Archivalie des Monats November 2026

Die Ehrenurkunde des Rates der Stadt Schwerin anlässlich der Konstituierung des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern am 19. November 1946

Abb.: Ehrenurkunde des Rates der Stadt Schwerin vom 19. November 1946Details anzeigen
Abb.: Ehrenurkunde des Rates der Stadt Schwerin vom 19. November 1946

Abb.: Ehrenurkunde des Rates der Stadt Schwerin vom 19. November 1946

Abb.: Ehrenurkunde des Rates der Stadt Schwerin vom 19. November 1946

Am 20. Oktober 1946, reichlich eineinviertel Jahre nach Gründung des Landes Mecklenburg-Vorpommern durch Befehl Nr. 5 des Obersten Chefs der SMAD vom 9. Juli 1945, wählte dessen Bevölkerung erstmals ihre politischen Repräsentanten bzw. ihre parlamentarische Vertretung. Knapp einen Monat später, am 19. November, konstituierte sich dieser Landtag in Schwerin. Anlässlich dessen sprach der Rat der Landeshauptstadt der Volksvertretung artig „die herzlichsten Glückwünsche“ in einer schmucken Grußadresse aus, mit der einerseits zurück- und andererseits vorausgeschaut wurde.

Im Rückblick wurde betont, dass Mecklenburg-Vorpommern erstmals „nach 12 Jahren faschistischer Diktatur und Unterdrückung“ wieder die Möglichkeit zur „demokratischen Wahl“ eines Landtages gehabt habe. Davon konnte, gleichwohl die ohne demokratische Partizipation von SMAD und SED-Führung entworfene Wahlordnung durchaus demokratischen Prinzipien entsprach und sich bei der formalen Wahldurchführung ebenso wie bei der Ergebnisfeststellung ein Bemühen um die Einhaltung demokratischer Spielregeln erkennen ließ, mitnichten die Rede sein. Die sowjetische Besatzungsmacht nahm deutlich Einfluss zugunsten der SED, die z.B. ungleich größere Papiermengen und Druckkapazitäten für die Wahlwerbung erhielt, während Wahlvorschläge von CDU und LDP nur schleppend registriert, wegen angeblicher Formfehler abgelehnt, Kandidaten gestrichen, Veranstaltungs- und Plakatierungsverbote erlassen wurden. Hingegen bekam Präsident Wilhelm Höcker (SED) am Vorabend der Wahl im Schweriner Theater Gelegenheit, in einer sorgfältig vorbereiteten und in verschiedene Städte übertragenen Veranstaltung Erfolgsmeldungen allgemeiner Art als Errungenschaften der SED-geführten Landesregierung zu preisen, während er allgegenwärtige Probleme wie die Flüchtlingsnöte aussparte.

Ungeachtet dessen befanden sich die Schweriner Stadtväter mit ihrem Postulat von demokratischen Wahlen ohne Zweifel auf der ideologischen Höhe ihrer Zeit, zeigten sich zugleich aber als historisch nicht sattelfest. Zwar vollzog sich auf nationalstaatlicher Ebene die sogenannte Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933, als der Parteiführer der NSDAP zum deutschen Reichskanzler ernannt wurde und es für das genannte Dutzend Jahre blieb. „Mecklenburg-Vorpommern“ existierte zu jenem Zeitpunkt jedoch noch nicht. Im Freistaat Mecklenburg-Schwerin, dem größten Teil des späteren Landes, übernahm die am 5. Juni 1932 mit absoluter Mehrheit gewählte NSDAP die Regierung am 13. Juli des Jahres. Im Freistaat Mecklenburg-Strelitz, einem der kleineren Landesteile, ging die NSDAP aus der Wahl am 13. März 1932 als zweitstärkste Kraft hervor und trat am 8. April in eine DNVP-geführte Regierung ein. Vorpommern, ein weiterer kleinerer Landesteil, gehörte vor 1945 zur preußischen Provinz Pommern, in deren Provinziallandtag die NSDAP in der letzten freien Wahl am 17. November 1929 ebenfalls zweitstärkste Kraft wurde.

Verwundern muss die hier vom Rat der Stadt zur Schau gestellte mangelhafte Sachkenntnis der regionalen Zeitgeschichte allerdings nicht. Oberbürgermeister Christoph Seitz (KPD / SED), zuvor von Mai bis November 1945 Oberbürgermeister von Rostock, stammte aus Bayern und kam, nachdem er 1942 aus der Wehrmacht desertierte und in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet, als Frontbeauftragter des Nationalkomitees Freies Deutschland mit der Roten Armee zurück nach Deutschland. Über kaum mehr Bezug zu dem Land, in dessen Hauptstadt sie nun wirkten, verfügten Alexander Conrad (LDP), bis Juli 1945 Bankangestellter und Bücherrevisor in Danzig, und Wilhelm Dykbandt (CDU), bis zu seiner Flucht nach Schwerin im März 1945 Rechtsanwalt in Königsberg.

Hingegen hätten es die anderen mitzeichnenden Stadträte besser wissen können – Hans Fuchs (KPD, USPD, SPD / SED) war von 1920 bis 1933 ebenso wie der aus dem Kreis Parchim stammende Mueßer Gastwirt Albert Kruse (SPD / SED) von 1926 bis 1932 Mitglied des mecklenburg-schwerinschen Landtages, August Klein (SPD / SED) war seit 1919 als kaufmännischer Geschäftsführer und Fritz Roocks (LDP) als Bauleiter in Mecklenburg tätig.

Durchaus bemerkenswerter als die unzureichende Reflektion der regionalen Geschichte war allerdings der Blick in die Zukunft. Das bezieht sich weniger auf den Wunsch, „auf freier demokratischer Grundlage […] zum Wohle der schaffenden Bevölkerung“ zu arbeiten, als vielmehr auf eines der Hohelieder der Demokratie. Die Schlusszeile „Mit dem Volk – durch das Volk – für das Volk“ entspricht nichts anderem als der sogenannten Demokratieformel, mit der US-Präsident Abraham Lincoln am [!] 19. November 1863 in der Gettysburg Address den Gedanken von Volkssouveränität und Demokratie einprägsam und leicht verständlich machte. Sie entfaltete, auch wenn verschiedene Interpretationen möglich sind, eine langanhaltende Wirkkraft und findet sich sowohl in Art. 20 Abs. 2 GG als auch im Titel der Regierungserklärung des sozialdemokratisch geprägten DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl vom 15. November 1950. In der Schweriner Urkunde vom 19. November 1946 spiegelt sie die bürgerlich-sozialdemokratische Prägung des Stadtrates wider, in dem Christoph Seitz der einzige Kommunist war.

Dr. Matthias Manke

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