Das Buswartehäuschen in Buschvitz – ein Kleinod im Werk von Ulrich Müther

Denkmal des Monats Juli 2023

Abb. 2. Buschvitz, Landkreis Vorpommern-Rügen, Am Bodden, Buswartehäuschen von Südwesten, 2019Details anzeigen
Abb. 2. Buschvitz, Landkreis Vorpommern-Rügen, Am Bodden, Buswartehäuschen von Südwesten, 2019

Abb. 2. Buschvitz, Landkreis Vorpommern-Rügen, Am Bodden, Buswartehäuschen von Südwesten, 2019

Abb. 2. Buschvitz, Landkreis Vorpommern-Rügen, Am Bodden, Buswartehäuschen von Südwesten, 2019

Östlich von Bergen auf Rügen befindet sich in der etwas versteckt am Kleinen Jasmunder Bodden gelegenen Ortschaft Buschvitz ein Buswartehäuschen, das jegliche Vorstellungen von einer Bushaltestelle übertrifft. Unvermittelt stößt der ahnungslose Passant, der den von Fischerkaten und Siedlungshäusern geprägten Ort durchwandert, auf ein ausnehmend futuristisch wirkendes, kugeliges Häuschen, das von den Einwohnern liebevoll auch „Taucherhelm“ genannt wird.

Erbaut wurde diese skurrile Konstruktion im Jahr 1974 von Ulrich Müther (1934-2007), dem heute international bekannten Schalenbaumeister aus Binz auf Rügen. Und da sich Ulrich Müthers Geburtstag am 21. Juli zum 89. Mal jährt, sei ihm dieser Aufsatz gewidmet. Müther hatte nach seinem Studium zum Bauingenieur den Baubetrieb seines Vaters übernommen und sich zusätzlich zum normalen Baugeschäft auf die Anfertigung von Schalentragwerken im Betonspritzverfahren spezialisiert. Überwiegend im staatlichen Auftrag der DDR errichtete er seit den frühen 1960er Jahren über 70 Betonschalenbauten, zunächst in vielen Gemeinden des eigenen Landes und seit den späten 1970er Jahren auch im Ausland.

Diese fast schwerelos wirkenden Solitäre aus Beton, Stahl und Glas wurden als moderne städtebauliche Gestaltungsmittel eingesetzt. Viele von ihnen bildeten auflockernde Kontraste im stadträumlichen Gefüge des industriellen Wohnungsbaus und wirkten mit ihrer dynamischen Form wie Großplastiken zwischen den typisierten Wohnblöcken, andere wiederum wurden an hervorgehobener Stelle am Strand, am See oder im Park platziert und setzten dort weithin sichtbare Blickpunkte.

Überwiegend handelte es sich dabei um größere Anlagen wie Gaststätten und Mehrzweckhallen, Planetarien, Sport- oder Sakralbauten. Im Ausland baute Müther vor allem Planetarien und Radrennbahnen, zum Beispiel in Libyen, Finnland, auf Kuba oder in der Bundesrepublik Deutschland. Darüber hinaus schuf Müther auch etliche Kleinarchitekturen für ganz unterschiedliche Zwecke, etwa Buswartehäuschen, Musikpavillons oder Kioske, die einen eher experimentellen Charakter besitzen.

Zu diesen Miniaturen zählt das Buswartehäuschen in der Dorfgemeinde Buschvitz. Es handelt sich um eine frei modellierte Betonschalenkonstruktion auf Drahtnetz über annähernd halbkreisförmigem Grundriss von circa vier mal fünf Metern. In der Höhe misst das Bauwerk etwa 2,60 Meter. Seine Form gleicht einer zusammengedrückten Kugel oder Blase, die an der Straßenseite senkrecht abgeschnitten wurde. Als Hauptfront wurde hier eine Wand mit kniehoher Betonbrüstung und einer darüberliegenden Holzlamellenkonstruktion eingesetzt, in der sich der flachbogige Zugang befindet. Der zellenartige Raum dahinter wird durch vier ovale Fensteröffnungen belichtet, die an Bullaugen erinnern. Alle Öffnungen haben nach außen gestülpte Ränder, die aus Beton anmodelliert wurden (Abb. 1-3). Sie verleihen dem Objekt organische Züge und geben dieser begehbaren Skulptur eine äußerst individuelle Note.

Müthers Schalenbauten entstanden fast alle in Zusammenarbeit mit Architekten, die den architektonischen Entwurf maßgeblich entwickelten beziehungsweise großen Anteil an ihm hatten. Basierend auf dem Entwurf konzipierte und berechnete Müther hauptverantwortlich die Schalenkonstruktion, und seine Firma übernahm die Herstellung des Schalentragwerks. Die architektonische Formfindung dieser Schalen ist demnach nicht ausschließlich als Leistung Müthers zu bewerten, aber genauso wenig als reine Architektenleistung. Allerdings leitete und betreute Müther mit „seinem Betrieb“ die Projekte normalerweise hauptverantwortlich von der Planung über den Entwurf bis zur Fertigstellung der Tragwerke. Als Spezialist für die Planung, Konstruktion und Durchführung dieser Sonderbauten behielt er stets die Kontrolle und die Autorenschaft über die Schalenkonstruktion. Somit hatte er eine ähnliche Stellung inne wie ein heutiges projektleitendes Architektur- oder Planungsbüro. Dies war in der DDR eine außergewöhnliche Position, waren doch die meisten Baubetriebe und Architekturbüros in Kombinate eingegliedert worden.1

Die Idee zum außergewöhnlichen Entwurf, der in Buschvitz realisiert wurde, hatte der Architekt Dietrich Otto (geboren 1943), der aus Waren an der Müritz stammt und damals in Müthers Firma arbeitete. Er entwarf die Form, für die ihm ein aufgeschnittener Brotlaib, ein „Bauernbrot“, als Inspiration diente. Die nach außen gestülpten Ränder an den Öffnungen hatten vor allem praktische Gründe, damit bei Sturm nicht so schnell Sand ins Innere geweht wurde.2

Das Grundgerüst wurde auf dem Hof der PGH Bau Binz – wie der Betrieb Müthers damals hieß – zusammengesetzt (Abb. 4). Aus gebogenen Bewehrungsmatten bauten die Mitarbeiter einen Drahtkorb und verschweißten ihn. Anschließend luden sie den Korb auf einen Bagger und brachten ihn nach Buschvitz an seinem zukünftigen Standort (Abb. 5). Dort wurde er mit feinmaschigem Drahtgeflecht umhüllt und schalungslos in Spritzbeton betoniert. Die Aufstellung der Schale erfolgte auf Wunsch der Gemeinde, da in Buschvitz das alte Buswartehäuschen durch einen Sturm verloren gegangen war. Der Neubau sollte in erster Linie den Schutz der Kinder gewährleisten, die täglich mit dem Bus zur Schule nach Bergen pendelten, aber auch einen eigenen Charakter besitzen.3

Müthers Miniaturbauten wie etwa der 1981 erbaute Rettungsturm am Binzer Strand (Abb. 6), der ebenfalls auf einem Entwurf von Dietrich Otto basiert, der von Professor Dietmar Kuntzsch aus Berlin entworfene und 1986-88 erbaute Musikpavillon in Sassnitz (Abb. 7) oder eben die Buswartehalle in Buschvitz wecken Assoziationen an die Science-Fiction-Ästhetik der 1960er Jahre, die auf konstruktiven Experimenten und utopischen Entwürfen basierte. Sie spiegeln den optimistischen Fortschrittsglauben jener Zeit. Diese Leichtigkeit und die utopische, organische Formensprache konnten bei den Kleinstarchitekturen wesentlich freier realisiert werden, als bei Müthers Großbauten, die komplexere Nutzungsanforderungen erfüllen mussten. Rettungsturm, Buswartehalle oder Musikpavillon unterlagen solchen äußeren Zwängen in viel geringerem Maße. Die funktionalen Anforderungen beschränkten sich dort auf ein Minimum und ermöglichten somit größere gestalterische Freiheiten.

Die Betonschalenminiaturen zeigen die Essenz von Müthers Werk. In ihnen manifestieren sich der Zeitgeist, die Experimentierfreude und Gestaltungsfreiheit jener kurzen, von Optimismus und Fortschrittsglauben geprägten Epoche freier und klarer, als in seinen Großprojekten, die mitunter auch etwas sperrig und kantig wirken. Die kleinen Solitäre sind ihnen gegenüber deutlich anmutiger, graziler und verspielter.

Sie zählen nicht zu den großen Prestigebauten, mit denen die Regierung die Leistungsfähigkeit des Landes nach außen demonstrieren wollte. Jene, wie etwa die 1968 erbaute Ausflugsgaststätte „Teepott“ in Rostock-Warnemünde (Abb. 8) waren oft mit einer großen, als Staatsakt inszenierten Eröffnungsfeier eingeweiht und durch die Presse überregional bekannt gemacht worden. Im Gegensatz dazu sind die Miniaturschalen eher als spielerische Experimentalbauten zu betrachten, die im öffentlichen Raum ihren Platz fanden und von der Allgemeinheit angenommen wurden.

Auch die kleine Buswartehalle in Buschvitz war von Müthers Firma für ein anderes Projekt in Bergen auf Rügen entworfen worden und konnte dann bei der konkreten Anfrage aus der Gemeinde Buschwitz umgehend realisiert werden, da sie passend erschien. Diese Initiativbauten, die auf Müthers Veranlassung oder auf Wunsch einzelner Gemeindemitglieder zunächst ohne staatliche Genehmigung auch in abgelegenen Gegenden errichtet wurden, sind eher als ‚Stimmungsbauten‘ zu verstehen, die gerade in kleinen Gemeinden Anklang fanden, weil sie den Geschmack der Zeit trafen und etwas Besonderes, Kurioses darstellten.

Dr. Tanja Seeböck


1 Von „Müthers Betrieb“ wird nur sinngemäß gesprochen. Müther war kein Bauunternehmer im eigentlichen Sinne oder Eigentümer einer Firma, da es diese Wirtschaftsformen in der DDR nicht mehr gab. Müther stand aber zeitlebens seinem verstaatlichten Betrieb, der erst in eine Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH), dann in einen Volkseigenen Betrieb (VEB) umgewandelt worden war, vor und leitete ihn. Zu Müthers Position im Bauwesen der DDR vgl. Seeböck 2016, S. 147-153.

2 Gespräch von Tanja Seeböck mit Dietrich Otto am 13.09.2012.

3 Mahlke 2023.

Literatur

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