Die gotische Kapelle Sankt Georg in Neubrandenburg - Instandsetzung der barocken Dachüberformung

Denkmal des Monats Mai 2020

Abb. 1. Neubrandenburg, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Kapelle Sankt Georg, Südansicht, 2014 (Foto: LAKD M-V/LD, J. Amelung).Details anzeigen
Abb. 1. Neubrandenburg, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Kapelle Sankt Georg, Südansicht, 2014 (Foto: LAKD M-V/LD, J. Amelung).

Abb. 1. Neubrandenburg, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Kapelle Sankt Georg, Südansicht, 2014

Abb. 1. Neubrandenburg, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, Kapelle Sankt Georg, Südansicht, 2014

Im Westen der Stadt Neubrandenburg – am Rande der Innenstadt und außerhalb ihrer Stadtmauern gelegen - blieb ein Kleinod mittelalterlicher Backsteinkapellen über die Jahrhunderte bewahrt: Die Sankt-Georg-Kapelle (Abb. 1). Sie gehört zu einer Reihe von Spitalkapellen, die in Mecklenburg-Vorpommern erhalten geblieben sind, wie z.B. die Gertrudenkapelle in Güstrow (1439 (d) bzw. um 1500), die Gertrudenkapelle in Wolgast von1420 (d), die St.-Jürgenkapelle in Wolgast aus dem 15. Jahrhundert oder die Heiligen-Geist-Kapelle in Güstrow aus der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts. Derartige Kapellen dienten im Mittelalter der gesundheitlichen Versorgung Reisender vor den Toren der Stadt, als Hospital oder gar dem Aufenthalt von Aussätzigen unter einem kirchlichen Dach. In Neubrandenburg wurde die Sankt-Georg-Kapelle in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts errichtet. Der heilige Georg war Schutzpatron von Städten und Rittern sowie Helfer bei Kriegsgefahr und Krankheiten wie z.B. der Pest. Auch die Sankt-Georg-Kapelle hatte gemeinsam mit umliegenden Gebäuden diese Funktion eines Hospitals. Noch bis in das 18. Jahrhundert hinein diente die Anlage der Aufnahme älterer, gebrechlicher Bürger der Stadt Neubrandenburg. Heute gehört die Kapelle zur Gemeinde der evangelischen Kirche St. Johannis (ehem. Klosterkirche des Franziskanerklosters) und wird zu Gottesdiensten genutzt.

Die als rechteckiger Backsteinbau errichtete gotische Kapelle besitzt eine sehr ausdrucksstarke, rhythmische Formensprache. Spitzbogige Maßwerkfenster und -blenden wechseln an der Ost- und an der Nordfassade und eine mittige Blende im Osten beinhaltete ursprünglich wohl einen Außenaltar (Abb. 2). Die Südseite wird von den Maßwerkfenstern bestimmt. Dort befindet sich auch eine kleine, in das Mauerwerk geritzte Sonnenuhr – ein in der gotischen Sakralarchitektur nicht unübliches, aber oft übersehenes Detail (Abb. 3). Die West- sowie die Nordfassade besitzen jeweils ein durch Profile und Blenden gerahmtes Spitzbogenportal mit einer rechteckigen Umrahmung, die mit Vierpassprofilen gestaltet ist (Abb. 4). Ein zweireihiges Deutsches Band umschließt den gesamten Bau unterhalb der Fenster wie ein Gurt und ein Blendenfries aus gegeneinander versetzten Vierpässen, der aber nicht mehr ursprünglich ist, schließt die Architektur nach oben hin ab (Abb. 5-7). Die ursprüngliche Dachform der Kapelle ist nicht bekannt, ebenso wenig, ob gestaltete Giebel unter einem Satteldach existierten. Das heutige Walmdach mit dem mittigen wuchtigen Dachreiter aus Fachwerk und mit durchbrochener Haube entstand erst um 1770 (Abb. 8). Dabei wurde auch das Traufprofil mit gestaltet. Der Profilablauf mit Kehle, Viertelstab und Platte wurde dabei im Wesentlichen aus behauenen Backsteinen gesetzt (Abb. 9). Die Dachdeckung besteht aus Handstrichbibern in einer Kronendeckung.

Das Dach mit seinem Kehlbalkendachwerk, dem eingestellten Turmaufsatz und der Deckung zeigte in den letzten Jahren verstärkt Schäden, so dass die Planung zur Instandsetzung erfolgte. Das ganze Ausmaß der Schädigung wurde aber erst nach der Aufnahme der alten Dachdeckung in den Fußpunkten sichtbar (Abb. 10-13). Wie so häufig bei Dachkonstruktionen des 18. Jahrhunderts auf Kirchen waren die Traufbereiche durch die ausladenden Gesimsprofile übermauert, so dass die Hölzer der Konstruktion, Schwellen, Dachbalkenköpfe und Sparrenfußpunkte, in diesem Zustand oft verrotteten – so auch bei der Kapelle Sankt Georg in Neubrandenburg. Entsprechend geschädigt waren besonders die Schwellen, die kaum noch vorhanden waren. Das führte letztlich dazu, dass die Dachkonstruktion sackte und auch die Gesimsvermauerung abdriftete und Risse auftraten. Zum Teil saßen die oberen Lagen der Backsteine so schräg, dass sogar ein Absturz drohte.

Die Denkmalpflegerische Zielstellung sah dennoch vor, die Ziegel des Gesimses nach der unvermeidlichen Abnahme soweit möglich wieder zu verwenden. Dies gelang dann aber nur zum Teil, da die Ziegel selbst oft angebrochen waren. Auch war die Oberfläche stark angegriffen, denn es handelt sich ja nicht um Formziegel sondern um zugeschlagene Profile aus Vollziegeln. Dadurch gab es keine schützende Brennhaut, sondern offene Ziegel, die der Witterung lange ausgesetzt waren.

Nach der Reparatur des Dachwerkes wurde das Gesims neu gesetzt. Dabei wurden nun – neben der Wiederverwendung gut erhaltener alter Ziegel, tatsächlich neue Formziegel verwendet (Abb. 14-15). Es handelt sich in diesem Falle zwar um eine Abweichung vom überlieferten Bestand, dient aber der Wiederherstellung einer substanziell und konstruktiv sicheren und anspruchsvollen Gesimsausbildung und damit auch der Bewahrung des überlieferten barocken Erscheinungsbildes in Backsteinsichtigkeit an dieser Stelle. Zielstellung war es auch, die alten Handstrichbiber der Deckung soweit möglich zur Wiederverwendung zu bergen. Verschiedene Lösungen wurden diskutiert, von der gänzlichen Neudeckung über die Durchmischung von altem und neuem Dachdeckungsmaterial bis zur Trennung der Dachflächen mit Alt- und Neudeckung. Letzteres setzte sich durch und gelang auf immer zwei zusammenhängenden Dachseiten: Altdeckung auf der Süd- und der Ostseite, so dass hier ein zusammenhängendes weitgehend originales Erscheinungsbild der Kapelle bewahrt werden konnte (Abb. 16-17) und Neudeckung auf der Nord- und Westseite. Aber auch in der Neudeckung wurde durch die Architektin, Frau Marja Andersson aus Neustrelitz, eine anspruchsvolle Lösung angewandt. Sie wählte aus zwei verschiedenen Anbietern und mischte die neuen Biber untereinander (Abb. 18-19). So ergab sich ein lebendiges Wechselspiel der Farben und Formen.

Insgesamt ist die Kapelle nun in ihrer Substanz denkmalgerecht gesichert (Abb. 20). Zukünftig sollen nun noch die Fenster instand gesetzt werden, damit die Kapelle auch weiterhin durch die Kirchengemeinde sinnvoll genutzt werden kann.

Jens Amelung

Karte Kapelle Sankt Georg Neubrandenburg

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