Als Herodot aus Ivenack an der Weltgeschichte mitschrieb

Archivalie des Monats September 2026

Abb. 1: Napoleon auf dem Schimmelhengst „Herodot“ aus dem gräflichen Gestüt Ivenack.Details anzeigen
Abb. 1: Napoleon auf dem Schimmelhengst „Herodot“ aus dem gräflichen Gestüt Ivenack.

Abb. 1: Napoleon auf dem Schimmelhengst „Herodot“ aus dem gräflichen Gestüt Ivenack.

Abb. 1: Napoleon auf dem Schimmelhengst „Herodot“ aus dem gräflichen Gestüt Ivenack.

Am 18. März 1903 bot Hermann Mitau aus Güstrow dem Grafen von Plessen, Majoratsherr auf Ivenack, ein „Napoleon auf dem Herodote“ zeigendes „Blatt“ zum Kauf an. Eine Reaktion ist leider nicht überliefert, aber zumindest sind das Motiv (Abb. 1) und sein historischer Hintergrund bekannt.

Abb. 2: Der Herodote. Lithographie. Lithographiert von Wilhelm Heuer nach der Originalzeichnung von Carl Vernet (1815/16). Gedruckt in der lithographischen Anstalt von Godefroy Engelmann in Paris (nach 1816).Details anzeigen
Abb. 2: Der Herodote. Lithographie. Lithographiert von Wilhelm Heuer nach der Originalzeichnung von Carl Vernet (1815/16). Gedruckt in der lithographischen Anstalt von Godefroy Engelmann in Paris (nach 1816).

Abb. 2: Der Herodote. Lithographie. Lithographiert von Wilhelm Heuer nach der Originalzeichnung von Carl Vernet (1815/16). Gedruckt in der lithographischen Anstalt von Godefroy Engelmann in Paris (nach 1816).

Abb. 2: Der Herodote. Lithographie. Lithographiert von Wilhelm Heuer nach der Originalzeichnung von Carl Vernet (1815/16). Gedruckt in der lithographischen Anstalt von Godefroy Engelmann in Paris (nach 1816).

Der 1793 auf Gestüt Ivenack geborene Vollblut-Hengst Herodot war bei den zeitgenössischen Pferdekennern bekannt und geschätzt: Das „Ivenacker Herodotenblut“, wie Fritz Reuter seinen Entspekter Zacharias Bräsig die Nachkommen des Hengstes bezeichnen ließ, räumte bei den Championaten auf diversen Rennbahnen reihenweise die Preise ab. Unter dem Lemma „Pierd“ schaffte er es in das „Mecklenburgische Wörterbuch“ von Richard Wossidlo und Hermann Teuchert. Um 1816 zeichnete ihn der französische Pferdemaler Carl Vernet sowohl mit als auch ohne Reiter (Abb. 2), die Zeichnung wurde in Paris ebenso wie in Hamburg lithografiert. Ende der 1820er Jahre hielt mit Albrecht Adam der gefragteste Pferde- und Schlachtenmaler seiner Zeit den Schimmel neben einer Stute und einem Fohlen mit weiteren Pferden auf einer Weide gegenüber Schloss Ivenack fest. Dieses Ölgemälde aus dem Besitz der Hamburger Jürgen und Maria Elisabeth Rasmus Stiftung (Abb. 3) wurde übrigens im Juni 2025 als Dauerleihgabe an die Gemeinde Ivenack gegeben. Gegenwärtig soll Herodot auch noch am Ivenacker Marstall präsent sein, wo ein Pferderelief den Außengiebel und eine Pferdekopf-Plastik im Inneren des Gebäudes die Tür zur Reithalle ziert. Vermutlich referenzieren beide jedoch weniger auf den Hengst als vielmehr auf die dortige Pferdezucht.

Abb. 3: Das Gestüt der gräflich Plessenschen Pferdezucht vor Schloss Ivenack. Ölgemälde von Albrecht Adam (um 1830).Details anzeigen
Abb. 3: Das Gestüt der gräflich Plessenschen Pferdezucht vor Schloss Ivenack. Ölgemälde von Albrecht Adam (um 1830).

Abb. 3: Das Gestüt der gräflich Plessenschen Pferdezucht vor Schloss Ivenack. Ölgemälde von Albrecht Adam (um 1830).

Abb. 3: Das Gestüt der gräflich Plessenschen Pferdezucht vor Schloss Ivenack. Ölgemälde von Albrecht Adam (um 1830).

Als die napoleonischen Truppen 1806 Mecklenburg besetzten, beabsichtigten sie Herodots Konfiszierung für Napoleons persönlichen Gebrauch. Allerdings vermochten sie das Pferd nicht zu aufzufinden – sein zuständiger Pfleger soll es in einer innerlich hohlen Ivenacker Eiche versteckt haben. Ob der vorbeiziehenden Stuten der französischen Requireure wieherte der Hengst allerdings zur Unzeit und wurde entdeckt. In einer etwas unspektakuläreren Legendenvariante befand sich das Versteck, in dem Herodot das Wiehern nicht lassen konnte, im Strohlager einer Scheune. Schließlich findet sich auch noch, dass sämtliche Pferde des Gestüts Ivenack zur Sicherheit in die Kenzliner Waldsümpfe verbracht worden seien, aber der „feurige“ Herodot riss sich dort los und galoppierte den Franzosen in die Arme.

Unter Napoleon musste er in dessen Schlachten ziehen und verlor vor dem brennenden Moskau infolge Funkenflugs ein Auge. Im familiären Umfeld des Herodot-Besitzers, demnach die Franzosen über ein genaues Verzeichnis der Pferde des Ivenacker Gestüts verfügt hätten, fand statt Napoleon „die französische Kaiserin“ als Reiterin des Schimmels Erwähnung. Nach seiner Zeit als napoleonisches Leibreitpferd sei Herodot, so 1887 die „Landwirtschaftlichen Jahrbücher“, dem Vernehmen nach Beschäler eines französischen Gestüts geworden. Und zwar – wie Fritz Reuter in seiner „Franzosentid“ wissen ließ – nahe der südfranzösischen Hafenstadt Bayonne („Bäjonne in Frankrik“) am Golf von Biscaya im französischen Baskenland. Von seinem Ivenacker Besitzer 1814 reklamiert wurde Herodot als einziger der drei von den französischen Okkupanten aus mecklenburgischen Privatgestüten konfiszierten hochwertigen Vollbluthengste tatsächlich ausgeliefert und kehrte wohl 1815 an den Ort seiner Herkunft zurück. Hinsichtlich der – vermeintlichen – Details schienen der Phantasie keine Grenzen gesetzt und kein spektakuläres Moment extravagant genug zu sein.

Ein Grundmotiv der Erzählung über die an sich unstrittige Rückholung des Hengstes, wahlweise 1813 oder 1814, aber auch 1815 oder gar 1817, ist eine persönliche Beteiligung des Generalfeldmarschalls Gebhard Leberecht von Blücher bzw. zumindest die Mitwirkung des Siegers von Waterloo. Noch etwas unbestimmt heißt es zunächst aus dem familiären Umfeld des Herodot-Besitzers, die Rückgabe des Hengstes sei „beim Friedensschluss“ ausbedungen worden. In Frage kämen dafür sowohl der Pariser Frieden vom 30. Mai 1814 nach Napoleons Sturz als auch der vom 20. November 1815 nach seiner Abdankung. Manche Autoren legen sich hinsichtlich Blüchers ausdrücklichem Rückgabewunsch auf den ersten Pariser Frieden fest, andere reden lieber dem vom 18. September 1814 bis 9. Juni 1815 tagenden Wiener Kongress das Wort. Ende der 1880er Jahre galt es jedenfalls als durchaus glaubhaft, dass zwei der fünf Söhne des Ivenacker Grafen von Plessen den Hengst in ganz Frankreich suchten. Sie fanden ihn, als er von „der Provence aus nach Algier eingeschifft werden sollte“. Auf Basis einer Ermächtigung – natürlich – Blüchers beschlagnahmten sie Herodot und führten ihn zurück nach Ivenack.

Mitte der 1920er Jahre war zu erfahren, dass „die“ Söhne des Ivenackers den Hengst gesucht hätten. Und zwar in Paris, wo sie ihn in einem Keller versteckt fanden: „Durch sein Wiehern habe er, als er seinen alten Stallmeister sprechen höre, seinen Aufenthalt verraten.“ Es verwundert nur bedingt, dass auch der Versuch einer Synthese beider Versionen existiert, die noch mit einer Steigerung aufwartet. Demnach wurde Herodot, ohne dass einer der jungen Herren von Plessen mitwirkte, durch seinen Stallmeister entdeckt. Er war „gerade in dem Augenblick nach Marseille gekommen, als das Tier zur sicheren Bergung nach Algier verschifft werden sollte.“ Selbstredend verfügte auch er über das persönliche Schreiben Blüchers, beschlagnahmte Herodot und ritt die mehr als 1.500 km zurück nach Ivenack. Als er dort einpassierte, warf er seinen Reiter ab und trabte allein in seinen früheren Stall. Anfang September 1816 jedenfalls war der Hengst mit Sicherheit in Ivenack. Dort nahm Blücher ihn nämlich – tatsächlich, wie durch einen Brief des Amtshauptmanns Joachim Weber belegt ist – in Augenschein.

Im Übrigen waren auch der Stavenhagener Bürgermeister Georg Johann Reuter und sein noch nicht sechsjähriger Sohn Fritz an diesem Tag zugegen. Letzterem scheint es der Hengst, wie eingangs bereits deutlich wurde, durchaus angetan zu haben. Über den Entspekter hinaus findet sich in seinem 1862 erschienenen Roman „Stromtid“ ein entsprechender Beleg für eine Fachsimpelei über berühmte Zuchthengste: „Un nu fungen sei an tau Graymomussen un tau Herodoten un gewen ok den Black-Overshire sin Recht, […]“. Den Zeitgenossen mag noch geläufig gewesen sein, dass es sich bei Gray Momus, Herodot und Overseer um berühmte Zuchthengste handelte. 1942 hingegen erklärte eine Zeitung ihren Lesern, „den Mecklenburgern war der Hengst so ans Herz gewachsen, daß noch Fritz Reuter meint, seine Landsleute ʿherodottenʾ, wenn sie von Pferden sprechen.“

Als Herodot schließlich Ende der 1820er Jahre das Zeitliche segnete, sollen seine sterblichen Überreste an der Eiche begraben worden sein, in der er einst versteckt wurde. Vermorscht und in seiner Standsicherheit gefährdet war es mutmaßlich dieser Baum, der 1861 als erste Tausendjährige Eiche von Ivenack gefällt werden musste. Die Bezeichnung Herodot-Eiche lebt jedoch gleich den Legenden um den Namengeber weiter. Sie wurde auf einen auf freiem Felde etwas nördlich von Stavenhagen stehenden Solitär, der gelegentlich auch als Grablege benannt wird, übertragen.

Dr. Matthias Manke

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