheffler, Vergessene Ikonen, in Bauwelt 26, 2020, S. 6 ff.

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