Kleiner Fund ganz groß!

Fund des Monats März 2019

Abb. 1: Das tönerne Miniaturbecken von Beselin, Lkr. Rostock.Details anzeigen
Abb. 1: Das tönerne Miniaturbecken von Beselin, Lkr. Rostock.

Abb. 1: Das tönerne Miniaturbecken von Beselin, Lkr. Rostock.

Abb. 1: Das tönerne Miniaturbecken von Beselin, Lkr. Rostock.

Um Baufreiheit für die Ausweitung eines Gewerbegebietes zu schaffen, fand im Herbst 2018 eine Ausgrabung im Bereich der jungbronzezeitlichen Siedlung von Beselin, Lkr. Rostock, Fpl. 1, statt. Auf der 7.500 m2 großen Untersuchungsfläche kamen 177 Befunde zutage, die von einem Grabungsteam des Landesamtes unter der Leitung von F. Mewis dokumentiert wurden. Vornehmlich handelte es sich um einfache Siedlungsgruben, aber auch 38 Pfostengruben und eine gut 1.000 m2 große Kulturschicht wurden aufgedeckt.

Das Fundmaterial aus diesen Befunden umfasst zwar auch einige rückenretuschierte Großklingen und eine geflügelte Flintpfeilspitze, doch besteht es vornehmlich aus Fragmenten zeittypischer Siedlungskeramik, bei deren Fertigung funktionale Gesichtspunkte im Vordergrund gestanden haben. Ästhetische Aspekte spielten allenfalls eine untergeordnete Rolle. Die Beseliner Keramikfunde zeigen aber eindrucksvoll, dass die interessantesten Fundstücke einer Grabung nicht zwangsläufig kunstvoll gefertigt sein müssen.

Der herausragende Fund der Beseliner Grabung ist ein Tonobjekt, das aus der 1,2 m tiefen Vorratsgrube 109 im südwestlichen Teil der Untersuchungsfläche stammt. Dort fand sich – zusammen mit einer Flintklinge und einigen Keramikscherben – ein recht grob modelliertes, weich gebranntes, 2,9 cm hohes Keramikobjekt (Abb. 1). Dieses hat eine im Durchmesser 1,8 cm messende Standfläche, einen 3,7 cm weiten Umbruch und einen fast senkrechten Halsbereich. Letzterer ist 1,4 cm tief ausgehöhlt und besaß ehemals zwei gegenständig angebrachte Durchlochungen, von denen aber nur eine erhalten ist.

Bei dem Fundstück handelt sich um die Miniaturdarstellung eines jungbronzezeitlichen Bronzebeckens. Ein nahezu identisches Stück ist bereits 1997 im nur 30 km entfernten Mühlengeez, Lkr. Rostock, geborgen worden (Abb. 2). Das massiv gearbeitete, 2,6 cm hohe, stöpselartige Keramikobjekt ähnelt dem Beseliner Stück in Form und Größe sehr stark. Wichtigster Unterschied ist, dass dort die Schauseite nahezu flächendeckend durch konzentri­sche Einstichreihen verziert ist.

Bislang nahm das in Periode IV datierte Tonobjekt aus Mühlengeez eine Sonderstellung im mecklenburg-vorpommerschen Fundmaterial ein, da es das einzige massiv gearbeitete und verzierte Miniaturbecken war. Mit dem Neufund aus Beselin liegt nun aber ein nahezu identisches Stück vor. Die Keramikscherben aus Befund 109 und den benachbarten Gruben erlauben jedoch keine Datierung nach Periode IV, sondern machen eine Einordnung in die entwickelte Periode V wahrscheinlich (Abb. 3). Formal erinnert das Beseliner Stück aber eher an die schärfer profilierten Bronzebecken der Periode IV.

Die Fundstücke aus Mühlengeez und Beselin gehören zur ständig wachsenden Gruppe tönerner Becken aus Mecklenburg-Vorpommern (Schmidt 2013; Schmidt 2014). Ihre Zahl hat sich in den letzten drei Jahren verdoppelt, wobei allein bei den Untersuchungen im Verlauf der EUGAL vier neue Nachweise hinzugekommen sind (Abb. 4). Sie stammen durchweg aus Siedlungen und kommen während der gesamten jüngeren Bronzezeit vor. Ihr Verbreitungsschwerpunkt liegt derzeit im südöstlichen Vorpommern, während Beselin und Mühlengeez die westlichsten Nachweise sind. Allerdings zeigt ein Exemplar aus Striggow, Lkr. Rostock, dass im Westen neben Kleinstformen auch größere Vertreter in Umlauf waren.

Über Verwendung und Funktion dieser Miniaturbecken aus Keramik lässt sich derzeit keine allgemeingültige Aussage treffen. Eine Befestigung am Gürtel wäre zwar möglich, ist aber angesichts der geringen Größe und der Zerbrechlichkeit kaum anzunehmen. Eine „symbolische Gefäßnutzung“, wie sie auch für das Gros der Miniaturgefäße postuliert wird, ist deutlich wahrscheinlicher. Allerdings muss für die meist stark fragmentierten Fundstücke aus Siedlungen auch eine profane Nutzung erwogen werden, wobei nicht zu entscheiden ist, ob es sich dann um Kinderspielzeug oder eine andere Funktion handelt.

Dr. Jens-Peter Schmidt

Literatur:

Schmidt 2013: J.-P. Schmidt, Ein „Nebenprodukt“ der Siedlungsforschung: Keramische Becken und Gürtelbuckel aus Mecklenburg-Vorpommern. In: I. Heske/H.-J. Nüsse/J. Schneeweiß (Hrsg.), Landschaft, Besiedlung und Siedlung. Archäologische Studien im nordeuropäischen Kontext. Festschrift für Karl-Heinz Willroth zu seinem 65. Geburtstag. – Göttinger Schriften zur Ur- und Frühgeschichte 33, 343–354. Neumünster, Hamburg 2013.

Schmidt 2014: J.-P. Schmidt, Nachgemacht in Ton! Ein keramisches Miniaturbecken der jüngeren Bronzezeit aus Striggow südlich von Güstrow, Lkr. Rostock. – Archäologische Berichte aus Mecklenburg-Vorpommern 21, 2014, 17–28.

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