Nachlass Inge Borde-Klein (1917 - 2006)
Drei Leben, drei Karrieren
Inge Borde-Klein, geborene Hoyer, ist Tochter einer passionierten Pianistin. Zusammen mit ihrer Schwester erhält sie früh Klavierunterricht. Ihre wahre Liebe gehört jedoch der Violine. Mit elf Jahren darf das Mädchen Geige lernen. Gleichzeitig führt der berufliche Werdegang des Vaters die Familie von Berlin über Hamburg nach Bremen. In Bremen spielt Inge im Schulorchester und bei Schauspielaufführungen mit. Vor allem aber begeistern sie die Hauskonzerte ihrer Geigenlehrerin.
1933 nimmt sich ihr Vater das Leben. Sein Freitod bedeutet für den Teenager eine traumatische Erfahrung und für die Familie einen harten wirtschaftlichen Einschnitt. Nach dem Abitur besucht Inge das Conservatorium der Musik in Bremen. Von dort wechselt sie 1936 an die Hochschule für Musik in Berlin, anschließend an das Konservatorium der Hauptstadt. 1938 macht sie ihr Examen im Hauptfach Violine und ihr Staatsexamen als Geigenlehrerin.
Gleichzeitig lernt Inge den Musikerkollegen Willi Schweimer näher kennen und geht 1939 eine Ehe mit ihm ein. Kurz zuvor aber hatte sie den fünf Jahre älteren Waldemar Borde kennengelernt. Er hatte eines ihrer Konzerte besucht: … Liebe auf den ersten Blick. Hat es damals gegeben … Bald danach wird der „Kommunist“ Waldemar von den Nazis verhaftet. Aus dem Gefängnis schreibt er Inge einen Brief mit roter Tinte. Im Unterschied zu Willi Schweimer, der Inges eigenem bürgerlichen Herkunftsmilieu entstammt, scheinen sich ihr durch Waldemar Borde, der in einem gefährlichen Konflikt mit dem NS-Regime befindet, andere Lebenswelten zu erschließen. Inges Ehe mit Willi Schweimer dauert nur kurz. Man trennt sich im Einvernehmen.


Feldpostkarte von Waldemar Borde an Inge, Juni 1941
LBMV; Rara NL 27
Feldpostkarte von Waldemar Borde an Inge, Juni 1941
LBMV; Rara NL 27
Am 1. September 1939 beginnt der zweite Weltkrieg. Während Inge in Berlin als private Geigenlehrerin arbeitet, wird Waldemar zum Militärdienst verpflichtet. Das Paar schreibt sich mit zunehmender Frequenz und heiratet während eines Heimaturlaubes am 16. September 1942. Im folgenden Jahr, auf einer Konzertreise Inges, wird ihr Sohn geboren.
Das Ende des Krieges erleben Mutter und Kind in Schleswig-Holstein. Waldemar kommt in ein Strafbataillon an der Westfront: … Die Leute im Strafbataillon wurden über die Minen gejagt. Die sollten eigentlich verheizt werden … Er überlebt und findet nach Kriegsende Unterschlupf in Ludwigslust, wohin er Frau und Kind holt. Aus Mecklenburg stammt Inges Mutter. Das Land ist ihr vertraut. Doch Ludwigslust bleibt nur eine kurze Zwischenstation. Als man Waldemar an der politischen Neuordnung Mecklenburgs beteiligt, zieht die kleine Familie 1946 nach Schwerin in die Apothekerstraße: Hier spielten die „Flüchtlingskinder“ das Elend der Erwachsenen … Vorschulkinder ohne Heimat … gezeichnet von Hunger und Krankheiten … Die Bordes teilen sich ihre Wohnung mit anderen Kulturschaffenden.
Als einzige Frau wird Inge in das Mecklenburgische Landesorchester aufgenommen, das neben der traditionellen Staatskapelle neu gegründet wird: … wir alle waren heiß. Wir wollten den Menschen wieder Kultur bringen nach diesem Nazismus … Das war für uns eine ganz große Aufgabe … Doch ihr altes Instrument hatte sie in den Kriegswirren irgendwo zurücklassen. Unter großer finanzieller Anstrengung wird eine Geige von einem Violinisten gekauft, der im Krieg einen Arm verloren hatte. Als Mitglied des Landesorchesters wirkt die Musikerin an Rundfunksendungen mit und nimmt an Konzertreisen teil. Nebenbei musiziert sie im Collegium Musicum des Kirchenmusikdirektors Hans-Georg Görner.
Inge tritt in die entstehenden Künstlervereinigungen der DDR ein, den Bund der Freien Deutschen Jugend (FDJ), den Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD) und den Kulturbund. Mit anderen Mitgliedern wie den Schriftstellern Willi Bredel und Ehm Welk sind die Bordes freundschaftlich verbunden.
Im Kulturbund kommt Inge mit dem Puppenspiel in Berührung, das sie anschließend zuhause als Unterhaltung für ihren kleinen Sohn betreibt: … Ich habe mit vier Kasperlpuppen … eine Leine gespannt zwischen die Tür von Eßzimmer und Schlafzimmer und … wie auf einem Spielschirm … eigene Geschichten und Erlebnisse gemischt. Für den Jungen. Dann kam ein Nachbarskind, … noch ein Nachbarskind und dann kamen von der Straße Kinder. Dann war da Publikum. … Da erlebte ich, dass die Kinder bei mir glücklich waren, lachten …
Inges Talent für diese Kunstform wird bekannt, u.a. Dieter Mäde, dem späteren Dramaturgen, Theaterregisseur und Intendanten in Berlin. Man beruft sie als Referentin in die Landesleitung des FDJ. Sehr ungern gibt Inge dafür das berufsmäßige Geigenspiel auf. Im Zentrum ihrer Arbeit steht nun das Puppenspiel mit Jugendlichen, wobei niemals fremde Stücke gespielt werden. Willi Bredel ermutigt sie zur Veröffentlichung ihrer Manuskripte im Peter-Männchen-Verlag.
Ab 1949 lebt Familie Borde in Berlin. Erst dort nimmt Inges Karriere als Puppenspielerin Fahrt auf. Sie wird Mitbegründerin mehrerer Puppenbühnen, wirkt an zahllosen Aufführungen mit, auch als Regisseurin, ist weiterhin in der Jugendarbeit aktiv. In ihrer zweiten Schwangerschaft verausgabt sie sich während eines Ferienlagers und verliert ihr Kind.


Inge Borde-Klein und vermutl. Paul Friese, bis 1958/59 erster Geiger in der Schweriner Philharmonie
LBMV; BISA1274
Inge Borde-Klein und vermutl. Paul Friese, bis 1958/59 erster Geiger in der Schweriner Philharmonie
LBMV; BISA1274
Anfang der 50er Jahre trennen sich Inge und Waldemar. Sie bearbeitet inzwischen klassische Schauspiele für die Puppenbühne. Künstlerische Förderung erhält sie in der Arbeitsgemeinschaft junger Autoren, namentlich von Christa Wolf und Erwin Strittmatter. Gemeinsam mit ihnen sowie dem Schriftsteller Eduard Klein zählt Inge zu den Gründer*innen dieses Verbandes. Inge und Eduard werden ein Schriftstellerehepaar. Sie nennt sich fortan Borde-Klein. Inge verfasst grundlegende Werke zur Kunst des Puppenspiels sowie zu seiner didaktischen und pädagogischen Bedeutung, darunter das Große Buch vom Puppenspiel von 1969. Im Theaterverband der DDR tritt Inge in die Leitung der Abteilung „Puppenspiel“ ein. Fast 30 Jahre, von 1959 bis 1988, ist sie außerdem im Vorsitz der Union Internationale de la Marionette (UNIMA), unternimmt dafür immer wieder Reisen ins Ausland.
Zum 50-jährigen Jubiläum des Kulturbundes 1995 kehrt Inge noch einmal nach Schwerin zurück. Ein Morgenspaziergang … allein durch die Apothekerstraße bis zu „unserer“ damaligen Erdgeschoßwohnung, war wie ein Zeremoniell. Ich ging langsam – sah die Häuser an auf beiden Seiten und freute mich …, daß alles im gleichen Stil erneuert wird. Das Haus betrat ich mit Herzklopfen, blieb vor „unserer“ Wohnungstür stehen und traute mich nicht zu klingeln. Es zog mich auf den Hof, der ebenfalls seine Form behalten hatte. Da standen zwei Tische und Stühle und ich setzte mich und schaute in das frische Grün der Bäume und Büsche. Es war die Stunde gekommen, den Ort des Umbruchs in Ruhe zu betrachten …, wo ein halbes Jahrhundert zuvor alles begonnen hatte.
Nachlass:
In den 1990er Jahren führte Dr. Jürgen Borchardt, 1981-1992 Mitarbeiter der damaligen Wissenschaftlichen Allgemeinbibliothek Schwerin, Interviews mit Personen durch, die zu den maßgeblichen Zeitzeugen und Teilnehmern am Aufbau des kulturellen Lebens in Schwerin von 1945-1952 zählten, darunter Inge Borde-Klein. Ein Teil der Interviewprotokolle ist veröffentlicht (Jürgen Borchardt u. Brigitte Konieczny, Zwischen Hoffnung und Verzweiflung (Schwerin 1995, https://opac.lbs-wismar.gbv.de.) Infolgedessen konnte die Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern nach dem Tod von Inge Borde-Klein den Nachlass der Künstlerin übernehmen. Dieser umfasst neben verschiedenen Korrespondenzen von Inge Borde-Klein im Wesentlichen mehr als 100 Briefe, die Waldemar Borde von 1941 bis zum Kriegsende aus dem Feld an Inge geschrieben hatte sowie ihre Tagebücher.





![Schwerin: Landesdr. [1948] Schwerin: Landesdr. [1948]](/static/LAKD/LB/Dateien/Bilder/Cover%202%20.jpg)