Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg fährt 1902 in den Schacht der Kohlenzeche „Constantin IV“ ein

Archivalie des Monats Juni 2025

Die meisten deutschen Fürsten im Kaiserreich führten ein recht behütetes Leben. Ihre Pflichten waren überschaubar. Sie nahmen Paraden ab, tanzten auf Hofbällen, gingen auf die Jagd, speisten gut, übernachteten in den besten Hotels und reisten gern. Von dem Leben ihrer Untertanen wussten sie nicht viel. Es gab freilich auch Ausnahmen. Eine davon war Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, 1895 bis 1920 Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft, ein Mann von rastloser Energie und unstillbarer Neugier. In den vier Jahren, die er von 1897 bis 1901 als Regent des Großherzogtums von Mecklenburg-Schwerin fungierte, gab es kaum einen Ort des Landes, den er nicht besuchte. Zum 4. August 1898 zum Beispiel vermerken die Annalen des Staatskalenders: „Der Herzogregent fährt nach Bützow, besichtigt die dortige Kirche, die großherzoglichen Gebäude, das Zentralgefängnis, die Landesstrafanstalt Dreibergen und die Obstbaumschulen des Professors Dr. Stötzer, jagt Abends in den umliegenden Großherzoglichen Jagdgründen.“

Abb.: Am 21. Juni 1902 fahren Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg und sein Hofchef Cuno von Rantzau (2. und 3. von rechts) in den Schacht der Zeche „Constantin IV“ in Herne einDetails anzeigen
Abb.: Am 21. Juni 1902 fahren Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg und sein Hofchef Cuno von Rantzau (2. und 3. von rechts) in den Schacht der Zeche „Constantin IV“ in Herne ein

Abb.: Am 21. Juni 1902 fahren Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg und sein Hofchef Cuno von Rantzau (2. und 3. von rechts) in den Schacht der Zeche „Constantin IV“ in Herne ein

(LHAS, 5.2-4/1, Nr. 55)

Abb.: Am 21. Juni 1902 fahren Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg und sein Hofchef Cuno von Rantzau (2. und 3. von rechts) in den Schacht der Zeche „Constantin IV“ in Herne ein

(LHAS, 5.2-4/1, Nr. 55)

Nach dem Ende seiner Regentschaft erweiterte er sein Interessengebiet auf ganz Deutschland. Am 18. Juni 1902 war er mit dem Kaiser in Bonn auf einem Fest ihrer Studentenverbindung, anschließend folgte er einer Einladung der Bochumer Ortsgruppe der Kolonialgesellschaft. Der Herzog besichtigte hier zunächst die gewaltigen Stahlwerke des „Bochumer Vereins“ und danach die Zeche „Shamrock III/IV“ in Wanne-Eickel. Hierbei äußerte er den Wunsch, es nicht bei einem oberirdischen Rundgang zu belassen, sondern doch einmal die Welt unter Tage zu erkunden. Dieser Wunsch wurde ihm schon am nächsten Tag erfüllt. Am 21. Juni 1902 trafen der Herzog und sein Hofchef Cuno von Rantzau gegen 10 Uhr auf der Zeche „Constantin IV“ in Herne ein, und wurden zunächst einmal eingekleidet, mit Grubenlampen und Stöcken ausgestattet und dann der Obhut zweier erfahrener Bergleute übergeben. Bevor die vier Männer in den Schacht einfuhren, wurde das nebenstehende Foto gemacht.

Anschließend verbrachte der Herzog nach Angaben der Wittener Volkszeitung dann fast drei Stunden unter Tage und besichtigte „die maschinellen Anlagen, die Streckenförderung, die Querschläge und die einzelnen Oerter“. Das hört sich harmloser an, als es war. Um dahin vorzudringen, wo in 500 m Tiefe „vor Ort“ die Kohle abgebaut wurde, musste Johann Albrecht mehrere Kilometer durch enge Gänge laufen, und das bei großer Hitze und in mit Kohlenstaub gesättigter Luft. Ein Sonntagsspaziergang war das nicht. Schwarz wie die Schornsteinfeger erblickten der Herzog und sein Begleiter Rantzau schließlich gegen 13 Uhr wieder das Tageslicht. Beide nahmen zunächst ein Bad und genossen dann ein sogenanntes Gabelfrühstück im Restaurant „Waldeslust“, bei dem es sich allerdings eher um ein recht reichhaltiges Mittagessen handelte. Am Nachmittag hörten sie sich in der Aula der Bochumer Oberrealschule einen Vortrag der Kolonialgesellschaft über die Geologie der Kolonie von Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Ruanda und Burundi) an. Ein Thema, das die anwesenden Bergwerksdirektoren – stets auf der Suche nach neuen Tätigkeitsfeldern – sehr interessierte.

Dass deutsche Fürsten Industrieanlagen im Ruhrgebiet besichtigten, kam schon gelegentlich vor. Allerdings blieben sie dabei in der Regel wohlweislich über der Erde. Dass jemand wie Johann Albrecht sich unter Tage begab, war eine extreme Ausnahme. Sein durchaus ernst gemeintes Interesse beeindruckte Unternehmer wie Arbeiter. Der Herzog schuf sich auf diese Weise einen Ruf, der ihm auch politisch nutzte. 1906 empfahlen ihn die „Braunschweiger Neuen Nachrichten“ als geeigneten Regenten für das Land: „Er ist als außerordentlich tätiger Präsident des deutschen Kolonialvereins bekannt und geehrt im ganzen Deutschen Reich; er steht dadurch mitten im öffentlichen Leben und unterhält die besten persönlichen Beziehungen zu allen patriotischen Ständen“. Und tatsächlich wählte ihn der Braunschweiger Landtag 1907 zum Regenten. So wie durch Deutschland so reiste der Herzog auch durch andere Länder. Der Unternehmer Franz Ferdinand Eiffe schrieb 1912: „Herzog Johann Albrecht betrachtet Reisen nicht nur als Vergnügen, sondern als ernste Arbeit. Die belehrenden Gespräche mit hervorragenden Männern jeden Berufes, die Besichtigungen der Museen, Galerien, industriellen Anstalten, Schulen etc. unter sachverständigster Führung hinterlassen stets eine Fülle von Anregungen. Ich weiß von keinem regierenden Fürsten, der mehr von der Welt gesehen und umfassendere Kenntnisse der Eigenart der besuchten Länder gewonnen hätte, als der Herzog-Regent.“

Bernd Kasten

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