Der Kulturpark in Neubrandenburg - Zeugnis der Nachkriegsmoderne und heutiger Freizeitort

Denkmal des Monats April 2020

Abb. 1. Neubrandenburg, Kulturpark, Bänke und Wasserspiele im Eingangsbereich (Foto: H. Krebber, um 1980).Details anzeigen
Abb. 1. Neubrandenburg, Kulturpark, Bänke und Wasserspiele im Eingangsbereich (Foto: H. Krebber, um 1980).

Abb. 1. Neubrandenburg, Kulturpark, Bänke und Wasserspiele im Eingangsbereich

Abb. 1. Neubrandenburg, Kulturpark, Bänke und Wasserspiele im Eingangsbereich

Der Kulturpark in Neubrandenburg, welcher ab ca. 1970 mit Hilfe der Bevölkerung im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks der DDR angelegt wurde, befindet sich südlich der Altstadt, am nördlichen Ufer des Tollensesees. An gleicher Stelle gab es zuvor schon einen Stadtpark, der durch den Verschönerungsverein der Stadt ab ca. 1850 initiiert worden ist.

Der heute ca. 36 ha große Kulturpark ist im Stil eines sozialistischen Volksparks mit repräsentativen Stauden und Blumenpflanzungen, Springbrunnen, einer großzügigen und vielfältig nutzbaren Parkwiese sowie bildkünstlerischen Werken angelegt worden (Abb. 1).

Es gibt Anlagen für Spiel und Bewegung, kleinere Räume mit individuellen Rückzugsmöglichkeiten und Orte für zwanglose Treffen, Vergnügen und Unterhaltung im Park. Außerdem ist er mit Plastiken aktueller Kunst ausgestattet – für Jedermann unentgeltlich und frei zugänglich.

Aus gartenkunsthistorischer Sicht ist zu bemerken, dass für den Kulturpark in Neubrandenburg keine herausragenden neuen Gestaltungsansätze gefunden wurden. Im Gegenteil, man fügte Wege und Bauten in den historischen Bestand ein, der als Kulisse für die Neugestaltung diente. So baut der Kulturpark in Neubrandenburg auf den grundlegenden Gestaltungsprinzipien des früheren Landschaftsgartens im englischen Stil auf, ist aber gleichzeitig durch typische Ausstattungselemente der Nachkriegsmoderne geprägt, wie die nachfolgende Einordnung der einzelnen landschaftsarchitektonischen Entwurfskomponenten zeigt.

Raumbildung:

Bild 1: Tobeplatz, Quelle: Krebber, 1975, S. 103

Der Kulturpark in Neubrandenburg bietet durch separate, unterschiedlich gestaltete Parkbereiche vielfältige Nutzungsmöglichkeiten, die jeweils auf spezielle Nutzergruppen zugeschnitten sind. Spielplätze für Kinder aller Altersstufen, ruhige Plätze für ältere Menschen, darüber hinaus Sonderbereiche wie der Verkehrsübungsplatz oder das Tiergehege ermöglichen eine Fülle an Aktivitäten in den Grünanlagen (Abb. 2-3).

Die vorhandene Topographie des Geländes wird gestalterisch in seiner Raumqualität ausgenutzt; so vermittelt z.B. die natürliche Weitläufigkeit des Geländes ein Gefühl des Ineinanderfließens der Parkräume. Weite Rasenflächen mit wenigen markanten Bäumen erhalten durch dichte Gehölzpflanzungen in den Randbereichen ihre räumliche Wirkung (Abb. 4).

Besonders markant sind die Sondergärten, die sich mit ihren themenbezogenen Strukturen von den übrigen Parkflächen absetzen. So sollten z.B. in der ursprünglichen Planung des Moorbeetgartens neben Moorbeetpflanzen auch besondere botanische Höhepunkte, wie der Amberbaum (Liquidambar styraciflua) aus Nordamerika oder die japanische Zaubernuß (Hamamelis), gezeigt werden. Diese Pflanzenauswahl ist heute leider nur noch teilweise erhalten.

Materialien der Bodenbeläge:

Bei der Auswahl der Bodenbeläge steht neben Funktionalität und Sicherheit vor allem die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund. Die Materialknappheit der Zeit forderte Sparsamkeit und einfache Bauweisen. Auf Wegen und Plätzen findet sich zum Beispiel Asphalt als kostengünstige Lösung. Heinrich Krebber, der damals leitende Landschaftsarchitekt, schreibt in seinem Artikel aus dem Jahr 1975 von 660m Bitumendecke.

Außerdem kommen im Kulturpark Waschbetonplatten, 30 x 30 cm, zum Einsatz, wobei bei diesen rechteckigen Formaten der gewollte Effekt von Asymmetrie durch Verlegemuster mit verspringenden Außenkanten erreicht wird. Zusätzlich wird die Eingangssituation gestalterisch durch die Verwendung von verschiedenfarbigen Betonplatten (Grau, Gelb, Rot) aufgewertet.

Gehölze:

Im Kulturpark Neubrandenburg werden vorhandene Gehölzbestände aus Eschen, Birken und Eichen wertgeschätzt und integriert: "Wichtigstes Gestaltungselement eines Kulturparks ist und bleibt jedoch der Baumbestand. Der vordere Parkbereich zwischen Lessingstraße und Kulturparkeingang erhielt durch Neupflanzungen eine völlig andere Gehölzstruktur, während der Bereich in Seenähe vorwiegend von alten Beständen geprägt wird. Die Bäume benötigen wenigstens 20 Jahre, um als Gestaltungselement im Kulturpark voll wirksam zu werden. Deshalb wird unsere Parkanlage erst dann völlig gestaltet sein, wenn der neu angepflanzte Baumbestand das entsprechende Alter erreicht haben wird. So vervollkommnet sich die in den vergangenen sieben Jahren vorgezeichnete Parkstruktur zur Freude, Erholung und Entspannung aller Besucher immer mehr." (Krebber, 1975, S. 17)

Zusätzlich werden einzelne Bereiche durch gezielt gesetzte Ziergehölze gestalterisch auch noch einmal betont. Blütengehölze, wie ein Lorbeerblättriger Schneeball (Viburnum tinus) bieten optische Glanzpunkte. Forsythien, Magnolien und andere frühblühende Arten und Sorten sorgen bereits im Frühling für Farbe; oder bunt-laubige Gehölze für eine intensive Herbstfärbung. Sehr beliebt ist Rhododendron, denn seine Blüte im Mai und Juni ist ein besonderer Höhepunkt. Sommerliche Glanzpunkte setzen auch die Rosenbeete.

In der übrigen Zeit bilden immergrüne Sträucher, zusammen mit Nadelgehölzen wie Wacholder, Eibe oder Zwergkiefer ein dichtes, über das ganze Jahr hinweg in Farbe und Textur gleichbleibend stabiles Grünelement.

Allerdings spielt der Aspekt der wirtschaftlichen Pflege und Pflanzenverwendung auch eine große Rolle, was nicht immer fachgerecht durchgeführt werden konnte, wie dieses Zitat aus dem Jahr 1975 zeigt: "Da die manuelle Pflege der Anlagen hauptsächlich durch Bevölkerungseinsätze durchgeführt wird, müssen z.B. auch Staudenpflanzungen eine einfache, für Laien erfassbare Zusammensetzung haben. Das setzt den Gestaltungsmöglichkeiten gewisse Grenzen." (Krebber,1975, S. 104)

Formsteinmauern:

Ortbetonformstein-Mauern sind leichte, transparente Wandkonstruktionen, die als gestalterisches Mittel eingesetzt werden, um unterschiedliche Parkbereiche räumlich voneinander zu trennen. Im Neubrandenburger Kulturpark trennt eine solche Mauer den Haupteingangsbereich von den halbprivaten Räumen des ehemaligen Hauses der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische-Freundschaft, welches sich heute in privater Hand befindet.

Durch die Perfektionierung der Ortbetonherstellung konnten Sichtbetonmauern zu künstlerischen Gestaltungselementen werden. Vor allem stark strukturierte Oberflächen, die durch unterschiedliche Schalungsmaterialien und -einlagen entstehen, sind ein typisches Merkmal der Zeit.

Kleinarchitekturen:

Kleine Architekturen wie das Ponyhaus sind typische Gestaltungselemente der Grünanlagen dieser Zeit.

Das Erscheinungsbild dieser Kleinarchitekturen ist durchaus vielfältig, je nachdem, ob sich die Planer*innen traditionellen oder modernen Gestaltungsmustern verpflichtet sahen. Dem entsprechend zeigen sich auch die verwendeten Materialien und die Kombinationen untereinander. Bei dem Ponyhaus setzte man auf die traditionelle Bauweise eines reetgedeckten Strandhauses (Abb. 5).

Spielplätze:

Die im Kulturpark angelegten Spielplätze boten den Kindern mit fortschreitendem Wiederaufbau Orte, an denen sie sich abseits vom Verkehr sicher aufhalten konnten. Das Angebot reichte vom einfachen Sandkasten bis hin zu Nutzungsangeboten für höhere Altersstufen. Neben klassischen Spielgeräten wie Wippen, Rutschen und Klettergerüsten – typisch aus buntem Metallrohr - gibt es auch skulpturale Elemente wie der aus Beton gefertigte Stier, der nach dem Vorbild der Bildhauer Vinzenz Wanitschke, Johannes Peschel und Egmar Ponndorf von der Dresdner Produktionsgenossenschaft ‚Kunst am Bau‘ (1962) entworfen wurde (Abb. 6-8).

Sitzmöglichkeiten:

Ein vielfältiges Angebot von bequemen Sitzmöglichkeiten und Bänken lädt im Neubrandenburger Kulturpark zum längerem Verweilen und Ausruhen ein. (vgl. Krebber, 1977, S. 17) Die am Wasserspielplatz fest installierten Sitzgelegenheiten sind zudem so angeordnet, dass der Besucher in den offenen Raum, auf den Brunnen blickt. Rückwärtig ist er durch eine Hecke geschützt, wodurch ein Gefühl von Intimität und Geborgenheit hervorgerufen wird.

Wasseranlagen:

Die jahrhundertealte Tradition, Grünanlagen durch Wasseranlagen zu schmücken und aufzuwerten, lebt auch im Neubrandenburger Kulturpark fort. So zeigt eine historische Fotografie im Eingangsbereich ein quadratisches Becken, durch welches bewusst Künstlichkeit, durch klar erkennbare Randkonturen, demonstriert wird. Die Fontäne setzt dabei zusätzlich lebendige Akzente (Abb. 9).

Kunstobjekte:

Im Aufbau der sozialistischen Gesellschaft in der DDR setzte sich die Prämisse durch, dass Kunst für jedermann zugänglich sein muss. Deshalb wurden vielerorts Skulpturen im öffentlichen Bereich aufgestellt.

Im Kulturpark in Neubrandenburg sind es zumeist realistische Darstellungen, die sich am klassischen Ideal des Menschen orientieren, indem sie sich u.a. sehr detailreich zeigen. Sie folgen somit dem Vorbild des sozialistischen Realismus. Die figürlichen Darstellungen repräsentieren in ihrer Haltung, durch teilweise pathetische Gesten, durch ihre Tätigkeit und Kleidung die Ziele und Errungenschaften des Sozialismus. Für Neubrandenburg sind dies, als Stadt des Sports, Sportdarstellungen, die den Park besonders prägen.

Ausblick

Die Erhaltung des Neubrandenburger Kulturparks ist nicht nur aus denkmalpflegerischer Sicht notwendig, sondern auch, weil zu erwarten ist, dass die Anlage wertvolle Anregungen für die Zukunft der Stadt liefern kann:

  • Aufgrund des demographischen Wandels ist die alternde, weniger mobile Stadtbevölkerung auf quartiersnahe Freiflächen wie den Kulturpark angewiesen.
  • Sportbegeisterte und Gesundheitsbewusste wissen diese Grünverbindungen zu schätzen.
  • Artenreich gestalteten Staudenpflanzungen können eine flexible Antwort auf ökologische Fragestellungen (u.a. als Bienenweide) geben.
  • Die vorhandenen Freiflächen sind sowohl Versickerungs- als auch Verdunstungsflächen innerhalb eines stark versiegelten urbanen Gebietes.

Der Kulturpark in Neubrandenburg ist ein bedeutendes Zeugnis des gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufbruchs der DDR, vorgeführt mit den stilistischen Mitteln der Nachkriegsmoderne. Er spiegelt in seiner Formensprache und Materialverwendung die Rahmenbedingungen seiner Entstehung wieder und hat daher nicht nur eine lokale und regionale Bedeutung für Neubrandenburg, sondern ist in seiner Gesamtheit als wichtiges Kultur- und Naturerbe des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern einzustufen.

Es sollte ein Anliegen sein, ihn nicht aus falsch verstandenen Sanierungsansätzen heraus oder nicht fachgerechter Pflege so zu verändern, dass seine Grundidee verloren geht.

Prof. Dr. Caroline Rolka

Literatur:

Karn, Susanne (1998): der Kulturpark – ein sozialistischer Park oder eine Sonderform des Volksparks? Zur Planung Walter Funckes auf dem Gelände des Parks in Babelsberg, In: Barth, Holger (Hrsg.), Projekt sozialistische Stadt, Beiträge zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR, Dietrich Reimer Verlag Berlin.

Krebber, Heinrich (1975): Der Neubrandenburger Kulturpark – ein ungewöhnliches Initiativobjekt, In: Landschaftsarchitektur, Bund der Architekten der Deutschen Demokratischen Republik, Heft 4.

Krebber; Heinrich (1977): Sieben Jahre Neubrandenburger Kulturpark, In: Neubrandenburger Mosaik, Schriftenreihe des kulturhistorischen Museums Neubrandenburg.

 

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