Stückweise: Das Pferdegeschirrdepot von Stormsdorf (Nordvorpommern)

Fund des Monats November 2008

Klapperbleche: sehen aus wie Ohrringe, gehören aber zum PferdezaumzeugDetails anzeigen
Klapperbleche: sehen aus wie Ohrringe, gehören aber zum Pferdezaumzeug

Klapperbleche: sehen aus wie Ohrringe, gehören aber zum Pferdezaumzeug

Klapperbleche: sehen aus wie Ohrringe, gehören aber zum Pferdezaumzeug

Manchmal kann eine Fundgeschichte mehr als 30 Jahre dauern: 1974 fanden spielende Kinder auf einem Acker merkwürdige, tellerförmige Bronzeplatten und einen Ring mit eingehängten Scheiben. Einem glücklichen Zufall ist zu danken, dass sie in einem alten Buch ähnliche Stücke abgebildet entdeckten und der Fund in die Hände von Fachleuten gelangte. Ein Jahr später wurde das bekannte Pferdegeschirrdepot von Ückeritz auf Usedom entdeckt. In den Folgejahren fand ein ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger zwei weitere Schmuckscheiben, dann hielt man den Fundplatz für erschöpft. Im Jahr 2007 suchten Mitarbeiter des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege den Platz auf, bargen einzelne Funde, im August 2008 wurde die erkennbare Fundstreuung genauer untersucht. Hierzu wurde mit einem Bagger auf 20 x 15 m Fläche der Ackerhorizont abgedeckt.

Zu den 2007 entdeckten 21 Teilen (zum Beispiel Klapperbleche, kugelige Bronzeperlen und Teile von Trensen) kamen jetzt weitere 33 Gegenstände hinzu. Trotz des extrem ausgetrockneten Ackerbodens gelang die Bergung vieler intakter Einzelteile. Offenbar war die ursprüngliche Deponierung vollständig durch die Beackerung zerstört, denn die Funde waren über rund 20 m verstreut und die ursprüngliche Lage des Depots war nicht mehr erkennbar. Wiederum wurden die mit einem Ring versehenen, ihrer Form nach an große Ohrringe erinnernden Bleche gefunden. Sie waren ursprünglich an Ringen paarig aufgehängt, am Pferdezaumzeug aufgehängt und als klingender Schmuck gedacht. Besondere Freude bereitete den Archäologen die Auffindung weiterer Teile von Trensen. Die ursprünglich zur seitlichen Befestigung des Gebisses dienenden Knebelstangen waren zwar zerbrochen, ließen sich aber zu insgesamt drei Exemplaren vollständig zusammensetzen. Da die Knebel paarig an der Trense befestigt waren, wird in Stormsdorf von mindestens zwei Pferdegeschirren ausgegangen. Die Knebelstangen finden ihre nächsten Parallelen weit entfernt im westalpinen Raum (heutige Westschweiz). Sie entsprechen dem Typ "Grandson-Corcelettes" und stellen damit Importgüter dar. Sie wurden in einer Entfernung von mehr als 1000 km vom Fundort hergestellt und gelangten vermutlich als Handelsgut oder im Tausch in den Norden Vorpommerns. Ihre Form und Zeitstellung (um 700/750 v. Chr.) wird in der archäologischen Forschung mit Einflüssen von Reitervölkern des östlichen Balkans beziehungsweise Kaspischen Meeres in Verbindung gebracht. Von dort gelangten zur Wende von der Bronzezeit zur Eisenzeit wichtige Kulturimpulse, wie besondere Reiterausstattungen, in den Westen und Norden Europas

Viele der nun ausgegrabenen Bronzegegenstände sind durch die landwirtschaftliche Technik und Düngung stark geschädigt. Dies zeigt ein Vergleich der Funde von 1973 mit den jüngst geborgenen Stücken. Und man kann bis heute nicht ausschließen, dass sich das eine oder andere Stück aus Stormsdorf noch in Privatbesitz befindet. Denn um 1990 wurden im Museum Bad Sülze zwei Schmuckplatten abgegeben, die eindeutig zu dem Depot gehören. Die Fundgeschichte scheint also noch nicht beendet …

Dr. C. Michael Schirren