Die Wohnsiedlung Riemserort. Eine Kleinhaussiedlung der Nachkriegszeit.

Denkmal des Monats November 2018

Abb. 1. Riemserort, Hanse- und Universitätsstadt Greifswald, Wohnsiedlung, Lageplan von 1958.Details anzeigen
Abb. 1. Riemserort, Hanse- und Universitätsstadt Greifswald, Wohnsiedlung, Lageplan von 1958.

Abb. 1. Riemserort, Hanse- und Universitätsstadt Greifswald, Wohnsiedlung, Lageplan von 1958. Die die Siedlung im Norden abschließende Bebauung um den Rasenplatz mit Kindergarten, Schule und sechs Doppelwohnhäusern sind bis auf die bereits errichtete Schule im Lageplan noch nicht dargestellt.

Abb. 1. Riemserort, Hanse- und Universitätsstadt Greifswald, Wohnsiedlung, Lageplan von 1958. Die die Siedlung im Norden abschließende Bebauung um den Rasenplatz mit Kindergarten, Schule und sechs Doppelwohnhäusern sind bis auf die bereits errichtete Schule im Lageplan noch nicht dargestellt.

Riemserort ist eine Kleinhaussiedlung, die in der frühen Nachkriegszeit auf dem Gebiet der DDR geplant und gebaut wurde. Die Siedlung entstand zwischen 1953 und 1968 als Wohnsiedlung für die Mitarbeiter des Virusforschungsinstituts auf dem Riems (Friedrich - Loeffler – Institut), das aus Gründen der Isolation 1909 von Greifswald auf die Insel Riems verlegt worden war.

Planung und Baubeginn der Siedlung fielen in die Anfangsjahre der DDR, als der Wiederaufbau der durch den Zweiten Weltkrieg zerstörten Städte oberste Priorität hatte. Dass trotz der nachkriegsbedingten Ressourcenknappheit diese qualitätvolle Wohnsiedlung entstand, zeigt die hohe Bedeutung, die der Arbeit des Instituts beigemessen wurde.

Was aber zeichnet Riemserort im Besonderen aus?

Aus Gründen des Seuchenschutzes gehörte nicht nur der Riems sondern auch Riemserort zum Sperrgebiet. Die damit einhergehenden Härten für die Bewohner sollten durch eine bewusst aufgelockert und reizvoll angelegte Siedlung, einen guten Wohnstandart, Gartengrundstücke und eine vergleichsweise umfangreiche Ausstattung der Siedlung mit Gemeinbedarfseinrichtungen, wie einem Landwarenhaus mit Gaststätte und Friseur, Schule und Kindergarten kompensiert werden (Abb. 1).1

Das Siedlungsgebiet liegt exponiert auf einer Sanddüne. Es zieht sich entlang des Nordufers der Gristower Wiek und ist durch eine sehr bewegte Geländemodulation mit Höhendifferenzen von zum Teil 10 Metern gekennzeichnet (Abb. 2).

Von späteren Wohnsiedlungen auf dem Gebiet der DDR unterscheidet sich Riemserort hinsichtlich des städtebaulichen, architektonischen und landschaftsplanerischen Konzepts maßgeblich, das der Planung und dem Bau der Siedlung zugrunde lag. Denn in den Anfangsjahren der DDR waren das historische bauliche Erbe, die Berücksichtigung gewachsener Strukturen und das Prinzip des Organischen noch architektonische und städtebauliche Bezugspunkte.2 Sie finden sich deutlich in der Siedlung wieder, die Einflüsse der Gartenstadtbewegung, des malerischen Städtebaus und des organischen Städtebaus zeigt (Abb. 3).

Wichtige Elemente der Gartenstadtbewegung sind von Grünflächen durchzogene, aufgelockerte Siedlungsstrukturen, die Anordnung öffentlicher Gebäude an einem zentralen Platz, die Schaffung kostengünstiger, gesunder und bequemer Wohnungen mit angeschlossenen Gärten und die ausreichende Ausstattung von Siedlungen mit Versorgungseinrichtungen. Der Schwerpunkt des malerischen Städtebaus liegt indessen in der Schaffung atmosphärischer Stadt- bzw. Siedlungsräume durch beispielweise organisch geschwungene Straßenführungen und die bauliche Akzentsetzung innerhalb des Siedlungsgefüges. Das städtebauliche Konzept des organischen Städtebaus, das erstmals 1948 als organische Stadtbaukunst von Hans Bernhard Reichow in seinem gleichnamigen Buch beschrieben wurde, sind die Durchgrünung der Stadt- bzw. Siedlungslandschaft und die Einbeziehung vorhandener landschaftlicher Besonderheiten in den städtebaulichen Entwurf. Dieser sollte aus den gegebenen landschaftlichen Verhältnissen heraus entwickelt werden und die umgebende Landschaft quasi in die Siedlung hineinfließen lassen, so dass ein natürlich wirkendes Wohnumfeld entstand.3

Für die Wohnhäuser in Riemserort wurde aus Kostengründen auf Typenplanungen zurückgegriffen, die als ländliche Bauten vom Ministerium für Land- und Forstwirtschaft der DDR zentral betreut wurden. Einheimische Projektierungsbüros modifizierten die Typenentwürfe unter Berücksichtigung der örtlichen Bautradition und Standortbedingungen (Abb. 4). Einzig die Sonderbauten, die insbesondere der öffentlichen Versorgung dienten, und zwei Wissenschaftlerwohnhäuser wurden individuell geplant. Die Ausführung und Pflege der Außenanlagen, des Straßen- und Wegebaus, des Uferschutzes und die landschaftsgärtnerische Kulturarbeit lagen hingegen in der Verantwortung der technischen Abteilung des Friedrich - Loeffler - Instituts (FLI).4

Bei der Planung und beim Bau der Siedlung wurden ein bereits Ende der 1920er Jahre für die Riemser Forschungsanstalt auf dem Festland entstandener Kraftfahrerkomplex sowie zwei Mehrfamilienhäuser aus den 1930er Jahren stimmig in das Siedlungsgefüge mit einbezogen (Abb. 3, Abb. 5).

Die Wohnsiedlung besteht außer oben genannter Bestandsbauten der 1920er und 1930er Jahre aus neun Einfamilienwohnhäusern, 28 Doppelwohnhäusern und fünf Mehrfamilienwohnhäusern. Vier Sonderbauten, die vorwiegend der öffentlichen Versorgung und als Betreuungseinrichtungen dienten, und der Fuhrparkkomplex der 1920er Jahre setzen innerhalb der Siedlung städtebauliche Akzente.

Ein Großteil des vorhandenen, zumeist organisch geschwungenen Wegesystems wurde in den städtebaulichen Entwurf mit einbezogen, wie beispielsweise der von Süden nach Osten verlaufende Verbindungsweg zur Insel Riems, heute An der Wiek, oder die Wegeverbindung zum Gut Kalkvitz, heute Ringstraße (Abb. 6). Wie die Bestandswege folgen auch die neu angelegten Siedlungsstraßen den topografischen Gegebenheiten, so dass sie bis auf kleinere Teilstücke ebenfalls als geschwungenes Straßennetz ausgebildet sind. Drei separate Fußwege wurden innerhalb der Siedlung angelegt, wovon zwei als Verbindungswege zwischen den Straßen dienten. Ein Dritter führt als Panoramaweg mit malerischem Ausblick auf die Gristower Wiek, leicht erhöht zwischen der Straße An der Wiek und der Bebauung Am Rundling entlang (Abb. 7).

Unter Berücksichtigung der bewegten Topografie und Straßenführung sind die Siedlungsbauten, die in der Hauptsache als ein- und zweigeschossige Einzel-, Doppel- und Mehrfamilienhäuser konzipiert sind, überwiegend auf den höchsten Erhebungen in offener Einzelbauweise traufständig und teilweise zueinander leicht versetzt angeordnet. Die Siedlungsbauten der 1950er Jahre zeigen die typische Gestaltung ihrer Zeit, die noch einen engen Bezug zur Architektur der 1930er Jahre aufweist, hier der Heimatschutzarchitektur. Die Architektur der 1960er Jahre ist demgegenüber weiter reduziert gestaltet.

Die Grundstücke sind stark durchgrünt und in der Regel durch Hecken eingefasst. Sie besitzen zumeist Großbaumbestand, der durch Schwarzkiefern und zum Teil Birken dominiert wird. Insbesondere im südlichen und östlichen Teil der Siedlung ist der Großbaumbestand so dicht, dass er die Bebauung hier als grüner Saum einfasst.

Die das Gesamtbild bestimmende Freiflächengestaltung ist von zwei Gestaltungsansätzen geprägt. Die hausnahen Bereiche sind in der Regel durch eine architektonische Grundhaltung gekennzeichnet. Dies zeigt sich in den gleichmäßig angeordneten Heckenstrukturen der Grundstückseinfassungen, den Rasenflächen mit punktuell intensiv gestalteten Zierbeeten und Obstbäumen sowie den meist mit Betonschrittplatten belegten Wohnwegen, die geradlinig auf die Wohngebäude zu- und um diese herumgeführt wurden (Abb. 8).

Im Vergleich dazu ist die übergreifende Freiflächengestaltung von einer naturnahen Grundhaltung geprägt, die sich der Vorbilder aus der umgebenden Landschaft bedient: Eine typische Kiefernlandschaft, die sich innerhalb der Dünenlandschaft erhebt (Abb. 3).5

Innerhalb der Siedlung ist deutlich eine Hierarchisierung festzustellen. So weisen die der öffentlichen Versorgung und Betreuung dienenden Gebäude sowie das Professorenwohnhaus abweichend zu der übrigen Bebauung L- bzw. T-förmige Grundrisse auf, deren Grundrissausdehnung und Grundstücksgröße außerdem meist deutlich größer ausgelegt ist. Die Abweichungen zum übrigen Gebäudebestand sind so deutlich, dass diese Bauten als Sonderbauten anzusprechen sind.

Die der öffentlichen Versorgung und Betreuung dienenden Gebäude: das Landwarenhaus mit Gaststätte, die Schule und der Kindergarten sind im Norden der Siedlung angeordnet. Schule und Kindergarten liegen an einem trapezförmigen Rasenplatz, der das Siedlungsgefüge hier großzügig öffnet. Dieser Bereich ist als öffentliches Zentrum der Siedlung anzusehen, das zugleich einen städtebaulichen Akzent innerhalb der Siedlungsanlage setzt.

Das Wohnhaus des Professors wirkt angesichts des dichten Großbaumbestands, der das Grundstück vorrangig prägt, im Vergleich zu den öffentlichen Gebäuden deutlich abgeschirmt. Das Professorenwohnhaus mit zugehörigem Grundstück setzt infolgedessen im Osten der Siedlung einen dem offen konzipierten öffentlichen Zentrum im Norden entgegengesetzten Akzent (Abb. 9).

Die Häuser, die Freiräume, Gehölzpflanzungen und der Großbaumbestand sind gestalterisch so stark miteinander verzahnt, dass ein ausgesprochen malerisches Siedlungsbild entsteht (Abb. 10). Die naturhafte Ausbildung und hohe Strukturvielfalt der übergreifenden Freiflächengestaltung bindet die Siedlung darüber hinaus fest in die Landschaft ein. Zusammen mit der bewegten Geländemodulation führt dies zu einem hohen landschaftlichen Reiz und einer unverwechselbaren Eigenart der Wohnsiedlung Riemserort.

Als ein für Mecklenburg – Vorpommern einmaliges noch erhaltenes Beispiel einer Kleinhaussiedlung der Nachkriegszeit, in der das vorherrschende Bild von Städtebau, Architektur und Landschaftsarchitektur in der noch jungen DDR in bemerkenswerter Gestaltungsqualität umgesetzt wurde, besitzt die Siedlung eine hohe geschichtliche, wissenschaftliche und städtebauliche Bedeutung sowie Seltenheitswert, die das öffentliche Erhaltungsinteresse gemäß § 2 Abs. 1 und 2 DSchG M-V begründen. Infolgedessen wurde die Siedlung mit Einzelbauten, den Grünanlagen und zugehörigen Freiflächen 1994 als Denkmal erkannt und folgerichtig in die Denkmalliste der Universitäts- und Hansestadt Greifswald eingetragen.

Wie viele Kleinhaussiedlungen unterliegt auch Riemserort angesichts geänderter Wohn- und Mobilitätsanforderungen einem starken Instandsetzungs- und Veränderungsdruck, der das charakteristische Erscheinungsbild der Siedlung gefährdet.

Deshalb wird zurzeit die aus dem Jahr 1999 stammende Denkmalpflegerische Zielstellung als Denkmalschutz- und Pflegeplan fortgeschrieben, der außer der Sensibilisierung für die Besonderheit der Siedlung als Unterstützung und Leitlinie für umsichtige Anpassungen an moderne Wohnerfordernisse im Innen- und Außenbereich dienen soll.

Angesichts der Vielfalt der Eigentümer- und Nutzerinteressen ist und bleibt es eine große Herausforderung, einen angemessenen Ausgleich zwischen dem öffentlichen Belang des Denkmalschutzes und den privaten Belangen der Bewohner dieser herausragenden Siedlung zu finden.

Annette Krug


1 Teubner H.: Fünfzig Jahre Insel Riems, in: Archiv für Experimentelle Veterinärmedizin, hrsg. von Prof. Dr. H. Röhrer, Bd. XIV, 1960, Heft 5, S. 802f.

2 Erläuterungen zu den sechzehn Grundsätze des Städtebaus, in: Bolz, Lothar: Von deutschem Bauen. Reden und Aufsätze, Berlin (Ost): Verlag der Nation 1951, S. 37-52, S. 55f.

3 Sitte, Camillo: Der Städte-Bau nach seinen künstlerischen Grundsätzen, o. O. 1889.

Sabine Brinitzer: Hans Bernhard Reichow (1899-1974). Eine "organische" Architekturgeschichte
In: DAM: Jahrbuch für Architektur 1991, S. 270 ff.

Lubitz, Jan: architekten – portrait: Hans Bernhard Reichow 1899 – 1974, http://architektenportrait.de/hans_bernhard_reichow/

4 Archiv FLI, Aktenvermerk vom 03.05.1957

5 Hinweis Frau Dr. Rolka, Gartendenkmalpflege LAKD M-V/LD


Quellen / Literatur

Teubner H.: Fünfzig Jahre Insel Riems, in: Archiv für experimentelle Veterinärmedizin, hrsg. von Prof. Dr. H. Röhrer, Bd. XIV, 1960, Heft 5.

Erläuterungen zu den sechzehn Grundsätze des Städtebaus, in: Bolz, Lothar: Von deutschem Bauen. Reden und Aufsätze, Berlin (Ost): Verlag der Nation 1951.

Sitte, Camillo: Der Städte-Bau nach seinen künstlerischen Grundsätzen, o. O. 1889.

Sabine Brinitzer: Hans Bernhard Reichow (1899-1974). Eine "organische" Architekturgeschichte
In: DAM: Jahrbuch für Architektur 1991.

Lubitz, Jan: architekten – portrait: Hans Bernhard Reichow 1899 – 1974, http://architektenportrait.de/hans_bernhard_reichow/

FLI Riems, Archiv, H 60 (Aktenvermerk vom 03.05.1957)

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