Denkmal des Monats Oktober 2019

Die Restaurierung der Wandmalereien von Willi Schomann im Chor der St. Marienkirche Parchim

Abb. 1. Blick in den Chor vor der Restaurierung, 2018.Details anzeigen
Abb. 1. Blick in den Chor vor der Restaurierung, 2018.

Abb. 1. Blick in den Chor vor der Restaurierung, 2018.

Abb. 1. Blick in den Chor vor der Restaurierung, 2018.

Gemeinsam mit der St. Georgenkirche gehört die St. Marienkirche in Parchim zu den national bedeutenden Denkmalen des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern. Der Chor der mittelalterlichen Marienkirche wurde bereits um 1264 (d) vollendet. Um 1864 erhielt der Chor einen Sakristeianbau und wurde 1869 umfangreich baulich gesichert. Um 1907/08 folgten weitere, umfassende Restaurierungsmaßnahmen mit einem Teilabbruch der Chorwände, die unter Wiederverwendung alter Backsteine rekonstruiert wurden. In dieser Zeit wurden die Chorwände zudem durch den 1881 in Parchim geborenen Maler Willi Schomann neu gestaltet. (Abb. 1)

Willi Schomann war Sohn eines Böttchermeisters und begann 1900 an der 1. Handwerkerschule Berlin sein Malereistudium, das er ab 1902 an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin und ab 1904 an der Kunsthochschule Berlin-Charlottenburg fortsetzte. Kurz darauf studierte er mit einem Stipendium an der Akademischen Hochschule Berlin und war 1914 Meisterschüler bei Georg Schuster-Woldan (1864–1933). Er verstarb noch jung, bereits 1917. Neben seiner Ausmalung in der Marienkirche Parchim sind seine Wandmalereien in den Dorfkirchen Marsow, Kirch Jesar und in der Markuskirche von Plauen erhalten.

Die Gestaltung im Chor der St. Marienkirche ist eine vom Historismus geprägte Ausmalung. Die Gewölbe zeigen ein Geflecht aus Ornamenten, Blüten und Ranken (Abb. 2-3) während an den Chorwandflächen ein Apostelfries mit überlebensgroßen figürlichen Darstellungen ausgeführt wurde, inmitten einer neogotischen Baldachinarchitektur (Abb. 4-8). Vermutlich befand sich auch im 14. Jahrhundert eine figürliche Ausmalung mit Aposteln im Rahmen einer Weltgerichtsdarstellung im Chor und Willi Schomann lehnte sein Ausmalungsprogramm an diese Befunde an. Während die Sockelzone einen alternierenden Schablonenrapport mit gemalten oktogonalen Ornamentfliesen zeigt, die von Ornamentbändern, die die gesamte Malerei gliedern, eingerahmt werden, erinnern die figürlichen Aposteldarstellungen unter den gemalten Baldachinen an die historistische Tradition nazarenischer Vorbilder. Aus der christlichen Ikonographie abgeleitete Ornamente mit Lilien und Kreuzen, die blütenartig angeordnet sind, prägen die Gestaltung der achteckigen Fliesen der Sockelzone. Möglicherweise verbindet sich auch mit der oktogonalen Fliesenform die Absicht Schomanns auf die Vollendung, die Auferstehung Jesu am achten Schöpfungstag inhaltlich hinzuweisen. Schomann arbeitete die Inkarnate der Apostel besonders fein aus (Abb. 9). Die Anlage der Gewandfalten zeigt jedoch eine freie und lockere Pinselführung des Malers. Ein Großteil der Entwürfe für die Ausmalung im Chor der Marienkirche ist im Nachlass Schomanns im Parchimer Stadtmuseum noch vorhanden.

Aufgrund von maltechnischen Besonderheiten Willi Schomanns und einer teilweise recht pastos aufgetragenen Malschicht in wahrscheinlich Kasein gebundener Temperafarben sowie der problematischen baulichen Situation nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Wandmalereien stark geschädigt. Das Schadensausmaß beinhaltete auch umfangreiche Verluste innerhalb der figürlichen Darstellungen (Abb. 10-11). Die starken Eigenspannungen der Malschicht und ein erhöhter Bindemittelabbau führten in Kombination mit bauschädlichen Salzen und hohen Durchfeuchtungen des Mauerwerkes zu zahlreichen Abplatzungen. Innerhalb der Sockelzone mit Fliesenornamenten kreideten und puderten große Bereiche massiv ab. Ebenfalls präsentierten sich die Wand- und Gewölbeoberflächen stark verschmutzt, was in Verbindung mit der bindungsarmen Malschicht für die Konservierung und Restaurierung eine besondere Herausforderung bedeutete (Abb. 12).

Die nahezu bindungslose Malschicht wurde mit Methyzellulosederivaten gefestigt und behutsam gereinigt (Abb. 13). Für den restauratorischen Umgang mit den umfangreichen Fehlstellen innerhalb der jeweils östlichen Aposteldarstellungen an der Süd- und Nordwand wurden zunächst zeichnerische Entwürfe angefertigt unter Nutzung der Originalentwürfe Schomanns. Für die Fehlstellenbehandlung ging es der Kirchengemeinde um die Ablesbarkeit der Apostelfiguren, die teilweise kaum noch gegeben war. In Auswertung der Entwürfe und unter Wahrung der Authentizität sollte die Integration der Fehlflächen zurückhaltend und methodisch ablesbar gestaltet werden, ohne in den Originalbestand überfassend einzugreifen. So entstand eine sehr behutsame, in Trateggio ausgeführte und methodisch ablesbare Teilrekonstruktion, die an eine Grisaillefassung erinnert (Abb. 8). In der Farbigkeit sollten sich die Retuschen und rekonstruierenden Elemente an den überkommenen Malschichtbestand anlehnen. Sie erscheinen nach der Ausführung heller, vervollständigen aber gelungen die sehr rudimentären Vorzustände. Die Konturen wurden vorab gemäß den Schomann-Entwürfen auf die Wand gepaust (Abb. 14). Innerhalb der Vorhangmalerei erfolgte ebenfalls eine zurückhaltende, farbige Fehlstellenergänzung. Diese beinhaltete eine Vervollständigung der gesamten Sockelfläche, jedoch auch hier mit einer gelungenen Wahrung der methodischen Ablesbarkeit von Original und Retusche (Abb. 15-18).

Im Ergebnis stellt sich die Chorfassung nunmehr wieder geschlossen dar (Abb. 19-21). Innerhalb des Apostelfrieses sind die Gewandkonturen dank der zurückhaltenden Anlage der Teilrekonstruktionen wieder deutlich ablesbar, ermöglichen aber die Ablesbarkeit der originalen Befunde, die entsprechend integriert wurden. Innerhalb des gealterten Gesamtzustands betten sich diese Ergänzungen harmonisch ein. Die Erlebbarkeit der Schomannschen Chorfassung nach der Konservierung und Restaurierung ist wieder gewährleistet. Ausgeführt wurde diese gelungene Konservierung und Restaurierung vom Rostocker Dipl. Rest. Marcus Mannewitz und seinem Team.

Elke Kuhnert

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