"das wirksamste Mittel": Juden als Lotterieeinnehmer in Mecklenburg-Schwerin

Archivalie des Monats Januar 2020

Bericht der Lotteriekommissare Paschen und Faull (LHAS, 2.21-12 Lotteriedirektion zu Schwerin, Nr. 151)Details anzeigen
Bericht der Lotteriekommissare Paschen und Faull (LHAS, 2.21-12 Lotteriedirektion zu Schwerin, Nr. 151)

Bericht der Lotteriekommissare Paschen und Faull (LHAS, 2.21-12 Lotteriedirektion zu Schwerin, Nr. 151)

Bericht der Lotteriekommissare Paschen und Faull (LHAS, 2.21-12 Lotteriedirektion zu Schwerin, Nr. 151)

Juden erledigen die Arbeiten, die sonst niemand übernehmen mag – so oder so ähnlich könnte man das Plädoyer der Lotteriekommissare Paschen und Faull zur Weiterbeschäftigung sog. "unprivilegierter" Juden in der Landeslotterie Mecklenburg-Schwerins polemisch zusammenfassen.

Der dazu vorliegende Bericht stammt aus den Akten der 1766 gegründeten Lotteriedirektion zu Schwerin, die die ebenso neu eingerichtete Landeslotterie organisierte. Er wurde im Jahr 1830 als Antwort auf eine landesherrliche Anordnung zur Auskunft über die Beschäftigung "unpriviligirte[r] Juden" als Lotterieeinnehmer ("Collecteurs") verfasst. Als "privilegiert" wurden zu dieser Zeit Juden bezeichnet, die sich Sonderrechte erkauft hatten und als "Schutzjuden" beispielsweise selbständige Wirtschaftstätigkeiten oder ihre Religion frei ausüben durften. Ohne Schutzbrief gab es nur wenige Erwerbsmöglichkeiten für Juden. Diverse Berufsfelder waren ihnen verboten und die Handwerkszünfte verweigerten ihnen die Aufnahme. Übrig blieben lediglich Berufe, die traditionell nicht von Christen ausgeübt wurden oder anderweitig verpönt waren.

Die Lotterieeinnahme umfasste hauptsächlich den Verkauf von Lotterielosen. Sie war eine kleine, jedoch durchaus verbreitete Einnahmequelle der Juden des 19. Jahrhunderts. In den Akten des Bestands der Lotteriedirektion zu Schwerin finden sich Hinweise auf weitere Juden, die als Lotterieeinnehmer oder auch Lotteriepächter für die Mecklenburg-Schwerinsche Landeslotterie tätig waren.

Unterschrift und Siegel des jüdischen Sub-Collecteurs Moses Samson (LHAS, 2.21-12 Lotteriedirektion zu Schwerin, Nr. 151)Details anzeigen
Unterschrift und Siegel des jüdischen Sub-Collecteurs Moses Samson (LHAS, 2.21-12 Lotteriedirektion zu Schwerin, Nr. 151)

Unterschrift und Siegel des jüdischen Sub-Collecteurs Moses Samson (LHAS, 2.21-12 Lotteriedirektion zu Schwerin, Nr. 151)

Unterschrift und Siegel des jüdischen Sub-Collecteurs Moses Samson (LHAS, 2.21-12 Lotteriedirektion zu Schwerin, Nr. 151)

Bei Lotterieeinnehmern wurde unterschieden in Hauptlotterieeinnehmer ("Haupt-Collecteurs") und Unterlotterieeinnehmer ("Sub-Collecteurs"). Während Erstere die zu verkaufenden Lose direkt von der Behörde bezogen, waren die Letztgenannten abhängige Beschäftigte der Hauptlotterieeinnehmer und wurden durch diese selbst ausgewählt. Im Bericht heißt es dazu: "Die Mehrzahl der Haupt-Collecteurs sind priviligirte Juden, deren Unter-Collecteurs [sind] aber fast alle unpriviligirte Glaubens-Genossen, entweder ihre Söhne oder ihre Knechte."

Das Schreiben, das den Anlass für diesen Bericht gab, ist in der Akte nicht enthalten. Aus der Antwort der Lotteriedirektion lässt sich jedoch schließen, dass darin weitere Berufsverbote für Juden ohne Schutzbrief thematisiert worden sind. Die Lotteriekommissare legten viel Wert auf die Betonung der Notwendigkeit zur Beschäftigung von Juden zum Absatz von Losen für die Landeslotterie. Sie schreiben, es sei "unerläßlich, daß vom Lotterie Pächter jedes erlaubte Mittel versucht wird, sich diese [Lotterieeinnehmer] zu verschaffen und [zu] erhalten", da aus dem "Mangel an Verkäufern" sonst der Verfall der Mecklenburg-Schwerinschen Landeslotterie drohe. Sie gingen so weit zu sagen, es wäre "keinem Haupt-Collecteur möglich, auch nur die Hälfte der bisher verkauften Loose anzubringen", wenn man den "unprivilegierten" Juden, "die durch unermüdetes Umherwandern, Überreden und Anpreisen ihre Loose anzubringen suchen", den Handel verbieten würde, und sprechen vom zu erwartenden "völligen Ruin" der Landeslotterie. Diese wurde hauptsächlich zugunsten des Zuchthauses Dömitz, verschiedener Waisenhäuser oder auch der Universität Rostock veranstaltet. Ein mangelhafter Losabsatz hätte das soziale und wohltätige Angebot im Land stark eingeschränkt.

Die Prüfung weiterer Berufsverbote für Juden, besonders die Einschränkung des sogenannten "Hausierens", war ein drängendes Anliegen der mecklenburgischen Ritterschaft und der landständischen Städte. Antijudaismus war in der Gesellschaft trotz aufklärerischer Entwicklungen noch fest verankert. Ernst Moritz Arndt (1769-1860), ein Zeitgenosse, bezeichnete die Einwanderung von Juden sogar als Gefahr, da diese das Land "mit ihrem Schmutz und ihrer Pest zu überschwemmen" drohen würden. Die Seestadt Rostock erlaubte Juden nicht einmal, in ihren Mauern den Wohnsitz zu nehmen. Diesen Ansichten standen jedoch die Bestrebungen der mecklenburgischen Landesregierung zur rechtlichen Gleichstellung der Juden gegenüber. Daraus entstand eine Patt-Situation, die einen jahrzehntelangen Konflikt mit zahlreichen Landtagsdiskussionen bedeutete.

Während die eigene Emanzipation auch innerhalb der jüdischen Gemeinden zu einem immer drängenderen Thema wurde, hatte die Landesherrschaft hauptsächlich den eigenen wirtschaftlichen Vorteil im Blick. Sie versprach sich beispielsweise bessere Konditionen bei Krediten und anderen Geschäften in Bereichen, die vor allem durch Juden ausgeübt wurden. Auch im vorliegenden Bericht heißt es, man solle doch die potentiellen Entschädigungsansprüche des Pächters bedenken, wenn "unprivilegierte" Juden die Lotterieeinnahme nicht mehr ausüben dürften. Dem Pächter würde schließlich "das wirksamste Mittel seine Waare anzubringen" genommen. Juden ohne Schutzbrief wurden hier lediglich als ein Werkzeug betrachtet, welches zum gewinnbringenden Absatz von Losen notwendig sei, vor allem da sich für diese Art von Verkaufsarbeit "kein Christ oder wohlhabender Jude hergiebt".

Wiebke Lutze

Literatur und Quellen

Bernhardt, Hans-Michael: Bewegung und Beharrung. Studien zur Emanzipationsgeschichte der Juden im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin 1813-1869. (=Forschungen zur Geschichte der Juden, Abteilung A: Abhandlungen, Bd. 7); Hannover, 1998.

LHAS, 2.21-12 Lotteriedirektion zu Schwerin, Nr. 151.

Formalbeschreibung der Archivalie

Signatur: LHAS 2.21-12 Nr. 151

Klassifikation: Bericht

Entstehungsstufe: Genehmigtes Konzept

Transkription der Archivalie

Zeile Transkription Hinweise
- Seite 1 -
01 Nach1 der Versicherung des2 Actuarius finden sich keine Acten über
1 In linker oberer Ecke mit blasser schwarzer Tinte: "ad Quadrangel 1".
2 Alternative Lesart: "durch".
02 Annahmen von Collecteurs, am wenigsten unprivilegirter Juden in  
03 unserer Registratur, ich habe daher sofort den nachstehenden  
04 Bericht entworfen und verstelle ihn zur gefälligen Genehmigung.  
05 Alleruntertänigster3 Bericht
3 Zeilen 05 bis 11 halbseitig links.
06 der zur Lotterie-Direction allerhöchst verordneten Commissare  
07 in Betreff  
08 des4 Debits hiesiger 4 Links daneben: "Mit zurück-kommenden Acten".
Darunter: "Zur Großherzoglichen Regierung".
09 Lotterie-Loose durch unpri-  
10 vilegirte Juden.  
11 Schwerin, den 29ten März5 1830.
5 Buchstabenbestand: "Marz".
12 Allerdurchlauchtigster6
6 Ab hier halbseitig rechts.
13 Auf Ewer Königlichen Hoheit allerhöchsten Befehl vom  
14 20./26. des Monats, unsere7 Meinung
7 Danach gestrichen: "Auf".
15 über das Belehrungs-Gesuch des Steuer-  
16 Collegiums in Betreff des von nicht  
17 privilegirten Juden unternommenen  
18 Debits hiesiger Lotterie-Loose, abzugeben;  
19 legen wir dieselbe in Nach-  
20 stehendem ehrerbietigst vor.  
21 Im allgemeinen müssen wir  
22 anführen: Daß es bei dem immer  
23 zunehmenden Debit fremder Loose,  
24 bei deren Absatz die Collecteurs 12  
25 bis 16 Dahler, durch den Cours und durch an-  
26 dern Zufälligkeiten mehr8 gewinnen
8 Unterstrichen.
27 als bei dem Verkauf unserer Loose, was sie also zur Umgehung der Gesetze  
28 verleitet9,
9 Einschub links neben dem Text.
29 schon an und für sich sehr schwierig  
30 wird, die erforderliche Anzahl  
31 von Collecteurs zu finden. Um  
32 also dem aus Mangel an Verkäufern10
10 In linker unterer Ecke Weiser: "fol-".
- Seite 2 -
33 folgenden Verfall unserer Lotterie  
34 möglichst entgegen zu wirken, ist es  
35 unerläßlich, daß vom Lotterie Pächter  
36 jedes erlaubte Mittel versucht wird,  
37 sich diese zu verschaffen und er-  
38 halten.  
39 Die Mehrzahl der Haupt-Collecteurs  
40 sind privilegirte Juden, deren Unter-  
41 Collecteurs aber fast alle unprivi-  
42 legirte Glaubens-Genossen, entweder  
43 ihre Söhne oder ihre Knechte. Würde11
11 Über der Zeile. Darunter gestrichen: "Wollte".
44 man diesen, die durch unermüdetes  
45 Umherwandern, Überreden und Anprei-  
46 sen ihre Loose anzubringen suchen,  
47 den Handel verbieten, so wäre es  
48 keinem Haupt-Collecteur möglich, auch  
49 nur die Hälfte der bisher verkauften  
50 Loose anzubringen. Dies müßte na-  
51 türlich höchst verderblich auf das Lotte-  
52 rie Institut zurückwirken und bald de-  
53 sen völligen Ruin herbeiführen.  
54 Insbesondere scheint aber der  
55 Absicht des Steuer-Collegiums entge-  
56 genzustehen, daß der Lotterie-Pächter  
57 aus seinem Contract das Recht erwor-  
58 ben hat, einen Jeden, dem der12 Aufenthalt
12 Über der Zeile. Darunter gestrichen: "dessen".
59 im Lande gestattet13 ist, zum Collecteur14
13 Über der Zeile. Darunter gestrichen: "erlaubt".
14 In linker unterer Ecke Weiser: "an-".
- Seite 3 -
60 anzunehmen, wenn er ihm sicher und  
61 brauchbar erscheint. Wollte man ihm  
62 nun diese Klasse von Menschen entziehen,  
63 die sich beim Schacher mit Loosen so vieles  
64 gefallen läßt und gefallen lassen muß  
65 um sie nur abzusetzen und etwas  
66 dabei zu verdienen, wozu sich aber kein  
67 Christ oder wohlhabender Jude hergiebt;  
68 so würde er über Beeinträchtigung  
69 klagen15 und wohl vollkommen
15 Danach gestrichen: "können".
70 dazu befugt seyn, weil ihm das  
71 wirksamste Mittel seine Waare  
72 anzubringen, genommen wäre, auch  
73 wahrscheinlich deshalb Anspruch auf Entschä-  
74 digung machen.  
75 Hinzu kommt noch daß Ewer Königliche Hoheit vor  
76 der Verpachtung als auch späterhin es  
77 stillschweigend16 gestattet haben, daß17
16 Links neben dem Text in Klammern: "Dies geht aus mehrern Regiminal-Acten hervor."
17 Danach gestrichen: "auch".
78 nicht concessionirte Juden mit Loosen  
79 handeln durften, daß daher die gegen-  
80 wärtige Pächterin befugt war auf  
81 die Fortdauer dieser Begünstigung zu  
82 rechnen, sich auch dadurch wohl mit  
83 bestimmen ließ 1 Dahler mehr an Pacht18
18 In linker unterer Ecke Weiser: "zu".
- Seite 4 –
84 zu bezahlen.  
85 Aus diesen Gründen glauben wir  
86 allersubmissest anheim geben zu dür-  
87 fen, daß Ewer Königlichen Hoheit allergnädigst ge-  
88 ruhen möchten, dem Steuer Collegio er-  
89 öffnen zu lassen:  
90 Wie19 der Handel mit20 Loosen un-
19 Links neben Zeilen 90 bis 96 senkrechter Bleistiftstrich zur Markierung der Passage.
20 Unterstrichen: "mit" bis "Lotterie".
91 serer Lotterie den unconcessionirten  
92 Juden, des Besten des Lotterie  
93 Instituts selber, und in Folge  
94 des mit dem Pächter abgeschlossenen  
95 Contracts, nicht21 unter-
21 Danach gestrichen: "unbedingt".
96 sagt werden können.  
97 Wir unterwerfen diese unsere  
98 Ansicht der allerhöchsten Bestimmung und  
99 retradiren die uns communicirten  
100 Acten-Stücke in derjenigen größten  
101 Ehrerbietung in welcher wir beharren  
102 als  
103 Ewer Königlichen Hoheit  
104 Allerunterthänigste Herren, gehorsamste  
105 Karl Friedrich Paschen / Peter Friedrich Rudolph Faull22
22 Jeweils handschriftlich von unterschiedlichen Schreibern.

 

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