Wie kam der Siegelstempel des Ratzeburger Bischofs Ludolf I. (1236-1250) nach Klütz, Lkr. Nordwestmecklenburg?

Fund des Monats September 2022

Abb. 1. Oberklütz, Lkr. Nordwestmecklenburg. Siegelstempel des Bischofs Ludolf von Ratzeburg (1236-1250).Details anzeigen
Abb. 1. Oberklütz, Lkr. Nordwestmecklenburg. Siegelstempel des Bischofs Ludolf von Ratzeburg (1236-1250).

Abb. 1. Oberklütz, Lkr. Nordwestmecklenburg. Siegelstempel des Bischofs Ludolf von Ratzeburg (1236-1250).

Abb. 1. Oberklütz, Lkr. Nordwestmecklenburg. Siegelstempel des Bischofs Ludolf von Ratzeburg (1236-1250).

Siegel waren im Mittelalter die wichtigsten Instrumente zur Beglaubigung von Urkunden. Durch Pergamentstreifen, Seiden- oder Hanffäden untrennbar mit dem Dokument verbunden, bestätigten sie dessen Echtheit. Mittelalterliche Siegel wurden mit Hilfe eines Siegelstempels (Typar oder Petschaft) in Wachs abgeformt. In jüngeren Zeiten drückte man, insbesondere bei Verschlusssiegeln, das Typar in die Siegelmasse, seit dem 16. Jahrhundert häufig in Siegellack, ab.

Haben sich die Siegel an Urkunden in den meisten Fällen erhalten, sind nur vergleichsweise wenige mittelalterliche Siegelstempel überliefert, wie z. B. die schweren Stadtsiegel und die Siegel geistlicher Korporationen. Siegelstempel von Privatpersonen sind ungleich seltener erhalten, da sie, genau wie die Siegelstempel geistlicher und weltlicher Fürsten, nach dem Ableben ihrer Besitzer zerstört oder anderweitig außer Funktion genommen wurden. Die rituelle Zerstörung eines Siegelstempels war ein Rechtsakt, der diesen von der juristischen Person trennte, insbesondere, um Missbrauch durch die Fälschung von Dokumenten zu verhindern. Zerschlagene Siegelstempel sind in Gräbern aufgetaucht, fanden sich in Latrinen, aber auch ohne erkennbaren Kontext als Oberflächenfunde. Letztere wurden in den vergangenen Jahren durch ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger in Mecklenburg-Vorpommern in größerer Zahl geborgen.

Zu den herausragenden Funden gehören Bruchstücke der zerschlagenen Siegelstempel des letzten Fürsten von Rügen, Wizlaw III. (um 1260-1325), des Pommernherzogs Wartislaw III. von Demmin (um 1200-1264, Ansorge/Fenske 2014) und eines nicht identifizierten Grafen von Gützkow aus dem 13. Jahrhundert (www.jstor.org/stable/26321763). Das vollständige Typar des Güstrower Domprobsts Borchard gelangte wahrscheinlich bei einer Latrinenentleerung auf einen Acker bei Güstrow (Ansorge 2017).

Mittelalterliche Siegelstempel von Bischöfen sind nicht nur in Deutschland sehr selten. Die meisten, glaubwürdig überlieferten Typare stammen aus Bischofsgräbern, ganz wenige sind als wirkliche Verlustfunde anzusehen. Der vermutlich erste Detektorfund eines Bischofssiegels in Deutschland gelang im Herbst 2021 dem ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger Markus Griese in der Gemarkung Oberklütz, Lkr. Nordwestmecklenburg (Abb. 1). Ein erster Blick verriet anhand der Inschrift, dass es sich bei dem zerschlagenen Stempel mit einem thronenden Bischof um den eines Ratzeburger Geistlichen handeln muss.

Der runde Siegelstempel von etwa 56 mm Durchmesser und 36,2 g Gewicht ist zu 5/8 erhalten.

Er besteht aus einer grün korrodierten Kupferlegierung, wahrscheinlich Messing. Die ca. 4 mm dicke Siegelplatte trägt vier schräg zum Siegelbild verlaufende, vermutlich mit einem Beil verursachte Schlagmarken, die von der absichtlichen Zerstörung zeugen. Spuren einer rückseitigen Handhabe oder Hängeöse sind nicht mehr vorhanden, vermutlich wurde sie mit abgeschlagen. Die Inschrift in gotischen Majuskeln liest sich als "(R)ACEBVRGENSIS ECCLE EP(S)". "V" und "R" sind ligiert, auffällig ist der Wechsel von kapitalen und unzialen "E". Der Bischof sitzt auf einem Pfostenstuhl, die Kasel fällt in Falten über sein rechtes Knie, in seiner Rechten hält er ein aufgeschlagenes Buch, in seiner Linken einen Bischofsstab.

Eine Durchsicht der Ratzeburgischen Bischofssiegel im Mecklenburgischen Urkundenbuch ergab schnell, dass es sich nur um das kleine Siegel des Bischofs Ludolf I. (1236-1250) handeln kann, das nach dieser Aufstellung noch an zwei Urkunden im Landeshauptarchiv Schwerin erhalten ist. Danach lässt sich die Inschrift als + LVDOLF(US) DEI GRA[CIA] RACEBVRGENSIS ECCLE[SIE] EP[IS]C[OPUS auflösen.

Im Vergleich mit den erhaltenen Siegeln ist die äußere Punktreihe des Fundstücks korrodiert; dagegen ist eine innere Punktreihe vorhanden, die auf der Zeichnung im Mecklenburgischen Urkundenbuch nicht dargestellt ist, der untere Rand des Gewandes ist kreuzschraffiert. (Abb. 2).

Außer dem angeführten kleinen Siegel verwendete Ludolf ein großes Siegel von etwa 73 mm Durchmesser mit ähnlichem Siegelbild und leicht abweichender Inschrift: + LVDOLFVS ° DEI °GRA[CIA] ° RACEBVRGENSIS ° ECCLE[SIE] ° EP[IS][COPU]S °. Auch hier sind "V" und "R" ligiert. Das Siegel ist an zwei Urkunden aus dem Jahre 1237 im Landeshauptarchiv Schwerin erhalten (Abb. 3).

Bischof Ludolf von Ratzeburg

Der Fund bringt uns zurück in die Hochzeit des Landesausbaus im Nordwesten Mecklenburgs, der in der Mitte des 13. Jahrhunderts zu einer Konsolidierung des Mecklenburgischen Fürstenhauses und der Bistümer Schwerin und Ratzeburg führte.

Im Zuge der Neuordnung Nordelbiens durch Heinrich den Löwen erfolgte im Jahre 1154 die Neugründung des Bistums Ratzeburg. Es reichte von Bergedorf im Westen bis nach Wismar im Osten, wo es an das Bistum Schwerin grenzte. Im Norden wurde es durch die Trave und im Süden durch die Elbe bei Boizenburg begrenzt. Das Domstift wurde ursprünglich mit Prämonstratensern aus Magdeburg besetzt. Die Ratzeburger Bischöfe waren wie ihre Schweriner Nachbarn nicht nur geistliche Herren, sondern auch Territorialherren, deren Stiftsland, aus dem Besitz der Grafen von Ratzeburg hervorgegangen, um Dassow und Schönberg lag (Abb. 4).

Ludolf wurde 1236 als Nachfolger des nur kurze Zeit amtierenden Petrus als achter Bischof vom Domkapitel gewählt, als dessen Mitglied er bereits 1230 Erwähnung fand. Seine Wahl, unter Übergehung des eigentlich wahlberechtigten Präpositus Wigger, deutet auf Durchsetzungskraft und hohes Ansehen beim zuständigen Erzbischof von Bremen Gerhard II. (gest. 1258) hin. Das mecklenburgische Urkundenbuch überliefert insgesamt 11 Urkunden, die Ludolf selbst ausgestellt hat, davon liegen vier nur in kopialer Überlieferung vor. Als eine seiner ersten Amtshandlungen bestätigte er am 26. Dezember 1237 die Gründung des Nonnenklosters Rehna anderthalb Jahre zuvor.

Vor dem Aufbruch zu einer längeren Reise stiftete Ludolf in Dodow am 14. Juni 1239 dem Ratzeburger Domkapitel den Zehnten aus vier Hufen in Knese zu Ehren des heiligen Thomas von Canterbury und später zu seiner eigenen Memoria. Die Reise führte ihn nach Mainz zur Teilnahme an der Provinzialsynode unter Vorsitz König Konrads IV. (1228-1254) und des Mainzer Erzbischofs Siegfried III. von Eppstein (1194-1249). Dort erteilte er am 4. Juli zusammen mit weiteren Bischöfen einen vierzigtägigen Ablass zur Herstellung der Halberstädter Domkirche. Am 24. August 1239 weihte er die renovierte Bartholomäuskirche, die Wahl- und Krönungskirche der deutsch-römischen Kaiser in Frankfurt am Main. Am 29. September konsekrierte er die Kirche St. Peter und Paul in Kleinwallstadt (Lkr. Miltenberg, Bayern). Möglicherweise war Ludolf erst im Sommer des folgenden Jahres zurück im Norden, trat er doch am 20. Juli 1240 als Zeuge einer in Uelzen durch Graf Gunzelin von Schwerin ausgestellten Urkunde zugunsten des Klosters Oldenstadt auf. Die letzte datierte Urkunde Ludolfs wurde am 17. Mai 1247 in Ratzeburg ausgestellt. Danach verliert sich seine Spur im Bereich der Legende und der chronikalischen Überlieferung, die auf einer von Albert Krantz (1448-1517) genutzten Handschrift im ehemaligen Kloster Bordesholm und der Mecklenburgischen Reimchronik des Ernst von Kirchberg basieren.

Demzufolge scheint sich das Verhältnis zu Herzog Albrecht von Sachsen († 1261) verschlechtert zu haben. Dieser verlangte die Oberlehnsherrlichkeit über den Bischof und machte dem Stift das Land Boitin streitig. Der Bischof wiederum wollte dem Herzog die Burg Verchow nicht abtreten, um nicht das Haus des Herrn in eine "Räuberhöhle zu verwandeln". "Als Herzog Albrecht immer dringender ward, wollte Ludolf lieber das Äußerste ertragen, als in die Zerstörung seiner Kirche willigen. Daher wurde er, als er von Wenigen begleitet, ausgereist war, sein Amt zu verwalten, von Erich vom Walde (Erikin de Nemore), einem lübeckischen Ritter, gefangengenommen, verspottet, hart behandelt, ins Gefängnis geworfen, in Wälder geführt und, an Händen und Füßen gebunden, den Stichen der Mücken preisgegeben, und da er Alles geduldig ertrug, ward er den Juden in Hitzacker verpfändet; dann in die Wälder zurückgebracht und endlich befreiet. Er ging nicht nach Ratzeburg zurück, denn er wusste, dass der Herzog ihm dies Alles bereitet hatte, sondern nach Wismar, zum Fürsten Johann von Mecklenburg.", so Gottlieb Matthias Carl Masch in seiner Sage vom Heiligen Bischof Ludolf (Gottlieb Matthias Carl Masch, Sage vom heiligen Bischofe Ludolfus von Ratzeburg. In: Adolf Niederhöffer. Mecklenburg's Volkssagen, 1. Band. Leipzig 1858. S. 47-48).

In Wismar fand der Bischof Aufnahme bei den Franziskanern, wo er Herzog Albrecht und seine Nachkommen bis in vierte Glied mit Bann belegte und Johann Theologus von Mecklenburg (gest. 1264) und seine Nachkommen segnete. Ludolf starb am 29. März 1250 in Wismar und wurde nach Ratzeburg überführt. Bereits während des Trauerzuges fingen die Schlagstorfer Glocken auf wundersame Weise an zu läuten. Weitere Wunder ereigneten sich schon kurz nach seinem Tode; so betete der Ritter Hartwich von Ritzerow, dem ein Pfeil im Kopf steckte, um Heilung, die unverzüglich eintrat. Diese angebliche Wundertätigkeit veranlasste das Stift, eine Kanonisierung des Verstorbenen anzustrengen. Bereits um 1340 wurde er im Domstift wie ein Heiliger verehrt. Eine Stiftungsurkunde Herzog Albrechts IV. von Sachsen-Lauenburg (gest. 1344) sah vor, an seinem Todestag die Gebeine in einer Prozession herumzutragen, und rechnete mit seiner Heiligsprechung. Dass die Gebeine Ludolfs anscheinend in einem Schrein aufbewahrt wurden, erhellt sich aus der Tatsache, dass in Ratzeburg kein Grabstein von ihm existiert. 1383 hatte Bischof Heinrich von Wittorp (gest. 1388) das Gedächtnis an seinen Vorgänger Ludolf durch Stiftungen an das Domkapitel weiter aufgewertet. Ein Schutzbrief Herzog Albrechts IV. von Mecklenburg (gest. 1388) zugunsten des Domstifts spricht 1384 "van deme hilghen merteler bischop Ludolue, de tu Razeborch irheuen is".

Hochverehrt im Prämonstratenserorden, kam die Schädelkalotte des Heiligen Ludolphus vielleicht noch im Spätmittelalter an das Frauenkloster Meer (heute Meerbusch, Nordrhein-Westfalen) und gelangte nach dessen Aufhebung 1806 um 1840 an die Abtei Averbode (Belgien) und von dort im Jahre 1970 an das Kloster Hamborn bei Duisburg.

Auf Spurensuche in Klütz

Kunsthistorisch an den Übergang von der Romanik zur Gotik datiert, konnte der Bau des Chors der Klützer Stadtkirche St. Marien durch Tilo Schöfbeck dendrochronologisch auf 1248 (d) datiert werden, so dass eine Weihe desselben durch den Ratzeburger Bischof Ludolf durchaus im Bereich des Möglichen liegt.

Die Verteilung der Bruchstücke zerschlagener Siegelstempel ehemaliger Territorialherren in ihrem Herrschaftsgebiet ist bisher rätselhaft und nur mit Vermutungen zu erklären. Möglicherweise wurden die Bruchstücke treuen Vasallen überlassen, aus deren Besitz sie vielleicht erst Jahrzehnte später an ihre Fundstellen gelangten. Alle bisher ausschließlich aus Mecklenburg und Vorpommern bekannten Beispiele sind auf das 13. und frühe 14. Jahrhundert beschränkt und entstammen einer Zeit, als die Herren von Burg zu Burg zogen und noch keinen festen Herrschaftssitz hatten. Inwieweit das auch auf die Ratzeburger Bischöfe und ihren Territorialbesitz um Schönberg und Dassow zutrifft, muss offen bleiben.

In diesem Sinne kann man vermuten, dass ein Bruchstück des kleinen Typars Bischof Ludolfs an den Klützer Pfarrer kam und von dort zum Fundort, ca. 2 km südöstlich der Kirche, gelangte.

Der Fund illustriert als materielles Zeugnis die Zeit des frühen Landesausbaus in Nordwestmecklenburg und führt zurück in die Zeit der Entstehung des Ratzeburger Zehntregisters, das um 1230 erstmals über Besitzverhältnisse und Namen der neu gegründeten Dörfer in der Region informiert. Insbesondere sind es ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger, die Funde aus der Zeit der Christianisierung zutage bringen und damit Landes- und Kirchengeschichte fortschreiben.

Dr. Jörg Ansorge

Literatur

Ansorge/Fenske 2014: Jörg Ansorge und Reiner Fenske, Usedom, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 90. – Jahrbuch Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern 62, 2014, 470-472.

Ansorge 2017: Jörg Ansorge, Die Siegelstempel zweier Werlescher Zeitgenossen des frühen 14. Jahrhunderts – Der Ritter Johann von Cremun und der Güstrower Dompropst Borchard. – Archäologische Berichte aus Mecklenburg-Vorpommern 24, 2017, 108-115.

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