Der deutsch-deutsche Archimedes – von Berlin über Würzburg nach Güstrow

Denkmal des Monats April 2021

Archimedes von Norden während des Wochenmarkts, ohne DatierungDetails anzeigen
Archimedes von Norden während des Wochenmarkts, ohne Datierung

Archimedes von Norden während des Wochenmarkts, ohne Datierung

Archimedes von Norden während des Wochenmarkts, ohne Datierung

In Güstrow schmückt seit 1979 eine außergewöhnliche Bronzeplastik den Marktplatz: die Figur eines auf dem Boden sitzenden Archimedes. Die Stadt, in der der Bildhauer Ernst Barlach (1870-1938) über knapp drei Jahrzehnte lebte und arbeitete und wo sein berühmter Schwebender Engel im Dom internationale Besucher anlockt, nahm ihren 750. Geburtstag zum Anlass, sich diese Plastik zu leisten und aufzustellen (Abb. 1).

Der griechische Mathematiker und Philosoph Archimedes (um 287-212 v. Chr.) fand seinen Platz im Zentrum nördlich der Stadtkirche. Rundherum wurde in dieser Zeit, wie es deutschlandweit Mode war, die Innenstadt zur Fußgängerzone umgebaut. Es handelt sich bei dem Archimedes um ein Werk des Berliner Bildhauers Gerhard Thieme (1928-2018) – geprägt durch eine bemerkenswerte deutsch-deutsche Geschichte.

Mitten im Geschehen

Platziert ist die knapp überlebensgroße Figur auf einem niedrigen, rechteckigen Sockel aus Granitplatten. Da der Sockel unten eingerückt ist, wirkt er eher leicht, nicht wie ein typisches Postament für ein gewichtiges Denkmal. Der bärtige Mann mit hoher Stirn und kurz geschnittenen Haaren ist gehüllt in ein eng anliegendes dünnes Gewand, das viele Falten wirft und einer Toga ähnelt. Er sitzt mit angewinkelten Beinen und aufgestelltem rechten Fuß auf dem Boden (Abb. 2-5).

Zirka 90 cm erhebt er sich über dem 50 cm hohen Sockel und ist für den Betrachter aus einer leicht erhöhten Position unmittelbar erlebbar. Keine Hürde trennt die nahbare Figur vom Publikum. An Markttagen werden Figur und Sockel mit Kisten von Blumen, Obst und Gemüse in das Geschehen einbezogen (Abb. 6).

Der nach links gedrehte Oberkörper stützt sich auf den linken Arm, während der rechte leicht angewinkelt ist und mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Boden deutet. Die freie Fläche vor der Figur wird durch dieses Motiv des Zeigens Teil der Komposition und erweitert deren Wirkungsraum nach außen. Die Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger, die ursprünglich einen heute nicht mehr vorhandenen Stift hielt, scheint im Begriff, eine zeigende Bewegung zu machen oder eine Zeichnung auf dem Boden auszuführen. Der Blick der Figur folgt dieser Situation nicht unmittelbar. Vielmehr erhebt er sich leicht, ohne eine konkrete Richtung anzuzeigen. Im Zusammenklang mit dem in Bewegung begriffenen rechten Arm erzeugt dieser richtungslose Blick den Eindruck einer sinnenden oder gar gedankenverlorenen Person.

Naturalistisch und impressionistisch

Erreicht wird die intensive Wirkung des Bildwerks in erster Linie durch die sowohl naturalistische wie auch impressionistische Gestaltung. Die die menschliche Anatomie bis ins Detail berücksichtigende Ausbildung der Figur zeichnet die Spannung der sich nach links wendenden und sich aufstützenden Person deutlich nach. Die grob und skizzenhafte Oberflächenbehandlung überlässt es dem Betrachter, Einzelheiten wie Haut- oder Gewandpartien zu einem schlüssigen Ganzen zusammenzufügen: eine impressionistische Herausbildung der Figur.

Diese Gestaltung ist eingebunden in eine kompakte und gleichmäßig fließende Umrissbildung. Der leicht erhobene Kopf und der rechte, zeigende Arm bilden dabei die Schwerpunkte einer Komposition, die in sich ruht und sich gleichzeitig nach außen erweitert.

„Störe meine Kreise nicht“

Gemeinsam mit der ausdrücklich antikischen Gewandung führen die ausgeführte Gestik und Mimik dazu, dass die Figur in überzeugender Weise einen Gelehrten, einen Philosophen oder Mathematiker darzustellen vermag. Mit dem im dritten Jahrhundert vor Christi in Syrakus wirkenden griechischen Mathematiker, Physiker und Ingenieur Archimedes ist die Figur überzeugend in Einklang zu bringen. Die Worte, die er während der Beschäftigung mit einem mathematischen Problem gegenüber einem feindlichen Soldaten kurz vor seinem Tod gesprochen haben soll: „Noli turbare circulos meos“ - „Störe meine Kreise nicht“, sind für seine Person sprichwörtlich geworden.

Der Berliner Künstler Gerhard Thieme

Der seit 1952 in Berlin arbeitende, in Sachsen geborene Bildhauer Gerhard Thieme gehörte zu den renommierten und bekannten Bildhauern in der DDR. Für sein Werk erhielt er zahlreiche staatliche Auszeichnungen. Nach dem Studium an Kunsthochschulen in Dresden und Berlin war er Meisterschüler und Mitarbeiter Fritz Cremers (1906-1993), arbeitete mit ihm unter anderem an der monumentalen Gruppe der Gedenkstätte Buchenwald. Bekannt wurde er zudem durch die Abnahme von Totenmasken zahlreicher bekannter Persönlichkeiten, darunter der Bertolt Brechts (1898-1956). Thieme schuf eine Vielzahl von Plastiken für den öffentlichen Raum und ist mit diesen Werken bis heute präsent.

Obwohl er seine Werke in eher traditioneller Formensprache in wirklichkeitsnaher und realistischer Weise schuf, ist die Beeinflussung durch bedeutende Bildhauer der frühen Moderne und frühen Nachkriegszeit unübersehbar. Während die skizzenhafte und impressionistische Modulation der Oberfläche an die ganze Generationen von Bildhauern beeinflussenden Arbeiten des Franzosen Auguste Rodin (1840-1917) erinnert (Abb. 7), ist in der von Thieme ausgeführten kompakten und fließenden Umrissform deutlich das Vorbild der Arbeiten des Engländers Henry Moore (1898-1986) zu erkennen, insbesondere das der „draped reclining figures“ – der „bekleideten liegenden Figuren“ (Abb. 8).

Der deutsch-deutsche Archimedes

Thiemes Bronzeplastik des Archimedes existiert – nach heutigem Kenntnisstand – in vier Varianten. Die erste Figur wurde 1965 in Würzburg aufgestellt. Weitere Fassungen der jeweils im südbrandenburgischen Lauchhammer gefertigten Gusswerke befinden sich seit 1972 in Magdeburg und Berlin und schließlich seit 1979 in Güstrow.

Die erste Fassung des Archimedes entstand als Auftragsarbeit in den Jahren 1962 bis 1965. Thieme sollte für die Universität Würzburg eine Plastik für den Innenhof des neuen Studentenhauses mit Mensa erschaffen. Im Jahr 2000 berichtet Thieme in einem Brief an den Güstrower Stadthistoriker Peter Ditz, dass der damalige Auftraggeber während eines Besuchs in Ost-Berlin im Anfang der 1960er Jahre seine Plastiken kennen gelernt hatte und sich danach für ihn entschied. Die an ihn gestellten Vorgaben für die Figur fasste Thieme folgendermaßen zusammen: „1. Nicht stehend, nicht liegend und nicht nacket. 2. Größe der Figur 90 cm, Sockel 50 cm hoch. 3. und etwas mit der Wissenschaft zu tun, sollte die Plastik auch haben.“ Es sei ihm bei diesen Wünschen nur eine historische Figur eingefallen: „Archimedes, der seine Gedanken in den Sand zeichnet.“ Die Aufstellung der Plastik in Würzburg erfolgte 1965. Die Teilnahme an der Einweihung war Thieme verwehrt, da er keine Reisegenehmigung erhielt.

Archimedes und Güstrow

Die Aufstellung des Archimedes in Güstrow im Jahr 1979 steht in Zusammenhang mit dem 1978 festlich begangenen Jubiläum zum 750. Jahrestag der Stadtgründung. Anlässlich des Jubiläums wurde der Markt der Stadt umgestaltet und die Ausstattung mit Bildhauerkunst geplant. Gleichzeitig mit dem Archimedes wurde eine aus Keramik fertigte Tiersäule des Bildhauers Lothar Rechtacek (1943-2013) errichtet. Seitens der Stadt Güstrow, so Thieme im oben erwähnten Brief, sei die Figur des Archimedes bei einer Ausstellung im Berliner Lustgarten ausgesucht und in Auftrag gegeben worden.

Ausgangspunkt für die Erneuerung und künstlerische Ausstattung des Markts in Güstrow war die sich in den 1970er Jahre in der DDR entwickelnde höhere Wertschätzung für historische Städte. Nach starken Verlusten an historischer Bausubstanz durch Vernachlässigung und Abbruch rückte landesweit die Notwendigkeit von Maßnahmen zum Erhalt der Altstädte in den Blickpunkt der staatlichen Akteure. Historische Städte und Baudenkmale wurden zudem in Dienst genommen für das neue, spätestens mit der Verfassungsänderung von 1974 eingeführte Verständnis von Kultur und Nation. Das bauliche Erbe wurde zu einem wichtigen Pfeiler der neuen sozialistischen Nationalkultur der DDR. Für die Stadt Güstrow führte diese neue Ausrichtung unter anderem dazu, dass der Altstadtkern Aufnahme fand in die 1979 beschlossene Zentrale Denkmalliste der DDR.

Barlach und Güstrow

Die Ausstattung des Marktes mit hochwertiger Bildhauerkunst ist für Güstrow zudem mit einem wichtigen lokalgeschichtlichen Aspekt verbunden. Die Stadt, in der der Bildhauer, Schriftsteller und Zeichner Ernst Barlach von 1910 bis zu seinem Tod 1938 lebte und arbeitete, benannte 1957 das Theater nach dem Künstler und baute 1978 sein Atelierhaus zur Gedenk- und Ausstellungstätte aus, um es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In Güstrow, wo sich wertvoller Bauschmuck insbesondere aus der Renaissance erhalten hat, schenkt die Kulturpolitik seit der Nachkriegszeit Fragen der Bildhauerkunst besondere Beachtung.

Deutschere Kunst in der DDR?

In ihrer Gestaltung entspricht die Figur des Archimedes der über die gesamte Zeit der DDR vorherrschenden Kunstdoktrin des sozialistischen Realismus. Wichtigste Vorgabe der Doktrin war, noch vor den Forderungen nach Volkstümlichkeit und Parteilichkeit, die Bildwerke wirklichkeitsnah und keinesfalls abstrakt zu gestalten. Bildthemen wie antike Philosophen oder Mathematiker waren im sozialistischen Realismus akzeptiert, da sie als Personifikationen einem humanistischen Weltbild zugeordnet werden konnten.

In der alten Bundesrepublik waren für Entscheidungsträger mit einem konservativen Kunstgeschmack Kunstwerke aus der DDR – trotz aller allgemeinen ideologischen Differenzen gegenüber dem sozialistischen Staat – von hohem Interesse. Zu der im Westen vorherrschenden abstrakten Kunst bildeten diese Werke eine Alternative.

Der bekannteste Fall in dieser Hinsicht ist der besondere Staatsauftrag, den der Leipziger Maler Bernhard Heisig (1925-2011) aus dem Westen erhielt. Es ging darum, das Portrait des Bundeskanzlers Helmut Schmidt (1918-2015) – des Kanzlers, der 1981 während seines offiziellen Besuchs der DDR ausdrücklich Barlachs Engel in Güstrow besuchte – für die Galerie im Kanzleramt zu malen. Dazu reiste der Kanzler a. D. 1986 zweimal zu Portraitsitzungen in das Atelier des Künstlers Heisig nach Leipzig. Bereits 1983 hatte der Literatur-Nobelpreisträger Günther Grass (1927-2015) im Sinne einer positiven Beschreibung behauptet, in der DDR werde „deutscher gemalt“ als in der Bundesrepublik.

Es ist somit wohl dem konservativen Kunstgeschmack der Vertreter der Universität Würzburg geschuldet, dass 1965 ein Archimedes aus der DDR zur Ausstattung eines Studentenhauses im Freistaat Bayern wurde. Dieser im Osten Berlins entworfene Archimedes sollte 14 Jahre später in einem weiteren Guss Aufstellung auf dem Markt in Güstrow finden.

Dr. Jörg Kirchner

Kartendarstellung Bronzeplastik des Archimedes auf dem Marktplatz von Güstrow

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