Obermützkow. Ein barockes Gutstor und ein authentisch erhaltener Gutshof mit Potential.

Denkmal des Monats Januar 2019

Abb. 1. Obermützkow, Lkr. Vorpommern-Rügen, Am Hofplatz, Gesamtansicht, Dezember 2018Details anzeigen
Abb. 1. Obermützkow, Lkr. Vorpommern-Rügen, Am Hofplatz, Gesamtansicht, Dezember 2018

Abb. 1. Obermützkow, Lkr. Vorpommern-Rügen, Am Hofplatz, Gesamtansicht, Dezember 2018

Abb. 1. Obermützkow, Lkr. Vorpommern-Rügen, Am Hofplatz, Gesamtansicht, Dezember 2018

Westlich von Stralsund, im vorpommerschen Dorf Obermützkow, liegt eine authentisch erhaltene Gutsanlage mit viel ländlichem Flair und einer relativ hohen Vollständigkeit von erhaltenen Wirtschaftsgebäuden (Abb. 1). Die Bauten haben überwiegend einen zwar sanierungsbedürftigen, aber grundsätzlich befriedigenden Bauzustand. Sie mußten nur wenige bauliche Veränderungen erfahren und zeigen demzufolge einen guten originalen Überlieferungszustand. Allerdings ist die Toranlage sehr stark gefährdet.

Die Gutsanlage ist im regionalen Bewusstsein der Bevölkerung stark verankert. Abgesehen von einem Wirtschaftsgebäude haben alle Gebäude eine Nutzung. Das Gutshaus dient als Mehrparteienwohnhaus. Dank des engagierten Freizeitvereins Obermützkow e.V., der sich die Förderung der Kultur, Natur und Dorfgemeinschaft zum Ziel gesetzt hat, finden auf der Anlage regelmäßige Aktivitäten statt, wie ein jährliches Oldtimertreffen, Dorffeste und Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche, so zum Beispiel zum Projekt "Chance Natur". Der Verein unterhält in einem historischen Speichergebäude ein öffentliches Landtechnikmuseum mit zugehöriger Werkstatt (Abb. 2). Zwei weitere Wirtschaftsgebäude, ein Pferdestall und eine Reithalle, werden durch den Reit- und Fahrverein Obermützkow e.V. genutzt. Ein weiterer Stall dient der Unterbringung von kranken und alten Pferden. Die Pferde auf ihren Koppeln beleben die Anlage und sie prägen das Erscheinungsbild und die Atmosphäre wesentlich mit.

Die in der Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Gutsanlage wird baulich geprägt von einem erhöht liegenden Gutshaus im Süden mit einem dahinterliegenden ehemaligen Park und fünf vorgelagerten Wirtschaftsgebäuden um einen Hofraum – eines wurde abgerissen – sowie einer barocken Toranlage im Norden (Abb. 3). Die Toranlage und das Gutshaus sind in ihrer städtebaulichen Disposition aufeinander bezogen. Der Hofraum besteht aus einer Koppel, einem Teich, einem Reitplatz und einer Rasenfläche vor dem Gutshaus. Die Verkehrswege sind gepflasterte Flächen und Wege aus unterschiedlichem Pflastermaterial, ausgeführt in verschiedenen Techniken, teilweise mit Alleebestand. Südwestlich steht ein Wohnhaus, das durch den Umbau des ehemaligen Kleinviehstalls entstanden ist. Zwischen diesem und dem Gutshaus stehen kleinere Gebäude, die eine Wohnnutzung haben. Nordwestlich gibt es in zweiter Reihe hinter den historischen Wirtschaftsgebäuden zwei kleinere neuere Funktionsgebäude. Dazwischen liegen Koppeln und Wiesenflächen, die im Südwesten dann hinter einem Streifen aus Feldgehölzen in die agrarisch genutzte Landschaft übergehen. Östlich der Gutsanlage verläuft die Dorfstraße, im Norden liegen im Umfeld der Toranlage ein kleiner Teich und Baumbestand sowie östlich einige Wohnhäuser. Hinter der ehemaligen Gutsparkanlage steht ein moderner landwirtschaftlicher Betrieb.

Zur Geschichte des Gutes, das von 1648 bis 1815 zum Herrschaftsgebiet Schwedisch-Pommern gehörte, ist wenig bekannt. Mützkow war bis 1730 in Besitz der Familie Mörder, die dann ausstarb. Auf der schwedischen Landesmatrikel von 1696 wird ein Hans Georgen Mörder als Possessor (Grundbesitzer) genannt.1722 hat Hans Jürgen von Mörder das Gut an den Hofgerichtsdirektor Edler von Essen verpfändet [Stadtarchiv Wismar Wismarer Tribunal 01 Prozeßakten (LAG, Rep.29 Wismarer Tribunal (1) 0294]. Nach dem Aussterben derer von Mörder fallen die Lehen Niepars und Mützkow an die Gebrüder von Klinckowström, die das Gut 1731 an den Kammerherrn Thomas Georg von Goeben abtreten. Den Inschrifttafeln am Tor zufolge wurden das Tor und das Gutshaus um 1746 im Auftrag derer von Goeben erbaut.

Von dem dänischen Leutnant Albrecht Georg Henning von Plüskow, dem Ehemann und Erben der 1755 verstorbenen Maria Friederika von Mörder, verheiratete von Plüskow, wurden Forderungen an Teile des Besitzes erhoben. [Stadtarchiv Wismar: Wismarer Tribunal 01 Prozeßakten (LAG, Rep.29 Wismarer Tribunal (1) 0292-0295]. 1774 wird ein Major von Schlagenteufel auf Mützkow erwähnt. [Stadtarchiv Wismar Wismarer Tribunal 01 Prozeßakten (LAG, Rep.29 Wismarer Tribunal 81) 0003] 1802 nennt ein statistisches Handbuch die schwedische Familie Dahlstiernas als Eigentümer. Gottfrid Dahlstierna, verheiratet mit Christina von Vahl und 1813 gestorben, wird als der Herr von Mützkow bezeichnet und seine erste Tochter Christina Fredrika Carolina wurde hier 1809 geboren.

1833 wurde Agnes Johanna Friederika von Schultz in Mützkow geboren und 1841 wird ein Rittmeister und Gutsbesitzer von Schultz in Mützkow genannt [Dr. Alexander von Lengerke (Hrsg.), Amtlicher Bericht über die Versammlung deutscher Land- und Forstwirthe zu Doberan im September 1841, Güstrow 1842]. 1857 gelangte das Gut in den Besitz der Familie Helms, die das Gut bis 1945 behielt. 1862 entstanden aus dem Ort Mützkow durch Umbenennung die Ortsteile Ober- und Niedermützkow. Wilhelm Helms (1875-1949) war der letzte Besitzer von Obermützkow vor der Bodenreform. Er hatte 1918 die Witwe des 1914 gefallenen Kummerower Gutsbesitzers Münchmeyer geheiratet und bewirtschaftete beide Güter. Er ist der Bauherr der meisten Gebäude der heute noch erhaltenen Gutsanlage, die um 1862 neu errichtet worden sein soll.

Das wertvollste Gebäude der Gutsanlage ist die barocke Toranlage, die sich in privatem Besitz befindet (Abb. 4). Sie wurde nach einer Datierung auf zwei Terrakottaplatten 1746 erbaut und ist als ein Relikt der barocken Vorgängergutsanlage erhalten geblieben. Leider handelt es sich um ein Baudenkmal in Not, denn der Bauzustand ist sehr schlecht. Das Notdach ersetzt nicht die dringend notwendigen Maßnahmen zur Sicherung und zum Substanzerhalt. Der Torbau wurde in Backsteinbauweise, ursprünglich verputzt, mit einer korbbogigen Tordurchfahrt und seitlichen Durchgängen mit einem Rundbogenabschluss errichtet. Über einem breiten Gesims aus Formsteinen befindet sich in der Mitte ein geschweifter, gesprengter Giebel, gerahmt durch ein mehrfach profiliertes Gesims aus Formsteinen. Die Abdeckung erfolgt mittels Biberschwänzen. Die Toröffnungen werden durch Pilaster gerahmt, die ein schlichtes, gesimsartiges Kapitell haben (Abb. 5). An der dem Gutshof abgewandten Außenseite befinden sich oberhalb der beiden Durchgänge je zwei übereinanderliegende Terrakottaplatten mit je einer Inschrift- und einer Wappentafel, darüber die Buchstaben STVS links (von Schultz?) und EFV rechts. Das linke Wappen zeigt dasjenige der Familie von Goeben, einen abgehauenen Baumstamm mit zwei Ästen zur Linken und drei zur Rechten und einem Helm mit drei Straußenfedern als Helmzier. Das rechte Wappen gehört der Familie von Hobe und zeigt eine Rose und auf dem Helm eine Rose zwischen Büffelhörnern. Es sind die Wappen des Kammerherrn Thomas Georg von Goeben, der seit 1731 in Besitz des Gutes war und seiner Gemahlin aus dem Hause von Hobe. Die Texte auf den Terrakottaplatten sind teilweise schwierig zu lesen, insbesondere die linke Platte ist stark geschädigt und nur mehr einzelne Wörter sind zu entziffern, u.a. der Name "Goeden". Auf der rechten Tafel heißt es wahrscheinlich: "Gott lasse dieses Hauß vihl Jahr in Ruhe stehen. Treib Neid und Unfried auß, laß Fried und Freud hingehen. Plitz, Feuer, Krig und Schwert wend ab mit säälger (seliger) Hand, daß er nich werd zerstert so auch des gantze Land. Anno 1746" (Abb. 6).

Vergleichbare repräsentative Toranlagen sind auf den Gutsanlagen in Mecklenburg-Vorpommern sehr selten überliefert. In der Bauweise und Stilistik im weitesten Sinne ähnlich sind die Toranlagen in Divitz (Landkreis Vorpommern-Rügen), das barocke Tor der Schlossanlage in Penkun (Landkreis Vorpommern-Greifswald) und insbesondere die repräsentative barocke Schlosstoranlage in Dargun (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte). Das erhaltene Tor in Obermützkow erinnert in seiner Bauweise und seinem Aufbau an Friedhofsportale, es ist aber größer. Mit seinen Formsteinen, Inschrift- und Wappentafeln ist es besonders aufwändig gearbeitet. Es zählt typologisch zu den wertvollsten Gebäuden seiner Art in Mecklenburg-Vorpommern und ist von einem hohen Seltenheitswert. Aus geschichtlichen und künstlerischen Gründen besteht ein sehr hohes öffentliches Interesse an dem Erhalt der barocken Gutstoranlage.

Die Gutsanlage bezieht ihre Bedeutung im Wesentlichen aus ihrer relativ vollständigen und ungestört überlieferten Wirtschaftshofanlage in einem relativ guten Bauzustand und einem Umfeld, das von Störungen durch Windkraftanlagen, Biogasanlagen und anderen landschaftsverändernden Elementen bislang verschont geblieben ist. Die Architektur des Gutshauses hat jedoch durch die Entfernung des neogotischen Baudekors zu DDR-Zeiten gelitten. Im Kontext der Gesamtanlage ist das Gutshaus aber aus geschichtlichen und städtebaulichen Gründen von einer zentralen Bedeutung. Die ehemaligen Wirtschaftsgebäude zeigen indes eine qualitätvolle neogotische Gestaltung. Bereits in den 1990er Jahren wurden mit finanzieller Unterstützung durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz die Dächer neu gedeckt und am Museumsspeicher Sanierungsarbeiten vorgenommen. Es ist festzustellen, dass es in Mecklenburg-Vorpommern zwar eine sehr große Zahl von ehemaligen Gutsanlagen gibt, dass aber der weitaus größte Teil der Anlagen durch Abrisse von Wirtschaftsgebäuden oder deren fortschreitendem Verfall sowie durch Neubauten in der Anlage oder im Umfeld gravierend verändert wurden. Der Gutsanlage in Obermützkow kommt daher innerhalb der Denkmallandschaft in Mecklenburg-Vorpommern eine hohe Bedeutung zu.

Die Gesamtanlage ist im Besitz von drei Parteien, der Gemeinde und zwei privaten Eigentümern. Es wird aktuell geplant, die Gutsanlage als "Gut Obermützkow – Lebensraum für Menschen mit Demenz" zu entwickeln. Dabei sollen die beiden westlich gelegenen Wirtschaftsgebäude umgebaut und ein langgestrecktes Gebäude in der Flucht neu errichtet werden. Die bisherige Planung sieht vor, die hinter diesen Gebäuden liegenden Grünflächen mit 13 großvolumigen Einzelgebäuden (Häuser für Wohngruppen) neu zu bebauen (Abb. 7-8).

Das Projekt befindet sich derzeit in dem Stadium der Vorplanung und wird von vielen Seiten begrüßt. Die Gemeinde fühlt sich mit dem Erhalt ihrer Gebäude überfordert und sieht in diesem Vorhaben eine Chance für den Erhalt der historischen Anlage.

Aus denkmalfachlicher Sicht ist festzustellen, dass die Neubebauung die unmittelbare Umgebung der Gutsanlage betrifft und in der geplanten Dimension eine erhebliche Beeinträchtigung für die historische Anlage darstellt. Grundsätzlich bedeutet die Planung einen Eingriff in eine schützenwerte Situation, hier die Einbettung der Gutsanlage in ihre landschaftliche Umgebung. Auch steht zu befürchten, dass für die Realisierung des Konzeptes ein Erhalt der Pflasterwege in der Anlage nicht möglich ist sowie Schutzzäune gezogen werden müssen. Alle diese möglicherweise für die geplante Nutzung notwendigen Veränderungen tragen auch dazu bei, die Erscheinung und Wirkung der Gesamtanlage zu beeinträchtigen. Eine nachhaltige Nutzung der beiden leerstehenden Wirtschaftsgebäude ist zu begrüßen und ein Ausbau im Inneren unproblematisch. Auch die Vervollständigung der Anlage durch einen Neubau auf dem Standort eines nicht mehr vorhandenen Wirtschaftsgebäudes stellt aus denkmalschutzrechtlicher Sicht grundsätzlich kein Problem dar. Zu diskutieren und abzustimmen ist jedoch die architektonische Ausprägung. Grundsätzlich haben sich die geplanten Neubauten in ihrer städtebaulichen Anordnung, Gestaltung und Materialität in den Bestand einzufügen, um nicht aufgrund einer Dominanz zu einer Störung für das Gesamtensemble zu werden. Es ist zu wünschen, dass dieses Projekt von den Beteiligten auch baulich als eine Herausforderung angesehen wird. Es besteht die Chance, die reizvolle überkommene Gutsanlage um Neues zu ergänzen, zu beleben und nachhaltig für die Zukunft zu erhalten. Unterstützen könnte hier beispielsweise der Mobile Gestaltungsbeirat der Architektenkammer MV, der sich für die Entwicklung einer qualitätvollen regionalen und identifikationsstiftenden Baukultur einsetzen will.

Vergleichbare Projekte im direkten Umfeld einer denkmalgeschützten Gutsanlage gibt es in Mecklenburg-Vorpommern bisher nicht. Mit guten und innovativen Lösungsansätzen könnte sich Obermützkow zukünftig als ein Modellprojekt für die Inwertsetzung einer denkmalgeschützten Gutsanlage für die ländliche Daseinsvorsorge einen Namen machen.

Beatrix Dräger-Kneißl

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