Umgehende Drahtantwort. Wie Hans Wendt 1918 die Neustrelitzer Regierung unter Druck setzte
Archivalie des Monats Dezember 2023


Abb. 1: Telegramm der deutschen Reichsregierung an die Landesregierung Mecklenburg-Strelitz Abb. 1: Telegramm der deutschen Reichsregierung an die Landesregierung Mecklenburg-Strelitz
(LHAS, 4.12-2/1, Nr. 1)
Abb. 1: Telegramm der deutschen Reichsregierung an die Landesregierung Mecklenburg-Strelitz Abb. 1: Telegramm der deutschen Reichsregierung an die Landesregierung Mecklenburg-Strelitz
(LHAS, 4.12-2/1, Nr. 1)
Ende November, Anfang Dezember 1918 lag anscheinend ein Hauch von Dramatik über der Verbindung zwischen der mecklenburg-strelitzschen Landes- und der deutschen Reichshauptstadt. Am 30. November telegrafierte das Staatsministerium in Neustrelitz mit der Bitte um „umgehende Drahtantwort“ nach Berlin, „Mitglieder der hiesigen Volksregierung haben den Wunsch Dienstag mit den Herren Volksbeauftragten Ebert und Haase zu konferieren“. Die Antwort der beiden Adressierten ging am 2. Dezember um 11. Uhr in Neustrelitz ein: „zur besprechung mit einem mitglied der dortigen landesregierung sind wir am dienstag nachmittag ein uhr bereit.“ (Abb. 1) An jenem 3. Dezember trafen die Strelitzer Staatsminister Peter Stubmann, Hans Krüger und Paul Schaffer im Reichskanzlerpalais ein, nach einem kurzen Gespräch mit Unterstaatssekretär Heinrich Schulz ging es für offenbar alle drei Herren für „etwa eine Viertelstunde“ zu Friedrich Ebert (Abb. 2).


Abb. 2: Friedrich Ebert 1925
(Bundesarchiv, Bild 102-00015 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0)
Abb. 2: Friedrich Ebert 1925
(Bundesarchiv, Bild 102-00015 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0)
Friedrich Ebert und Hugo Haase leiteten seit 10. November 1918 gleichberechtigt den Rat der Volksbeauftragten. Diese deutsche provisorische Revolutionsregierung setzte sich paritätisch aus drei Mehrheits- und drei Unabhängigen Sozialdemokraten zusammen, deren jeweilige Spitzenvertreter die beiden Genannten waren. Den Ratsmitgliedern zur Seite standen parlamentarische, dem Reichstag angehörende und nunmehr einem der Ressorts zur Kontrolle beigeordnete Unterstaatssekretäre. Heinrich Schulz war als Friedrich Eberts persönlicher Referent Geschäftsführer der Reichskanzlei und Reich-Länder-Koordinator. Peter Stubmann, Reichstagsmitglied für den Wahlkreis Mecklenburg-Strelitz, wurde am 10. November 1918 vom Landesverweser für Mecklenburg-Strelitz, Großherzog Friedrich Franz IV. von Mecklenburg(-Schwerin), zum Staatsminister in Neustrelitz ernannt. Seinerseits berief er selbigen Tags den Vorsitzenden der Arbeiter- und Soldatenräte für Mecklenburg-Strelitz, Hans Krüger, und den AOK-Vorsitzenden in Neustrelitz, Paul Schaffer, zu Staatsministern.
Doch was hatte die Neustrelitzer Regierung derart aufgeschreckt, um umgehend ihr Berliner Pendant konsultieren zu wollen? Diesbezüglich gibt der von Peter Stubmann gefertigte Gesprächsvermerk mehr als nur einen Fingerzeig: „Dass es uns erwünscht sei, in Rücksicht auf die Erklärungen des Herrn Hans Wendt bezüglich der Selbständigkeitsfrage mit der Reichsregierung Rücksprache zu nehmen.“ Aber wer war Hans Wendt? Der 1878 Geborene besuchte in seiner Vaterstadt Neubrandenburg das Gymnasium und wechselte 1894 auf Wunsch seines Vaters für eine Lehre zum Kaufmann nach Berlin. Er wurde in Kassel, Rostock, Flensburg und Düsseldorf tätig, wo er 1902 Mitgründer der Firma Tillmann & Wendt war. 1904, nach dem Tod seines Bruders, kehrte er zwecks Übernahme der väterlichen Handlung zurück in seinen Geburtsort. 1912 liquidierte er das Geschäft, um nach einer halbjährigen Reise Redakteur bzw. dann Chefredakteur beim „Generalanzeiger für das Riesengebirge“ im schlesischen Hirschberg zu werden.
Bereits seit 1906, als Hans Wendt mit seinem dichterischen Erstlingswerk an die Öffentlichkeit trat, stand ihm der Sinn eher nach dem Schreib- als dem Ladentisch. In schneller Folge brachte er Lyrik, Prosa, Studien, Schauspiele und Humoresken in Hoch- und Plattdeutsch auf den Markt. Ungeachtet einiger zeitgenössischer Lobeshymnen auf sein von Fritz Reuter inspiriertes Werk gilt er aber als literarisch doch limitiert. Im Weltkrieg wurde Hans Wendt an der Ostfront mehrfach schwer verwundet, anschließend arbeitete er für Siemens & Halske. Nach Kriegsende und Novemberrevolution verschlug es ihn wieder nach Mecklenburg-Strelitz. Hier begann er nun zu politisieren, ohne in der Politik reüssieren zu können, so dass er ab 1920 mit monarchistischen und nationalistisch-rassistischen Romanen und Streitschriften den Staat attackierte und politische Fehden provozierte.
Diesbezüglich lieferte sein dreiteiliger Artikel „Die Zukunft von Mecklenburg-Strelitz“, zwischen 20. und 26. November 1918 in der „Neubrandenburger Zeitung“ publiziert, jedoch nur einen Vorgeschmack. Seine eindeutig als persönliche bzw. als nicht redaktionelle Meinungsäußerung erkennbaren, nicht unbedingt fortschrittlichen Reformideen, dass beispielsweise die „unzeitgemäße Völlerei“ höherer Schulen gegenüber Volksschulen lediglich „geistiges Proletariat“ züchte, werden die Neustrelitzer Regierung jedoch ebenso wenig in Rage gebracht haben wie sein Fabulieren von einer notwendigen „Entpolonisierung Mecklenburgs“. Selbiges dürfte hinsichtlich erkennbarer Sympathien für eine autokratische bzw. diktatorische Staatsform, z.B. die überwiegende Mehrheit sei politisch konfus bzw. künftig sei jede Politik auszuschalten, gegolten haben.
Überhaupt nicht ins Konzept hingegen passte es Peter Stubmann, der am 18. November Wahlen zu einem Verfassunggebenden Landtag für Mecklenburg-Strelitz zum 15. Dezember ausgerufen hatte, dass Hans Wendt am Ende seiner Vision einem perspektivischen „Anschluß unseres Landes an [Mecklenburg-]Schwerin“ das Wort redete. Doch Friedrich Ebert, so Peter Stubmann nach dem Berlin-Besuch, habe auf seine „Selbständigkeitsforderung für Mecklenburg-Strelitz verständnisvoll“ reagiert und erklärt: „Die Regierung habe alle Instanzen […] angewiesen, an den bisherigen bundesstaatlichen Verhältnissen nichts zu ändern bis zur Nationalversammlung.“
Dr. Matthias Manke
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