Die Stubnitz-Lichtspiele in Sassnitz

Denkmal des Monats November 2020

Abb. 1. Sassnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen, Stralsunder Straße 43, Stubnitz-Lichtspiele von Osten, 2020.Details anzeigen
Abb. 1. Sassnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen, Stralsunder Straße 43, Stubnitz-Lichtspiele von Osten, 2020.

Abb. 1. Sassnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen, Stralsunder Straße 43, Stubnitz-Lichtspiele von Osten, 2020.

Abb. 1. Sassnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen, Stralsunder Straße 43, Stubnitz-Lichtspiele von Osten, 2020.

In der Stralsunder Straße 43 befindet sich in Sassnitz das 1958 errichtete Filmtheater und Kulturhaus "Stubnitz-Lichtspiele". Dieses Gebäude sticht derzeit schon deshalb hervor, weil es bislang noch unsaniert ist. Der erhaltene Bestand ist nach der Schließung 1992 jedoch so umfangreich geblieben, dass dessen Betrachtung eine Zeitreise in die Bau- und Nutzungsgeschichte eines wichtigen Kulturzentrums in der noch jungen Hafenstadt Sassnitz ermöglicht.

Durch das 1948 in Sassnitz gegründete Fischkombinat mit 2000 Beschäftigten und den Standort mit Ostseehafen entwickelte sich die junge Stadt als wichtiger DDR-Industriestandort. In diesem Zusammenhang wurden in den Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkrieges zahlreiche Wohnungen und Schulen errichtet. Die Planung für die Errichtung eines repräsentativen Kulturhauses erfolgte bereits 1955, zunächst war hierfür ein anderer Standort vorgesehen. Die rasante Entwicklung des ehemaligen Fischerdorfs zur Stadt führte schließlich zum Bau des Kulturhauses mit integriertem Lichtspieltheater, Gastronomiebetrieb und Kurhaus, welcher im Jahr 1958 abgeschlossen wurde. Mit der dem Bahnhof benachbarten und städtebaulichen exponierten Lage entwickelten sich die Stubnitz-Lichtspiele schnell zum kulturellen Zentrum der Stadt. Diese Nutzung wurde 30 Jahre aufrechterhalten. Für die Entwicklung der Nachkriegsarchitektur in der DDR ist der Kinobau in Sassnitz ein wichtiges bauliches Dokument des sozialistischen Realismus mit einem sehr guten originalen Überlieferungs- und Erhaltungszustand von hohem Zeugniswert. Der Bau überzeugt gestalterisch, funktionell sowie in seiner Ausführungsqualität und wurde vergleichbar mit den Lichtspielhäusern in Crivitz, Lübz, Plau am See, Malchow und Pasewalk in traditioneller Bauweise der 1950er Jahre errichtet. In seinem umfangreichen originalen Überlieferungszustand und seiner architektonischen Qualität zählt das Lichtspielhaus in Sassnitz zu den bedeutendsten erhaltenen Kinobauten der 1950er Jahre in Mecklenburg- Vorpommern.

Mit einer leicht rückversetzten Positionierung des Gebäudes an der Bahnhofstraße und mit Verzicht auf die Aufnahme von einheitlichen Gebäudefluchten orientiert sich das Lichtspielhais zudem an der Küstenlinie. Eingänge befinden sich auf der Südwest- sowie auf der Südostseite des Gebäudes, wobei der Zugang vermutlich überwiegend über den Haupteingang an der nordöstlichen, repräsentativen Giebelseite erfolgte. (Abb. 1-4) Der Baukörper mit einer Höhe von ungefähr 19 m ist ca. 47 m lang und 21 m breit. Der Putzbau besitzt einen achsensymmetrischem Grundriss, drei Vollgeschosse und ein Dachgeschoss, wobei der mittige Hauptbau eine rechteckige Grundfläche einnimmt und sich jeweils an jeder Traufseite ein zweigeschossiger Anbau in gekürzter Achsenanzahl befindet. An den Langseiten sind diese mittig als Loggia angelegt. Die Dachfläche des Hauptbaus ist als Satteldach ausgebildet. Die Grundkonstruktion wurde durch ein Fundament und Stützen aus bewehrtem Ortbeton sowie einer Ausmauerung der Zwischenräume mit Ziegelsteinen ausgeführt. Aufgrund des Geländeabfalls sind der Südwest- sowie dem Haupteingang auf der Nordostseite Treppen vorgelagert (Abb. 5).

Im Gebäudeinneren waren im Erdgeschoss ein großzügiges Foyer sowie eine HO-Gaststätte untergebracht und im Obergeschoss der große Kinosaal. Ein Bühneneinbau ermöglichte neben der Nutzung als Lichtspieltheater auch Großveranstaltungen, Jugendweihen sowie die Aufführung von Theaterstücken, und Konzerten (Abb. 6-9).

Vor allem die umfangreich erhaltene, bauzeitliche Fassadengestaltung mit verschiedensten zeittypischen Dekorationselementen stellt eine Besonderheit des Gebäudes dar.

Neben den originalen Putzen mit verschiedenen Oberflächentexturen wie z. B. dem die Fläche dominierenden ockerfarbenen Kratzputz (Abb. 10), historischer Fenstergestaltungen, Metallverzierungen als geschmiedete Brüstungsgitter, Lampen, Türgriffe und den Schriftzügen aus Leuchtstoffröhren (Abb. 11-13) sind im Besonderen die als Kunst am Bau ausgeführten Reliefs des Rostocker Bildhauers Jo Jastram zu erwähnen (Abb. 14-18). In der Einordnung des künstlerischen Schaffens Jo Jastrams werden die Reliefs als Frühwerke angesehen. Es handelt sich dabei um ursprünglich zwölf, heute noch elf vorhandene Betonwerkstein-Reliefs mit einer dem Terrazzo ähnlichen Oberflächenstruktur. Diese sind im Erdgeschoss zwischen den Tür- bzw. Fenstergewänden auf der Nordwest- sowie Südostfassade angebracht. Auf der südöstlichen Gebäudeseite stellen sie die Möglichkeiten der geistigen Erholung dar. Sinnbilder der geistigen Erholung sind z. B. eine Clowndarstellung, Masken, eine Tänzerin oder ein Puppentheater (Abb. 19-23). Auf der nordwestlichen Seite wird die körperliche Erholung des Menschen thematisiert. Die Reliefs zeigen Wald- und Tierdarstellungen, ballspielende Menschen, das Strandbaden und Spazierengehen (Abb. 14-18).

Auch der Innenbereich ist durch einen umfangreichen Bestand der historischen Ausstattung charakterisiert. Neben den originalen Innentüren (Abb. 24), Lampen (Abb. 25), Treppengeländern, Pfeilergestaltungen und der historischen Raumgestaltung inclusive der Tapetenbespannung im großen Kinosaal (Abb. 26-27) sind die überkommenen technischen Anlagen des Filmtheaters (Abb. 28) beeindruckend.

Die bemerkenswerte Fassadengestaltung gab Anlass zu einer Diplomarbeit an der Hochschule für Bildende Künste Dresden im Studiengang Kunsttechnologie, Konservierung und Restaurierung von Wandmalerei und Architekturfarbigkeit. Sie bot der Diplomandin Sarah Gschlecht Raum für eine Beschäftigung mit Gestaltungsprinzipien der Nachkriegszeit in der DDR und einer Einordnung der Fassade der Stubnitz-Lichtspiele in diesen Kontext mit Fokus auf die Erhaltungsmöglichkeiten der Reliefs von Jo Jastram. Grundlage dafür bildete eine umfassende Bestandsuntersuchung und –bewertung der verschiedenen Gestaltungselemente. Die umfangreichen Untersuchungen und technologischen Analysen ermöglichten die Erarbeitung einer Konservierungs- und Restaurierungskonzeption für die künftige Präsentation der Reliefs (Abb. 22), (Abb. 29-30). Es ist besonders wünschenswert, dass sich dieser Diplomarbeit weitere Untersuchungen und Konservierungsüberlegungen in Bezug auf den gut erhaltenen Putzbestand und die weiteren Gestaltungselemente der Fassade anschließen und entsprechend umgesetzt werden können.

Die Zeit verschiedener Besitzerwechsel des Gebäudes mit langen Phasen des Leerstands sowie der damit verbundenen Schädigung der historischen Substanz ist mit der Veräußerung an die ortsansässige Verwaltung "Haus Stubnitz" GmbH & Co. KG hoffentlich langfristig beendet und führt zu konzeptionellen Überlegungen der zukünftigen Nutzung des Gebäudes unter weitgehendem Erhalt des besonderen Denkmalbestandes.

Elke Kuhnert

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