Auf die lange Bank geschoben. Die Ernennung Friedrich Stuhrs zum Direktor des Geheimen und Hauptarchivs Schwerin
Archivalie des Monats Juli 2026


Abb. 1: Die Ernennung von Friedrich Stuhr zum Archivvorstand am 27. Juni 1921 und ihre Rücknahme
(LAMV, 5.12-7/1, Nr. 5886, quadr. 122)
Abb. 1: Die Ernennung von Friedrich Stuhr zum Archivvorstand am 27. Juni 1921 und ihre Rücknahme
(LAMV, 5.12-7/1, Nr. 5886, quadr. 122)
In der „Überzeugung, nicht mehr voll meinen Mann stehen zu können,“ wechselte der 76jährige Geheime Archivrat Hermann Grotefend zum 1. Juli 1921 nach 51 Berufsjahren schweren Herzens in den Ruhestand. Am 29. Juni beauftragte das vorgesetzte Unterrichtsministerium nunmehr Archivrat Friedrich Stuhr mit der Geschäftsführung im Geheimen und Hauptarchiv Schwerin. Noch zwei Tage zuvor sah das Ministerium eine Ernennung zum Vorstand vor, ein entsprechender Text für das Regierungsblatt war bereits geschrieben. Ein energisches „Cessat“, das diese Verfügungen mittels Rotstift strich, makulierte diese Intention.
Ursächlich waren offensichtlich Unstimmigkeiten über Amtsbezeichnung und vor allem Besoldungsgruppe. Das Finanzministerium, gemäß eines Beschlusses des Landtags-Hauptausschusses bei der Wiederbesetzung aller frei werdenden Stellen zu beteiligen, intervenierte. Das weitere Geschehen entwickelte sich gleichsam zu einem Rührstück darüber, was Dienstherren ihren Beamten trotz oder vielleicht wegen deren gesicherter Lebensstellung und des besonderen Vertrauensverhältnisses gelegentlich zumuten. 1921 zeugte das Agieren der republikanischen Landesregierung nicht gerade von einem eigentlich zu erwartenden Bemühen, ehemalige großherzogliche (Archiv-)Beamte für sich zu gewinnen.
Ersten Unmut über die seit Anfang Juli gegebene Situation artikulierten die Archivbeamten selbst, die sich am Monatsende an den Beamtenbund wandten. Weil Friedrich Stuhr nicht zum Archivdirektor mit der entsprechenden Besoldung ernannt worden sei, bestehe auch für sie keine Möglichkeit auf eine Beförderung bzw. verbesserte Bezüge. Damit seien sie gegenüber ihren Pendants in Preußen und gegenüber anderen Fachbeamten in Mecklenburg-Schwerin benachteiligt und zurückgesetzt. Eine womöglich gar beabsichtigte Herabstufung der Archivleiter-Besoldung widerspräche der vom Landtag angenommenen Besoldungsordnung, auf deren Urkunds-Charakter „sich die Beamtenschaft auch für die Zukunft verlassen soll.“


Abb. 2: Friedrich Stuhr, undatiert
(LAMV, 13.4-3, Nr. 86)
Abb. 2: Friedrich Stuhr, undatiert
(LAMV, 13.4-3, Nr. 86)
Der Beamtenbund schlug sich, wie nicht anders zu erwarten, Ende August auf die Seite der Archivare und bat das zuständige Unterrichtsministerium, Friedrich Stuhr „möglichst beeilt“ rückwirkend zum 1. Juli zum Archivdirektor zu ernennen. Das Finanzministerium lege den Hauptausschuss-Beschluss falsch aus, da dieser auf einen Einzelfachbeamten wie einen Archivdirektor nur anwendbar sei, wenn die Behörde ganz aufgelöst werde. Die kommissarische Besetzung einer solchen Stelle wäre zwar eine Zeit denkbar, aber „eine dauernde kommissarische Verwaltung [ist] ein Unding und [erscheint] lediglich geeignet, die berechtigten Interessen der Beamtenschaft zu schädigen.“ Wenn Friedrich Stuhr die volle Verantwortung für die Dienstgeschäfte hat, dann ist er Archivdirektor und entsprechend zu besolden, zumal die Bedeutung des Archives keine geringere sei als unter der Leitung von Hermann Grotefend.
Diese Argumente übernahm das Unterrichtsministerium und teilte Anfang Oktober dem Finanzministerium mit: „Auf Dauer läßt sich die Leistung nicht auf der gleichen Höhe halten, wenn der mit seiner Person und seinem Namen verantwortliche u. mit der erforderlichen Autorität ausgestattete Leiter fehlt, der allein imstande ist, dauernd die Kräfte zu höchster gemeinsamer Anspannung zusammenzufassen.“ Der jetzige Zustand sei auf Dauer „unhaltbar“ und daher solle Friedrich Stuhr „spätestens zum 1. Januar“ 1922 befördert werden. Das Finanzministerium sah das gänzlich anders. Das Unterrichtsministerium habe sich früher mit der Nichtbesetzung der Archivdirektorenstelle einverstanden erklärt, die „Kleinheit der Behörde“ erfordere gar keine Direktorenbesoldung und aus der Besoldungsordnung resultiere keinerlei Zwangsläufigkeit. Vielmehr „muss der Regierung überlassen bleiben, ob sie eine Stelle besetzen will oder nicht.“ Folglich setzte sich das Finanzministerium Mitte Januar 1922 ungerührt über einen Beschluss des Landtags-Hauptausschusses, die Direktorenstelle in den Haushaltsplan 1922/23 aufzunehmen, hinweg.
Das wiederum nahm das Unterrichtministerium nicht einfach hin. „Das Archiv gehört in jeder Hinsicht zu den größeren u. wichtigeren Archiven. Seine Aufgaben sind höchst bedeutungsvoller Art, u. die Stelle des leitenden Beamten kann durchaus nicht geringer eingeschätzt werden als die sonstigen leitenden Stellungen […]. Die jetzige Form […] wird aber auf die Dauer ohne Zweifel die Stellung u. das Ansehen des Archivs schwer schädigen müssen u. damit auch die Leistung herabsetzen. Es kann sicherlich nicht im Interesse des Staates liegen, daß unser wichtiges, weithin bekanntes u. angesehenes Archiv auf diese Weise in die Reihe der minder bedeutenden Lokalarchive herabgedrückt wird, wo selbst bei einem so kleinen u. mit dem unsrigen gar nicht zu vergleichenden Archiv wie es das Neustrelitzer ist, der Charakter als Haupt- und Staatsarchiv dadurch festgehalten u. betont wird, daß an der Spitze ein wirklicher Direktor steht.“ Deshalb solle Friedrich Stuhr zum 1. Oktober 1922, spätestens zum 1. April 1923 zum Archivdirektor ernannt werden.
Vorerst vermochte sich das Staatsministerium jedoch auf nichts festzulegen, bevor es Ende November 1922 die Archivdirektorenstelle dann doch in den Etatentwurf 1923/24 aufnahm. Am 31. Mai 1923 erhielt der Haushaltsplan schließlich Rechtskraft und Friedrich Stuhr wurde rückwirkend zum 1. April zum Archivdirektor ernannt.
Dr. Matthias Manke
2026
- Juli: Auf die lange Bank geschoben. Die Ernennung Friedrich Stuhrs zum Direktor des Geheimen und Hauptarchivs Schwerin
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2024
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2023
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2022
- Dezember: Großherzog Friedrich Franz IV. von Mecklenburg-Schwerin beim Eishockey
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- Januar: Die Erbverzichtserklärung der britischen Königin Sophie Charlotte
2021
- Dezember: Sommer und Winter. Zwei Fotografien des Gutshauses Niekrenz aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
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- Juni: Der Erbprinz steigt auf den Thron. 1785 folgt Friedrich Franz I. in Mecklenburg-Schwerin auf Herzog Friedrich den Frommen
- Mai: 300 Jahre Tiergarten Neustrelitz: Vom herzoglichen Jagdrevier zur öffentlichen Erholungslandschaft
- April: "Auf einem Schild mittlerer Größe gemahlt". Das Hoheitszeichen des großherzoglich mecklenburg-schwerinschen Konsulates in Bremen
- März: Die älteste Karte der Stadt Schwerin aus dem Jahr 1740
- Februar: Der grobe Gottlieb zu Dannenwalde. Was einen flüchtigen Strafgefangenen mit einer toten Preußenkönigin und sowjetischen Raketen verbindet
- Januar: Wiederentdeckung einer alten Innovation: Das Flettner-Rotorschiff in Mecklenburgs Vergangenheit und Gegenwart
2020
- Dezember: Macht die Betriebe winterfest! DDR-Gewerkschaft plakatiert 1963 die Unbilden des Winters
- November: Das Photographische Album aus Mecklenburg von A. Mencke & Co. Wandsbek
- Oktober: "Geburtsurkunde" des Landes Mecklenburg-Vorpommern? Wilhelm Höckers Protokollnotiz zum 8. Juli 1945
- September: 800 Jahre Kloster Dobbertin. Die erste evangelische Klosterordnung stammt von 1572
- August: Einer der schönsten Prospecte. Der Rostocker Hafen vom Ballastplatz aus, gezeichnet um 1847
- Juli: Der Große Stadtbrand 1842. Hamburgs Dank für Mecklenburgs Hilfe
- Juni: Theodor Ackermanns mecklenburgischer Cholera-Atlas von 1859: Das Beispiel Dargun
- Mai: Kriegsende 1945: Massensuizid in Stavenhagen
- April: Register des Grauens. Das Sterbezweitbuch des Standesamtes Ivenack 1945
- März: In 120 Jahren: Vom Hirschgarten am Forstgehöft zum europäischen Spitzenzoo in Rostock
- Februar: Unter Kreuzband. Kommunikation des großherzoglichen Konsulates Riga
- Januar: "das wirksamste Mittel": Juden als Lotterieeinnehmer in Mecklenburg-Schwerin
2019
- Dezember: Als die Kirche Recht sprach - Die Stiftung des herzoglichen Konsistoriums in Rostock am 8. Februar 1571
- November: 1419: Papst Martin V. erlaubt die Stiftung einer Universität in Rostock und stattet sie mit Privilegien aus
- Oktober: "Wichtig für die Identität des Landes". Die Verfassung Mecklenburg-Vorpommerns
- September: Seltenes Bilddokument einer mecklenburgischen NS-Formation
- August: "Papa Frahm": Die mecklenburgischen Wurzeln eines deutschen Bundeskanzlers
- Juli: Liste der Schande? „Franzosenkinder“ in Mecklenburg-Vorpommern
2015
2014
2013
2012
- November: Maßnahmen zur Abwehr der Cholera
- September: Es bimmelt! - Ein Hilferuf an die Bevölkerung, bei der Bergung der Kartoffelernte zu helfen
- Juli: Die Bombardierung Ratzeburgs 1693
- Juni: "Ein güste Kindelbier" – Wenn Laien Taufe spielen
- Mai: Aus dem Tagebuch einer Hebamme
- April: Sportplätze für den Frieden – Wie der Fußball auf die Güter Mecklenburgs kam
- März: Wertvolles Salz
- Februar: Feuer, Wasser, Krieg und andere Katastrophen
- Januar: Spionageabwehr in der mecklenburgischen Provinz
2011
- Dezember: Tilgung des Wolfes
- November: Von Blutsaugern und Geisterbeschwörern
- Oktober: Das Gebäude des Landeshauptarchivs in Schwerin wird 100 Jahre alt
- September: Königliche Hochzeit in Mecklenburg-Strelitz vor 170 Jahren
- August: Blitzeinschlag in der Schweriner Schelfkirche anno 1717
- Juli: Das Landeshauptarchiv in Schwerin - 100 Jahre in Bildern
- Juni: Tanzen verboten - Das ausschweifende Leben des Schulzen Godejohann
- Mai: Ehm Welk und der beschwerliche Aufbau der Volkshochschule Schwerin vor 65 Jahren
- April: Abschied vom Amt
- März: Teterow - eine Ansicht aus dem Jahr 1845
- Februar: Du bist, wo du in der Kirche sitzt
- Januar: Hieroglyphen im Landeshauptarchiv Schwerin. Historische Sensation oder originelle Momentaufnahme?
2010
- Dezember: Über Stock und über Stein … Guthendorfer Vieh im Brünkendorfer Roggen
- November: Eine Prachtausgabe für den Oberst Baron Gerhard von Langermann
- Oktober: Restaurierung eines Transparentobjekts aus den Schlossmappen des Landeshauptarchivs Schwerin
- September: Farbige Zeichnungen dänischer Militäruniformen im Nachlass eines Mecklenburgers
- August: Austernzucht in der Ostsee
- Juli: Bunt und kreativ versus Staub und Aktenmief - Das Beerdigungsbuch von Klütz
- Juni: Der Feldzug gegen Mirow
- Mai: Der älteste Stadtplan der Schweriner Vorstadt von 1804
- April: Von Protektoren, hohen Beförderern und ordentlichen Mitgliedern - Matrikelbücher des Vereins für mecklenburgische Geschichte
- März: Die Schweriner Stadtsiegel
- Februar: Verordnung gegen Holzdiebereien in den Königlich Schwedischen Waldungen des Amtes Neukloster
- Januar: Schmuggel an Pommerns Küste - Die Beschlagnahmung der Schiffe "Orion" und "Goede Hoop" im Mai 1808 in Kolberg
2009
- Dezember: Friedrich Wilhelm Buttel - Ein Zeitgefährte von Adolph Demmler
- November: Der Heilige Antonius von Sülten
- Oktober: Neue Plätze für die Toten – Grabkultur in Picher im 18. Jahrhundert
- September: Vineta, die versunkene Metropole des Nordens auf einer Karte schwedischer Landmesser
- August: Der Bau einer "Klein-Kinder-Schule" – Ein Projekt von Hermann Willebrand
- Juli: Die Ostsee muss ein Meer des Friedens sein – die Ostseewochen im Bezirk Rostock
- Juni: Großherzog Friedrich Franz IV. in seinem ersten Automobil im Jahr 1901
- Mai: Zuflucht im Pfarrhaus
- April: Patent gegen die Prozesssucht – Herzog Friedrich wehrt sich 1776 gegen zudringliche Untertanen
- März: TERRA- Schlepper, das Pferd der Zukunft
- Februar: Die Macht der Bilder. Der 30000. Heimkehrer aus sowjetische Kriegsgefangenschaft
- Januar: Schwerin wird verkauft
2008
- Dezember: Elektronische Akten im Archiv der Zukunft
- November: Der lange Weg zum Wiederaufbau von St. Marien in Neubrandenburg
- Oktober: Mecklenburg und die deutschen Währungsreformen im 20. Jahrhundert
- September: Schicksalsjahr 1866 – Das Ende der mecklenburgischen Selbständigkeit
- August: 2.23-4 Kriminalkollegium Bützow (1812-1879) Nr. 647
- Juli: Der Landesgrundgesetzliche Erbvergleich von 1755
- Juni: Der "Löwe aus Mitternacht" streckt seine Pranke nach Mecklenburg aus
- Mai: Mecklenburg im 16. Jahrhundert
- April: Sternberg 1492 und die Folgen
- März: Ein Schatz im Landesarchiv Schwerin
- Februar: Ossenköpp – zur Geschichte der mecklenburgischen Wappenfigur
- Januar: 1158: Papst Hadrian IV. bestätigt das Bistum Ratzeburg
2007
- Dezember: Kuriose Postkarten
- November: 1812 – November: Anweisung der Militärverpflegungsdirektion Rostock
- Oktober: Zeitkritische Dichtung oder "Spottlied über die heutige demokratische Bewegung"?
- September: Die letzte Fürstenhochzeit im regierenden Haus Mecklenburg
- August: Der Ernstfall war vorbereitet - Ein Dokument zum 13. August 1961
- Juli: Unter dem Dach des Landeshauptarchivs
- Juni: Tagebuch einer Reise nach Brasilien im Jahre 1824
- Mai: Stiftung eines Ordens für die Konventualinnen der Landesklöster Dobbertin, Malchow und Ribnitz



