Schon lange kalt… Reste eines Kalkbrennofens bei Sassnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen

Fund des Monats Oktober 2021

Abb. 1: Stubnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. Mittels eines improvisierten Fotogestänges werden Aufbau und Tiefe des bei Bauarbeiten im Tierpark Sassnitz angeschnittenen Kanals erkundet.Details anzeigen
Abb. 1: Stubnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. Mittels eines improvisierten Fotogestänges werden Aufbau und Tiefe des bei Bauarbeiten im Tierpark Sassnitz angeschnittenen Kanals erkundet.

Abb. 1: Stubnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. Mittels eines improvisierten Fotogestänges werden Aufbau und Tiefe des bei Bauarbeiten im Tierpark Sassnitz angeschnittenen Kanals erkundet.

Abb. 1: Stubnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. Mittels eines improvisierten Fotogestänges werden Aufbau und Tiefe des bei Bauarbeiten im Tierpark Sassnitz angeschnittenen Kanals erkundet.

Im Januar 2020 fanden im Tierpark Sassnitz Erd­arbeiten für die Erweiterung des Wild­schwein­geheges statt. Beim Heran­baggern an den Hang des sogennanten Fahren­bergs wurde ein Stück Ziegel­mauer­werk angeschnitten. Dem Baubetrieb fiel außerdem ein dahinterliegender Hohlraum auf. Kurze Zeit später machten sich der ehrenamtliche Boden­denkmal­pfleger Wolfram Pitzke und der Stadt­archivar Frank Biederstaedt vor Ort ein Bild von dem gemeldeten Befund.

Zunächst war unklar, was sich dort verbarg. Spekula­tionen machten die Runde über einen Bunker, Verstecke des 2. Weltkrieges oder Reste eines geheimen Militär­projektes. Doch die Recherche im Stadt­archiv Sassnitz führte schnell zur Lösung des Rätsels: Der Bagger hatte sehr wahr­scheinlich Reste eines historischen Kalk­brenn­ofens angeschnitten. Rußschwarze Ziegel­reste, gebrannter Lehm, Asche und Holz­kohle ließen auf thermische Prozesse schließen. Erkennbar war außerdem ein waagerecht in die Kreide eingegrabener Kanal mit vierkantigem Querschnitt (0,4 x 0,4 m). Das Ausleuchten des Kanals vom Eingang war erfolglos, doch mit Hilfe einer Messlatte (5 m), Klebeband, Smartphone und Taschenlampe gelang es dann schließlich, in das Innere hineinzublicken und es auch auszumessen. Die messbare Länge des Kanals beträgt 4,6 m; der Kanal biegt am Ende nach links ab und ist dann nicht mehr einsehbar. Seine Wandungen sind aus Feldsteinen und Ziegeln in Trockenmauerwerk ausgeführt bzw. teils mit Lehm "vermörtelt", die Abdeckung besteht aus quer gelegten Ziegelsteinen. Die Formate der verwendeten Ziegel (5 x 13 x 27 cm) erhärteten die Annahme, dass der Befund aus dem 19. Jahrhundert, vielleicht aber auch schon aus der Schwedenzeit stammen könnte. Aufgehendes Mauerwerk wurde nicht beobachtet; es war offenbar nach Beendigung des Betriebes abgetragen oder durch rutschendes Hangmaterial zerstört worden. Ein Blick auf die "Special Charte der Insel Rügen – nach den neuesten Messungen unter Benutzung aller vorhandenen Flurkarten entworfen und Seiner Majestät dem Könige Friedrich Wilhelm III allerunterthänigst zugeeignet von Friedrich v. Hagenow – Gravirt u. gedruckt im Königl. lithograph. Institut d. gr. Generalstabes 1829" bestätigt mit dem Eintrag "Kalkbrennerei" den Standort eines Kalkofens an der Stelle des heutigen Tierparks.

Die waagerechte Lage des Kanals spricht für die Funktion als Luftzuleitung für das Feuer im Ofen, über die auch Aschereste entfernt werden konnten. Der Ofen selbst wird eine gemauerte Hohlform mit dicken Wänden gewesen sein, in dem ein starkes Holzfeuer den an den Rändern oder als Lagen aufgeschichteten Kalkstein "verbrannte". Eine Beschreibung von Adolf Christian Siemssen (Siemssen 1791) illustriert die Füllung und Gestalt eines gängigen Kalkbrennofens in Mecklenburg kurz vor 1800: "… Man streicht den Kalk wie Ziegel, und bringt selbige nach geläufiger Trocknung in den dazu verfertigten Ofen. Ein Ofen, worin Erdkalk gebrannt wird ähnelt völlig einem ungewölbten Ziegelofen. Er besteht aus 4 Wänden, an der Vorderseite sind die Schürlöcher und an jeder Seite Zuglöcher …".

Kalkstein (CaCO₃), in diesem Fall Kreide, gibt unter hohen Temperaturen (ca. 900-1200 °C) Kohlendioxid (CO₂) ab. Der dabei entstehende Branntkalk (CaO) ist das Ausgangsprodukt für sogenannten "Löschkalk" (mit Wasser angemacht) und stellt ein wichtiges Ausgangsprodukt und Rohmaterial für das Baugewerbe zum Mauern, Tünchen u. ä. dar. Kalk ist in Nordostdeutschland über verlagerte ältere Gesteine, als Platten ("Kreideschollen") oder kleinere Geschiebe, verfügbar. Anstehende Kreide ist in Mecklenburg-Vorpommern an den Steilküsten Rügens und stellenweise auch in den Aufwölbungen über den Salzstöcken zugänglich. Außerdem spielte bis in das frühe 20. Jahrhundert auch holozäner Wiesenkalk als Ausfällungsprodukt ehemaliger Gewässer und sogar kalkreicher Mergel aus glazialen Moränen eine Rolle. Branntkalk wurde nicht nur in den dafür errichteten Kalkbrennereien, sondern auch von Ziegeleien und Glashütten hergestellt.

Bei der Suche nach historischen Quellen zum Kalkbrennofen bei Sassnitz wird man in Johann Gottfried Grümbkes Buch "Streifzüge durch das Rügenland" (1803/1805) fündig. Er beschreibt eine Kalkbrennerei, die wenige hundert Schritt nördlich des damaligen Dorfes Sassnitz direkt am Hang lag. Der Kalkofen befand sich wenige Meter vom Wohnhaus des Betreibers dieses Ofens entfernt und wurde zweimal im Jahr beschickt. Grümbke traf den Meister beim "Streichen von Lehmsteinen" an, womit er das von Siemssen beschriebene Verfahren (siehe oben) der Formung der Kreide vor dem Brennen und nicht die Herstellung von Ziegelsteinen beobachtete. Die abgebaute Kreidemasse musste zu Blöcken geformt werden, um sie im Ofen luftdurchgängig aufschichten zu können. Wohl ebenfalls von Grümbke stammt eine kleine Aquarellskizze, die den Titel "Des Kalkbrenners Wohnung bei Saßsnitz" trägt und ein einfaches Fachwerkgebäude mit Strohdach vor einem Kreidebruch im Hintergrund zeigt (Goes 1998, 10; hier: Kalenderblatt Mai 98).

Am Hang des als Steinbachtal oder auch Krenzer Bach bezeichneten Einschnittes sind noch heute die steilen Abbauhänge erkennbar, an denen die Kreide gewonnen wurde. Die Lage des Kalkofens unmittelbar am Abbauhang ist nicht untypisch, konnte der Ofen so doch einfach über eine Rampe von oben gefüllt werden. Das Kalkbrennen soll hier nur periodisch und im Nebenerwerb durchgeführt worden sein. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde das Brennereigehöft ausweislich schriftlicher Quellen (Amtsblätter der Königlichen Regierung zu Stralsund, 1834, 1842 und 1844) nach mehrmaligem Besitzerwechsel verkauft und wegen seines schlechten Zustandes 1844 zum Abriss ausgeschrieben. Kalkbrennerei im Nebenerwerb war ein zunehmend weniger ertragreicher Zweig der Verwertung, Branntkalk war nämlich inzwischen aus industrieller Produktion billiger zu beschaffen. Der Kreideabbau ging jedoch weiter; der neue Besitzer, wahrscheinlich der Kaufmann Magnus Küster, ließ den Tagebau sogar erweitern. Wohl um 1848 endete aber der Abbau der Kreide an dieser Stelle. Als Ersatz wurde nördlich des heutigen Sportplatzes ein neuer Tagebau ("Küsterbruch") aufgefahren. Von dort musste ein tiefer und recht langer Tunnel bis zur Schlämmerei am alten Bruch im Steinbachtal gebaut werden. Als Ende des 19. Jahrhunderts auch der neue Tagebau erschöpft war und Küster wieder nach einer neuen Abbaumöglichkeit suchte, kauften einige Konkurrenten die Grundstücke südlich des Küsterbruchs auf, um eine Erweiterung in diese Richtung zu blockieren. Man hoffte, ihn so zur Aufgabe des Kreideabbaus zwingen zu können, denn auch eine Erweiterung in Richtung Norden schien ausgeschlossen. Dort begann der preußische Staatswald und man rechnete nicht damit, dass Küster eine Genehmigung zur Erweiterung des Bruches in Richtung des Waldes erhalten würde. Der Staat reagierte aber anders als erwartet und wollte sich die Einnahmequelle nicht versagen; also erhielt Küster doch die Erlaubnis, seinen Tagebau nach Norden auszudehnen. Der Schachzug seiner Konkurrenten erwies sich damit als nutzlos.

Der 2020 im Tierpark entdeckte gemauerte Kanal ist also ein beredtes Zeugnis für die Industriegeschichte Rügens, deren Spuren nur noch selten erkennbar und erhalten sind. Der Brennofenrest wird seit 2020 unter der Fundplatznummer 117 der Gemarkung Stubnitz, Landkreis Vorpommern-Rügen, als Bodendenkmal geführt.

Frank Biederstaedt, Wolfram Pitzke und Dr. C. Michael Schirren

Literatur

Ansorge 2000: Jörg Ansorge, Mittelalterliche Kalkbrennerei in Vorpommern. In: U. Müller (Hrsg.), Handwerk – Stadt – Hanse. Ergebnisse der Archäologie zum mittelalterlichen Handwerk im südlichen Ostseeraum. Kolloquium Greifswald 1998. Frankfurt/Main 2000, 131-144.

Ansorge 2005: Jörg Ansorge, Kalkbrennerei und Ziegelherstellung. In: H. Jöns, F. Lüth, H. Schäfer (Hrsg.), Archäologie unter dem Straßenpflaster. 15 Jahre Stadtkernarchäologie in Mecklenburg-Vorpommern. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns 39, Schwerin 2005, 307-310.

Goes 1998: Walter Gustav Goes, Unbekannte Aquarelle von Indigena. Arbeiten von Johann Jacob Grümbke aus einer Greifswalder Privatsammlung. Rugia Journal 1998, 18-20 (hier S. 10 Kalenderblatt Mai [19]98).

Grümbke 1805: Johann Jacob Grümbke, Streifzüge durch das Rügenland. In Briefen von Indigena. Altona 1805.

Siemssen 1791: Adolf Christian Siemssen, Bemerkungen und Erfahrungen über die Erde im Meklenburgischen und deren Verschiedenheit. Magazin für die Naturkunde und Oekonomie Meklenburgs 1, 1791, 26-54.

Rudolph 2015: Wolfgang Rudolph, Die Insel Rügen. Rostock 2015.

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