Denkmal des Monats Februar 2026

Das Gutshaus in Zühr und der Verbleib der bemalten Wandbespannungen aus dem Rokoko

In dem südlich von Wittenburg gelegenen Dorf Zühr hat sich ein Gutshaus erhalten, das ursprünglich über eine reiche Ausstattung von gemalten Wandbespannungen verfügte (Abb. 1). Das imposante Gutshaus in Eichensichtfachwerk von zwei Geschossen, dreizehn Achsen und einem hohen Walmdach mit vier Schornsteinköpfen liegt im Südwesten des Ortes Zühr umgeben von einer ausgedehnten Parkanlage im landschaftlichen Stil. Das als Grünanlage angelegte Vorfeld wird von zwei fachwerksichtigen Gebäuden flankiert, die 1939 in der Zeit der Aufsiedlung entstanden sind.

Abb.1. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus Fassadenansicht von Nordosten, 2024.Details anzeigen
Abb.1. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus Fassadenansicht von Nordosten, 2024.

Abb.1. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus Fassadenansicht von Nordosten, 2024.

Abb.1. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus Fassadenansicht von Nordosten, 2024.

Abb.2. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus von der Gartenseite aufgenommen von A. Mencke & Co., um 1875.Details anzeigen
Abb.2. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus von der Gartenseite aufgenommen von A. Mencke & Co., um 1875.

Abb.2. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus von der Gartenseite aufgenommen von A. Mencke & Co., um 1875.

Abb.2. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus von der Gartenseite aufgenommen von A. Mencke & Co., um 1875.

Das Gutshaus entstand lt. Wappeninschrift im Giebelfeld des Mittelrisalits 1720 unter Friedrich von Zühle(n)1, einer von drei Söhnen von Hans Ernst von Züle. Er übernahm das alte Familiengut 1710 in Erbfolge. Friedrich von Züle ( † 28. Oktober 1752 auf Zühr) stand in Militärdiensten und war königlich polnisch-sächsischer General der Kavallerie.2 Das barocke Fachwerkgutshaus zeigte im 18./19. Jahrhundert ein anderes Erscheinungsbild, da das Fachwerk hell überschlämmt war (Abb. 2). Das Sichtfachwerk ist eine Fassung aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das stattliche Gutshaus ist eines von wenigen erhaltenen Fachwerkgutshäusern aus der Zeit um 1680-1730 in Mecklenburg-Vorpommern und besitzt eine erhöhte gestalterische Qualität. Die spiegelbildlich angelegte Fassade zeigt eine zurückhaltende, schlichte Gestaltung und wird geprägt durch die regelmäßige Anordnung der Fenster mit gerader Verdachung, den Mittelrisalit mit Dreiecksgiebel und die Betonung der Mittelachse. Dadurch entsteht eine durch den Architekten bewusst herbeigeführte verhaltene Repräsentativität, wie sie dem künstlerischen Empfinden der Zeit für Bauten auf dem Land entsprach. Ein umlaufendes Traufgesims und ein breites geschosstrennendes Gesims akzentuieren das Gebäude in der Horizontale. Oberhalb der Hauseingangstür ist ein kleines Wappenrelief angebracht, das auf die Familie von Graevenitz verweist. Major Carl von Graevenitz erwarb das Gut 1830/31.3 Unter den von Graevenitz erfolgten Umbaumaßnahmen am Gutshaus. So ist an der Fassade das über der Haustür liegende breitere Fenster mit Segmentbogenabschluss und einer Zierverkleidung neu eingebracht worden. Die Gartenseite und die rechte Giebelseite wurden massiv erneuert und verputzt sowie gartenseitig ein Altan mit Gusseisensäulen vorgesetzt und für die Erschließung eine neogotische Doppelflügeltür sowie Eisenfenster mit einer Buntverglasung eingebracht (Abb. 3). Inschriftlich sind die Baumaßnahmen auf das Jahr 1863 datiert. Der Balkon ist nach 1968 verändert worden, die ursprüngliche Gestaltung ist auf einem Foto nachzuvollziehen (Abb. 4). Alle Fenster des Hauses sind erneuert, es wurde die Fenstergliederung von 1863 aufgenommen, die barocken Fenster wiesen eine Vierteilung auf.

Abb. 5. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus barocke Treppe, um 1937.Details anzeigen
Abb. 5. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus barocke Treppe, um 1937.

Abb. 5. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus barocke Treppe, um 1937.

Abb. 5. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus barocke Treppe, um 1937.

In dem nur teilweise unterkellerten Gutshaus liegen in der Breite des Mittelrisalits die ehemalige Vorhalle von 7x9 Metern (heute durch zwei Zwischenwände verkleinert) und das gleich breite, aber längere Treppenhaus mit einer monumentalen, zweiarmigen barocken Holztreppe mit Dockengeländer (Abb. 5). Beiderseits des Mittelbaus zieht sich ein Mittellängsflur bis zu den Giebeln an dem nach vorn und hinten Zimmer und ehemalige Wirtschaftsräume liegen, die teilweise miteinander verbunden sind. Der Saal im Obergeschoss hat die gleiche Größe wie die Vorhalle im Erdgeschoss, der Mittelflur geht im Obergeschoss durch.

Abb.6. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus, Innenansicht, 1937.Details anzeigen
Abb.6. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus, Innenansicht, 1937.

Abb.6. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus, Innenansicht, 1937.

Abb.6. Zühr, Landkreis Ludwigslust-Parchim, Gutshaus, Innenansicht, 1937.

Das Gutshaus verfügte über eine reiche Innenausstattung. 1937 gab es noch in fünf Räumen Wandbespannungen, in anderen Räumen Wand- und Deckenstuck, Paneele und Öfen (Abb. 6). Die gemalten Wandbespannungen stammten stilistisch aus der Zeit des Rokoko und wurden zwischen 1730 und 1750 eingebracht. Sie zeigten für den Rokokostil typische Dekorationsmerkmale mit überbordenden Verzierungen, die Grenzen zwischen Dekorationsmalerei (Stuckimitation) und gemalten historischen und mythologischen Szenen sowie Stillebenmotiven wurden aufgelöst. Das charakteristische Muschelmotiv sowie die asymmetrische Rocaille sind dargestellt. Es gab einen Raum mit Darstellungen der damals aus Frankreich in Mode gekommenen Schäferszenen, den Fetes galantes (Abb. 7), einen weiteren mit mythologischen Inhalten (Venus mit Pferd, Adonis, Juno und der Pfau) (Abb. 8). Im Saal waren Episoden aus den Türkenkriegen von 1683-1699 dargestellt mit Bezug auf das eigene Kriegserleben des Gutsherrn Friedrich von Züle. Über den Kaminen befanden sich Bilder von Friedrich August II., dem Sohn von Friedrich August I. (der Starke), und seiner Frau, Maria Josepha von Österreich (Abb. 9). Das Jagdzimmer beinhaltete Jagdszenen und Stilleben von erlegten Tieren (Abb. 10). In einem weiteren Zimmer gab es Bilder mit Genremotiven in denen der Schlaf, die Ruhe, das Feuer thematisiert wurden (Abb. 11). Die Malereien in den beiden letztgenannten Räumen sind eindeutig holländisch beeinflusst.

Von der Raumausstattung ist heute nur noch Weniges vorhanden. Abgesehen von dem repräsentativen Treppenhaus gibt es noch die Stuckdecke sowie den Mittelteil des originalen Parkettfußbodens im Saal und einige schlichte Stuckdecken mit Rahmenprofilen in anderen Zimmern. Des Weiteren erhalten geblieben sind ein originaler Parkettboden in dem südöstlichen Eckzimmer im Erdgeschoss sowie einige historische Innentüren.

Was weiß man über den Verbleib der Wandbespannungen und über die historischen Umstände? Die sehr umfangreiche Ortsakte zum Gutshaus Zühr im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege/Landesdenkmalpflege gibt dazu anschaulich Auskunft.4 Das Gutshaus wurde am 19.6.1936 als Baudenkmal eingestuft und seitdem wird eine Akte geführt.

Mit Vertrag vom 27.6.1936 erfolgte durch Herrn Major von Graevenitz/ Waschow der Verkauf des Gutes Zühr an die Reichsumsiedlungsgesellschaft mbH. Die Besiedlung übernahm die Nord-Südsiedlungsgesellschaft. Die bemalten Wandbespannungen wurden explizit vom Verkauf ausgenommen und blieben im Besitz der Familie von Graevenitz. Man befürchtete, dass ein sachgerechter Erhalt im Gutshaus keine Aussichten habe. Im Gutshaus wurde die Oberverwaltung der Reichsumsiedlungsgesellschaft untergebracht. Für diese Nutzung waren provisorisch Raumunterteilungen vorgenommen worden. Ein Abbruch des Gutshauses stand im Raum, da eine wirtschaftliche Nutzung nicht möglich schien. Von Seiten der Denkmalpflege kam die Idee, einen Reichsjägerhof einzubringen, was jedoch aus Kostengründen abgelehnt und stattdessen eine Streichung aus der Denkmalliste beantragt wurde. Eine Streichung lehnte das Landesamt für Denkmalpflege ab. Die Entscheidung wurde von der Reichsumsiedlungsgesellschaft aus fachlichen Gründen zwar akzeptiert, aber die Möglichkeit der Finanzierung und der Nutzung des Gutshauses in Frage gestellt.

Da die ausgestatteten Räume im Gutshaus für sog. Wirtschaftszwecke genutzt werden sollten und damit eine Gefährdung für die Wandbespannungen bestand, wurden diese abgenommen und im Landesamt für Denkmalpflege in Schwerin aufbewahrt. Bemühungen seitens des Landesamtes für Denkmalpflege im Einvernehmen mit Major von Graevenitz die Wandbespannungen in einem Museum in Dresden – im Gespräch war die Porzellansammlung im Zwinger – unterzubringen, scheiterten. Ebenso wurde eine Hängung in der Orangerie in Neustrelitz von den dort Verantwortlichen abgelehnt.

Im April 1939 erfolgte ein Teilverkauf der als „Panneaux“ bezeichneten Wandbespannungen aus dem Jagdzimmer an Wilhelm Böhler Antiquitäten in München. Eine Aktennotiz vom 24.5.1943 gibt Auskunft, dass die verbliebenen Wandbespannungen aufgrund drohender Fliegerangriffe in das Schloss Schwerin (Räume des Hygienemuseums) gebracht wurden. Am 3.2.1965 erkundigte sich das Institut für Denkmalpflege beim Staatlichen Museum Schwerin nach dem Verbleib der Panneaux und erhielt eine abschlägige Auskunft. Sie wurden nicht aufgefunden. Es wird als wahrscheinlich angesehen, dass die Wandbespannungen vernichtet oder entwendet worden sind, als das Staatliche Museum im Januar 1946 auf Anordnung der Sowjetischen Militäradministration das Schweriner Schloss binnen drei Tagen verlassen musste und das Inventar in Lastwagen fortgeschafft und teilweise auf dem Alten Garten abgekippt wurde.5

Zur Geschichte des Gutshauses Zühr ist weiter bekannt, dass sich hier ein BDM-Heim befunden haben soll. In den 1940er Jahren gelangte es in Besitz des Bischofs von Osnabrück wohl durch eine private Schenkung. Auf einer vom Landesamt für Denkmalpflege erstellten Liste vom Dezember 1947, die 190 Schlösser, Gutshäuser, Ruinen u.a. umfasst, die als Bau- bzw. Geschichtsdenkmäler zu erhalten seien, wird das Gutshaus Zühr aufgeführt. In einem Vermerk von 1947 wird das Gebäude durch die starke Belegung mit Umsiedlern als sehr stark abgenutzt und reparaturbedürftig beschrieben. Seit 1948 erfolgte die Nutzung durch die Katholische Kirche als ein Kinder- und Altenheim, geführt von Hedwigschwestern aus Schlesien. 1964 wurden Instandsetzungsarbeiten am Gebäudeäußeren durchgeführt. 1998 gab es weitere umfängliche Sanierungsmaßnahmen am Gutshaus, das als Sozial-, Wohn-, Arbeits- und Lebensgemeinschaft „St. Josef“ vom Caritasverband für das Erzbistum Hamburg e.V. geführt wurde. Seit Ende 2020 ist das Gutshaus nicht mehr in Nutzung, steht nun zum Verkauf und wartet auf einen privaten Eigentümer, der das Gutshaus beleben und instand halten will. Der Verlust der bemalten Wandbespannungen und der stuckierten Wände und Decken sowie der Öfen wiegt schwer.

Beatrix Dräger-Kneißl


Fußnoten

1 Das Wappenrelief befindet sich heute eingemauert über dem neuzeitlichen Kaminofen im Saal.

2 Lisch, Friedrich: Die Familie von Züle, in: MJB Nr.13, 1848, S. 430- 432.

3 Großherzoglich-Mecklenburg-Schwerinscher Staats-Kalender 1831, S. 82.

4 LAKD M-V/LD, Objektakte, Zühr, Gutshaus, Mappe 01

5 siehe dazu: A. Frost: Sammler, Forscher, Kitakinder: Die Nutzung des Schweriner Schlosses von 1913 bis 1990, hrsg. vom Landtag MV, 2013 S. 50-52.

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