In Teterow am Tag nach Mai? Die Landung des Zeppelins "Hansa" am 21. Juni 1914
Archivalie des Monats Juni 2022


Abb.: Der Zeppelin "Hansa" am 21. Juni 1914 in der Umgebung von Teterow (LHAS, 13.2-5, Nr. 10/229)
Abb.: Der Zeppelin "Hansa" am 21. Juni 1914 in der Umgebung von Teterow (LHAS, 13.2-5, Nr. 10/229)
Inmitten der Abermillionen Archivalien des Landeshauptarchivs Schwerin findet sich, natürlich ordentlich klassifiziert und nachgewiesen, die Fotografie eines Zeppelins über Teterow. Dabei soll es sich, worauf zurückzukommen sein wird, um einen Zeppelin LZ 3 "um 1910" handeln. Doch zunächst sei eine von unbekannter Hand stammende Laiendichtung auf der Rückseite des Fotos wiedergegeben:
Es war in Teterow am Tag nach Mai,
Man sah zum Himmel auf von 1 bis 3.
Und als den Himmel man ganz besehen,
Da konnte man getrost nach Hause gehen.
Weil es schlechtes Wetter war, konnt das Schiff nicht landen,
und der ganzen großen Schar Hoffnung war zu Schanden.
Alle waren noch recht froh, daß sie nicht durchnäßten,
und das kleine Teterow schwamm von all den Gästen!
Einen Zeppelin über Mecklenburg genauer als "um 1910" zu datieren sollte eigentlich ein Leichtes sein. Insbesondere, wenn der Ereignisort ebenso bekannt ist wie -tag und -monat: "in Teterow am Tag nach Mai", also am 1. Juni. Der stadtgeschichtlich stets bestens informierte Teterower Stadtarchivar gab sich jedoch einigermaßen irritiert – das einzig bekannte Zeppelin-Ereignis in der Geschichte der Stadt war die erfolgreiche Landung des LZ 13 "Hansa" am 21. Juni 1914. Eine Verwechslung des 1906 in Dienst gestellten und 1908 vom Militär übernommenen LZ 3 mit dem 1912 in Dienst gestellten LZ 13 scheint ausgeschlossen, zumal ersterer als 1913 abgerüstet gilt. Was also bildet besagtes Foto ab?
Aufschlüsse zum tatsächlichen Geschehen liefert die "Teterower Zeitung" (TZ), die eine avisierte Zeppelin-Landung in der mecklenburgischen Kleinstadt selbstredend medial begleitete. Einerseits resümierte sie über den 21. Juni 1914, dass bis dato erst zwei mecklenburgische Städte – "Rostock und Wismar (?)"– mit einem vergleichbaren Ereignis aufzuwarten vermochten. Wäre also der LZ 3 vor seiner Außerdienstnahme 1913 über Teterow zu sehen gewesen, wäre das hier mit Sicherheit nicht unerwähnt geblieben. Andererseits stellte die Zeitung voller Befriedigung fest, dass der jüngst zweimal gescheiterte Zeppelin-Anflug auf Teterow im dritten Anlauf zum Erfolg führte. Tatsächlich wusste die TZ bereits am 12. Mai zu vermelden, dass die Delag als Betreibergesellschaft der zivilen Zeppeline eine Ansteuerung des Städtchens plane. Zunächst standen dafür der 24. oder der 31. im Raum. Fixiert wurde letzterer, und erst am Tag davor vermeldete das Lokalblatt eine Terminänderung wegen der Verordnung zur Heilighaltung des Sonntags.
Genau diese Verschiebung auf den Pfingstmontag, auf den "Tag nach Mai", sollte sich schließlich zum Partycrasher entwickeln. Noch am Abend des 30., dem Sonnabend vor Pfingsten, "brach die Sonne, welche sich seit 8 Tagen hinter einem dichten Wolkenschleier verborgen hatte, hervor und erweckte damit neue Hoffnung auf ein gutes Pfingstwetter. Und diese Hoffnung trog nicht. Der erste Festtag brachte einen wolkenlosen Himmel, der auch dem ärgsten Misanthropen das Herz erwärmte." Am 1. Juni, dem "zweiten Festtag" bzw. besagtem Pfingstmontag, bewahrte die "Witterungslaune uns vor Regen, [geizte] im übrigen aber mit Sonnenschein." Ungeachtet dessen strömten, zumal Waren, Malchin und Güstrow keine Zeppelin-Landung gestatten wollten, Tausende nach Teterow. "Die Morgenzüge […] brachten Schaulustige aus allen Nachbarstädten. Im Laufe des Vormittags trafen zu Fuß, zu Rad, zu Wagen und mit Autos immer größere Scharen ein." Um Zehn standen, trotz "ungünstigen Barometerstand[es]", noch alle Signale auf Grün für die Landung auf der Langenbruchsweide hinter der Zuckerfabrik. Um Eins verbreitete sich die Nachricht, ein Gewitter habe den Start des Luftschiffes in Potsdam auf 11.20 Uhr verschoben, so dass es nicht vor Zwei erwartet werden könne.
Um Zwei, merklich gesunkene Temperaturen ließen auf weitere Gewitter schließen, machte sich im Publikum Unruhe breit – die auf den umliegenden Heidbergen stationierten "Winker" mit ihren Signalfähnchen ließen keinerlei Aktivitäten erkennen. Um Viertel vor Drei bestätigte schließlich eine Depesche die schlimmsten Befürchtungen: Gewitterböen zwangen den Zeppelin in der Gegend von Fürstenberg zur Umkehr! Die weit und breit im Umkreis des Landeplatzes versammelten Menschen wollten es zunächst kaum glauben, bis die Helfer sich zum Abmarsch rüsteten. Rückblickend konstatierte die TZ: "Von 12-3 war unsere Stadt wie ausgestorben. Nur, wer durchaus nicht mitkonnte, war zu Hause geblieben." Und: "Die Eisenbahn machte jedenfalls ein brillantes Geschäft." Trotz allen Bedauerns warb die Zeitung, argumentierend mit der Verantwortung für die Sicherheit des Luftschiffes und seiner Passagiere, um Verständnis. Zudem konnte sie unter Berufung auf die Delag bereits in Aussicht stellen, dass die "Hansa" am nächsten oder übernächsten Sonntag nach Teterow käme und alle gekauften Eintrittskarten ihre Gültigkeit behielten.
Der unbefriedigende Verlauf des Pfingstmontags schmälerte in Teterow und Umgebung weder Gesamtinteresse noch Vorfreude. Zwar musste ein neuerlich geplanter Anflug am 7. Juni wiederum witterungsbedingt kurzfristig ausfallen. Am 21. Juni aber gab es kein Halten mehr und die umjubelte Landung des von Güstrow kommenden LZ 13 gestaltete sich zum Volksfest. Das Foto zeugt von diesem Flug, die rückseitige Dichtung stellt lediglich einen Rückblick dar und die von unbekannter Hand erfolgte Auszeichnung "LZ 3" ist schlicht falsch.
Dr. Matthias Manke
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