Im Reich des „frechen Dachses“ – Der Wohn- und Arbeitsort Hans Falladas in Carwitz

Denkmal des Monats Oktober 2025

Abb. 1. Das ehemalige Gasthaus „Haus Wehrle“ in Carwitz, später das Anwesen der Familie Ditzen. Aufnahme Juli 1933 aus dem Familienalbum 08.1932 – 01.1934.Details anzeigen
Abb. 1. Das ehemalige Gasthaus „Haus Wehrle“ in Carwitz, später das Anwesen der Familie Ditzen. Aufnahme Juli 1933 aus dem Familienalbum 08.1932 – 01.1934.

Abb. 1. Das ehemalige Gasthaus „Haus Wehrle“ in Carwitz, später das Anwesen der Familie Ditzen. Aufnahme Juli 1933 aus dem Familienalbum 08.1932 – 01.1934.

Abb. 1. Das ehemalige Gasthaus „Haus Wehrle“ in Carwitz, später das Anwesen der Familie Ditzen. Aufnahme Juli 1933 aus dem Familienalbum 08.1932 – 01.1934.

Eingebettet in die sanft geschwungene Hügellandschaft der Feldberger Seenplatte liegt am Ufer des Carwitzer Sees ein kleines Dorf, das bis heute zu den malerischsten Orten Mecklenburg-Vorpommerns zählt: Carwitz. 1 Wasser, Wälder und weite Wiesen prägen die Szenerie – eine Landschaft, die den Schriftsteller Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen, bekannt als Hans Fallada (21.07.1893 in Greifswald - 05.02.1947 in Berlin), zu einem besonderen Lebensraum wurde.

Geprägt von dem Wunsch nach Rückzug und innerer Sammlung nach den durchlebten persönlichen Krisen verbrachte er hier zwischen 1933 und 1944 zusammen mit seiner Frau Anna („Suse“) und den drei Kindern die schöpferischsten Jahre seines Lebens. Nach dem großen Erfolg von „Kleiner Mann – was nun?“ konnte es sich die Familie leisten, die Belastungen des Berliner Großstadtlebens hinter sich zu lassen und in die Abgeschiedenheit des kleinen Fischerdorfes zu ziehen.

Abb. 3. 1934 an der Südseite des Wohnhauses errichtete Sommerveranda mit dem „Dreiecksbeet“. Zustand April 1936. Aus dem Familienalbum 02.1934 - 04.1936.Details anzeigen
Abb. 3. 1934 an der Südseite des Wohnhauses errichtete Sommerveranda mit dem „Dreiecksbeet“. Zustand April 1936. Aus dem Familienalbum 02.1934 - 04.1936.

Abb. 3. 1934 an der Südseite des Wohnhauses errichtete Sommerveranda mit dem „Dreiecksbeet“. Zustand April 1936. Aus dem Familienalbum 02.1934 - 04.1936.

Abb. 3. 1934 an der Südseite des Wohnhauses errichtete Sommerveranda mit dem „Dreiecksbeet“. Zustand April 1936. Aus dem Familienalbum 02.1934 - 04.1936.

Mit dem Kauf der Büdnerei Nr. 17 schufen Hans und Anna Ditzen einen Lebens- und Arbeitsort, der Rückzug und Selbstverwirklichung miteinander verband. Für Fallada bot das abgelegene Anwesen die Möglichkeit, sein schriftstellerisches Schaffen mit einem selbstbestimmten Leben inmitten der Natur zu verbinden. Gleichzeitig konnte er seinen Traum von einer kleinen Landwirtschaft verwirklichen.

Das Anwesen bestehend aus Wohnhaus, Scheune, Schuppen und Gartenflächen, wurde nach dem Kauf baulich umgestaltet und erweitert (Abb. 1-3). In zahlreichen Briefen und autobiografischen Schilderungen dokumentierte Fallada sorgfältig die intensive Arbeit am Haus und im Garten, die er als notwendigen Ausgleich zu seiner schriftstellerischen Tätigkeit verstand - als „Ausgleich gegen das viele Papier, das er beschmutzte“.2

Abb. 5. Steingarten am Seeufer, südlich des Wohnhauses. …In diesem Steingärtlein, das ihm doch gar keine Früchte trug, saß der Mann gerne einmal ein halbes Stündchen…“. Zustand 05.1939, aus dem Familienalbum 03.1939 – 05.1942.Details anzeigen
Abb. 5. Steingarten am Seeufer, südlich des Wohnhauses. …In diesem Steingärtlein, das ihm doch gar keine Früchte trug, saß der Mann gerne einmal ein halbes Stündchen…“. Zustand 05.1939, aus dem Familienalbum 03.1939 – 05.1942.

Abb. 5. Steingarten am Seeufer, südlich des Wohnhauses. …In diesem Steingärtlein, das ihm doch gar keine Früchte trug, saß der Mann gerne einmal ein halbes Stündchen…“. Zustand 05.1939, aus dem Familienalbum 03.1939 – 05.1942.

Abb. 5. Steingarten am Seeufer, südlich des Wohnhauses. …In diesem Steingärtlein, das ihm doch gar keine Früchte trug, saß der Mann gerne einmal ein halbes Stündchen…“. Zustand 05.1939, aus dem Familienalbum 03.1939 – 05.1942.

Auch in seinen literarischen Texten spiegeln sich die Carwitzer Jahre wider. In seinem autobiografisch geprägten Werk „Heute bei uns zu Hause“ beschreibt er eindrücklich die gärtnerische Arbeit, die Mühen der Selbstversorgung und die Freude über die Erträge. Die sich im Hans-Fallada-Archiv befindlichen Fotoalben der Familie lassen uns bis heute an diesen Szenen teilhaben.3 In Kinderbüchern wie „Fridolin, der freche Dachs“ oder „Geschichte vom getreuen Igel“ finden sich direkte Bezüge zur Carwitzer Landschaft und zum Garten selbst. Dieser war nicht nur Kulisse, sondern zugleich Inspirationsquelle und Arbeitsraum (Abb. 4-7).

Nach der Trennung blieb Anna Ditzen noch bis 1965 in Carwitz wohnen. Später nutzte der Kinderbuchverlag Berlin das Anwesen als Betriebsferienheim in einer Zeit, die nicht ohne Eingriffe in die ursprüngliche Bausubstanz und die Gartenstruktur blieb.

Doch Carwitz ließ Fallada nicht los. Seit den 1970er Jahren entstanden Initiativen, das Anwesen als Erinnerungsort zu bewahren, die zunächst durch das Literaturzentrum Neubrandenburg, später durch die Hans-Fallada-Gesellschaft, getragen wurden. 1995 öffnete schließlich das Hans-Fallada-Museum seine Türen, das sich seither zu einem Zentrum literarischer Erinnerungskultur von nationaler Bedeutung entwickelt hat. (Abb. 8)

Abb. 10. Sommerveranda mit dem darüber liegenden Balkon als neu geschaffene Verbindung zwischen dem Wohnhaus, dem Garten und der UmgebungDetails anzeigen
Abb. 10. Sommerveranda mit dem darüber liegenden Balkon als neu geschaffene Verbindung zwischen dem Wohnhaus, dem Garten und der Umgebung

Abb. 10. Sommerveranda mit dem darüber liegenden Balkon als neu geschaffene Verbindung zwischen dem Wohnhaus, dem Garten und der Umgebung

Abb. 10. Sommerveranda mit dem darüber liegenden Balkon als neu geschaffene Verbindung zwischen dem Wohnhaus, dem Garten und der Umgebung

Das Gelände des Gartens fällt sanft nach Süden zum Carwitzer See ab und ist klar gegliedert: in einen Nutz- und Blumengarten am Haus (Abb. 9-11), eine Obstwiese (Abb. 12-13) sowie ein Sitzbereich mit Steingarten am Seeufer, wo die Familie gern ihre gemeinsame Zeit verbrachte (Abb. 14-15). Das von Anna Ditzen gestaltete Dreiecksbeet vor der Sommerveranda am Haus verbindet bis heute das Wohnhaus mit dem Garten und symbolisiert ihre prägende Rolle im häuslichen Umfeld (Abb. 16).

Die Streuobstwiese, mit ihren historisch belegten Sorten nimmt den östlichen Teil des Anwesens ein. Ihre behutsame Instandsetzung in den Jahren 2013–2016 trug nicht nur zur Erhaltung der genetischen Vielfalt bei, sondern auch zur Bewahrung agrarhistorischer Traditionen. Der Einbezug eines Pomologen und die Nachzucht alter Sorten stellen ein Beispiel für den hohen wissenschaftlichen Anspruch der gartenpflegerischen Maßnahmen dar. Ergänzt wird die Anlage durch ein Bienenhaus, das Fallada errichten ließ und das 2017 saniert wurde. Es steht für Selbstversorgung und naturnahes Wirtschaften und fügt sich zugleich symbolträchtig in den Obstgarten ein.

Abb. 12. Die östliche Ansicht des Anwesens, im Hintergrund rechts das Wohnhaus mit Scheune, links das 2017 denkmalgerecht sanierte Bienenhaus.Details anzeigen
Abb. 12. Die östliche Ansicht des Anwesens, im Hintergrund rechts das Wohnhaus mit Scheune, links das 2017 denkmalgerecht sanierte Bienenhaus.

Abb. 12. Die östliche Ansicht des Anwesens, im Hintergrund rechts das Wohnhaus mit Scheune, links das 2017 denkmalgerecht sanierte Bienenhaus.

Abb. 12. Die östliche Ansicht des Anwesens, im Hintergrund rechts das Wohnhaus mit Scheune, links das 2017 denkmalgerecht sanierte Bienenhaus.

Die in Carwitz erlebbare Verbindung von Literatur und Garten eröffnet auch für die Gartendenkmalpflege eine besondere Dimension: Der Ort besitzt nicht nur architektonische und gartenhistorische, sondern auch immaterielle Qualitäten, die das Verständnis von Falladas Werk vertiefen. Besucher können beim Gang durch den Garten jene Atmosphäre erleben, die Fallada in seinen Büchern verarbeitete.

Die Bedeutung des Ortes ergibt sich demzufolge aus mehreren Faktoren: der biografischen Verbindung zu Hans Fallada, seiner orts- und kulturgeschichtlichen Bedeutung sowie den überlieferten gartenarchitektonischen Strukturen. Haus, Garten und Umgebung bilden eine Einheit, die zugleich Zeugnis einer entscheidenden Phase deutscher Literaturgeschichte ist. Folglich kann in diesem Zusammenhang auch von einer assoziativ aufgeladenen Kulturlandschaft gesprochen werden.

Abb. 16. „Anna’s Dreiecksbeet“, Blick aus der Veranda in den Garten und zum SeeDetails anzeigen
Abb. 16. „Anna’s Dreiecksbeet“, Blick aus der Veranda in den Garten und zum See

Abb. 16. „Anna’s Dreiecksbeet“, Blick aus der Veranda in den Garten und zum See

Abb. 16. „Anna’s Dreiecksbeet“, Blick aus der Veranda in den Garten und zum See

Darüber hinaus zeigt das Anwesen beispielhaft, wie Denkmale lebendige Erinnerungsorte sein können. Hier verbinden sich historische Forschung, denkmalpflegerische Praxis und literarische Vermittlung zu einem bedeutsamen Netzwerk, das weit über Mecklenburg-Vorpommern ausstrahlt. Carwitz ist damit nicht nur ein Ort der Erinnerung an Hans Fallada, sondern auch ein Beispiel für den gelungenen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Das heutige Erscheinungsbild des Anwesens ist das Verdienst der Hans-Fallada-Gesellschaft sowie des Museums und des Archivs in Carwitz. Hier zeigt sich exemplarisch, wie bürgerschaftliches Engagement, wissenschaftliche Expertise und kulturpolitische Unterstützung zusammenwirken können, um das kulturelle Erbe nicht nur zu bewahren, sondern auch aktiv zu vermitteln. So wird der frühere Wohn- und Arbeitsort Hans Falladas zu einem Ort kultureller Bildung und Inspiration. Seine Bedeutung erschöpft sich nicht allein in der Bewahrung historischer Substanz, sondern entfaltet sich im Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Fachwissenschaft und öffentlicher Wahrnehmung.

Dr. Ewa de Veer

Fußnoten

2 Hans Fallada Zitat im Podcast Lange Nacht: Hans Fallada. Er sah die Welt von unten von Eva Pfister. 05.10.2024

3 Der literarische Nachlass Falladas sowie weitere biografischen Archivalien werden im Literaturzentrum Neubrandenburg e.V., im Hans-Fallada-Archiv, aufbewahrt.

Weiterführende Literatur

Fallada, Hans: Heute bei uns zu Hause: ein anderes Buch Erfahrenes und Erfundenes. Hamburg, 1957.Fallada, Hans: Fridolin, der freche Dachs: eine zwei- und vierbeinige Geschichte. Berlin, 1965.

Fallada-Museum Carwitz (Online): Offizielle Webseite. https://fallada.de

Grewolls, Grete: Wer war wer in Mecklenburg-Vorpommern. Edition Temmen, Bremen 1995, S. 126.

Knüppel, Stefan; Kuhnke, Manfred: Das Hans-Fallada-Haus in Carwitz. Ein Museumsführer. 4. Auflage. Carwitz: Hans-Fallada-Gesellschaft, 2020

Walther, Peter: Hans Fallada: die Biographie. Berlin 2017

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