Das fehlende Petschaft des Hans Sperling
Archivalie des Monats Januar 2026
Stellen Sie sich vor, Sie fahren zu einem Amtstermin und bemerken vor dem Eingang, dass Sie ihren Ausweis nicht bei sich haben. So ähnlich erging es Hans Sperling in Wismar bei der Beurkundung einer Schuldverschreibung am 17. Januar 1609. An jenem Tag wird schriftlich festgehalten, dass sich Dietrich Maltzan zu Trechow von Hans Rehm, Bürger zu Wismar, 500 lübische Mark geliehen hat. Seine Bürgen, die für die Erfüllung seiner Verbindlichkeit einstehen, sind David Reventlow zu Gnemern, Hans Valentin von Vieregge zu Groß Krankow, Jürgen von Stralendorff zu Gamehl und jener Hans Sperling zu Groß Eichsen. Als die Vier in Wismar erscheinen, ist alles gut vorbereitet. Der Text ist mit einem Federkiel auf das Pergament geschrieben und fünf lange, namentlich beschriftete Pergamentstreifen als Siegelband, in der Fachsprache Pressel genannt, sind in den umgeschlagenen Rand, die Plica, feinsäuberlich eingehängt. Sogar die an den Presseln hängenden, gedrechselten Holzkapseln waren schon mit Wachs befüllt, bereit zum Siegeln. Die sicherlich einst vorhandenen Deckel der Kapseln, die das Siegel vor Beschädigung schützen sollen, fehlen jedoch heute.
Hans Sperling hat allerdings ein Problem. Er trägt seinen Siegelstempel nicht bei sich. Ob er gerade erst abhandengekommen ist oder schon länger vermisst wird, bleibt unbekannt. Während Dietrich Maltzan und die anderen drei Bürgen ihre Petschafte in das Wachs drücken und mit eigener Hand auf der Plica unterschreiben, bleibt das vorbereitete Wachs in der Holzkapsel für Hans Sperlings Siegelabdruck unberührt. Das ist kein Einzelfall in der Frühen Neuzeit, aber doch ungewöhnlich. Ähnlich erging es zum Beispiel Henning von Dewitz im Jahr 1592. Dieser fügte sogar eine Begründung hinzu. Er habe sein Siegel verloren und könne sich auf die Schnelle kein neues machen lassen.
Hans Sperling erklärt handschriftlich auf der Plica dagegen eher neutral: „Inn mangel meines pitzschaftes bekenne ich mith dieser meiner even hand und nhamen, das ich fürn diesen brief geloben habe. Hans Sperlinck“. Diese Transkription verdeutlicht zudem, dass es zu jener Zeit noch keine verbindlichen Rechtschreibregeln gab. Dennoch ist der Satz gut verständlich. Heute würde Hans Sperling vielleicht schreiben: „In Ermangelung meines Petschafts bestätige ich mit meiner eigenen Unterschrift, dass ich für diesen Brief gelobt habe.“


Abb. 2: Ausschnitt aus der Urkunde vom 17. Januar 1609. Plica mit Text und Unterschrift des Hans Sperling und anhängender Holzkapsel mit Wachs ohne Siegel
(LAMV 1.4-4, Nr. 332)
Abb. 2: Ausschnitt aus der Urkunde vom 17. Januar 1609. Plica mit Text und Unterschrift des Hans Sperling und anhängender Holzkapsel mit Wachs ohne Siegel
(LAMV 1.4-4, Nr. 332)
Vereinheitlichte und festgelegte Schreibweisen für die Eigennamen gab es seinerzeit ebenfalls noch nicht. Daher können in ein- und demselben Schriftstück auch die Personennamen variieren. Schon in der ersten Zeile der Urkunde fehlt dem Dietrich das „t“. Vielleicht könnte es auch ein „d“ gewesen sein. Er selbst unterschreibt nämlich mit Diderich. Im Urkundentext lesen wir den Familiennamen Sperling, Hans unterschreibt selbst wiederum mit Sperlinck. Und was wäre wohl auf seinem Siegel zu sehen gewesen? Vermutlich würde es das Stammwappen der Familie sein: Drei sitzende Vögel – Sperlinge – in einem Schild. Es ist ein sogenanntes redendes Wappen, das heißt, dass es den Namen der Familie versinnbildlicht.
Hans entstammt dem weit verbreiteten mecklenburgischen Uradelsgeschlecht Sperling. Bereits sein Vater Curt Sperling auf Rüting bei Grevesmühlen kaufte das 6 km weiter südlich davon gelegene Gut, den Hof und das Dorf Groß Eichsen im Jahr 1592 für 10.500 Gulden von Herzog Johann VII. von Mecklenburg als Allod, also als ein freies Eigen, von dem keine Abgaben gezahlt werden. Die Familie hat es bis 1659 inne.
Abschließend noch ein Wort zum Urkundenaussteller Dietrich Maltzan. Zwischen 1590 und 1601 lässt er sich ein großes Herrenhaus im Stil der Renaissance unweit von Bützow im heute sogenannten Kurzen Trechow erbauen. Der Bau eines solchen Anwesens war teuer, zumal die Fassade des Haupthauses aus aufwändig gehauenen Granitquadern besteht. Nur selten sind Herrenhäuser aus dieser Zeit so gut und unverändert erhalten. Dietrich nennt in der Urkunde von 1609 seinen Sitz Trechow. Wofür er sich in jenem Jahr die Summe von 500 Mark borgt, bleibt ungewiss. Noch 1641 waren diese Schulden nicht beglichen. Auch anderswo sucht Dietrich Maltzan finanzielle Unterstützung und bittet darum auch jenen Hans Sperling aus Groß Eichsen. Dietrich beklagt sich im Jahr 1616 bitter darüber, dass Sperling sein Versprechen, ihm 18.000 Gulden zu leihen, nicht eingehalten habe. Es ist eine Zeit des Borgens, Leihens und Bürgens Adliger wie wohlhabender Bürger. Diese Geschäfte wurden verbrieft und durch Zeugen beglaubigt, in dem sie mit ihren eigenen Petschaften siegelten. Viele dieser Privaturkunden sind erhalten und werden im Landesarchiv Mecklenburg-Vorpommern aufbewahrt. Sie bieten heute noch spannende Einblicke in das Leben vor mehr als 400 Jahren.
Dr. Heike Krause
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2014
2013
2012
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2009
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- September: Vineta, die versunkene Metropole des Nordens auf einer Karte schwedischer Landmesser
- August: Der Bau einer "Klein-Kinder-Schule" – Ein Projekt von Hermann Willebrand
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- März: TERRA- Schlepper, das Pferd der Zukunft
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- August: 2.23-4 Kriminalkollegium Bützow (1812-1879) Nr. 647
- Juli: Der Landesgrundgesetzliche Erbvergleich von 1755
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- Januar: 1158: Papst Hadrian IV. bestätigt das Bistum Ratzeburg
2007
- Dezember: Kuriose Postkarten
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- Oktober: Zeitkritische Dichtung oder "Spottlied über die heutige demokratische Bewegung"?
- September: Die letzte Fürstenhochzeit im regierenden Haus Mecklenburg
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- Juli: Unter dem Dach des Landeshauptarchivs
- Juni: Tagebuch einer Reise nach Brasilien im Jahre 1824
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