Zwischen den Elementen: Günther Uecker und die Natur
Foyer-Ausstellung
“Als Kind an der Ostsee”, so Günther Uecker (1930-2025), “sah ich Himmel und Wasser, Erde und Feuer.” Doch nur ein einziges seiner plastischen Werke befasst sich mit allen vier Elementen zugleich. Dieser Zyklus aus waagerecht stehenden Tableaus markierte bereits 1976 einen längeren Weg des Künstlers in der Auseinandersetzung mit der Natur, einen Weg, der hinter Rerik auf der Halbinsel Wustrow begann. Der Blick auf die Mecklenburger Bucht und das Salzhaff, das Abbrennen von trockenem Gras für die Schafhaltung und die durch lehmigen Boden gezogenen Ackerfurchen waren für Uecker Erfahrungen, welche ihm die Naturelemente "auch in großen Dimensionen selbstverständlich vertraut" machten.
Später findet Günther Uecker die unberührte Natur in Flandern und Arizona, im Appenzell, in der Libyschen Wüste, auf Island und einer "Insel im Atlantik". Geeint mit seinen Kindheitsprägungen, werden sie für ihn zu Orten "freier Artikulierbarkeit". Der Wechsel von Licht, die Wahrnehmung von Struktur, Raumwirkung und Vergänglichkeit, die Farbe Weiß, das Verlassen gewohnter Dimensionen kennzeichnen seinen Blick auf die Natur. Frühe Beispiele "abseits", wie er es formuliert, "der pluralistischen Vorstellungswelt" sind die Aktionen "Weißer Wald" (1965) und "Flämische Landschaft" (1967, gemeinsam mit Jeff Verheyen). Kurz darauf beteiligt sich Uecker an der ersten Land Art-Ausstellung in den USA (1969). Parallel dazu bringt er Naturmaterialien in den Museumsraum; legendäres Beispiel dafür bis in die jüngste Zeit: seine “Sandspirale”.
Die Landesbibliothek gibt in ihrem Foyer vom 31. August bis 6. Oktober 2026 einen Eindruck von Ueckers Naturauffassungen. Präsentiert werden Fotos, Texte und Werkbeispiele. Diese dokumentieren nicht nur Aktionen, sondern vermitteln in Versen wie "Ausgesetzt den Winden" (1998) zugleich Poesie oder wirken aus ihrer Ästhetik wie das Blatt "Steppenbrand" (2008). Den roten Faden durch das vielschichtige Material geben die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft.
Die Naturphilosophie der Antike führte alles Sein auf die vier Urelemente zurück. Selbst das Himmelsgewölbe sah man von Wasser umschlossen. Kunst visualisierte diese Deutung seither in einer ihr zeitgemäßen Formensprache. Auch für die ZERO-Ideen vieler Nachkriegskünstler der 1950er und 60er Jahre bot der Rückgriff auf die klassischen Urstoffe eine Möglichkeit, um bei NULL neu zu beginnen und die Lasten des Nationalsozialismus zurückzulassen. Günther Uecker schöpfte früh aus diesem Ansinnen und wurde gemeinsam mit Otto Piene und Heinz Mack einer der ZERO-Protagonisten in Deutschland. Dieser Bruch mit Seh- und Rezeptionsgewohnheiten entsprach dem allgemeinen Zeitwunsch nach Veränderung und damit dem Verlangen nach gesellschaftlicher Erneuerung schlechthin: ZERO fand vergleichbare Strömungen in weiten Teilen Europas.
Ueckers Kunst erschloss neue Materialien und Ausdrucksformen, drängte in unbekanntes Terrain vor, um die Kunst ins Leben zu holen, um mit tradierten Ansichten und bürgerlicher Behaglichkeit zu brechen. Die Arbeit mit Naturstoffen und -phänomenen, oft in der Flüchtigkeit eines Momentes und der Vergänglichkeit einer Geste, sind Ueckers Versuch, sich dem Kunstmarkt zu entziehen. Museen sollen „bewohnbare Orte“ werden.
Vielfach geht es um die künstlerische Handlung selbst, die kein bleibendes Werk zurücklässt. Kurzfilm und Fotografie werden geeignete Medien, die Aktionen Ueckers zu überliefern. Die Landesbibliothek zeigt Filmstills aus “Feuerblume”, “Schleifender Stein” und “Schlagstein” (alle um 1986). Arbeiten wie “Fallgrube” (Barrikadenbau) spüren den Studentenunruhen der 68er-Bewegung nach. Zu sehen ist ein seltener Fotobeleg der “intermedia heidelberg” (1969). Mit der Entrücktheit des Gegenstandes in die freie Natur schafft Uecker, wie er selbst formuliert “ästhetische Bezüge, gerichtet auf die tatsächliche Welt”.
Seit den 70er Jahren bestimmen Reiseaktivitäten das Verhältnis von Günther Uecker zur Natur. In “Spuren auslöschen” arbeitet er mit dem eigenen Namens-Signum, wie es auch spätere Filmstills von 1986 zeigen. Er setzt Nägel als sein Erkennungszeichen ins Meer (“Meeresplantage”, 1972) und in die Wüste, zieht dort Furchen wie einst auf mecklenburgischem Ackerland. Körperlich inszeniert er sich selbst als Teil der Natur, verschmilzt mit ihr in seinen Aktionen als geschundene Kreatur, als gesichtsloses Wesen, um existentielle Bindungen sichtbar zu machen (“Verwickelt in Seilen”, 1986 oder als “Sandmensch”, 1970). Hinzu kommen nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl die sogenannten Aschebilder.
In jüngerer Zeit rezipierte Uecker die Natur und deren Phänomene zunehmend subjektiv. Ihre Verletzungen und deren Heilung (Lithographie “Nagelbaum”, 2001 mit dem Gedicht “Lichtung”, 1994) spiegeln die Gefährdung des Menschen. Den Abschluss dieses langen Weges der künstlerischen Auseinandersetzung bilden 2024 vier hohe Lichtbögen als Fenster im Dom zu Schwerin.
Uecker war an den Ort seiner Jugend, nach Wustrow zurückgekehrt. Auf Pfählen gegründet steht dort im Strandhafer seine Atelierhütte. Und wenn auf einem Künstlerplakat (1991) das Gras wie Violinen im Winde zirpt und gleich vis-à-vis das Motiv "Kosmos" (2003) den Ausstellungsbesucher ins Universum führt, möge man des Künstlers Aufruf erinnern: "Versuchen wir, das Ungeahnte zu erfassen".
Dr. Andreas Roloff
Die Ausstellung "Zwischen den Elementen. Günther Uecker und die Natur" ist vom 31.08. bis 06.10.2026 zu sehen. Ein Besuch ist während der Öffnungszeiten möglich.
Am 9. und 30. September wird jeweils um 13 Uhr eine Kurzführung angeboten. Voranmeldungen sind nicht erforderlich. Der Eintritt ist frei.