Digitale Bestandserhaltung: Liste der bedrohten digitalen Objekte veröffentlicht - oder: Worum wir uns kümmern

Analog zur Roten Liste weltweit vom Aussterben gefährdeter Tier- und Pflanzenarten gibt es seit einigen Jahren auch eine solche Liste zu gefährdeten digitalen Objekten. Am 7. November 2019 hat die Digital Preservation Coalition nun eine aktualisierte Fassung dieser Liste veröffentlicht.

Das in Großbritannien ansässige Bündnis aus Organisationen der Bereiche Wissenschaft, Bibliothek, Archiv, Kultur und Wirtschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, das nationale und internationale Erbe von digital erstellten, verwalteten und gespeicherten Unterlagen langfristig zu sichern.

Ein Arbeitsergebnis ist die seit 2017 veröffentlichte Liste gefährdeter digitaler Objekte, die so genannte "BitList" (Bit = kleinste elektronische Speichereinheit). Sie enthält die Ergebnisse eines Umfrage-Projekts, bei dem ermittelt wurde, welche digitalen Aufzeichnungen am stärksten bedroht und welche dank digitaler Aufbewahrung relativ sicher sind.1

Mit der Erstellung und Pflege dieser Liste soll vor allem die Notwendigkeit hervorgehoben werden, die als "kritisch gefährdet" eingestuften Objekte zu schützen – eine Aufgabe, der sich staatliche Archive ebenfalls (zunehmend) stellen müssen.

Bei den Nominierungen für die BitList traten einige bekannte Problemfälle zutage, wie die begrenzte Haltbarkeit von Magnetmedien (also Disketten) oder die Nutzung proprietärer Dateiformate. Es wurden aber auch ganz andere Schwachstellen, sozusagen "menschliche Mängel" wie Geschäftsversagen und absichtliche Verschleierung, in den Blick genommen. Noch vor einigen Jahren sah man sich lediglich dem Risiko der Überalterung der Speichermedien ausgesetzt, heute müssen auch schlecht konstruiertes Rechtemanagement oder das Durchsetzen politischer Interessen als ernsthafte Gefahren für die Bewahrung digitaler Ressourcen angesehen werden.

Das wiederum bedeutet, dass Menschen – Behörden, Unternehmen, Gesetzgeber – auch in dieser Hinsicht mehr Verantwortung übernehmen müssen und digitale Bestandserhaltung nicht nur als technische Herausforderung darstellen dürfen!

 

Die "BitList" wird nicht als Top-Ten-Liste geführt, sondern es werden Gruppen von Objekten gebildet und diesen Gruppen Risikokategorien zugeordnet:

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Die "BitList" wird nicht als Top-Ten-Liste geführt, sondern es werden Gruppen von Objekten gebildet und diesen Gruppen Risikokategorien zugeordnet:

Als "verwundbar" oder als bedroht wurden etwa digitale Objekte eingestuft, bei denen die technischen Möglichkeiten für die Erhaltung als gegeben angesehen werden, aber die Verantwortung für die Aufbewahrung nur unzureichend verstanden wird oder die zuständigen Stellen die Anforderungen nicht erfüllen.

Ein Beispiel dafür sind Daten, die in einer so genannten Cloud, also in einem unabhängig verwalteten externen Datenspeicher gesichert werden (z.B. DropBox, Microsoft Azure, Google Cloud Platform, Google Drive). Es gibt für sie keinen Migrationsplan, keine Speicherreplikation und für die Dateninhaber i.d.R. auch keine Ausstiegsstrategie. Diese Daten werden weder verschlüsselt übertragen, noch auf ihre Integrität hin überprüft. Außerdem unterliegen die Dienstleistungen politischer oder kommerzieller Instabilität, d.h. die Cloud-basierten Dienste können ohne weiteres und mit sehr kurzer Vorwarnungszeit eingestellt (Google+) oder auch kostenpflichtig werden.

Neben "Bedroht" gibt es in der Liste noch die Kategorien "Niedriges Risiko", "Gefährdet" "Stark gefährdet" und "Ausgestorben".

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Digitale Objekte werden als ausgestorben betrachtet, wenn sie mit den geläufigen Mitteln und Methoden nicht mehr zugänglich sind.

Ein besonders für staatliche Archive relevantes Beispiel hierfür sind so genannte nichtstandardisierte öffentliche Aufzeichnungen, also Aufzeichnungen, die im Zuge der öffentlichen Verwaltung entstanden sind und darum dem Archivgesetz unterliegen, jedoch auf inoffiziellen Kanälen und Plattformen erstellt wurden und daher versehentlich oder absichtlich vernichtet wurden. Dazu zählen beispielsweise Inhalte und Nachrichten von Instant-Messaging-Diensten (WhatsApp) oder Instagram und Facebook, die sich auf die öffentliche Verwaltung beziehen, möglicherweise politisch schädliche oder unangenehme Umstände enthalten und daher vom Löschen bedroht sind, vor Archiven aus Versehen oder mit Vorsatz verborgen werden oder für diese unzugänglich sind.

Dieses letzte Beispiel zeigt, dass zur digitalen Bestandserhaltung auch gehört, ein generelles Bewusstsein für die Risiken zu schaffen, die zu digitalen Verlusten führen. Behörden können die Nutzung inoffizieller Kanäle durch ihre Beamten nicht vollständig kontrollieren, aber sie können mangelndem Verständnis für die Gefährdung des digitalen Nachlasses begegnen und über den transparenten Umgang mit sensiblen digitalen Aufzeichnungen informieren.

Dr. Maria Schramm
26.11.2019


1 Siehe auch: Middleton, S. and Kilbride, W., 2018. Digitally Endangered Species: The BitList. KULA: knowledge creation, dissemination, and preservation studies, 2(1), p.12. DOI: http://doi.org/10.5334/kula.20.