Der Große Stadtbrand 1842. Hamburgs Dank für Mecklenburgs Hilfe

Archivalie des Monats Juli 2020

Vorderseite der Urkundenkassette mit „Hammonia“-Relief und BrandgeschehenDetails anzeigen
Vorderseite der Urkundenkassette mit „Hammonia“-Relief und Brandgeschehen

Abb. 1: Vorderseite der Urkundenkassette mit „Hammonia“-Relief und Brandgeschehen (LHAS 5.2-1 Nr. 6500)

Abb. 1: Vorderseite der Urkundenkassette mit „Hammonia“-Relief und Brandgeschehen (LHAS 5.2-1 Nr. 6500)

Hamburg und Mecklenburg haben eine lange gemeinsame Geschichte, wobei heute nicht zu sagen ist, welchem Ziel die zunehmende Integration von Metropole und Region zuläuft. Ob sie gar in einen „Nordstaat“ mit Hamburg als Hauptstadt mündet? Mecklenburg hat die Hansestadt seit jeher mit den Nahrungsmittelüberschüssen seiner Güter versorgt, die wiederum eine willkommene Kapital- und Prestigeanlage für Hamburger Kaufleute und Bankiers waren. Die Herzogin Luise Friederike von Mecklenburg-Schwerin (1722-1791) besaß ein Haus in Hamburg, um einen Teil des Jahres die Annehmlichkeiten der Großstadt genießen zu können. Im 19. Jahrhundert hatte Mecklenburg einen Teil seines Bevölkerungsüberschusses auch nach Hamburg abgegeben. Diese Verflechtung hat noch zugenommen, seitdem das berufliche Pendeln Richtung Hamburg die Arbeitswelt vieler Menschen im westlichen Teil Mecklenburg-Vorpommerns bestimmt, einer Fanregion übrigens, wo man auf nicht weniger Anhänger vom HSV als von Hansa Rostock trifft.

Gute nachbarschaftliche Beziehungen wie die zwischen Mecklenburg und Hamburg haben sich in Krisenzeiten zu bewähren. Dann erst weiß man, was sie wirklich wert sind. Eine dieser Bewährungsproben war das Jahr 1842, als beim Großen, am 5. Mai ausbrechenden Brand weite Teile der Hamburger Altstadt vernichtet wurden. Die damals entstandenen, ersten Daguerreotypien zeigen Zerstörungen, wie sie sonst nur auf Fotos vom Kriegsende 1945 zu sehen sind. Als Großherzog Friedrich Franz II. von Mecklenburg in Schwerin das ungeheure Feuer in Hamburg gemeldet wurde, meinte er vom Turm der Schelfkirche aus in westlicher Richtung einen rötlichen Schimmer zu bemerken. Das war zwei Tage nach Ausbruch des Feuers. Trotz moderner Brandbekämpfungsmethoden wie Häusersprengungen, bei denen die Hamburger sogar ihr altes Rathaus opferten, konnten die Flammen erst am 8. Mai 1842 gelöscht werden.

Da Hamburg damals eine freie und unabhängige Stadtrepublik war, gab es keinen Landes- oder kaiserlichen Lehnsherrn, von dem die Stadt Not- und Wiederaufbauhilfe hätte erwarten können. Die Hamburger mussten sich selbst helfen, und sie waren auf freiwillige Unterstützung angewiesen, die tatsächlich aus ganz Europa in bis dahin nicht gekanntem Ausmaß erfolgte. Vor allem die Hilfsbereitschaft der im Deutschen Bund vereinten Staaten und ihrer Einwohner überstieg alle Erwartungen. Dabei spielte das Bewusstsein, einem notleidenden Gemeinwesen des deutschen Vaterlands zu helfen, eine große Rolle. Auch in Mecklenburg war man sofort bereit, obdachlose Familie aufzunehmen sowie Nahrungsmittel, Kleidung und Betten nach Hamburg zu schicken. Schon am 9. Mai 1842 stellten der Großherzog und sein Regierungschef Ludwig von Lützow 10.000 Reichstaler an Hilfsgeldern zur Verfügung.

Ein Jahr später bedankte sich Hamburg bei allen herausragenden Helfern mit einem besonderen Geschenk, einer kostbaren Urkunde, die für den Großherzog von Mecklenburg-Schwerin auf den 15. Juli 1843 datiert ist. Schon das Material hat große Symbolkraft. Die von dem Münchner Bildhauer Ludwig Michael Schwanthaler (1802-1848) gestaltete, 40 x 70 cm große Urkundenkassette besteht aus dem angesengten Eichenholz des abgebrannten Rathauses, und die Reliefs sind aus dem Glockenmetall der zerstörten Kirchen gefertigt. Sie zeigen u. a. die Allegorie der „Hammonia“ vor der flammenüberschlagenen Stadtmauer. Die in einen Profilrahmen gefasste, gesiegelte Pergamenturkunde gestaltete der Hamburger Zeichner Otto Speckter (1807-1871). Sie ist mittelalterlicher Buchmalerei nachempfunden und reich ornamentiert. Ihre Farbigkeit ist kraftvoll und strahlt Kostbarkeit aus. Die Initiale des Textes ist wieder allegorisch gestaltet: Unter dem Schutzmantel der „Germania“ trifft die betrübte „Hammonia“ der aufmunternde Blick einer „Mecklenburgia“, zu deren Füßen Pferde- und Schafzucht sowie der landestypische Kornanbau abgebildet sind. Die Miniaturen auf der anderen Seite zeigen die Verzweiflung Hamburger Einwohner während des Brandgeschehens. Allerdings ist bereits Hilfe und eben auch die aus Mecklenburg unterwegs: Bettzeug, Decken und Geld werden herbeigetragen (und registriert!). Brot wird verteilt, den Alten und Schwachen Suppe gereicht.

Der Hamburger Senat und der präsidierende Bürgermeister Heinrich Kellinghusen (1796-1879) dankten auf diese Weise dem Großherzog, dem, wie sie schrieben, erhabenen Freund ihrer Stadt, und seinem treuen Volk für die großmütige und schleunige Hilfe mit Geld und Gaben. Möge diese prächtige und mittelalterlicher Gestaltung nachempfundene Urkunde des 19. Jahrhunderts als Erinnerung an die hilfsbereite Menschlichkeit jener Zeit in die Gegenwart wirken.

Dr. René Wiese

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