Die Stadtbefestigung in Parchim – mehr als eine grüne Wallanlage

Denkmal des Monats September 2025

Abb. 1. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Wallanlage, 2021.Details anzeigen
Abb. 1. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Wallanlage, 2021.

Abb. 1. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Wallanlage, 2021.

Abb. 1. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Wallanlage, 2021.

Ja, sie ist wohl allen Parchimer Bürgern bekannt, die Wallanlage mit der mittelalterlichen Backsteinmauer auf der Ostseite der Stadt (Abb. 1-3). Um aber den Kern der historischen Stadtbefestigung, von der noch viel mehr Elemente als vermutet vorhanden sind, zu verstehen, bedarf es zunächst einer grundlegenden Erläuterung des Begriffs der Stadtbefestigung.

Abb. 4. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Strahlendorf, Fangelturm der Landwehr, 2014.Details anzeigen
Abb. 4. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Strahlendorf, Fangelturm der Landwehr, 2014.

Abb. 4. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Strahlendorf, Fangelturm der Landwehr, 2014.

Abb. 4. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Strahlendorf, Fangelturm der Landwehr, 2014.

Bereits im Altertum schützten sich die Bewohner der Städte durch Stadtmauern vor Angreifern von außen. Die Städte waren nur durch Stadttore zu betreten. Die hiesigen slawischen Burganlagen waren zumeist Ringwallanlagen an den Kreuzungspunkten von Fernstraßen. Unter ihrem Schutz entwickelten sich zugehörige Siedlungen. So hat sich auf der Nordseite der Parchimer Altstadt etwa ein Drittel des bis ins Mittelalter genutzten Burgwalls noch erhalten. Im Mittelalter war das durch den Landesherrn verliehene Recht, eine Stadtmauer anzulegen, ein besonderes Privileg und zeichnete die Stadt oder den Markt aus. Die Höhe der Stadtmauern und Stadttore wurde zunehmend auch Ausdruck wirtschaftlicher Prosperität, die Mauern wurden mal über Wehrgänge, mal über Türme und sogenannte Wiekhäuser (eckige oder halbrunde Schalentürme) verteidigt. Da auch das auf den Weiden grasende Vieh vor Raub geschützt werden sollte, wurden Landwehren und Warttürme errichtet, wie auch die Landwehr in Strahlendorf bei Parchim (Abb. 4). Im 16. und 17. Jahrhundert wurden, der veränderten Waffentechnik geschuldet, moderne Rondelle oder Bastionen errichtet. So muss wohl die an der Nordwestspitze der Neustadt gelegene Landzunge an der Elde als ehemalige Bastion der preußischen Pfandbesetzung angesprochen werden. All diese Elemente müssen als Teile einer Stadtbefestigung gesehen werden.

Bei der Betrachtung der einzelnen mittelalterlichen Stadtbefestigungsformen im westlichen Mecklenburg fallen mehrere Stadtgründungen mit Burg auf, die noch heute durch ein wasserführendes Wall-Graben-System umgeben sind. Zu ihnen zählen Dömitz, Grabow, Neustadt-Glewe und Parchim. Wall-Graben-Systeme sind zunächst mit Hecken oder hölzernen Palisaden versehen, so ist dies auch für Parchim anzunehmen.

Abb. 5. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Stadtmauerabschnitt Am Wallhotel, 2024.Details anzeigen
Abb. 5. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Stadtmauerabschnitt Am Wallhotel, 2024.

Abb. 5. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Stadtmauerabschnitt Am Wallhotel, 2024.

Abb. 5. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Stadtmauerabschnitt Am Wallhotel, 2024.

Die Stadtgestalt der 1170 erstmals erwähnten, an der Elde gelegenen Stadt Parchim entstand durch den Zusammenschluss von Altstadt und Neustadt mit Burg um 1282. Eine Entstehung der Stadtmauer im ausgehenden 13. bzw. frühen 14. Jahrhundert ist anzunehmen, auch wenn es keine schriftlichen Quellen dazu gibt. Die eindrucksvollsten sichtbaren Zeugnisse der Stadtmauer befinden sich an der Straße Am Wallhotel auf der Südseite der Altstadt (Abb. 5). Hier hat sich ein etwa 150m langer Abschnitt einer auf Feldsteinsockel errichteten Backsteinmauer erhalten, die Balkenlöcher für einen ehemaligen Wehrgang besitzt. Trotz starker Eingriffe bei der Sanierung während der 1990er Jahre zeigt sich ein Mauerwerksverband, wie er für das frühe 14. Jahrhundert üblich ist.

Abb. 6. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Halbrunder Schalenturm, 2021.Details anzeigen
Abb. 6. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Halbrunder Schalenturm, 2021.

Abb. 6. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Halbrunder Schalenturm, 2021.

Abb. 6. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Halbrunder Schalenturm, 2021.

Folgt man dem Verlauf der Mauerstraße nach Norden, so zeigen sich mehrere Abschnitte, in denen nur noch der Feldsteinsockel hervorschaut. Ein Bereich etwa in Höhe der einmündenden Spiekerstraße ist jedoch sehr interessant, weil hier ein halbrunder Schalenturm in gleichem Verband wie bei der Stadtmauer in der Straße Am Wallhotel erhalten ist (Abb. 6-7). Der Bestand ist stark geschädigt, zeigt einen regelmäßigen Läufer-Binder-Wechsel im Mauerwerk und bedarf dringend einer Sicherung mit bauhistorischer Untersuchung. Bereits Friedrich Schlie bildete 1896 in seinem Werk Die Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Grossherzogthums Mecklenburg-Schwerin eine Rekonstruktion der Stadtbefestigung mit mehreren dieser halbrunden Schalentürme ab (Abb. 8). Diese Bauform verweist auf die wichtigen Vorbilder der Zeit, nämlich auf die Stadtbefestigungen in Köln und Lübeck. Anders als die brandenburgischen und pommerschen Stadtmauern, bei denen auf Wehrgänge zugunsten der in regelmäßigen Abständen von ca. 30 Metern ausgeführten Wiekhäuser verzichtet wird, finden sich in Parchim Wehrgänge und vereinzelte halbrunde Schalentürme. Dies lässt zunächst erwarten, dass Parchim zu dieser Zeit genug wehrfähige Männer zur zahlenmäßig aufwendigeren Verteidigung der langen Stadtmauerwehrgänge und der drei Stadttore zur Verfügung standen als etwa Neubrandenburg mit seinem regelmäßigen System rechteckiger Wiekhäuser, die immer nur jeweils wenigen wehrfähigen Männern ausreichend Platz boten. Folgt man Thomas Biller, der 2016 in seinem Werk über die mittelalterlichen Stadtbefestigungen davon ausging, dass sich in der Lübecker Form der Stadtbefestigung mit Wehrgängen eine Zugehörigkeit zum lübischen Stadtrecht ausdrückt, wäre dies in Parchim wohl auch ein politischer Ausdruck des Selbstverständnisses der Stadt, die neben Rostock und Wismar zu den bedeutendsten Handelsstädten im Herzogtum Mecklenburg gehörte.

Abb. 9. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Stadtmauerrest im Bereich Mühlenstraße, 2024.Details anzeigen
Abb. 9. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Stadtmauerrest im Bereich Mühlenstraße, 2024.

Abb. 9. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Stadtmauerrest im Bereich Mühlenstraße, 2024.

Abb. 9. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtbefestigung, Stadtmauerrest im Bereich Mühlenstraße, 2024.

Immer wieder zeigt sich im weiteren Verlauf der Stadtmauer, dass diese teilweise in der Stadtrandbebauung integriert worden ist (Abb. 9). 1729 begann man, die Wälle zu planieren, 1792 wurde ein Teil der Mauerkrone abgetragen. Dennoch hat sich beispielsweise an der Westseite der Neustadt, am heutigen Müritz-Elde-Kanal südlich der Schleuse, ein größerer mittelalterlicher Mauerabschnitt erhalten, der von vielen Wassertouristen wahrgenommen wird (Abb. 10). Hier am ehemaligen Wassergang befand sich einst das Neue Tor.

Abb. 11. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtansicht von Norden mit Stadtmauer, Wiekhäusern, Stadttoren und Burghügel, farbige Zeichnung von 1728.Details anzeigen
Abb. 11. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtansicht von Norden mit Stadtmauer, Wiekhäusern, Stadttoren und Burghügel, farbige Zeichnung von 1728.

Abb. 11. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtansicht von Norden mit Stadtmauer, Wiekhäusern, Stadttoren und Burghügel, farbige Zeichnung von 1728.

Abb. 11. Parchim (Lkr. Ludwigslust-Parchim), Stadtansicht von Norden mit Stadtmauer, Wiekhäusern, Stadttoren und Burghügel, farbige Zeichnung von 1728.

Die Stadttore (Abb. 11) wurden sukzessive in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgebrochen, ihre Gestaltung ist durch Zeichnungen des späteren Parchimer Baurats Ludwig Bartning überliefert.

1860 bis 1862 wurden die Wallanlagen nach Plänen des Schweriner Hofgärtners Theodor Klett als Grünanlage umgestaltet. Die drei ehemaligen Wallgräben auf der Ostseite der Stadt, die ähnlich wie in Neubrandenburg oder Friedland besonders stark geschützt war, wurden verfüllt.

Die Stadtbefestigung in Parchim zählt damit zu den wenigen erhaltenen Gesamtanlagen dieser Art im westlichen Mecklenburg. Eine bauhistorische Auseinandersetzung mit dem Bestand und ein Vergleich der Stadtmauer mit den ebenfalls nach dem Vorbild Lübecks errichteten Stadtmauern in Rostock und Wismar bleibt ein dringendes Forschungsdesiderat. Denkmalpflegerisch zählt Parchim nicht erst seit der Sanierung der Wallanlagen im Jahre 2018 zu den landesgeschichtlich eindrucksvollsten Stadtbefestigungen. Ihren Wert zu erhalten und weiter bekannt zu machen sollte auch künftig Ziel von Stadtplanung und Denkmalpflege sein.

Dr. Jan Schirmer

Weiterführende Literatur

Friedrich Schlie, Die Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Grossherzogthums Mecklenburg-Schwerin, Schwerin 1901, Bd. 4, S. 40 und 461.

Hanno Lietz/peter-Joachim Rakow (Hrsg.), Mecklenburg in Bildern, Rostock 3 1999, S. 145.

Peter Hartmann, Die Lübecker Landwehr im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, Lübeck 2016.

Thomas Biller, Die mittelalterlichen Stadtbefestigungen im deutschsprachigen Raum, Köln 2016, Bd. 1, S. 117.

Joachim Müller/Dirk Schumann (Hrsg.), Mittelalterliche Stadtbefestigungen in der Mark Brandenburg und in Norddeutschland, Berlin 2023, S. 205.

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