Amulett oder Recycling? Ein keltisches Glasarmringfragment aus Groß Strömkendorf, Lkr. Nordwestmecklenburg

Fund des Monats April 2019

Abb. 1: Groß Strömkendorf, Lkr. Nordwestmecklenburg: Fragment eines keltischen Glasarmrings. Details anzeigen
Abb. 1: Groß Strömkendorf, Lkr. Nordwestmecklenburg: Fragment eines keltischen Glasarmrings.

Abb. 1: Groß Strömkendorf, Lkr. Nordwestmecklenburg: Fragment eines keltischen Glasarmrings.

Abb. 1: Groß Strömkendorf, Lkr. Nordwestmecklenburg: Fragment eines keltischen Glasarmrings.

Für das kulturelle Erbe des Landes Mecklenburg-Vorpommern entsteht aktuell der Neubau eines Depot- und Werkstattgebäudes in der Landeshauptstadt Schwerin. Parallel dazu erfolgt in Vorbereitung des Umzugs zum neuen Standort die digitale und fotografische Erfassung und – wo notwendig – Dekontamination der derzeit provisorisch gelagerten archäologischen Bestände des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege. Im Zuge dieser „Ausgrabung“ kommt es wiederholt zu überraschenden Entdeckungen im Archäologischen Archiv.

So gelang es nun, das Fragment eines keltischen Glasarmringes zu identifizieren (Inventarnummer ALM 2016/1109,130; Abb. 1). Es stammt vom frühgeschichtlichen Handelsplatz von Groß Strömkendorf, Fpl. 3, Lkr. Nordwestmecklenburg, und wurde 2012 als Oberflächenfund bei systematischen Begehungen durch den ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger Mirko Renkewitz entdeckt. Das 1,6 cm lange, 1,3 cm breite und 0,5 cm starke Bruchstück besteht aus „kobaltblauem“ transluizidem Glas, seine Außenseite ist durch fünf einfache Längsrippen, mit einer breiten Mittelrippe, gegliedert (Abb. 2). Nach Gestalt und Farbe handelt es sich um das Fragment eines keltischen Glasarmringes der Gruppe 7a, Untergruppe 3, nach Thea Elisabeth Haevernick (Haevernick 1960, 50–51) oder der Reihe 17 nach Rupert Gebhard (Gebhard 1989, 16).

Mit dem Fragment von Groß Strömkendorf liegt erstmals der Nachweis eines keltischen Glasarmringes für Mecklenburg-Vorpommern vor. Zusammen mit vereinzelten Glasarmringfragmenten aus Schleswig-Holstein und Schweden handelt es sich um einen der nördlichsten Vertreter dieses vor allem im 3. bis 1. Jahrhundert v. Chr. in Mittel- und Westeuropa verbreiteten Glasschmucks der Mittel- und frühen Spätlatènezeit.

Der Fund stellt allerdings keinen Nachweis innereuropäischer Kontakte während der Vorrömischen Eisenzeit dar, sondern ist sicherlich mit dem frühgeschichtlichen Handelsplatz von Groß Strömkendorf in Verbindung zu bringen. Derartige Altstücke finden sich immer wieder in Gräbern und Siedlungen der Römischen Kaiserzeit und des frühen Mittelalters (Haevernick 1968; Mehling 1998, 33), so auch auf den wikingerzeitlichen Handelsplätzen von Haithabu, Kr. Schleswig-Flensburg, und Birka, Schweden, (Haevernick 1960, 139, Nr. 77; Steppuhn 1998, 77; Taf. 25, 20). Sie wurden demnach schon in frühgeschichtlicher Zeit als Zufallsfunde geborgen oder durch die gezielte Plünderung älterer Gräber und Siedlungen bewusst gesammelt (Mehling 1998, 98; 122).

Es bleibt offen, ob das Glasarmringfragment von Groß Strömkendorf als Amulett in den Norden gelangte oder zusammen mit weiterem Bruchglas zur Wiederverwertung bei der Glasverarbeitung vorgesehen war. Weil er als Beigabe in frühmittelalterlichen Gräbern auftritt, wird gerade für blauen Glasschmuck auch eine Amulettfunktion vermutet (Haevernick 1968, 115–116; 180; 186–187; Mehling 1998, 104–120). Gleichzeitig ist für den Handelsplatz von Groß Strömkendorf aber die Verarbeitung von Glas zur Perlenherstellung nachgewiesen (Pöche 2005, 108).

Björn Rauchfuß M.A.

Literatur:

Gebhard 1989: Rupert Gebhard, Der Glasschmuck aus dem Oppidum von Manching. Die Ausgrabungen in Manching 11 (Stuttgart 1989).

Haevernick 1060: Thea Elisabeth Haevernick, Die Glasarmringe und Ringperlen der Mittel- und Spätlatènezeit auf dem europäischen Festland (Bonn 1960).

Haevernick 1968: Thea Elisabeth Haevernick, Perlen und Glasbruchstücke als Amulette. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 15, 1968, 120–133.

Mehling 1998: Almut Mehling, Archaika als Grabbeigaben. Studien an merowingerzeitlichen Gräberfeldern. Tübinger Texte 1 (Rahden/Westf. 1998).

Pöche 2005: Alexander Pöche, Perlen, Trichtergläser, Tesserae. Spuren des Glashandels und Glashandwerks auf dem frühgeschichtlichen Handelsplatz von Groß Strömkendorf, Landkreis Nordwestmecklenburg. Forschungen zu Groß Strömkendorf 2 = Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns 44 (Schwerin 2005).

Steppuhn 1998: Peter Steppuhn, Die Glasfunde von Haithabu. Berichte über die Ausgrabungen in Haithabu 32 (Neumünster 1998).

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Burgwall unter dem Schweriner Schloss in 3D: 3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach. (Interner Link: Slawischer Burgwall unter dem Schweriner Schloss)Details anzeigen
Burgwall unter dem Schweriner Schloss in 3D: 3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach. (Interner Link: Slawischer Burgwall unter dem Schweriner Schloss)

3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach.

Vor Ort

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Ausgestellt

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Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden (Interner Link: Archäologie in Museen und Ausstellungen)

Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden