Denkmal des Monats Juni 2026

Zünftige Handwerker und Unternehmer – Eine Familiengrabstätte in Warin erinnert an zwei bedeutende Handwerksmeister

Abb. 1. Warin, Lkr. Nordwestmecklenburg, Friedensstraße, Friedhof, Familiengrabstätte Nieske, 2026.Details anzeigen
Abb. 1. Warin, Lkr. Nordwestmecklenburg, Friedensstraße, Friedhof, Familiengrabstätte Nieske, 2026.

Abb. 1. Warin, Lkr. Nordwestmecklenburg, Friedensstraße, Friedhof, Familiengrabstätte Nieske, 2026. 

Abb. 1. Warin, Lkr. Nordwestmecklenburg, Friedensstraße, Friedhof, Familiengrabstätte Nieske, 2026. 

Friedhöfe sind Orte der Ruhe, des Gedenkens und der Besinnung. Sie sind kulturgeschichtlich von Bedeutung, weil entweder die ganze Anlage oder einzelne Gräber künstlerische Werte besitzen oder aber für die lokale Geschichte des Ortes, die regionale und überregionale Geschichte wichtige Persönlichkeiten hier Ihre letzte Ruhestätte fanden. Eine solche Grabstätte ist auch auf dem Friedhof in Warin, Lkr. Nordwestmecklenburg, zu finden. Sie befindet sich im Zentrum des Friedhofs, unmittelbar an der Friedhofskapelle und nur wenige Meter vom südwestlichen Friedhofseingang entfernt. Bestattet wurden hier acht Familienmitglieder der Familie Nieske, für die sieben Gedenksteine aufgestellt worden sind (Abb. 1).

Die Grabstätte wurde an einer ehemaligen Weggabelung auf dreieckiger Fläche angelegt. Die Spitze dieses Dreiecks weist in nordöstliche Richtung zur Kapelle. Eingefasst wird sie von zwölf obeliskartigen Begrenzungssteinen auf den beiden langen Seiten. Auf der kurzen Seite bilden drei Grabkreuze gleichzeitig die Abgrenzung der Grabstelle. Diese sind mittels Eisenketten miteinander verbunden. Auch die Begrenzungssteine besitzen noch die Haken zum Einhängen der Ketten. Die Ketten selbst fehlen. Eine große Eibe markiert die südwestliche Ecke der Grabstelle.

Die hintere Reihe bilden die drei Grabkreuze aus Granit. Auf der vorderen Seite tragen sie die Namens- und Dateninschriften der hier bestatteten Personen, darunter ein lateinisches Kreuz. Die Rückseite jedes Grabkreuzes ist wiederum mit einem lateinischen Kreuz versehen. Bei den bestatteten Personen handelt es sich um Johann Nieske (1832-1900), Rudolfine Nieske, geb. Oldach (1837-1876), die erste Frau von Johann Nieske und um Christina Oldach (1807-1874), die Mutter von Rudolfine Nieske. Links neben dem Grabkreuz für Johann Nieske, unmittelbar an der Eibe, liegt ein kleiner rechteckiger Grabstein aus Granit für Ernst Nieske (1881-1883), das erste Kind aus zweiter Ehe Johann Nieskes.

Zwei aus rötlichem Granit bestehende Gedenksteine bilden das Zentrum der Grabstätte. Der linke und etwas kleinere Stein steht auf einem als natürlicher Stein anmutenden Betonsockel. Er selbst wurde naturbelassen. Lediglich das Feld für die Inschrift wurde geglättet und poliert. Beigesetzt ist hier Marie Nieske, geb. Mumm (1848-1903), die zweite Frau von Johann Nieske.
Rechts neben ihm, auf einem Granitsockel, steht der größere Stein, dessen vordere Fläche gänzlich geglättet und poliert ist. Seine Inschriften waren teilweise vergoldet, wovon noch deutliche Reste erhalten sind. An seinem unteren Ende erscheint ein Bibelspruch (Jer 31,3). Der Grabstein erinnert an den Hofmaurermeister Friedrich Nieske (1862-1909), einen Sohn von Johann Nieske aus dessen erster Ehe, und Friedrich Nieskes Ehefrau Marie, geb. Scheel (1867-1940).

Vorn, im spitzen Winkel der Anlage, befindet sich ein weiterer kleiner und rechteckiger Grabstein für Friedrich Carl Nieske (1902-1902). Er war ein Neffe Friedrich Nieskes.

Doch was hat es mit dieser Familie auf sich? Wer waren die Nieskes?

Johann Nieske gründete um 1859 sein eigenes Baugeschäft in Warin. 1872 stiftete er das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges in Warin im heutigen August-Cords-Park (Abb. 2-3). Ab 1874 war er am Bau der Stiftskirche in Warin, die nach einem Entwurf von Theodor Krüger entstand, maßgeblich beteiligt (Abb. 4). 1890 siedelte er nach Schwerin über und gründete dort ein neues Baugeschäft. 1891/92 war er mit der Planung und der Ausführung des neuen Spritzenhauses für die Haupt- und Residenzstadt befasst (Mecklenburgstraße 55, 2013 abgebrochen). Eine große Bauaufgabe für ihn war die Erbauung des Nordflügels des neuen von Ernst Hake entworfenen Postgebäudes zwischen der heutigen Mecklenburgstraße und der Bischofstraße ab 1892 (Abb. 5). Auf seine Initiative entstand ab 1894 die Villenkolonie Ostorf, an deren Errichtung er maßgeblich beteiligt war (Abb. 6). Er erwarb den Grund und Boden, errichtete die Wohngebäude auf den parzellierten Grundstücken und verkaufte sie wieder. Bis 1897 waren die Gebäude an der Lutherstraße vollendet. Parallel dazu beteiligte er sich an den Bauarbeiten für Schloss Wiligrad. Schließlich übernahm er 1896 die Ausführung des von Regierungsbaumeister Ernst Möller entworfenen Baus des Verwaltungsgebäudes der Großherzoglichen Friedrich-Franz-Eisenbahn in Schwerin, Zum Bahnhof 15/17 (Abb. 7).

Friedrich Nieske absolvierte eine Maurerlehre im väterlichen Betrieb, welchen er mit der Übersiedlung seines Vaters nach Schwerin übernahm. Sein Hauptwerk ist die Errichtung des Schlosses Wiligrad nach Entwürfen von Albrecht Haupt ab 1895, bei dem er Unterstützung durch die Schweriner Firma seines Vaters erhielt (Abb. 8). 1899 wurde ihm dafür der Titel eines Hofmaurermeisters verliehen. 1906 war er am Durchbau des Großherzoglichen Amtshauses in Warin beteiligt (Burgstraße 23, 2022 abgebrochen).

Bei der Familiengrabstätte handelt es sich um die letzte Ruhestätte von Angehörigen der für das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der beiden Städte Warin und Schwerin im 19. und frühen 20. Jahrhundert bedeutenden Familie Nieske. Die Tatsache, dass Friedrich Nieske mit dem Titel des Hofmaurermeisters geehrt wurde, was auf dem Grabstein vermerkt ist (Abb. 9), bezeugt einerseits die gesellschaftlichen Verhältnisse um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, die von einem ständischen System geprägt waren. Gleichzeitig entwirft sie ein Bild der gesellschaftlichen Struktur dieser Zeit. Andererseits ist sie Beleg für die Leistungsfähigkeit und qualitative Hochwertigkeit der handwerklichen Arbeit des Baugeschäfts. Dieser Titel durfte nicht vererbt werden, sondern wurde vom Landesfürsten aufgrund der besonderen Verdienste und der hohen Qualität der Erzeugnisse an den jeweiligen Firmeninhaber verliehen.

Die Größe der Grabstätte, deren Lage fast im Zentrum des Friedhofs und die Art und Weise ihrer Gestaltung mit zum Teil vergoldeten Inschriften und der symbolträchtigen Eibe, die für Beständigkeit und ewiges Leben steht, bezeugt den sozialen Stand der Verstorbenen, die der gehobenen bürgerlichen Mittelschicht entstammten und eine allseits anerkannte Lebensleistung aufzuweisen hatten, weshalb sie zu den privilegierteren Schichten ihrer Zeit gehörten. Die Anlage verzichtet jedoch weitgehend auf jegliche beigegebene Symbolik, die diese Leistungen veranschaulichen könnten. Nur der Titel „Hofmaurermeister“ weist auf das anerkannte Schaffen Friedrich Nieskes hin. Kreuze und Bibelspruch offenbaren die Verankerung der Verstorbenen im christlichen Glauben. Aufgrund der hier ebenfalls bestatteten zwei Kinder zeigt sie, dass von der Kindersterblichkeit als gesellschaftliche Erscheinung in dieser Zeit auch begüterte Familien betroffen waren. Somit handelt es sich bei dieser Grabstätte auch um ein sozialgeschichtliches Dokument.
Die Grabstätte ist ein aufschlussreiches Zeugnis für die bürgerliche Friedhofs- und Gedächtniskultur um 1900.

Auch auf anderen Friedhöfen gibt es derartiges zu entdecken. Der Besuch eines historischen Friedhofes lohnt sich also, gerade jetzt in der warmen Jahreszeit.

Dirk Handorf

Literatur

Christian Nieske, „… habe ich mir einen bedeutenden, festen Kundenkreis erworben“. Der Weg einer Mecklenburger Handwerkerfamilie in den Jahren 1790 bis 1950. Schwerin 2012.

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