"Papa Frahm": Die mecklenburgischen Wurzeln eines deutschen Bundeskanzlers

Archivalie des Monats August 2019

Archivalie 2019 08 Strafverfügung der Gutsobrigkeit Elmenhorst vom 9. Juli 1895 gegen Ludwig Frahm (LHAS, 3.2-5/12, Nr. 1612)Details anzeigen
Archivalie 2019 08 Strafverfügung der Gutsobrigkeit Elmenhorst vom 9. Juli 1895 gegen Ludwig Frahm (LHAS, 3.2-5/12, Nr. 1612)

Strafverfügung der Gutsobrigkeit Elmenhorst vom 9. Juli 1895 gegen Ludwig Frahm (LHAS, 3.2-5/12, Nr. 1612)

Strafverfügung der Gutsobrigkeit Elmenhorst vom 9. Juli 1895 gegen Ludwig Frahm (LHAS, 3.2-5/12, Nr. 1612)

Unzweifelhaft bildet eine unscheinbare und zudem ziemlich dünne Akte, die aus der nordwestmecklenburgischen Gutsherrschaft Bothmer stammt, eine höchst bemerkenswerte Überlieferung im Landeshauptarchiv Schwerin. Sie enthält kaum mehr als vier Verurteilungen des am 31. Oktober 1875 in Arpshagen geborenen und in Steinbeck wohnhaften Knechts Ludwig Heinrich Carl Frahm: Am 10. November 1894 vom Amtsgericht Lübeck zu einer Zahlung von neun Mark oder ersatzweise drei Tagen Haft wegen "Uebertretung", am 8. Januar 1895 vom Lübecker Schöffengericht zu fünf Wochen Gefängnis wegen zweier Sachbeschädigungen in Verbindung mit grobem Unfug bzw. Ruhestörung, am 9. Juli 1895 von der Gutsobrigkeit Elmenhorst zur Zahlung von einer Mark oder ersatzweise einem Tag Haft wegen Teilhabe an einer Schlägerei auf der dortigen Dorfstraße und des damit verübten groben Unfugs sowie schließlich am 3. Dezember 1895 vom großherzoglichen Schöffengericht zu drei Wochen Gefängnis. Bedauerlicherweise sind die Vergehen nur benannt, ohne weitere Details zu erwähnen.

Ungeachtet ihrer Schlichtheit in jeder Hinsicht besitzt die Akte doch eine gewisse nationalgeschichtliche Relevanz. Der Verurteilte Ludwig Frahm stand nämlich in einer besonderen familiären Beziehung zu – zur Tatzeit freilich noch gar nicht geboren – Herbert Ernst Carl Frahm, 1957-1966 Bürgermeister von Westberlin, 1966-1969 Außenminister und 1969-1974 gar Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Adenauer, Erhard, Kiesinger, Schmidt, Kohl – alles geläufige Namen deutscher Regierungschefs der Nachkriegszeit, aber Kanzler Herbert Frahm? Als Politiker und folglich auch als Bundeskanzler trat er unter seinem eigentlichen Alias-Namen in Erscheinung, mit dem er seine Bekanntheit erlangte: Willy Brandt, wie er sich seit seiner Emigration nach Norwegen 1933 nannte. Mit dem Familienverhältnis von Ludwig Frahm und Willy Brandt hatte es das Folgende auf sich.

Willy Brandt wurde am 18. Dezember 1913 im Lübecker Arbeiterviertel St. Lorenz unehelich geboren. Gegenüber den Behörden schwieg seine Mutter über den Vater, während sie dessen Identität dem Sohn 1947 preisgab und dieser sie erst in seinen 1989 veröffentlichten "Erinnerungen" offenbarte: John Heinrich Möller (1887-1958), Lehrer in Hamburg. Die Mutter Martha Frahm geb. Ewert kam am 16. März 1894 im mecklenburgischen Kalkhorst in einer Hoftagelöhnerfamilie auf die Welt, 1907 siedelte sie mit ihren Eltern in das nahe Lübeck über. Ihre Eltern waren jener in Rede stehende Ludwig Frahm und seine ihm 1899 angetraute Ehefrau, die seit 1889 verwitwete Wilhelmine Ewert (†1913). Deren unehelich geborene Tochter Martha nahm Ludwig im Jahre 1900 gleichsam an Kindes Statt an und gab ihr seinen Familiennamen. Insofern war Ludwig als Stiefvater von Martha auch "nur" der Stiefgroßvater von Willy Brandt. Davon erfährt er erst als Zwanzigjähriger, und das auch nur beiläufig.

Nun sind verwandtschaftliche Verhältnisse bekanntlich das eine, soziale und vor allem emotionale Bindungen aber das andere. Als alleinstehende Mutter war Martha auf eine Erwerbstätigkeit angewiesen, die ihr wiederum die Zeit für Zuwendung und Erziehung des Sohnes nahm. Die Situation verschärfte sich 1915 mit der Einberufung Ludwigs, der seine Brötchen zunächst als Kutscher, sodann als Fabrikhilfsarbeiter und ab 1910 als LKW-Fahrer der Drägerwerke verdiente, weil Martha nunmehr allein für die Wohnungsmiete aufkommen musste. Die Situation verschärfte sich nach zwischenzeitlicher Entspannung erneut, als der wieder für die Drägerwerke arbeitende Ludwig 1919 eine Werkswohnung bekam und zudem erneut heiratete. Allerdings verschlechterte sich dadurch in erster Linie die materielle Lage von Martha, während Herbert Frahm alias Willy Brandt nun ein Mehr an Bezug, Erziehung und Fürsorge zuteil wurde – Ludwig nahm den Jungen zu sich und sorgte sich rührend um ihn, so dass "Papa" zur dominanten Person seiner Kindheit wurde. Die Dominanz zielte nicht zuletzt auf die politische Sozialisation Willy Brandts.

Der nachhaltig vom Sozial- und Gerechtigkeitspatriotismus‘ August Bebels (1840-1913) beeinflusste Ludwig mit seiner zwar einfachen und sehr bodenständigen, darin aber inhaltlich gefestigten Weltanschauung vermittelt seinem "Enkel" proletarischen Stolz und wird für ihn zur höchsten moralischen Instanz. Darüber hinaus sieht der Großvater zu, dass Herbert die Chance auf Bildung erhält, von der Mittelschule auf die Realschule und schließlich auf das Gymnasium Johanneum wechseln kann. Ungeachtet dessen wird der mit sieben Jahren Mitglied bei den Arbeiter-Turnern, dann im Arbeiter-Mandolinenklub, in einer linken Pfadfinderbewegung, schließlich im Alter von neun in der Sozialistischen Arbeiter-Jugend und folgt als Pennäler unter seiner Schülermütze unbekümmert der roten Fahne etwa bei den Gewerkschafts-Umzügen zum 1. Mai: Der junge Mann vermag, sich sowohl in als auch zwischen verschiedenen sozialen Systemen zu bewegen und unter ihnen zu vermitteln.

Letztlich führte die Parteikarriere Willy Brandts, die 1930 mit seinem Eintritt in die SPD begann, viel weiter als die seines ihn politisch prägenden Großvaters. Gleichwohl hatte auch Ludwig eine solche vorzuweisen: Vom SPD-Vertrauensmann im Stadtbezirk Holstentor Süd "arbeitete" er sich "hoch" zum stellvertretenden Vorsitzenden im SPD-Bezirk Mecklenburg-Lübeck. "Wohl aus Verzweiflung über die Nazis", wie es heißt, erschoss er sich 1935.

Dr. Matthias Manke

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