Wette mit Folgen - Ein Mann in Frauenkleidern in der Kirche von Kalkhorst

Archivalie des Monats Dezember 2024

Abb.: Außen- und Innenansicht der Kirche in Kalkhorst, Postkarte vor 1910Details anzeigen
Abb.: Außen- und Innenansicht der Kirche in Kalkhorst, Postkarte vor 1910

Abb.: Außen- und Innenansicht der Kirche in Kalkhorst, Postkarte vor 1910

Abb.: Außen- und Innenansicht der Kirche in Kalkhorst, Postkarte vor 1910

Als der junge Pastor Johann Fleeg am zweiten Adventssonntag des Jahres 1705 mit seiner Predigt in der Kirche zu Kalkhorst beginnt, dringt „Gemurmel und Gelächter“ von der Kirchenbank der Frauen gleich gegenüber der Kanzel an sein Ohr. Es ist der 6. Dezember, Nikolaustag. Fleeg lässt sich zunächst nicht aus der Ruhe bringen.

Nach dem Ende der Predigt stürzt jedoch plötzlich eine Person laut polternd aus der besagten Kirchenbank Richtung Ausgang, macht dabei spöttische Gesten und schlägt zum Abschluss des Auftritts die Kleider nach hinten in die Höhe. Was die versammelte Gemeinde bei der „unsittlichen“ Aktion gewahr wird, es handelt sich um einen Mann in Frauenkleidern! Als Übeltäter und „Bösewicht durch trieb des Satans“ wird der gut 20 Jahre alte Valentin Gerdes identifiziert, der als Knecht beim Bauern Carl Lückmann in Brook dient. Wie sich später herausstellt, hat er mit der Magd Marie Dücker eine Wette um einen Reichstaler abgeschlossen, die verwendete Kleidung stammt auch von derselben. Nach Meinung des Pastors trägt Marie Dücker die Hauptschuld, sie hätte den Knecht angestiftet. Sie wäre eine „lose, diebische Hure“, die noch „viel diebische und böse Händel hiergemacht“ und deshalb schon Kirchenbuße habe ableisten müssen. Mit den darauffolgenden Konsequenzen haben die zwei jungen Leute aber vermutlich nicht gerechnet.

Pastor Johann Fleeg, ursprünglich aus Lübeck, ist erst im Mai 1705 in sein Amt berufen worden, Kalkhorst seine erste Pfarrstelle. Fleeg muss sich in der Gemeinde erst noch die notwendige Autorität verschaffen und nimmt den Vorfall sehr ernst. Er informiert seinen Kirchenpatron Hermann von Dorne (gest. 1713) auf Neuenhagen und zeigt am 10. Dezember den Vorfall beim herzoglichen Konsistorium in Rostock als zuständigem Kirchengericht an. Der Kirchenpatron von Dorne bestärkt die Anzeige in einem Brief vom 2. Januar 1706. Das Kirchengericht reagiert fünf Tage später mit einer Vorladung aller Beteiligten und verlangt vom Gutsbesitzer Detlev von Plessen (1653-1726) auf Brook die Verhaftung seines Untertanen Valentin Gerdes. Die Anklage lautet auf Störung des Gottesdienstes und Verärgerung und Verspottung der Gemeinde. Die Beschuldigten denken jedoch nicht daran, der Vorladung des Gerichts Folge zu leisten, die daraufhin noch zweimal erneuert wird. Ihr Dienstherr, der Bauer Carl Lückmann, berichtet am 13. März 1706, die beiden wären bei Nacht heimlich mit unbekanntem Ziel geflohen, „weil sie nichts haben, als nur wie sie gehen und stehen.“

Lückmann ist als Dienstherr ebenfalls zum Verhör nach Rostock befohlen. Er entschuldigt sich zunächst für sein Ausbleiben mit einer Erkrankung. Offenbar ist dies kein Vorwand, denn Pastor Fleeg bestätigt die Bettlägerigkeit und dessen bisher untadeligen Lebenswandel. Nach der Flucht seines Gesindes muss Lückmann aber als letzter Verbliebener am 20. April 1706 in Rostock den Konsistorialräten Rede und Antwort stehen. Diese brauchen einen Schuldigen und werfen ihm vor, bereits am Abend vorher von der Wette gewusst und diese nicht verhindert zu haben. Lückmann schwört jedoch, er habe von der Aktion erst am Morgen des 6. Dezember erfahren, als Gerdes sich für den Gang zur Kirche die Frauenkleider von Marie Dücker angezogen habe. Auf seine Warnung und ebenso die eines alten Mannes im Haus, den Pastor nicht zu verärgern, habe er eine trotzige Antwort gegeben und wäre trotzdem so zur Kirche gegangen. Das Gegenteil kann man dem Bauern nicht beweisen, die beiden Beschuldigten sind flüchtig, so dass die Sache nicht weiterverfolgt wird.

Der junge Pastor aber hat die erste Feuerprobe seiner Amtszeit bestanden. Hermann von Dorne belohnt und unterstützt die konsequente Haltung des jungen Geistlichen seiner Patronatskirche. 1706 lässt er ihm ein neues Pfarrhaus bauen. Der Kirchenpatron und die bei Kalkhorst eingepfarrten Gutsbesitzer erneuern in den folgenden Jahren zudem die Innenausstattung der Kirche aus dem 13. und 14. Jahrhundert: 1708 den barocken Hochaltar, 1714 die Kanzel, 1714 und 1715 die Emporen der Gutsbesitzerfamilien von Both auf Kalkhorst und Rankendorf, von Dorne auf Neuenhagen und von Plessen auf Brook, 1732 eine neue Orgel. Pastor Johann Fleeg wird bis zu seinem Tod im Mai 1750 die Gemeinde 45 Jahre als Pastor betreut haben.

Dr. Kathleen Jandausch

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