Mehr als Worte: Der mecklenburgische NS-Staatsminister Friedrich Scharf in der bildlichen Überlieferung

Archivalie des Monats März 2022

Abb. 1: Vorläufiger Personalausweis für Friedrich Scharf (LHAS, 10.9-S/48, Nr. 3)Details anzeigen
Abb. 1: Vorläufiger Personalausweis für Friedrich Scharf (LHAS, 10.9-S/48, Nr. 3)

Abb. 1: Vorläufiger Personalausweis für Friedrich Scharf (LHAS, 10.9-S/48, Nr. 3)

Abb. 1: Vorläufiger Personalausweis für Friedrich Scharf (LHAS, 10.9-S/48, Nr. 3)

Bekanntlich siegten die Alliierten Ende April bzw. Anfang Mai 1945 militärisch über das nationalsozialistische Deutsche Reich. Westmecklenburg wurde zunächst durch westalliierte Truppen besetzt, in die Landeshauptstadt Schwerin marschierte am Nachmittag des 2. Mai amerikanisches Militär kampflos ein. Naheliegender Weise versuchten die alliierten Sieger, die Repräsentanten der politischen Führung des untergegangenen NS-Staates unter ihre Kontrolle zu bringen. In Schwerin setzten die US-Truppen die lokalen Macht- und Funktionsträger der NSDAP und der Regierung noch am 2. Mai 1945 im Gerichtsgefängnis fest. Unter ihnen befand sich auch Friedrich Scharf, der seit 1932 verschiedene Ministerämter in den nationalsozialistischen Regierungen Mecklenburgs wahrnahm und seit 1934 als alleiniger Staatsminister an ihrer Spitze stand.

Als am 19. Mai die amerikanischen durch britische Besatzungstruppen abgelöst wurden, übernahmen die neuen Verantwortlichen auch die Zuständigkeit für die NS-Internierten im Gerichtsgefängnis. Allerdings beließen die Briten die politischen Gefangenen nicht vor Ort. Am 22. Mai wurden sie in das in der britischen Besatzungszone gelegene Civilian Internment Camp No. 3 in Fallingbostel überführt, um sich den vorgesehenen Gerichtsverfahren und Umerziehungsprozessen zu stellen. Entgegen der bisher verbreiteten und nicht zuletzt auf den katholischen Pfarrer in Schwerin, Bernhard Schräder, zurückgehenden Lesart ging Friedrich Scharf jedoch nicht mit auf diesen Transport. Womöglich handelte es sich um eine Vorsichtsmaßnahme der Briten, die bei einem derart prominenten Gefangenen nichts riskieren mochten: Vermutlich ließ Friedrich Scharfs Gesundheitszustand weder eine stundenlange Überlandfahrt angeraten sein noch ein Leben unter Lagerbedingungen.

Diese Erkenntnisse lassen sich aus erst jüngst in die öffentliche Hand gelangten Dokumenten gewinnen. Demnach saß Friedrich Scharf am 6. Juni noch immer im "Schwerin Civil Jail" ein, für das seine Ehefrau Clara bei der Besatzungsmacht die beantragte Besuchserlaubnis erhielt. Ende des Monats, genauer gesagt am 27., legte er den britischen Militärbehörden in Schwerin ein ärztliches Attest über eine "Coronarsklerose mit Anfällen von Angina pectoris" (Herzkranzgefäßverkalkung) vor und wurde sodann wie beantragt aus dem Hausarrest entlassen, um eine auf Herzkrankheiten spezialisierte Klinik in Kiel, Hamburg oder Lübeck aufsuchen zu können. Womöglich hatte er Wind davon bekommen, dass die Sowjets die Briten in Schwerin und Westmecklenburg am 1. Juli ersetzen würden. Jedenfalls benötigte der Siebenundvierzigjährige einen Identitätsnachweis, den die Stadt Schwerin am 29. Juni ausstellte (Abb. 1). Für diesen Vorläufigen Personalausweis beging Friedrich Scharf eine deutlich erkennbare Manipulation bzw. visuelle Unterschlagung: Die Bearbeitung am unteren Rand des Passbildes lässt sich unschwer übersehen, und mit dieser Bearbeitung verschwand das ansonsten gut wahrzunehmende NSDAP-Parteiabzeichen.

Sichtbar ist es hingegen auf einer der beiden bisher bekannten Fotografien von Friedrich Scharf (Abb. 2). Bei beiden handelt es sich um ein ohne Zweifel mit dem des Vorläufigen Personalausweises identisches Motiv. Eines dieser Fotos, veröffentlicht im Bildanhang des von Helge Bei der Wieden 1976 bearbeiteten Mecklenburg-Bandes "Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte", wurde ebenso wie das Foto auf dem Vorläufigen Personalausweis so "nachgebessert", dass sich die NSDAP-Mitgliedschaft gleichsam in Luft auflöste (Abb. 3). Das andere, veröffentlicht im 2001 erschienenen Band 3 des "Biographischen Lexikons für Mecklenburg", lässt das äußerlich sichtbare Zeichen der NSDAP-Zugehörigkeit unschwer erahnen.

Die Vorlage für diese letztgenannte Abbildung lieferte – Helge Bei der Wieden. Insofern stellt sich die Frage, wer 1976 was für ein Interesse an der visuellen Vertuschung der grundsätzlich nicht zu leugnenden NSDAP-Mitgliedschaft von Friedrich Scharf hatte? Wenn die Verantwortung eher nicht beim Bearbeiter des Bandes zu suchen sein sollte, liegt sie dann beim Johann-Gottfried-Herder-Institut Marburg / Lahn, unter dessen Ägide die Grundriß-Reihe erschien? Eine belastbare Antwort kann, wenn sie denn überhaupt noch möglich ist, hier nicht gegeben werden. Der Umstand an sich verrät allerdings einiges über die bundesdeutsche Gesellschaft der 1970er Jahre.

Friedrich Scharf arbeitete im Übrigen seit Juli 1945 als kaufmännischer Angestellter in Krefeld, erhielt nach seiner 1948 in Düsseldorf als "unbelastet" abgeschlossenen Entnazifizierung 1952 seine Wiederzulassung als Rechtsanwalt und war als solcher bis 1968 in Krefeld tätig. 1974 verstarb er 77jährig in Kempen bei Viersen.

Dr. Matthias Manke

Archivalie des Monats März 2022

Mehr als Worte: Der mecklenburgische NS-Staatsminister Friedrich Scharf in der bildlichen Überlieferung

2026

2025

2024

2023

2022

2021

2020

2019

2015

2014

2013

2012

2011

2010

2009

2008

2007