"Kubische Klarheit" zwischen historischen Giebelhäusern: Das Bankgebäude von Hans Poelzig in Wolgast - schon vor der Erbauung ein Fall für die Denkmalpflege

Denkmal des Monats August 2019

Abb. 1. Wolgast, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Rathausplatz 1 und 2, 2019Details anzeigen
Abb. 1. Wolgast, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Rathausplatz 1 und 2, 2019

Abb. 1. Wolgast, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Rathausplatz 1 und 2, 2019

Abb. 1. Wolgast, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Rathausplatz 1 und 2, 2019

Auch heute noch blickt der Besucher von Wolgast verwundert auf das 'moderne' Bankgebäude am Alten Markt (heute: Rathausplatz 2), das so gar nicht zu der historischen Bebauung des Platzes passen will. Dieser Eindruck war schon zur Erbauungszeit vorhanden und wurde in der zeitgenössischen Presse auch vehement zum Ausdruck gebracht (Abb. 1).

1931 beauftragte die Sparkasse des Landkreises Greifswald auf Empfehlung des Landrates den Architekten Hans Poelzig (1869-1936) mit dem Neubau einer Zweigstelle in Wolgast (Abb. 2).

Poelzig entwarf einen Bau in der klaren, reduzierten Formensprache des Neuen Bauens: Der dreieinhalbgeschossige Backsteinbau mit Flachdach, das hinter einem leicht vorkragenden Gesims 'versteckt' ist, steht auf dem Eckgrundstück Rathausplatz/Wilhelmstraße. Der blockhafte, nach oben hin etwas breiter werdende Baukörper wird nur durch seine Fenster gegliedert. Die Fassade zum Rathausplatz ist dreiachsig, wobei die erste Achse mit dem Zugang zum Treppenhaus leicht zurückgesetzt ausgeführt wurde. In der mittleren befindet sich die Eingangstür zu den Bankräumen und darüber leicht versetzte zweiflügelige Fenster.

Im Erdgeschoss zieht sich ein Fensterband von der Hauptfassade (zwei Fenster) zur Fassade an der Wilhelmstraße (zehn Fenster). Im Obergeschoß findet man hochrechteckige, vertikal geteilte Fenster, während das Fensterband eine horizontale Gliederung aufweist. Die Dachgeschossfenster sind niedriger ausgebildet; ursprünglich waren die letzten drei Achsen nur eineinhalb Geschosse hoch. Poelzig orientierte sich hier an der Traufhöhe des Nachbarhauses (Abb. 3). Aufgestockt wurde dieser Gebäudeabschnitt erst Anfang der 1980er Jahre, wobei Material und Fensterformen angepasst wurden.

Die Zeichnung (Abb. 4) zeigt noch eine expressivere Fassadengestaltung durch Rollschichten als Fensterstürze und Solbankgesimse; ausgeführt wurden nur diejenigen am Dachgesims und am Sockel. Ansonsten ist die Fassade gänzlich ungegliedert. Diese "Schlichtheit unterstreicht die Wirkung des Materials" Sie wird jedoch durch den Mauerverband – den Märkischen Verband – strukturiert und durch die unterschiedlichen Brandfarben des Klinkers 'belebt'.(Abb. 5)

Sehr zum Missfallen von Poelzig wurde die beabsichtigte Wirkung einer klaren Architektursprache durch die Anbringung des Schriftzuges "Sparkasse des Landkreises Greifswald" in traditioneller Frakturschrift konterkariert.(Abb. 6)

Die Lückenschließung an der Westseite des Platzes beschäftigte schon vor der Bebauung die staatliche Denkmalpflege, da die Umgebung des denkmalgeschützten Rathauses, das Anfang des 18. Jahrhunderts unter Verwendung von mittelalterlicher Bausubstanz freistehend auf dem Platz errichtet wurde, betroffen war.1 Bei dem Rathaus handelt es sich um einen zweigeschossigen Putzbau mit Satteldach, Schweifgiebel und Dachreiter. In dessen Erbauungszeit kann auch das giebelständige Wohnhaus am Rathausplatz datiert werden, allerdings wurde die Fassade mit dem neobarocken Giebel erst 1905 vorgeblendet. Gerade diese Nachbarschaft warf die Frage nach "Anpassung oder schöpferische(r) Einfühlung" auf; die sich aus diesem Spannungsfeld ergebene Diskussion hält die Sparkasse als Auftraggeberin für "zeitraubend und überflüssig". Aber auf Wunsch des Magistrats wurden der pommersche Provinzialkonservator in Stettin (heute Szczecin), Franz Balke, und der preußische Staatskonservator Robert Hiecke in Berlin hinzugezogen. Sie diskutierten 1931 mit Hans Poelzig seine Entwürfe, vor allem die "Proportionierung und Rhythmisierung der Baumassen im Hinblick auf die Gesamterscheinung des Marktes". Im Ergebnis der Beratungen entstand der ausgeführte Entwurf, der ein großes Medienecho hervorrief. Anlässlich der Einweihung im Juli 1932 erschien im Stettiner General-Anzeiger ein ablehnender oder, wie Balke es später formulierte, "ein sehr blöder" Artikel. Zwar werden die praktischen Vorzüge hervorgehoben, da die zeitgemäßen Anforderungen an den Raumbedarf eines Geldinstituts wie eine ausreichend große Schalterhalle, einen extra gesicherten Tresorraum im Keller sowie verschiedene Büros und Sitzungszimmer erfüllt werden (Abb. 7 und 8). Die moderne Gestaltung des Baus wurde jedoch vehement abgelehnt.

In den Akten des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege ist der Artikel selbst leider nicht vorhanden, hingegen aber der Entwurf für eine Gegendarstellung im Stettiner General-Anzeiger von Provinzialkonservator Franz Balke. In seinem Beitrag mit der Überschrift "Anpassung oder schöpferische Einfühlung. Altstadt und Neubauten" beschreibt er die Auffassung und die Rolle der Denkmalpflege bei dem Entwurf des Neubaus. Balke legt dar, dass "jeder die Sprache seiner Zeit" verwendet habe, auch barocke Mansarddächer wurden neben gotische Staffelgiebel gesetzt. Ziel war es, dass der Neubau eine "Organische Einheit" mit dem ganzen Markt bildet. Deshalb wurde Rücksicht auf Material, Proportionen und Farbe genommen.

Der Bau muss auch den Anforderungen an ein Bankgebäude mit Tresorraum und Schalterhalle gerecht werden – er kann und soll nicht in eine Kulissenarchitektur untergebracht werden. Daher entstand ein "wirklicher" Neubau: "eine der interessantesten, denkmalpflegerisch bestimmten Neuschöpfungen", für die Hans Poelzig auch die Innenausstattung inklusive der Möbel entwarf (Abb. 9-10).

Wird 1931 die Denkmalpflege wegen des Umgebungsschutzes in die Neubauplanung beratend einbezogen, ist das Bankgebäude ab den 1970er Jahren als Baudenkmal selbst Gegenstand der Denkmalpflege. So müssen Veränderungen mit dem Institut für Denkmalpflege abgestimmt werden. Die Staatsbank der DDR, die das Gebäude übernommen hat, beantragte 1981 unter anderem die Aufstockung des Seitenflügels an der Wilhelmstraße (Abb. 11). Aber auch hier wird in Absprache mit dem Institut für Denkmalpflege in Schwerin auf die Umgebung geachtet. Die Erweiterung nimmt die vorhandenen Gestaltungselemente wie die Klinkerfassade und die Größe der Fenster auf.

Das in seiner Zeit umstrittene Bankgebäude von Hans Poelzig ist heute ein wichtiges Zeugnis für das Neue Bauen in Mecklenburg-Vorpommern. Der Zeitungsartikel vom 10. Juli 1932 im Stettiner General-Anzeiger anlässlich der Einweihung nennt es einen "störenden Fremdkörper" – ähnliche Reaktionen hat beispielsweise auch das Ozeaneum in Stralsund hervorgerufen. Auch nach 90 Jahren ist die Frage "Anpassung oder schöpferische Einfühlung" bei Lückenschließungen an prominenter Stelle aktuell wie eh und je.

Elke Onnen


"Kubische Klarheit" - Franz Balke: Anpassung oder schöpferische Einfühlung?. Entwurf für einen Artikel im Stettiner General-Anzeiger, in: LAKD M-V/LD, Registratur, Objektakte, Wolgast, Rathausplatz 2, Bankgebäude.

1 Pommersche Denkmalpflege 1931-1935, 31. Bericht erstattet vom Provinzialkonservator Dr. Franz Balke, Stettin 1935.


Quellen:

LAKD M-V/LD, Registratur, Objektakte, Wolgast, Rathausplatz 2, Wohn- und Geschäftshaus

Franz Balke: Pommersche Denkmalpflege 1931-1935, Stettin 1935


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