"Ein Held [...] im Dienste seiner Kunst" - Das Grabdenkmal für Otto Drewes auf dem Alten Friedhof in Schwerin

Denkmal des Monats Juli 2020

Abb. 1. Landeshauptstadt Schwerin, Alter Friedhof, Grabstätte Otto Drewes. (Foto: A. Bötefür, Schwerin)Details anzeigen
Abb. 1. Landeshauptstadt Schwerin, Alter Friedhof, Grabstätte Otto Drewes. (Foto: A. Bötefür, Schwerin)

Abb. 1. Landeshauptstadt Schwerin, Alter Friedhof, Grabstätte Otto Drewes.

Abb. 1. Landeshauptstadt Schwerin, Alter Friedhof, Grabstätte Otto Drewes.

Bereits im Januar und weitgehend unbeachtet jährte sich der Todestag des Kammersängers Otto Drewes zum 110. Mal. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Alten Friedhof in Schwerin. Das schlichte aber dennoch aufwendige Grabmal, dem eine gewisse Monumentalität nicht abgesprochen werden kann, zeugt von einer seinerzeit bekannten, sehr geachteten und verehrten Persönlichkeit.

Die nur einfach belegte Doppelgrabstelle befindet sich im Grabfeld X, das 1897 mit der dritten Erweiterung des 1863 eröffneten Friedhofs entstanden war. Sie wird von einer aus Balustern und Eisenstäben bestehenden Einfriedung eingefasst. Markantestes Element ist jedoch der übermannshohe Gedenkstein aus einem Schwarz-Schwedisch oder auch Diabas genannten, als Dolerit zu klassifizierenden Naturstein, der auf der Vorderseite und den beiden Schmalseiten poliert wurde. Seine Form erinnert an antike Grabstelen. Der auf einem Sockel ruhende untere Teil trägt eine Widmungsinschrift, die besagt, dass dem Verstorbenen dieser Gedenkstein von Freunden und Verehrern gewidmet wurde. Darüber erhebt sich der ungleich höhere, konisch zulaufende und pyramidal abschließende Teil mit dem Namen, dem Geburts- und Sterbedatum Otto Drewes und dem Hinweis, dass er Großherzoglicher Kammersänger war. Über dem Schriftfeld befindet sich ein Bronzetondo mit seinem Porträtrelief (Abb. 1).

Der 1845 in Rostock geborene Künstler kam 1866 zum Ensemble des Großherzoglichen Hoftheaters in Schwerin, wo er zunächst zwei Jahre lang blieb, um dann zum Hoftheater Braunschweig zu wechseln. 1872 kehrte er nach Schwerin zurück. Dort trat er nicht nur als Sänger auf, sondern erhielt wegen seiner großen schauspielerischen Fähigkeiten auch Rollenbesetzungen im Schauspiel. Als Bass und Bassbuffo wirkte er in zahlreichen Operninszenierungen des Hauses mit. Beim Publikum waren seine Auftritte in Lortzing-Opern besonders beliebt. Doch nicht zuletzt ist sein Name mit hervorragenden Wagnerpartien verbunden. So sang er beispielsweise den König Heinrich im LOHENGRIN, den Landgraf im TANNHÄUSER, Veit Pogner in den MEISTERSINGERN, Fafner im RHEINGOLD und im SIEGFRIED, Hunding in der WALKÜRE oder Hagen in der GÖTTERDÄMMERUNG. Ein vielbeachtetes Gastspiel führte ihn und das Ensemble des Großherzoglichen Hoftheaters 1898 an die Königliche Hofoper nach Berlin. Dort sang er in Max von Schillings INGWELDE, einer heute wohl nur noch in Fachkreisen bekannten Oper, die in Norwegen zur Zeit der Wikinger spielt und in der Form das Wagnersche Musikdrama aufgreift, die Partie des Gandulf von Gladgard, Ingweldes Vater (Abb. 2). 1886 wurde er zum Großherzoglichen Kammersänger ernannt. Außerdem war er Träger der Verdienstmedaille Friedrich Franz II. in Gold, der Gedächtnismedaille Friedrich Franz III. sowie der Sachsen-Altenburgischen Verdienstmedaille für Kunst und Wissenschaft.

Sein Tod löste eine große Bestürzung aus. Zahlreiche Nachrufe, zum Teil in Gedichtform abgefasst, würdigten Otto Drewes und seine Leistungen auf der Bühne, oftmals mit überschwänglichem Pathos. In einem "Dem Andenken an Otto Drewes!" überschriebenen Gedicht heißt es:

Ein Held, der nur mit edlen Waffen

Gekämpft im Dienste seiner Kunst -

Nun jäh' entrissen allem Schaffen,

Der Liebe und der Menschen Gunst.

Das Grabmal für diesen wohlgeübten Sänger musste dessen hohes Ansehen widerspiegeln. Gesetzt wurde es von der Intendanz des Großherzoglichen Hoftheaters in Schwerin.

Seine Grabstätte entstand in einer für die Gedächtniskultur um 1900 typischen Form. Sie gehört zu den Reihengräbern, die sich gegenüber den großen, oftmals opulenten, monumentalen Familien- und Erbbegräbnisstätten zu behaupten sucht. Repräsentation und Demonstration des sozialen Status des Verstorbenen war auch ihr Anliegen. So bezeugt die Lage der Grabstelle am vorderen Rand des Grabfeldes, unmittelbar am verlängerten Hauptweg des Friedhofs, den sozialen Stand des Verstorbenen, der die gehobene Mittelschicht repräsentierte, eine allseits anerkannte Lebensleistung aufzuweisen hatte und deshalb zu den privilegierteren Schichten gehörte. Das Grabmal verzichtet jedoch weitgehend auf jegliche beigegebene Symbolik, die diese Leistungen veranschaulichen könnten. Nur der Titel „Großherzoglicher Kammersänger“ und die Medaille im Porträtrelief weisen auf das anerkannte Schaffen des Verstorbenen hin. Auch christliche Symbolik fehlt. Lediglich der tiefschwarze Stein versinnbildlicht durch seine Farbe einen Bezug zu Trennung, Tod und Trauer. Der besonders harte schwedische Naturstein erfreute sich am Ende des 19. Jahrhunderts bis in das 20. Jahrhundert hinein als Steinmaterial für Grabdenkmale großer Beliebtheit.

Seine Besonderheit erfährt das Grabdenkmal durch das Reliefbildnis von Otto Drewes, ein Tondo, welches den Kammersänger im Profil nach links zeigt (Abb. 3). Es ist ein Werk des Bildhauers Ludwig Brunow. Dies belegt die Signatur an der Unterseite des Reliefs. Die dort auch anzutreffende Datierung „20.5.1910“ sagt uns, dass Brunow das Relief posthum modellierte (Abb. 4). Der in Mecklenburg geborene Künstler studierte an der Königlich Preußischen Akademie der Künste in Berlin und ließ sich dort auch nieder. Sein Hauptbetätigungsfeld lag im Bereich der Denkmalplastik und in der Ausgestaltung öffentlicher Bauten mit plastischen Bildwerken. Hier zeigt er einen selbstbewussten und zielgerichtet in die Ferne blickenden Mann auf dem Gipfel seines Ruhms. Dieser Ruhm wird durch die Medaille, die der Dargestellte um den Hals trägt, ausgedrückt. Sie erfüllt zwei Aufgaben: Allgemein ist sie ein ikonographisches Symbol für den Ruhm schlechthin, den sie versinnbildlicht. Im Besonderen weist sie allerdings auch auf die Otto Drewes tatsächlich zuteil gewordene Ehrung mit der Verdienstmedaille Friedrich Franz II. hin. Als Vorlage für das Porträt diente eine Fotografie, ein Kniestück, das im Atelier von Fritz Heuschkel in Schwerin aufgenommen wurde und den Kammersänger im Frack mit allen seinen Auszeichnungen zeigt (Abb. 5).

Die Form des Rundbildes als Porträt ist in der Grabmalskunst des späten 19. Jahrhunderts häufig anzutreffen. Ihre Wurzeln liegen in antiken Bildnissen auf Münzen. Im Zeitalter der Renaissance griff man das Rundbild wieder auf. Es fand vielfache Anwendung in der Malerei und Graphik, aber auch in der Architektur in Kombination mit plastischen Bildwerken und in der Medaillenkunst. Auf Grabdenkmalen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist es als eine antikisierende Ehrenformel anzusehen. Durch die Andeutung der Kleidung auf dem Porträt von Otto Drewes, dargestellt sind der Kragen des Frackhemdes, die Fliege und der Kragen des Fracks, wird jedoch ein deutlicher zeitgenössischer, bürgerlicher Akzent gesetzt. Dieses Porträt ist eine realitätsnahe aber zugleich auch ideale Darstellung des verdienstvollen Kammersängers.

Eine Einfriedung, bestehend aus hermenförmigen Balustern und einem Gestänge mit schaftringartigen Verdickungen grenzt die Grabstätte ein. Die sich nach unten verjüngenden Baluster sind mit vegetabilen Ornamenten geschmückt und lassen sich formal der Neorenaissance zuordnen (Abb. 6). Solche oder ähnliche Einfriedungen von Gräbern schaffen eine respektvolle Distanz zur Persönlichkeit, der gedacht werden soll. Weiterhin kann die eingefriedete Grabstätte als ein geschlossener Garten, gewissermaßen als Hortus conclusus, und somit als Sinnbild für eine Art von Geborgenheit in einem paradiesischen Geist angesehen werden.

So präsentiert das Grabmal für Otto Drewes ein ideales, humanistisches und von der Emanzipation des Bürgertums geprägtes Menschenbild, gleichsam der vielfach im 19. Jahrhundert entstandenen und auf öffentlichen Plätzen aufgestellten Personendenkmale für verdienstvolle Künstler, Politiker, Wissenschaftler, Mediziner oder Unternehmer. Man beschritt bei der Schaffung von Grabdenkmalen und profanen Personendenkmalen im 19. Jahrhundert annähernd gleiche inhaltliche und gestalterische Wege. Das Grabdenkmal für Otto Drewes in Schwerin ist ein solches aus der Spätzeit dieser Phase stammendes Beispiel (Abb. 7). Ab den 1920er Jahren kamen dann auch hier die Gedanken der Friedhofsreformbewegung zum Tragen, die zu einer veränderten Friedhofskultur führten.

Dirk Handorf

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