Die Kultstätte der Neutempler bei Prerow

Denkmal des Monat Mai 2017

Abb. 1. Prerow, Lkr. Vorpommern-Rügen, Kultstätte, von Süden, 2017 Details anzeigen

Abb. 1. Prerow, Lkr. Vorpommern-Rügen, Kultstätte, von Süden, 2017

Abb. 1. Prerow, Lkr. Vorpommern-Rügen, Kultstätte, von Süden, 2017

Abb. 1. Prerow, Lkr. Vorpommern-Rügen, Kultstätte, von Süden, 2017

Im Hinterhof der Herberge "Hertesburg" südöstlich von Prerow steht, innerhalb eines Ringwalles eine Holzkonstruktion, die der Besucher auf den ersten Blick als extravagantes Gartenhaus interpretieren könnte. Tatsächlich ist das Haus auf dem Turmhügel bereits wesentlich älter als die Herberge und erzählt eine komplett andere Geschichte (Abb. 1-11).

Das ungewöhnliche Gebäude wurde 1927 erstmals im Zentrum einer Burganlage des späten 13. Jahrhunderts errichtet und diente als Kultstätte der Neutempler. Der Holzbau besitzt die Form eines Nurdachhauses und ist über einem annähernd quadratischen Grundriss ausgebildet. Im Norden erhebt sich aus dieser Struktur eine turmartige Erhöhung mit zwei Anräumen, welche mit Pultdächern überfangen sind. Der zentrale Eingang erfolgt von Süden in der Achse zum einzigen Zugang des Turmhügels. Neben dem großen Reetdach prägt eine einfache, vertikale Bretterverkleidung mit aufgenagelten Leisten die Außenansicht der Kultstätte.

Besonders ins Auge fällt das breitauslaufende, spitzförmige Sprossenfenster oberhalb der Tür, welches sich in 147 quadratische Teile gliedert. Im Innenraum dominiert eine Spitztonne den Raumeindruck. Zu den Seiten trennen je zwei hölzerne Pfeiler Nischen von dem Bereich der Tonne ab. Sämtliche Wände sind mit einer Holzverkleidung versehen, welche im heutigen Zustand aus den 70er Jahren stammt. Im Bereich des Turmes ist der Grundriss eingezogen. Dort befand sich der kultisch wichtigste Ort der Anlage mit einer Art Altar. Die Belichtung über das sehr große Spitzbogenfenster fokussiert diesen Abschnitt zusätzlich. Die zwei schmalen Nebenräume, welche nach Westen und Osten von dem ehemaligen Altarbereich abgehen, lassen ihre ursprüngliche Gestaltung nicht mehr nachvollziehen. Sie werden heute als Abstellraum und Kochnische benutzt. Der Hauptraum dient saisonal als Versammlungsort, Diskothek oder als Lager.

Ursprünglich wurde das Gebäude von dem Neutempler Georg Hauerstein dem Jüngeren errichtet. Zu seiner endgültigen Fertigstellung 1930 bildete es gemeinsam mit einem Standort in Dietfurt die einzigen deutschen Niederlassungen des sogenannten "Ordens", der um 1900 in Wien entstand. Dort gründete Josef Adolf Lanz die Gruppierung und hinterließ dem Standort Prerow Jahrzehnte später eine handgemalte Fahne, deren Halterung bis heute an der Südseite des Turmes vorhanden ist.

Die Ideenwelt der Neutempler war von rassistischen und antisemitischen Annahmen durchzogen. Ihre Mitglieder standen dem später aufkommenden Nationalsozialismus nahe. Dieser Aspekt wirkte sich auf die Auswahl des Standortes bei Prerow aus, da Hauerstein die Ringburg irrtümlich als einen germanischen Bau interpretierte. Auch die Gesamtstruktur des Gebäudes wurde nicht zufällig gewählt. Die Gliederung in Spitztonne und Seitennischen lässt an die Unterteilung in Haupt- und Nebenschiff der christlichen Sakralarchitektur denken. Der eingezogene Bereich mit seinen Anräumen scheint der Ordnung von Altar und anliegender Sakristei zu entsprechen.

Die "Fratres" genannten Mitglieder stammten im Falle der Prerower Kultstätte zum Großteil vermutlich aus Ungarn und unterhielten den sogenannten "Hertesburg-Versand", der Neutempler-Literatur in Deutschland verbreitete. Zudem wurden laut Aussagen Hauersteins zahlreiche Trauungen in dem Gebäude der Kultstätte vollzogen. Nach nur 5 Jahren Nutzung wurde die Gruppierung 1935 zum Verkauf ihres Grundstückes gezwungen, da dieses sich im Bereich des von Hermann Göring geplanten Nationalpark Darß lag.

Die in einem Ringwall gelegene ehemalige Kultstätte bei Prerow ist als bauliches Zeugnis der völkisch-religiösen und mit der Ideologie des Nationalsozialismus verflochtenen Organisation der Neutempler von hohem kultur- und zeitgeschichtlichem Wert. Das Bauwerk dokumentiert die einzige Niederlassung dieser Gruppierung in Norddeutschland. Durch die gut erhaltene innere und äußere Struktur des Gebäudes, das erfreulicher Weise seit Jahren durch regelmäßige Pflege in seinem Bestand gesichert wird, lässt sich der Zustand zur Erbauungszeit unmittelbar nachvollziehen.

Wiebke Krieger

Literatur

Walter Paape, Im Wahn des Auserwähltseins. Die Rassereligion des Lanz von Liebenfels, der Neutemplerorden und das Erzpriorat Staufen in Dietfurt. Eine österreichisch-deutsche Geschichte, Meßkirch 2015, S. 2257-230.

Nicolas Goodrick-Clarke, Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, (The occult roots of Nazism, 1985), Wiesbaden 2004, S. 105-110.

Denkmal des Monats Mai 2017

Die Kultstätte der Neutempler bei Prerow

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