Von Schollen, Blasen, Krakelee - Die Restaurierung des Marienaltars in der Kirche in Recknitz

Denkmal des Monats Juli 2018

Abb. 1. Aufnahme vor Beginn der Restaurierung  am Standort in einer Mauernische unter der Orgel.Details anzeigen
Abb. 1. Aufnahme vor Beginn der Restaurierung  am Standort in einer Mauernische unter der Orgel.

Abb. 1. Aufnahme vor Beginn der Restaurierung am Standort in einer Mauernische unter der Orgel.

Abb. 1. Aufnahme vor Beginn der Restaurierung am Standort in einer Mauernische unter der Orgel.

Der auf das Jahr 1420 datierte Marienaltar in der Dorfkirche Recknitz bei Güstrow wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts wie so viele mittelalterliche Altäre in unseren Kirchen durch einen dem Zeitgeschmack entsprechenden Hauptaltar ersetzt. Er fand in einer Wandnische unterhalb der Orgelempore einen neuen, jedoch klimatisch äußerst ungünstigen Standort und musste zudem dafür passend gemacht werden, indem der linke Kastenflügel gekürzt und die Malflügel getrennt aufbewahrt wurden (Abb. 1). Ein Teil des linken Kastenflügels wurde, wie eine historische Aufnahme zeigt, dabei als Lückenfüller auf der rechten Seite verwendet (Abb. 2).

Nachdem über viele Jahre immer wieder, hauptsächlich durch Restauratoren des damaligen Instituts für Denkmalpflege, Notsicherungsmaßnahmen durchgeführt wurden, begannen 1992 erste umfangreichere Restaurierungsarbeiten, die aber 2001 abgebrochen und Teile des Altars im Landesamt für Denkmalpflege eingelagert werden mussten. Die Schäden der noch originalen und nicht überarbeiteten Fassmalerei waren trotz vorangegangener Konservierungs,- und Sicherungsmaßnahmen enorm und betrafen in besonderem Maß die Goldhintergründe und Malereien, die auf Grund des äußerst empfindlich auf Feuchtigkeitsschwankungen reagierenden Holzträgers stark gelockert waren (Abb. 3). Durch den latent vorhandenen Schimmelbefall gelang eine erneute Verklebung mit dem Untergrund nur sehr schwer (Abb. 4). Auf Initiative des Landesamtes für Denkmalpflege konnte dann 2003 die Hochschule für bildenden Künste Dresden für eine Restaurierung zunächst der Figurenseite des rechten Kastenflügels im Rahmen einer Diplomarbeit gewonnen werden.

Damit begann eine gut zehnjährige Bearbeitung des Altars an der Hochschule mit drei Diplomarbeiten und einer jahrelangen studentischen Arbeit bei der Konservierung und Restaurierung des fragilen Kunstwerks.

Die Diplomarbeiten befassten sich mit der Skulpturenseite des rechten Kastenflügels, den Tafelmalereien desselben Flügels und den Tafelmalereien eines Malflügels. Alle anderen Arbeiten an den Figuren, den Goldhintergründen des Mittelschreins und die holztechnische Bearbeitung wurde über die Jahre von Studierenden der Fachklasse Restaurierung im Rahmen ihrer Ausbildung durchgeführt.

Der Zustand, besonders der der Malereien und der Goldhintergründe, erforderte ungewöhnliche Maßnahmen, die auch in der Restaurierungspraxis der Hochschule nicht alltäglich waren. An der Figurenseite des rechten Kastenflügels, welcher 2003-2004 den Auftakt für die Arbeiten bildete, war bereits die Konservierung von nicht unerheblichen Schwierigkeiten gekennzeichnet. Als besonders problematisch erwies sich dabei die Entfernung der vollflächigen Sicherungsbeklebung mit Japanpapieren, die in der oben erwähnten ersten Phase der Restaurierung aufgebracht wurde (Abb. 5-6). Es zeigte sich wieder einmal, dass solche Beklebungen nur für kurze Zeit und nicht, wie in diesem Fall, über einen längeren Zeitraum auf dem Objekt verbleiben können.

Kompliziert erwies sich dann auch noch das Niederlegen der dachförmig aufstehenden Krakeluren im Goldhintergrund. Dieses Schadensbild entsteht durch das Schrumpfen der Holztafel, ohne dass das starre Malschichtpaket diesen horizontalen Bewegungen folgen kann. Somit wird das feine Krakelee durch die auftretenden Scherkräfte an den Risskanten gegeneinander geschoben. Durch diesen Prozess hat sich letztlich die Fläche der Maltafel, nicht aber die des aufliegenden Malschichtpakets verringert, so dass die Malschicht nur unter Fassungsverlusten niedergelegt werden konnte, wollte man ein Verpressen der Malschicht verhindern. Dazu mussten die aufstehenden Schollen partiell an Bruchrändern beschnitten, bzw. gebrochen werden, um so Platz zu schaffen, damit die Fassung wieder plan mit dem Träger verklebt werden konnte (Abb. 7). War dies in diesem Fall, einem mehr oder weniger monochromen Goldhintergrund, noch relativ problemlos möglich, sollte es für die Restaurierung der Malereien auf der Kastenaußenseite, dem Diplomobjekt des folgenden Jahres, zu einer echten Herausforderung werden. Diese Malereien waren hier zu gut 80% vom Träger gelöst (Abb. 8). Dabei erhob sich das Malschichtpaket inklusive Grundierung in der Bildmitte bis auf eine Höhe von etwa 1,8 cm über den Holzträger und zeichnete sich in Form von mehreren zusammenhängenden durch stabile Inseln unterbrochenen Blasen aus (Abb. 9). Durch Risse und Einbrüche innerhalb der Malschicht wurde zudem deutlich, dass Überlappungen der Rissränder und Materialeintrag unter der Malschicht ein einfaches Niederlegen letztlich unmöglich machen würde.

Nach Auftragen von Isolierschichten erfolgte dann zur Stabilisierung das Aufbringen eines Facings aus Seidengewebe und durch gezielte Schnitte konnten im Anschluss die einzelnen Bildfelder abzüglich stabiler Inseln vom Untergrund gelöst und in einem Klimazelt unter kontrollierter Feuchte langsam geglättet werden (Abb. 10-11). Nach der Vorbereitung des Trägers erfolgten dann zu einem späteren Zeitpunkt die Rückübertragungder einzelnen Szenen auf den Bildträger und noch notwendige Kittungen und Retuschen.

Nicht ganz so dramatisch verliefen die Arbeiten beim dritten Diplom an einem der Malflügel, wo durch eine aufwändige Konservierung der Malschicht und gezielte Kittungen und Retuschen eine Stabilisierung und optische Beruhigung erreicht werden konnten.

Im Rahmen von Semesterarbeiten konnten dann durch die Studierenden auch der Mittelschrein und die einzelnen Figuren konservatorisch und restauratorisch bearbeitet werden. Dabei war es das Ziel, dass die, wenn auch fragmentarisch, so doch noch reichlich vorhandene originale Fassmalerei ohne größere Ergänzungen und Eingriffe bewahrt blieb. Die erreichten Ergebnisse dieser enorm zeitaufwändigen Arbeiten zeigen die vor und nach der Restaurierung des Mittelschreins aufgenommenen Fotos (Abb. 12-13). Lediglich an besonders störenden kleineren Fehlstellen innerhalb geschlossener Bereiche wurden Kittungen und Retuschen vorgenommen.

Schwierig war, wie auch bei den bereits behandelten Stücken, vor allem die Festigung der losen Malschicht, die mehrmals wiederholt werden musste. Um eine erneute Nutzung und Wandlung des Altars sowie die Montage der Malflügel zu gewährleisten, war es auch erforderlich, den Schrein, speziell den gekürzten linken Kastenflügel, wieder auf sein ursprüngliches Maß zu bringen. Dabei wurde auch die zugeschnittene linke Ecke des Flügels wieder mit integriert. Um die Rekonstruktion als deutliche Zutat sichtbar zu belassen, verblieb sie holzsichtig (Abb. 14). Nach der Fertigstellung soll der Altar auf einer gemauerten Mensa mit einer neu anzufertigenden, einfachen Predella als Nebenaltar in die Kirche zurückkehren. Hier zeigte sich allerdings leider das Dilemma der baulichen Unzulänglichkeiten, die es vor einer zumindest teilweisen Sanierung des Innenraumes unmöglich machen, den aufwändig restaurierten und immer noch hochsensiblen Altar zurückzuführen, so dass vorerst, sollte der Altar in Kürze fertiggestellt werden, eine Ausweichmöglichkeit gefunden werden muss.

Frank Hösel

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