Hinter den Kulissen: Archivarische Magazinarbeit im Wandel der Zeit

Archivalie des Monats Oktober 2022

Abb. 1: Aktenraum des Geheimen und Hauptarchivs Schwerin im Alten Regierungsgebäude, Sommer 1911Details anzeigen
Abb. 1: Aktenraum des Geheimen und Hauptarchivs Schwerin im Alten Regierungsgebäude, Sommer 1911

Abb. 1: Aktenraum des Geheimen und Hauptarchivs Schwerin im Alten Regierungsgebäude, Sommer 1911

Abb. 1: Aktenraum des Geheimen und Hauptarchivs Schwerin im Alten Regierungsgebäude, Sommer 1911

Im Sommer 1911 nahm der Schweriner Hoffotograf Fritz Heuschkel im sogenannten alten Regierungsgebäude – heute: Staatskanzlei – Räumlichkeiten des Geheimen und Hauptarchivs Schwerin auf. Veröffentlicht wurde das Foto in einem Prospekt, der anlässlich des Archivumzugs in den im Oktober 1911 seiner Bestimmung übergebenen Archivzweckbau in der Beaugency-Straße – heute: Graf-Schack-Allee – publiziert wurde.

In einem Raum, vor dessen Wänden bis unter die Decke Regale stehen, gehen drei Herren offensichtlich ihrem Tagwerk nach. Im Hintergrund sind weitere, ähnlich ausgestaltete Räume erkennbar. Wohl aufgrund ihrer Länge bezeichnete der behördeninterne Jargon diese Raumflucht auch als „Kegelbahn“. Die Wandregale sind voller Akten, in einem weiteren Regal in der Raummitte und selbst auf dem Boden befinden sich zahllose weitere Aktenstapel. Hier kommen nun die drei Herren ins Spiel, da sie anscheinend mit der Aushebung oder Rücklagerung von Akten beschäftigt sind – mittig balanciert einer auf einer Leiter, links von ihm reicht ein weiterer wohl Akten an oder nimmt sie seinem Kollegen ab, rechts schließlich dirigiert ein Dritter die Situation.

Es handelt sich, von rechts nach links gesehen, um den Archivvorstand und Geheimen Archivrat Dr. Hermann Grotefend, um den als Hilfsarbeiter eingesetzten Volontär und späteren Autoren der zweibändigen Schweriner Stadtgeschichte Dr. Wilhelm Jesse sowie um den Archivgehilfen Friedrich Zastrow. Für den Betrachter der Aufnahme ist eine gewisse Körperlichkeit des festgehaltenen Arbeitsgeschehens spätestens dann zu ahnen, wenn versucht wird, den Umfang manchen Aktenkonvoluts mit Abmaß und Gewicht beispielsweise eines Paketes Kopierpapier in Beziehung zu setzen.

Abb. 2: Depot des Landeshauptarchivs Schwerin, Sommer 2022 Details anzeigen
Abb. 2: Depot des Landeshauptarchivs Schwerin, Sommer 2022

Abb. 2: Depot des Landes­haupt­archivs Schwerin, Sommer 2022

Abb. 2: Depot des Landes­haupt­archivs Schwerin, Sommer 2022

Im Sommer 2022 wurde die 1911 aufgenommene Situation nachgestellt und dabei so adaptiert, wie sie in etwa die Gegenwart widerspiegelt. Akteure sind diesmal im Bild links Karola Klausch, die langjährige Magazinmeisterin des Landeshauptarchivs Schwerin, kurz vor ihrer Pensionierung, sowie im Bild rechts Melanie Wehr, ihre designierte Nachfolgerin in dieser Funktion. Die Aufnahme soll nicht allein eine engagierte Lebensleistung würdigen. Vielmehr soll sie auch den Wandel des der Öffentlichkeit zumeist verborgen bleibenden archivarischen Tätigkeitsfeldes „Aushebung und Rücklagerung“ von Archivalien binnen der vergangenen 111 Jahre verdeutlichen. Dabei überwiegen, von einer eventuellen Parallele abgesehen, signifikante Unterschiede.

Die räumliche Ausstattung des Magazins besteht zwar immer noch aus hohen Regalen in langen Fluchten. Allerdings sind die Aktenstapel nicht mehr sichtbar – mittlerweile nehmen säurefreie, basisch gepufferte Archivschachteln das Archivgut auf und sorgen gleichzeitig für ein stabiles Mikroklima, das besser vor papierschädigenden Umwelteinflüssen wie Licht und Luftfeuchtigkeit schützt. Zudem erhöht sich die Stapelsicherheit, die wiederum die mechanische Beanspruchung der Akten reduziert und überdies die Archivalienbewegung erleichtert. Die Gegenwartsszenerie ist nicht nur deutlich aufgeräumter, sondern die Lagerungssituation ist dem Erhaltungszustand weitaus zuträglicher. Des Weiteren ersetzt zumindest im größten Außendepot des Landeshauptarchivs seit November 2018 ein sogenannter und auch auf dem Foto erkennbarer Kommissionierer die einstige Leiter, so dass die Mitarbeitersicherheit wesentlich höher ist als noch 1911 und die Arbeitsschutzstandards gewährleistet werden.

Überdies erleichtert der technische Support die physisch nach wie vor schwere Tätigkeit. Dem kommt durchaus eine besondere Bedeutung zu, denn statt dreier Herrn 1911 erledigen diese Arbeit 2022 zwei Frauen! Im Kern entscheidend ist zunächst weniger die Anzahl als vielmehr das Geschlecht: Der Magazindienst des Landeshauptarchivs ist gegenwärtig komplett weiblich besetzt. Die verringerte Anzahl der Akteure spielt allerdings insofern eine Rolle, als sie gleichsam symbolisch für die nicht unerhebliche Reduzierung der Archivmitarbeitenden im abgelaufenen Jahresdutzend steht. Der Gesamtumfang des Archivgutes hat sich gegenüber 1911 jedoch nicht verringert, sondern bei einem erheblich erweiterten Aufgabenspektrum mindestens versiebenfacht.

Bleibt schließlich noch die angedeutete mögliche Parallele in den beiden Aufnahmesituationen. Im Sommer 1911 könnten die drei Herren auch damit beschäftigt gewesen sein, den Umzug des Archivgutes in das neue Archivdomizil vorzubereiten. Gegenwärtig steht ebenfalls ein Umzug bevor, und zwar in den in der Schweriner Stellingstraße zwischen Finanzamt und Landesbibliothek neu errichteten Magazinzweckbau. Bei diesem handelt es sich keineswegs, wie öffentlich zumeist verlautbart, ausschließlich um das archäologische Landesdepot oder, wie medial manchmal auch zu vernehmen ist, um das neue Depot des Staatlichen Museums. Vielmehr wird, öffentlich bisher kaum wahrnehmbar gemacht, in diesem Depotneubau ebenso der überwiegende Teil der Archivalien des Landeshauptarchivs unter konservatorisch optimalen Bedingungen untergebracht werden.

Dr. Matthias Manke

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