Denkmal des Monats Juli 2019

Der Pultengel aus der Dorfkirche Lüssow

Abb. 8. Lüssow, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Kirche, Pultengel, die final montierten Ergänzungen während der farblichen Retusche.Details anzeigen
Abb. 8. Lüssow, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Kirche, Pultengel, die final montierten Ergänzungen während der farblichen Retusche.

Abb. 8. Lüssow, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Kirche, Pultengel, die final montierten Ergänzungen während der farblichen Retusche.

Abb. 8. Lüssow, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Kirche, Pultengel, die final montierten Ergänzungen während der farblichen Retusche.

Zur Barockausstattung der Dorfkirche in Lüssow bei Greifswald gehört neben dem Altaraufsatz und der Kanzel, beide aus dem Ende des 17. Jahrhunderts, und dem in seiner Art ungewöhnlichen, in die Altarschranke integrierten, kleinen Taufengel aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts auch ein zum Zeitpunkt des Beginns der Restaurierung stark zerstörter nur noch fragmentarisch in Einzelteilen erhalten gebliebener Pultengel. Dazu gehört ein noch relativ gut erhalten gebliebener, mit Bandelwerk, Blüten und Akanthusblättern reich verzierter Dreifuß (Abb. 1).

In den 1930er Jahren war das Stück wohl noch vollständig erhalten (Abb. 2), muss aber bereits stark vom Holzwurm befallen gewesen sein, da schon Mitte und Ende der 1950er Jahre Maßnahmen zum Holzschutz ausgeführt wurden, welche dann 1972, diesmal mit dem leider stark schadstoffbelasteten Holzschutzmittel Hylotox, wiederholt werden mussten. In den 1960er Jahren war der Engel sehr desolat und wurde wohl ausgelagert, da er im Dehio von 1968 nicht mehr erwähnt wurde. In diesem Zeitraum verlor der Pultengel mehr und mehr an Stabilität, so dass zuerst der rechte Arm verloren ging und sich in späteren Aufnahmen auch Schäden und Verluste am Kopf zeigten, wobei bereits auf Grund der stark geschwächten Holzstruktur das schwere Lesepult entfernt werden musste. Irgendwann danach kam es zu weiteren Verlusten, so des linken Arms mit Buch und einem Großteil des Kopfes (Abb. 3). Die zerbrochenen Einzelteile wurden dann, vermutlich Ende der 1980er Jahre, mit Kunstharz getränkt, verfestigt und verpackt eingelagert, womit vorerst ein vollständiger Verlust vermieden werden konnte. Erst mit der Fertigstellung der Restaurierung des oben erwähnten kleinen Taufengels geriet auch der auf der Orgelempore gelagerte Pultengel erneut in den Fokus einer Restaurierung, deren Möglichkeit auf Grund des vorgefundenen Zustandes allerdings zweifelhaft, wenn auch von den Verantwortlichen nicht ausgeschlossen wurde. So sollte an Hand von Vergleichsbeispielen und noch vorhandenen historischen Fotos die Machbarkeit einer möglichen Rekonstruktion ausgelotet werden, bevor weitere Maßnahmen beschlossen würden.

Vorbereitet wurde die Restaurierung vor Beginn von einer kunsthistorischen Studie über den Lüssower Pultengel und vergleichbare Engel im Landkreis Vorpommern-Greifswald von Herrn Detlef Witt, freiberuflicher Kunsthistoriker aus Greifswald. Er konnte durch eine Fotorecherche die entscheidenden Aufnahmen beisteuern, welche erst eine Rekonstruktion der fehlenden Teile ermöglichte. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich aber auch schon das Dilemma ab, diesen stark fragmentarischen Zustand durch zwingend notwendige bildhauerische Rekonstruktionen, farbliche Ergänzungen bis hin zu Fassungsrekonstruktionen auf den neu angefertigten Teilen, die lediglich durch vergleichende Recherchen unterstützt wurden, weitestgehend frei erfolgen mussten, um den Engel wieder einer sinnvollen liturgischen Nutzung zuzuführen. Aus denkmalpflegerischer, aber auch kunsthistorischer Sicht sind solche großen Eingriffe in das historische Erbe immer problematisch, aber für eine sinnvolle Nutzung und damit gegen das endgültige Vergessen und den Totalverlust doch meist ohne Alternative.

Auch bei der Restaurierung des Lüssower Engels sollte also am Ende wieder eine liturgische Nutzung stehen. Dazu wurde die Holzsubstanz der vorhandenen Einzelteile der zerbrochenen Figur noch einmal partiell mit Kunstharz nachgefestigt, gereinigt und einander zugeordnet. Noch vor Beginn der bildhauerischen Rekonstruktionen wurden kleinere Bruchstücke der Plinthe und Zehen wieder verleimt und kleinere Hohlräume mit einem Kunstharz-Korkmehlgemisch aufgefüllt. Die Hauptaufgabe bestand nun in der sehr umfangreichen bildhauerischen Rekonstruktion von Teilen des Kopfes, der Arme und Teilen des Gewandes. An Hand der historischen Fotografien stellte der sehr versierte Bildhauer Edvardas Racevicius aus Greifswald mit viel Einfühlungsvermögen ein Tonmodell vor, welches alle Beteiligten überzeugte (Abb. 4). Allerdings fehlte zu diesem Zeitpunkt noch eine aussagekräftige historische Gesamtaufnahme mit dem rechten Arm, so dass dieser zu diesem Zeitpunkt nach Beispielen frei rekonstruiert worden war. Nachdem eine Aufnahme aus den 1930er Jahren gefunden worden war (Abb. 5), zum Glück noch vor einer Umsetzung des Tonmodells in Lindenholz, zeigte sich, dass die Armhaltung des rechten Arms noch einmal korrigiert werden musste (Abb. 6). Auf der Aufnahme aus den 1930er Jahren wurde auch deutlich, dass in der rechten Hand vermutlich eine Feder oder ähnliches gehalten wurde. Da dies aber nicht eindeutig identifiziert werden konnte, musste auf eine Rekonstruktion verzichtet werden.

Mittels eines Punktiergerätes konnte der Bildhauer dann dieses Modell in Lindenholz übertragen, wobei mehrere Lindenholzblöcke miteinander verleimt wurden. Auch die Leimflächen wurden den Bruchflächen bildhauerisch angenähert, damit eine möglichst große Form, -und Kraftschlüssigkeit erreicht werden konnte (Abb. 7). Die Verbindung mit dem Original erfolgte dann mit Holz,-bzw. Bambusdübeln, sowie mit einer Holzersatzmasse auf Kunstharzbasis, um gleichzeitig Hohlstellen im Bereich der Klebeflächen auszugleichen.

Auch am Dreifuß wurden auf ähnliche Weise neben einer Holzfestigung bildhauerische Ergänzungen an Blattgirlanden und Blüten ausgeführt. Nachdem alle rekonstruierten und losen Teile wieder mit den originalen Bereichen verbunden waren, erfolgte die farbliche Einbindung dieser Teile in klassischer Art und Weise mit Verleimung, Kreidegrundierung und einer Farbfassung in Eitempera (Abb. 8), welche ebenfalls Verwendung bei der Retusche von Fassungsfehlstellen innerhalb der originalen Farbflächen fand. Wie oben erwähnt, war es Ziel der Restaurierung und ein Anliegen der Gemeinde, den Pultengel wieder einer Nutzung zuzuführen.

Um die Last für den zwar holzverfestigten, aber eben doch geschädigten Engel so gering wie möglich zu halten, war eine separate Abstützung des schweren aus Eichenholz gefertigten Lesepults geplant, welche die Kraft direkt in die Bodenplatte leiten soll. Eine verdeckte Lösung, wobei die Rückseite der Figur vorsichtig aufgeschlitzt und darin eine Metallkonstruktion verborgen werden sollte, wurde zu Gunsten der originalen Substanz verworfen. Entschieden wurde sich für eine externe Lösung, indem das Pult auf einem Edelstahlstab, welcher oben und unten mit einer Metallplatte verschweißt ist, gelagert wird. Dabei wird die untere Platte unter der Sockelplinthe verborgen. Von hinten ist der Stab allerdings zu sehen, stört aber das Erscheinungsbild von vorn nicht (Abb. 9). Mit diesen aufwändigen Arbeiten war es letztendlich gelungen, ein verloren geglaubtes Kunstwerk wieder seiner Bestimmung innerhalb der Kirche zuzuführen und vor dem Verlust zu bewahren (Abb. 10-11).

Ausgeführt wurden die Arbeiten von der Diplomrestauratorin Jenny Heymel aus Süderholz und dem Bildhauer Edvardas Racevicius aus Greifswald.

Frank Hösel

Übersichtskarte Kirche Lüssow

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