Kulturtransfer der Völkerwanderungszeit - S-förmige Fibeln in Mecklenburg-Vorpommern

Fund des Monats Februar 2019

Abb. 1: Schmarsow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. S-Fibel, gefunden von Burkhard Fechtner.Details anzeigen
Abb. 1: Schmarsow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. S-Fibel, gefunden von Burkhard Fechtner.

Abb. 1: Schmarsow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. S-Fibel, gefunden von Burkhard Fechtner.

Abb. 1: Schmarsow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. S-Fibel, gefunden von Burkhard Fechtner.

Funde aus der fortgeschrittenen Völkerwanderungszeit gehörten lange zu den großen Raritäten der Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern. Inzwischen wächst ihre Zahl stetig und mit ihr die Menge der Fragestellungen. Die Funde stammen aus einer Zeit, als die germanische Bevölkerung das Land verlassen hatte und die Slawen noch nicht angekommen waren.

Zu diesen Funden zählen die S-förmigen Fibeln, die in der 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts sowohl in Skandinavien als auch im südlichen Mitteleuropa und in Norditalien häufig in Gebrauch waren. Die Funde solcher Fibeln in Mecklenburg-Vorpommern sind jüngst wissenschaftlich ausgewertet worden (Ruchhöft 2016).

Im September 2018, kurz nach Erscheinen des Artikels, fand der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Burkhard Fechtner bei einer Geländebegehung einen weiteren Vertreter dieser Familie auf Fundplatz 38 der Gemarkung Schmarsow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Diese S-förmige Fibel aus Bronze (L. 3,5 cm, max. Br. 2.3 cm) besteht aus einem einfachen Leib mit randlichen Dreieckspunzen und ist mit einer Zinnauflage versehen (Abb. 1). Die beiden Köpfe, gestaltet im typischen germanischen Tierstil II, sind vom Körper mit einem Querstrich abgesetzt. Wie die anderen Fibeln des 6. Jahrhunderts aus Mecklenburg-Vorpommern auch gehört sie zum skandinavischen Typus dieser großen Gruppe.

Bis vor einigen Jahren waren nur drei dieser Fibeln in Mecklenburg-Vorpommern bekannt (Abb. 2) – zwei aus Starrvitz, Lkr. Vorpommern-Rügen (Finderin: Heide Großnick) und eine aus der Tempelburg Arkona (Putgarten, Lkr. Vorpommern-Rügen; Rettungsgrabung des LAKD M-V). Vor Erscheinen des Aufsatzes (Ruchhöft 2018) waren schon drei weitere hinzugekommen, alle von ehrenamtlichen Bodendenkmalpflegern entdeckt: Altbauhof, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte (Abb. 3, Finder: Horst Maischeider), Anklam, Lkr. Vorpommern-Greifswald (Abb. 4, Finder: Rainer Vanauer) sowie – eine frühere Form des 5. Jahrhunderts – aus Laschendorf, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte (Abb. 5, Finder: Björn und Alexander Ismail).

Verdichtet sich das Fundbild in Mecklenburg-Vorpommern auf diese Weise, so konnten auch im Mittel-Elbe-Gebiet (Sachsen-Anhalt) in den letzten Jahren zwei neue Fibeln geborgen werden. Auch sie ergänzen eine Reihe von Altfunden dieses Fibeltyps in Regionen, in denen unlängst andere vendelzeitliche Funde bekannt geworden sind.

Vieles spricht dafür, dass die Fibeln über den Altmetallhandel in den südlichen Ostseeraum gelangten – warum aber nur in das Gebiet zwischen Elbe und Oder? Warum fehlen sie im Großraum von Haithabu, wo das Metallhandwerk in großen Stil gepflegt wurde? Erst weiter östlich, im Umfeld von Truso im östlichen Weichselmündungsraum, gibt es weitere Stücke.

Gehören die Funde aus Mecklenburg-Vorpommern zum Hauptverbreitungsgebiet in Südskandinavien, so bilden die Funde aus Sachsen-Anhalt in eine lokale Gruppe, die offenbar auf eine Skandinavier-Kolonie am Rand des Reiches der Thüringer zurückgeht. Immerhin sind dort einige der S-Fibeln in Gräbern gefunden worden (Aderstedt, Salzlandkreis, Grab 1, Gröbzig, Lkr. Anhalt-Bitterfeld, Grab 1 und Lützen, Burgenlandkreis, Grab 2), während unsere Funde ausschließlich Einzelstücke sind und oft aus jüngeren Fundzusammenhängen stammen.

Die kürzeste Strecke zwischen der mittleren Elbe und Skandinavien verlief durch die unbesiedelten Gebiete südlich der Ostsee. Können die Fibeln mit dieser Transitroute in Verbindung stehen? Die wikingerzeitlichen Handelsplätze an der Küste (Groß Strömkendorf, Dierkow, Menzlin) wären dann keine Neugründungen der Wikinger, sondern Fortsetzungen einer langen Tradition auf neuer Ebene und vielleicht auch an neuer Lokalität. Diese Überlegung hätte auch dann Bestand, wenn man für die Herkunft der Fibeln aus Mecklenburg-Vorpommern eine andere plausible Erklärung gefunden hätte.

Wie auch immer sich die künftige Forschung zu diesem Problem positionieren wird – die Fibeln sind ein Dokument für einen europaweiten Kulturtransfer. Die ersten Generationen der S-Fibeln aus dem 5. Jahrhundert waren bei vielen germanischen Volksgruppen beliebt (Abb. 6). Die Langobarden nahmen sie mit nach Böhmen, Pannonien und schließlich nach Italien. Bei den Alemannen und Franken gab es die mindestens ebenso häufig. Und einige fanden den Weg in den Norden, wo sie anfangs kopiert und bald auch zu einer eigenen Form weiter entwickelt wurden. Während die kontinentalen Formen mit Kerbschnitttechnik und Almandineinlagen verziert wurden und zudem häufig aus Edelmetall bestanden, fertigte man sie in Skandinavien durchweg aus Mischbronze, verzierte sie mit Punzen und Zinnauflagen. Aus dem Norden kamen die neuen Formen in den südlichen Ostseeraum, in das Weichselmündungsgebiet sowie an die mittlere Elbe. Möglicherweise waren es Wanderhandwerker, die das Wissen von Form und Technik vermittelten.

Der kulturelle Austausch war keine Einbahnstraße. Diese Kontakte begannen in der Mitte des 5. Jahrhunderts, als erste nordische Goldbrakteaten nach Mittel- und Ostdeutschland kamen, und intensivierten sich nach dem Fall des Thüringerreiches (531 n. Chr.). Zu den nach Thüringen gekommenen Funden gehören ferner verschiedene Fibeln, darunter Relief-, Armbrust- und Bügelfibeln. Die S-Fibeln aus Mecklenburg-Vorpommern sind, wie auch immer sie an ihren Fundort gelangten, beeindruckende Beispiele für europaweiten Austausch in einer unruhigen Zeit, die vordergründig von Migration und Krieg geprägt war.

Dr. Fred Ruchhöft

Literatur:

Ruchhöft 2016: Fred Ruchhöft, Globale Welt der Völkerwanderungszeit – Die S-förmigen Fibeln von Rügen und ihre "Verwandten". Jahrbuch Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern 64, 2016, 23-46.

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Burgwall in 3D

Burgwall unter dem Schweriner Schloss in 3D: 3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach. (Interner Link: Slawischer Burgwall unter dem Schweriner Schloss)Details anzeigen
Burgwall unter dem Schweriner Schloss in 3D: 3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach. (Interner Link: Slawischer Burgwall unter dem Schweriner Schloss)

3D-Aufnahme der Bauphase 965 oder kurz danach.

Vor Ort

Infoboxgrafik Exkursionen: Mittelalterliche Burg (Ludorf, Landkreis Müritz) (Interner Link: Exkursionen zu archäologischen und historischen Denkmälern)Details anzeigen
Infoboxgrafik Exkursionen: Mittelalterliche Burg (Ludorf, Landkreis Müritz) (Interner Link: Exkursionen zu archäologischen und historischen Denkmälern)

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Ausgestellt

Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden (Interner Link: Archäologie in Museen und Ausstellungen)Details anzeigen
Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden (Interner Link: Archäologie in Museen und Ausstellungen)

Vitrinen in der Ausstellung im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden