Ein großherzogliches Selfie von 1890

Archivalie des Monats August 2026

Abb. 1: Fotografisches Selbstporträt von Großherzog Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin, um 1890Details anzeigen
Abb. 1: Fotografisches Selbstporträt von Großherzog Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin, um 1890

Abb. 1: Fotografisches Selbstporträt von Großherzog Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin, um 1890

Abb. 1: Fotografisches Selbstporträt von Großherzog Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin, um 1890

Die Fotografie (Abb. 1), die dem Archivar bei Ordnungsarbeiten erst in die Hand und dann ins Auge gefallen ist, macht sofort einen ganz anderen Eindruck als die Porträtfotos des 19. Jahrhunderts. Anders als diese Aufnahmen in ihrer gestellten Steifigkeit, gerade wenn sie aus einem der opulent ausstaffierten Ateliers jener Zeit stammen, wirkt diese Fotografie hier in ihrer Direktheit geradezu experimentell. Darin ähnelt sie den ersten fotografischen Selbstporträts, die als Daguerreotypien in den 1830er Jahren gemacht wurden. Selfies gingen damals den Menschen noch nicht so von der Hand wie heute.

Die unbestimmbare Vegetation im Hintergrund verrät die Außenaufnahme, ohne dass genau zu sagen wäre, ob es Frühling oder Herbst ist. Jedenfalls deuten Mantel und Melone auf Kühle hin, auch wenn die tiefstehende Sonne noch immer oder schon wieder Kraft hat. Etwas Unmittelbares, auf den Betrachter direkt eingehendes macht sich im Gestus konzentrierter Angestrengtheit bemerkbar. Das liegt in erster Linie an Armhaltung und Gesichtsausdruck. Vor allem die hoch gezogenen Augenbrauen deuten auf gespanntes Halten jenes Gegenstandes, dessen kaum erkennbarer Schatten klein und rechteckig auf die Brust des Porträtierten fällt, ohne vom Gesicht mehr als nur die Kinnspitze zu verdecken. Na klar, der sich selbst Porträtierende hält etwas vor sich, das Kraft und beide Hände braucht, um fixiert zu werden – eine Plattenkamera offenbar, die bereits leicht genug ist, um sie die ganze Belichtungszeit über hochzuhalten. Die gesichtsfixierte Selbstaufnahme, die das Bildgedächtnis zu Beginn des 21. Jahrhunderts inflationiert, wird hier Ende des 19. Jahrhunderts erstmals verfügbar.

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Abb. 2: Großherzog Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin, 1885

Abb. 2: Großherzog Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin, 1885

Abb. 2: Großherzog Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin, 1885

Zur weiteren Bestimmung der Fotografie kommen an dieser Stelle die Beschriftung und der Überlieferungszusammenhang zu ihrem Recht, so wie es Walter Benjamin in seiner berühmten „Kleinen Geschichte der Fotografie“ schreibt: Auch das Lichtbild wird der Literarisierung aller Lebensverhältnisse unterworfen. Überliefert ist die auf eine Pappunterlage aufkaschierte Albuminpapierkopie mit einem Bilddurchmesser von 6 cm in der Fotosammlung des Hausarchivs des Mecklenburg-Schwerinschen Fürstenhauses, das sich im Landesarchiv Mecklenburg-Vorpommern befindet. Das passt ins Bild, denn so, wie das Haus Mecklenburg Komfort und Technik der Moderne – wie beim Automobil – früh zu schätzen und zu nutzen wusste, hatte die Familie sicher auch sofort die ersten modernen Taschenbuch- oder Detektivkameras mit Gelantine-Trockenplatten oder vielleicht sogar, wie bei der legendären Kodak Nr. 1, mit Rollfilm in Gebrauch.

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Abb. 3: Großherzogin Anastasia

Abb. 3: Großherzogin Anastasia

Abb. 3: Großherzogin Anastasia

Den Gesichtszügen nach handelt es sich im Bildvergleich (Abb. 2) um den seit 1883 regierenden Großherzog Friedrich Franz III. (1851-1897) und damit wohl um die Zeit um 1890. Der schwer asthmakranke und klimatisch auf Dauerkur am Mittelmeer angewiesene Herrscher wäre demnach Mitte/Ende 30. Mit derselben Kamera ist offenbar auch eine leider ziemlich kontrastarme Aufnahme der Großherzogin Anastasia (1860-1922) gemacht worden (Abb. 3). Ein Winterbild vor der mediterranen Vegetation der Cote d’Azure, auf dem der Großherzog warm angezogen ist, um sich nicht lebensgefährlich zu erkälten, zeigt das großherzogliche Paar vor der Villa Wenden in Cannes (Abb. 4). Zufrieden wirkt er nicht, eher gequält und seltsam suchend. Eben ein gesundheitlich schwer angeschlagener Fürst des Fin de Siecle, der im Deutschen Kaiserreich nur noch über die Restkompetenzen eines kleinen Bundesfürsten verfügte, dabei die meiste Zeit fernab seiner Untertanen lebte und einflusslos war bei dem, was die Monarchie an Zeremonie und Zuspruch den Menschen noch zu bieten hatte. Der Großherzog regierte wie ein Schatten, den er fotografisch einfing auf einem Hundefoto vor seiner Sommerresidenz in Gelbensande (Abb. 5). Friedrich Franz III. starb, geplagt von zahlreichen schmerzhaften Krankheiten, nach einem Sturz vom Balkon seiner Villa Wenden in Cannes. Höfische Vertuschungen halfen nichts: Wir wissen heute, es war Suizid.

Dieser besondere Zufallsfund verdeutlicht die Notwendigkeit für das Landesarchiv Mecklenburg-Vorpommern, den Bildnachlass des Hauses Mecklenburg der Öffentlichkeit in den nächsten Jahren zugänglich zu machen.

Dr. René Wiese

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