Die Inszenierung des Fotografen. Eggert Hansen und das Fährschiff „Friedrich Franz IV.“
Archivalie des Monats November 2022


Abb. 1: Das Fährschiff „Friedrich Franz IV.“ verlässt am 30. September 1903 den Hafen Warnemünde
Foto: Eggert Hansen (LHAS, 9.2-17-11, Nr. 1074)
Abb. 1: Das Fährschiff „Friedrich Franz IV.“ verlässt am 30. September 1903 den Hafen Warnemünde
Foto: Eggert Hansen (LHAS, 9.2-17-11, Nr. 1074)
Eine fotografische Aufnahme gibt unabhängig davon, ob spontan oder arrangiert entstanden, ob unbearbeitet belassen oder im Nachhinein retuschiert, immer eine Sicht des Fotografen wieder. Diese Grundannahme scheint eine 1903 auf der Warnemünder Mole entstandene Fotografie außer Kraft zu setzen. Auf den ersten Blick mutet es an, als stellte sich in dem Moment, in dem der Fotograf den Auslöser seiner auf die auslaufende Dampffähre „Friedrich Franz IV.“ gerichteten Stehbildkamera betätigte, ein unbekannter Dritter spontan zwischen Objektiv und Schiff. Es wirkt, als wolle der Unbekannte die Fähre mit einer – noch neuartigen und für den Betrachter nicht sichtbaren – Pressekamera vor seiner Brust auf das eigene „Zelluloid“ bannen.
Vermutlich handelte es sich jedoch nicht um einen Zufall, sondern um eine Inszenierung des Fotografen. Er hätte für eine missglückte Aufnahme sicher nicht in Entwicklung, Papier und Passepartout investiert, sondern stellte vielmehr einen Dritten in die Visierlinie, um dem Bild mehr Tiefe zu geben. Womöglich gestattete er sich gar den kleinen Schabernack und inszenierte sich in dieser Rolle selbst. Über den Fotografen, bei dem es sich um Eggert Hansen handelte, ist wenig bekannt. Er betrieb wohl zwischen 1900 und 1905 in der Warnemünder Friedrich-Franz-Straße 50 ein „Photographisches Atelier“, als „Specialität“ bewarb er „Photographien auf Muscheln“. Wesentlich besser belegt sind Anlass und das bereits erwähnte Motiv der in Rede stehenden Fotografie. Als Teil einer Serie von wenigstens 15 von Eggert Hansen am 30. September 1903 geschossenen Aufnahmen entstand auch sie im Zuge der feierlichen Eröffnung der neuen Eisenbahn- und Passagierfährverbindung zwischen Warnemünde und Gedser.
Diese basierte auf der seit 1886 regelmäßig bedienten Postdampferlinie zwischen den beiden Häfen. Die Idee, sie durch eine Fährverbindung abzulösen, kam Ende des 19. Jahrhunderts auf. Ungeachtet nicht unerheblicher Vorbehalte stiegen dänische und mecklenburg-schwerinsche Regierungsvertreter 1896 in entsprechende Beratungen ein. Sie mündeten 1898 in einen bilateralen Ausführungsvertrag, an den sich weitere Verhandlungen über Detailfragen anschlossen. Nach nur knapp vierjähriger Bauzeit an den Hafen- und Eisenbahnanlagen beiderseits der Ostsee ging die Linie dann am 1. Oktober 1903 in den Regelbetrieb.
Am Vortag fand die erwähnte feierliche Einweihung statt. Um 10.15 Uhr schiffte sich Großherzog Friedrich Franz IV. von Mecklenburg-Schwerin mit weiteren Vertretern seines Hauses und hochrangigen Repräsentanten der Eisenbahngesellschaft in Warnemünde auf der „Friedrich Franz IV.“ ein. An Bord befanden sich bereits zwei Schnellzug- und ein Gepäckwaggon, pünktlich 10.30 Uhr legte die Fähre Richtung Gedser zum dortigen Empfang durch König Christian IX. von Dänemark ab. Die Rückfahrt des Schiffes erfolgte in Begleitung der ebenfalls für die neue deutsch-dänische Verbindung vorgesehenen „König Christian“, auf der sich König und Großherzog nunmehr einschifften. Die Flottille der ersten Eisenbahn- und Passagierfähren, die den Linienverkehr zwischen Warnemünde und Gedser bediente, komplettierten die „Mecklenburg“ und die „Prinsesse Alexandrine“.


Abb. 2: Das Fährschiff „Friedrich Franz IV.“ bei der Ausfahrt aus dem Hafen Warnemünde, o. D.
Fotograf unbekannt (LHAS, 9.2-17-11, Nr. 1073)
Abb. 2: Das Fährschiff „Friedrich Franz IV.“ bei der Ausfahrt aus dem Hafen Warnemünde, o. D.
Fotograf unbekannt (LHAS, 9.2-17-11, Nr. 1073)
Die von Eggert Hansen fotografierte, im August 1902 bei der Schichau-Werft in Elbing vom Stapel gelaufene Eisenbahn- und Passagierfähre mit seitlichem Schaufelradantrieb „Friedrich Franz IV.“ sollte eine aufregende Zukunft vor sich haben. Bereits 14 Tage nach Aufnahme des Regelbetriebes rammte sie nach einem Ausfall der Rudermaschine die Westmole in Gedser und beschädigte sich dabei die Schaufelräder. Ungeachtet dessen entwickelte sich die Fährlinie zu einer Erfolgsgeschichte, so dass schon 1904 der Beschluss zur Erweiterung der Transportkapazitäten fiel. Dafür ging die „Friedrich Franz IV.“ ab Mai 1906 ins Dock der Neptun Schiffswerft und Maschinenfabrik AG in Rostock. Dort wurde sie um knapp 18 m verlängert und von einem auf zwei Eisenbahngleise umgebaut, die Anzahl der Schornsteine von vier auf zwei reduziert.
Die termingerechte Wiederinbetriebnahme im November des Jahres verhinderte ein im Oktober in der Taklerei der Werft ausgebrochenes Großfeuer, das Teile der in der benachbarten Tischlerei eingelagerten Inneneinrichtung des Schiffes vernichtete. Nach Abschluss des Umbaus im Februar 1907 lag es bis Anfang März weitere drei Wochen in der Werft fest und konnte nicht nach Warnemünde bzw. zu Probefahrten auf der Ostsee auslaufen – starker Eisgang auf der Warnow. Am 14. Juni 1911 strandete die Fähre vor Warnemünde, 1919 verhinderte ein Seeunfall auf einer Fahrt nach Kopenhagen die Auslieferung des Schiffes als Reparationsgut, am 1. Januar 1922 lief es schwer beschädigt vor Gedser auf Grund. Der nominell bedrohlichste Schreckmoment ging hingegen glimpflich aus: Am 4. August 1916 explodierte auf einem neben der „Friedrich Franz IV.“ liegenden Torpedoboot eine Granate, deren Splitter die Bordwand an etwa 50 Stellen ohne größere Schäden durchschlugen.
Am 24. Oktober 1925 schließlich wurde die „Friedrich Franz IV.“ nach mehreren Motorschäden als vorletztes der vier zwischen Warnemünde und Gedser verkehrenden Fährschiffe der Gründergeneration außer Betrieb gesetzt. Im Dezember 1926 erfolgte die endgültige Ausmusterung, Anfang November 1927 die Überführung nach Harburg zur Verschrottung. Der Fotograf Eggert Hansen hatte indes Warnemünde wohl längst den Rücken gekehrt und betrieb sein Geschäft „Photo-Kunst“ in der Kieler Holtenaustraße 31.
Dr. Matthias Manke
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