Erbgroßherzogin Auguste von Mecklenburg-Schwerin (1776 - 1871)

Auguste Friederike von Mecklenburg-Schwerin; geb. 28. November 1776 in Homburg vor der Höhe (heute Bad Homburg); gest. 1. April 1871 in Ludwigslust.

Jugendporträt Augustes um 1800Details anzeigen
Jugendporträt Augustes um 1800

Jugendporträt Augustes aus dem Jahr 1751

Jugendporträt Augustes aus dem Jahr 1751

Tochter des Landgrafen Friedrich V. von Hessen-Homburg, der Friedrich Hölderlin aufnahm; 3. Gemahlin von Erbgroßherzog Friedrich Ludwig von Mecklenburg-Schwerin.

Erwerbung: gelangte 1898 an die Großherzogliche Regierungsbibliothek Schwerin

Die zwei Leben der Auguste

Unterschrift AugustesDetails anzeigen
Unterschrift Augustes

Unterschrift Augustes

Unterschrift Augustes

Am 3. April des Jahres 1818 beginnt die fast 42-jährige Prinzessin Auguste Friederike von Hessen-Homburg in Ludwigslust ein neues Leben als Erbgroßherzogin von Mecklenburg-Schwerin. Ihr ist bewusst, dass sie dafür das Glück und die Zufriedenheit einer etablierten sozialen Stellung am väterlichen Hof aufgibt. Kurz nach der Hochzeit schreibt sie an ihren geliebten Vater, Landgraf Friedrich V.: … - nicht, daß ich hier freudlos lebte …. Aber es ist ein neues Leben – und mein Herz ist nur dem alten ganz offen …

Der bestimmende Rahmen ihres ersten Lebens ist definiert durch ihre große Geschwisterschar aus vier Schwestern und sechs Brüdern, einen für diese Zeit außergewöhnlich zugewandten und toleranten Vater sowie die geschlossene Welt eines kleinen Fürstenhofs, an dem chronischer Geldmangel und ein gesellschaftspolitisch liberales Klima herrscht.

Homburger Schloss. Bibliotheksflügel. Farbige Tuschezeichnung von AugusteDetails anzeigen
Homburger Schloss. Bibliotheksflügel. Farbige Tuschezeichnung von Auguste

Homburger Schloss. Bibliotheksflügel. Farbige Tuschezeichnung von Auguste

Homburger Schloss. Bibliotheksflügel. Farbige Tuschezeichnung von Auguste

Der Prinzessin bleiben die üblichen Zwänge einer Tochter aus adeligem Haus erspart und sie genießt die Freiheit, sich mit den neuen demokratischen Gesellschaftsvorstellungen jener Zeit auseinanderzusetzen.

Auguste ist eine talentierte Zeichnerin und Klavierspielerin. Zu ihren Interessensgebieten zählen außerdem Literatur und Naturwissenschaften, die sie in der Bibliothek ihres Vaters auslebt. Für ihre eigene kleine Büchersammlung ist ein lindgrüner Einband kennzeichnend.

Der junge HölderlinDetails anzeigen
Der junge Hölderlin

Der junge Hölderlin

Der junge Hölderlin

Auguste ist es nicht verwehrt, sich Zugang zu Literatur zu verschaffen, die an Fürstenhöfen gewöhnlich nicht gerne gesehen wird. Dazu zählt der Roman Hyperion des jungen, von der Revolution begeisterten und nicht allein deshalb umstrittenen Dichters Friedrich Hölderlin (1770-1843).

1797, im Jahr seines Erscheinens, fällt das Werk in die Hand Augustes. Auf unfassbare Weise trifft es den Nerv der 21-jährigen und macht den sechs Jahre Älteren zum Gegenstand ihrer Bewunderung.

Als ausgerechnet dieser Mann im September 1798 nach Homburg kommt, verliebt sich die Prinzessin in den gutaussehenden Dichter.

Hyperion, Band 2. Titelblatt mit eigenhändigem Widmungstext Hölderlins Details anzeigen
Hyperion, Band 2. Titelblatt mit eigenhändigem Widmungstext Hölderlins

Hyperion, Band 2. Titelblatt mit eigenhändigem Widmungstext Hölderlins

Hyperion, Band 2. Titelblatt mit eigenhändigem Widmungstext Hölderlins

Hölderlins Einführung bei Hof bildet den Auftakt zu einem speziellen Verhältnis zwischen den beiden. Bleibender Ausdruck seiner Wertschätzung sind die Dichtungen Ode an Auguste und Gesang des Deutschen, die er der Prinzessin am 28. November 1799 zu ihrem 23. Geburtstag schenkt.

Außerdem erhält Auguste ein Exemplar des gerade erschienenen zweiten Bandes des Hyperion, das sie grün einbinden lässt. Hölderlin widmet es ihr mit einem Zitat aus seinem Gesang des Deutschen: Den deutschen Frauen danket! Sie haben der Götterbilder freundlichen Geist bewahrt.

Das Buch, das stets in ihrer Nähe und zur Hand sein soll, liegt in der Regel auf ihrem Fensterbrett, wo das Tageslicht die grüne Farbe des Einbandes in den folgenden Jahren verblassen lässt.

Friedrich von MatthissonDetails anzeigen
Friedrich von Matthisson

Friedrich von Matthisson

Friedrich von Matthisson

Im Juni 1800 verlässt Hölderlin Homburg. Auguste muss davon ausgehen, ihn niemals wiederzusehen. Gegenüber ihrer Familie erteilt sie einer standesgemäßen Heirat, die ihrer Ansicht nach ohnehin niemals auf Liebe gründen kann, eine Absage. Sie spielt mit der Idee, sich in Paris zur Malerin ausbilden zu lassen, um existenziell unabhängig zu sein.            

Im November 1801 beginnt Auguste mit dem 15 Jahre älteren, geschiedenen Dichter Friedrich Matthisson, später von Matthisson (1761-1831), nach einem seiner Besuche in Homburg einen Briefwechsel. Matthisson erkennt Augustes Talent als Malerin an und äußert die Bitte, ein Selbstporträt von ihrer eigenen Hand zu erhalten. Sie erfüllt ihm den Wunsch jedoch nicht.

Die sehr persönliche Korrespondenz bricht ab, als Hölderlin im Juni 1804 nach Homburg zurückkehrt. Der Dichter zeigt sich verändert. Die psychischen Beeinträchtigungen, die in den kommenden Jahrzehnten sein Leben beherrschen, sind unübersehbar. Auguste schenkt dem von Depressionen Geplagten ein Klavier, das er zertrümmert.                            

Gleichzeitig steht die Prinzessin mit dem neun Jahre älteren Gelehrten und Dichter Isaac von Gerning (1767-1837) in engem Kontakt, der in dieser Zeit in einem Haus neben dem Homburger Schloss wohnt. Im Oktober 1806, Hölderlin war zwei Monate zuvor nach Tübingen gebracht worden, erhält Auguste von Isaac von Gerning zu ihrem 29. Geburtstag zwei für sie erschaffene Dichtungen. Im folgenden Jahr verlässt Isaac von Gerning Homburg jedoch für immer und Auguste verewigt sich zum Abschied in seinem Poesiealbum.

Inzwischen kämpfen alle ihre Brüder im Krieg gegen Napoleon und werden teilweise verwundet. Nachdem sich Augustes jüngste Schwester 1804 mit Wilhelm von Preußen vermählt hatte, wird Napoleons dortiger Einmarsch 1806, die Besetzung Berlins und die Flucht des Königspaares in Homburg sozusagen als Familiensache begriffen. Ein einschneidendes Ereignis bildet der Tod des jüngsten Sohnes Leopold 1813 auf dem Schlachtfeld nur wenige Monate vor Kriegsende. Die Familie trauert und Auguste fühlt sich schuldig, dass sie einst gemeinsam mit Hölderlin den dafür verantwortlichen Kriegsherrn als Hoffnungsträger für eine neue Gesellschaftsordnung gefeiert hatte. Sie verwirft ihre bisherigen politischen und gesellschaftlichen Ansichten, gibt ihre Ablehnung des adeligen Standes auf, wandelt sich zur Gegnerin revolutionärer Bestrebungen und geht konform mit den Restaurationsbestrebungen des Wiener Kongresses 1814/15. Zu ihrem moralischen Richtungsweiser wird der pietistische Protestantismus, der ihr durch ihren Vater seit Kindertagen vertraut ist.

Friedrich Ludwig mit seinen Kindern Marie, Albrecht und HeleneDetails anzeigen
Friedrich Ludwig mit seinen Kindern Marie, Albrecht und Helene

Friedrich Ludwig mit seinen Kindern Marie, Albrecht und Helene

Friedrich Ludwig mit seinen Kindern Marie, Albrecht und Helene

Die Heirat mit Erbgroßherzog Friedrich Ludwig im Jahr 1818, eine standesgemäße, vernunftbasierte Verbindung, wie sie Auguste für sich einstmals vehement abgelehnt hatte, erscheint als Ausdruck ihrer inneren Wandlung. Friedrich Ludwigs zweite Frau Caroline hatte sich im Tode erbeten, dass Auguste, ihre Cousine und Freundin, die Ziehmutter ihrer kleinen Kinder und die dritte Gemahlin ihres Mannes werden sollte. Die Prinzessin folgt dem Wunsch der Verstorbenen in dem Bewusstsein, ein christliches Werk der Barmherzigkeit und der Buße zu tun.

Als Erbgroßherzogin ist Auguste entschlossen, ihrer neuen Position gerecht zu werden. Sie, die niemals eigenen Nachwuchs hatte, übernimmt die Mutterrolle für den sechsjährigen Albrecht und das zweijährige Nesthäkchen Helene. Als Friedrich Ludwig ein Jahr nach der Hochzeit und einen Tag nach ihrem Geburtstag stirbt, fällt Auguste die alleinige Verantwortung für die beiden Kinder zu.

Exlibris der AugusteDetails anzeigen
Exlibris der Auguste

Exlibris der Auguste

Exlibris der Auguste

1825 steht für den 17-jährigen Albrecht der für Fürstensöhne übliche Auslandsaufenthalt an. Auguste entscheidet sich gegen die Tradition des Hauses Mecklenburg-Schwerin und schickt Albrecht nach Zürich statt nach Genf. Durch die lebenslange Freundschaft ihres Vaters mit dem bekannten Züricher Theologen Johann Caspar Lavater kennt Auguste die dortige pietistische Gemeinschaft, die sie als den geeigneten sozialen Kontext für ihren Ziehsohn ansieht. Auguste selbst holt Albrecht 1827 in Zürich ab. Sie erneuert den Kontakt zur Familie Lavater und beginnt einen Briefwechsel vor allem mit der ältesten Lavater-Tochter.                                                                                                

1834 verliert Albrecht als junger Mann infolge eines Reitunfalls sein Leben. Danach steht im Zentrum von Augustes Aufmerksamkeit ihre Ziehtochter Helene, die 1837 die Gemahlin des französischen Thronfolgers wird. Erst Mitte der 1850er Jahre, als Augustes Schwestern und Helene den Tod gefunden haben, kehrt die verwitwete Erbgroßherzogin dauerhaft nach Ludwigslust zurück, wo sie zurückgezogen im Prinzenpalais neben dem Schloss lebt.

Die Religiosität ist ihr Lebensmittelpunkt und sie wirkt als Mitbegründerin der mecklenburgischen Erweckungsbewegung. Ihre kleine Homburger Büchersammlung erweitert sie über die Jahrzehnte zu einer eigenen Bibliothek u.a. mit religiöser Literatur, wissenschaftlichen Abhandlungen und poetischen Werken, gekennzeichnet durch ihr persönliches Exlibris. Außerdem trägt sie eine wertvolle Notensammlung zusammen.

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist Auguste als verwitwete Erbgroßherzogin ein Mitglied des Fürstenhauses Mecklenburg-Schwerin, bis sie im Alter von 95 Jahren stirbt.

Zur Bestandsgeschichte

Der Gesamtnachlass der Erbgroßherzogin stammt sowohl aus den mehr als fünf Jahrzehnten nach ihrer Hochzeit 1818 als auch aus den rund 40 Jahren davor am väterlichen Hof in Homburg vor der Höhe. Heute ist er aufgeteilt zwischen der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern und dem Landesarchiv in Schwerin. Der Teilnachlass in der Landesbibliothek umfasst drei Unterbestände:

  1. die Privatbibliothek von rund 2500 Bänden
  2. die Notensammlung
  3. die Einzelhandschriften, darunter die „Dichterbriefe“, die Hölderlin-Handschriften, die Korrespondenz mit Naturforschern und Personen aus dem theologischen Umfeld.

Diese drei verschiedenartigen Unterbestände kamen auf Umwegen in den Besitz der Großherzoglichen Regierungsbibliothek. Ihre wertvolle Privatbibliothek hatte die lebenslang wohltätige Erbgroßherzogin Pastor Adolf Christoph Huldrich Rennecke, dem Lehrer ihrer Ziehtochter Helene, vermacht, um dessen 13-köpfiger Nachkommenschaft eine angemessene Bildung zu gewährleisten. Das Großherzogtum erwarb die Bücher von Rennecke zurück, um sie für die Regierungsbibliothek zu sichern. Der Buchbestand ist heute in die Landesbibliothek eingegliedert.                                                                                                                          

Ihre Musikaliensammlung gelangte vermutlich zusammen mit den Einzelhandschriften erst mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Tod der Erbgroßherzogin in die Großherzogliche Regierungsbibliothek. Die Notensammlung wurde durch den mecklenburgischen Musikdirektor Otto Kade 1899 in einem eigenen Katalog systematisch erfasst. Gleichzeitig sichtete der Leiter der Regierungsbibliothek Carl Schröder die Einzelhandschriften und machte eine spektakuläre Entdeckung. Es war die bis dahin unbekannte Ode zu Augustes 23. Geburtstag. Offenbar hatte die Erbgroßherzogin diese persönlichste Dichtung Hölderlins mehr als 70 Jahre bis zu ihrem Tod verborgen gehalten, seitdem er sie ihr am 26. November 1799 geschenkt hatte.

2023 wurden die Einzelhandschriften mit den „Dichterbriefen“ für den digitalen Verbundkatalog Kalliope neu geordnet. Dieser Teil des Nachlasses umfasst 66 Einzelhandschriften aus den Jahren 1776-1864. Er ist in sieben Unterbestände und sieben Einzelhandschriften thematisch gegliedert.